a 20130210 2093420494Bericht: Hartmut Helms

Fotos: Hartmut Helms (falls nicht anders angegeben)

 

...die Lieder der Amsel im Q24

Tolles Leben, oder? Die berühmte Sechzig liegt hinter mir, der Sommer vor uns und es gibt einen Doktortitel weniger in Deutschland. Meine Heizung macht das Zimmer warm, das Bier schmeckt und noch immer tanke ich, als würde der Liter Super mir nur knapp über 1,10 Euro aus meiner Geldbörse nehmen. Damit fülle ich mir den Tank voll, beim Bezahlen würde ich lächeln und dann ab auf die Piste. Trotz dieser Glätte und Kälte und obwohl ringsum die Narren und Deppen auf den Straßen der Dörfer, durch die ich fahre, in Kostümen herumspringen und ordentlich saufen und lachen, mache ich etwas völlig bescheuertes. Ich fahre zu einem Konzert. Nein, kein Klavierspieler, kein Geigenvirtuose und eine Karte für die Semperoper habe ich auch nicht.

Mir ist nach einem "lauten schwarzen Vogel", wie das jemand später formulieren würde, der in Pirna auf mich wartet. Dort wartet außerdem einer auf mich, der schon 1977 bei uns auf der Bühne stand, Kopfstimme sang und eine geile Kanne blasen kann. Noch immer, wie ich aus eigener Erfahrung zu berichten weiß. Es hatte sich ergeben, dass wir beide ganz gut miteinander können und nun gönnen wir uns einen gemeinsamen Abend im Q (wie Quartier, habe ich mir sagen lassen) 24 zu Pirna. Ohne ihn hätte ich die kleine Seitenstraße nie gefunden und ohne ihn, der dort quasi jeden kennt, hätte ich diesen "lauten schwarzen Vogel" nie in diesem Lichte gesehen. Es wäre einfach nur ein Konzertbesuch geworden, wie manch anderer vorher auch. Aber gemeinsam mit einem echten Musikanten, wie Till Patzer einer ist, erlebt man einen solchen Abend eine ganze Dimension intensiver. Das Leben ist doch toll, oder?

Auch Bodo war erstaunt, plötzlich vor Till zu stehen. Überraschung gelungen, Aufwärmphase unnötig. Das erste Bier geht auf's Haus. Das zweite und dritte wird Till später trinken. Wir beide sind zu Gast bei BLACKBIRD, will heißen, beim Duo IVONNE FECHNER und BODO KOMMNICK, die man ansonsten eher von LIFT in der neuzeitlichen Variante kennt und BLACKBIRD wiederum gastieren an diesem Samstag im Q24 von Pirna. Warum sie sich BLACKBIRD nennen, will ich wissen, und Till mein: "Weil (Mrs.) Greenbird schon vergeben ist." Jetzt weiß ich, dass Till X-Factor geguckt hat und außerdem immer noch eine Menge Musik kennt, wie sich im Laufe des Abends noch herausstellen wird. Die eigentliche Spielstätte befindet sich neben der urigen Kneipe, die noch weit nach Mitternacht voll sein wird, und hinter einer Bar, zwei Stufen nach unten, wenn man nicht den Gang benutzt. Eine gemütlich und kuschelige Atmosphäre ist das hier. Ich fühle mich sofort wie unter Freunden, obwohl ich nur Till kenne. Das Leben ist doch toll, oder?

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Da ist einer vom Verein Q24, der - wie mein Begleiter Till auch - offensichtlich eine Unmenge erlebt hat und nahezu jeden der alten Musikanten, die im Elbetal von Meissen, über Dresden bis Pirna mal gemuggt haben, auch persönlich kannte oder kennt. Rainer selbst scheint noch immer mittendrin und so lausche ich den beiden, wie sie sich erinnern und lachen. Der Mann mit den hell funkelnden Augen und dem weißen Spitzbart unter dem Kinn ist die personifizierte Frohnatur und das stellt er auch unter Beweis, als er versucht eine An-Moderation des Abends zu gestalten. Die spitzbübische Ansage endet letztlich in einem Zwiegespräch mit einer Einwohnerin der Stadt, die wider besseren Wissens noch nie im Q24 war und sich auch nicht schämt, das zuzugeben. Der Mann gehört eigentlich auf die größeren Bühnen, ist der geborene Stand-Up-Comedian, aber dort wäre er wahrscheinlich nicht mehr authentisch. Also lachen wir hier mit ihm, sind fröhlich und freuen uns auf den "schwarzen Vogel". So gefällt mir das Leben.

Was kann man erwarten, wenn ein Gitarrist und eine Geigerin gemeinsam eine Bühne betreten? Nein, nichts von all dem, was jetzt an Assoziationen zwischen Kammermusik und Folk auftauchen könnte. Weit gefehlt! Für mich beginnt der Abend wie ein kleines Spiel mit Tönen, die Gitarre und Violine ganz vorsichtig miteinander zu verweben suchen, um langsam immer kompakter zu werden. Das kleine Stück heißt "Movement" und stimmt hervorragend auf das ein, was in den kommenden zwei Stunden dann noch folgen wird.
Schon mit dem nächsten Stück beginnt die Entführung. Spätestens jetzt fällt auf, dass die beiden da vorn nahezu blind und perfekt miteinander harmonieren. Im roten Dämmerlicht lasse ich mich von den romantischen Klängen verzaubern, die von "Take Me Back" ausgehen. Bei diesem und anderen neuen Stücken "von dem bald zu erwartenden Debut-Album", mit dieser Formulierung kokettieren die beiden immer mal wieder, bewundere ich, wie Ivonne auf ganz unterschiedliche Weise ihre Stimme mehr als Instrument, denn als Gesang einzusetzen vermag und dabei locker ein, zwei Oktaven überspringt. Im Raum schweben die Klänge, vermischen sich Effekte und Geräusche und voller Respekt bewundere ich, wie der Mann da oben Gitarre spielen, singen und so ganz nebenbei mit den Füßen ein Arsenal an Schaltern, die Loops und Schleifen übereinander schichten und vermischen, bedienen kann. Das ist zwar nicht neu und einer wie Mike Oldfield hat ganze Alben damit voll gepackt, so etwas aber mal live in kleiner Form zu erleben, lässt einen schon mal staunen. Hinzu kommt, dass ich gar nicht in der Lage bin, zwischen Fremdmaterial und eigenen Stücken einen klanglichen Unterschied zu finden. Obwohl ganz vielfältig durch den Einsatz von Gitarre, Mandoline, Violine oder Keyboard instrumentiert, erlebe ich diese Vielfalt als harmonisches Ganzes. Mich begeistert "Man Must Dance" (Mann muss tanzen) ebenso, wie das weit ausladende und opulent ausgestattete "The Only Way" (Der einzige Weg). Es macht ungemein viel Vergnügen, sich den Klängen hinzugeben.

BLACKBIRD (engl. für Amsel) sind zwei Vollblutmusiker, zwei Profis, die einem ihre Professionalität nicht vordergründig spüren lassen. Man spürt es nur indirekt, indem es den beiden gelingt, ihre eigenen Songs vom "demnächst erscheinenden Debütalbum" mit fremden Material so zu verflechten, dass man die Unterschiede nicht mehr spürt. Das ist dem minimalen und äußerst geschickten Einsatz der vielen technischen Möglichkeiten zu danken, sowie ihrer Fähigkeit, mit Gespür die Seele der Musik frei zu legen. Da erklingen Mandoline, Glockenspiel und zarte Tastentupfer über einem verschachtelten Rhythmusgeflecht und trotzdem sind Sachen wie "Strong Enough" einfache Lieder geblieben. Dem stehen komplexe Soundstrukturen gegenüber, bei denen sich der Hörer über Minuten hinweg sinken lassen kann, um für sich selbst tiefe Emotionen zu entdecken, während man vom Solo einer Violine im ausgeklügelt strukturierten Stück "Birds Of Love" (Liebesvögel), nur vom warmen Sound der Tasten getragen, verzaubert wird. In diesen Momenten möchte man sich wegträumen, dem Lockruf der "Liebesvögel" folgen, irgendwo hin. So schön kann dieses (Er)Leben sein.

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Beinahe am Rande sei erwähnt, dass die beiden gekonnt Klassiker wie das legendäre "Rosanna" von Toto auferstehen lassen. Sie überraschen mich mit einer authentischen Version von "Thank You (Silence)", dass man meinen könnte, Alanis Morissette würde höchstpersönlich, zumindest von hinter der Bühne, mitsingen und Bodo gelingt es, mit den sechs Saiten seiner Gitarre einen wahren Rausch der Klänge zu entfachen. Gefühlt geht dieser Abend zu schnell, aber in der letzten Stunde des Tages langsam zu Ende, doch keiner möchte gehen.
Was mich dann allerdings völlig umhaut, aber gleichzeitig begeistert, das ist ein Song vom Meister Leonard Cohen, den ich hier nicht erwartet hätte. Das Duo BLACKBIRD, also die Stimmen von BODO KOMMNICK und IVONNE FECHNER zaubern ein dezentes "Hallelujah", dass mir der Atem stockt. So ein Stück Faszination in diese kleine Form zu Pressen, einen mächtigen Chor vergessen zu machen, und dennoch das Original zum Leuchten zu bringen, das hat mich umgehauen. Riesenkompliment und schön, dass mir dieser Song an diesem Abend passiert ist. Da war es schon fast ohne Bedeutung, dass BLACKBIRD natürlich auch noch den "Blackbird" der Beatles gespielt haben und Till neben mir die Amsel pfeifen ließ. Da kann ich nur sagen, von wegen "lauter schwarzer Vogel" und von wegen "Bläk-Bird"! Der Witz is' jut, hat aber zum Glück nüscht mit dem Gehörten zu tun!

Wir haben noch lange gesessen, über "Bläk-Bird" gelacht, von runzeligen Kartoffeln und jener Frau gesprochen, die sie bringt, aber auch über die "breeten Guschen" der Sachsen philosophiert. Nach so viel Emotionen, romantischen Klängen und berauschend schönen Melodien war das sicher eine gute Möglichkeit, sich wieder runter zu leiern. Für mich war es auch einer jener seltenen Momente, wo ich keine Lust mehr hatte, mit meinem Blechfreund über die Piste zurück nach Hause zu jagen. Eine oder zwei Stunden mehr in dieser freundlichen Gesellschaft wären mir auch recht gewesen. Das nächste Mal bleibe ich auch einfach da.
DANKE Ivonne und Bodo, DANKE Euch allen vom Verein Q24 im schönen (hab' ich mir sagen lassen, es war ja dunkel) Pirna und gebt mir einen Wink, wenn ich wieder Euer Gast sein darf oder gar soll. Vielleicht hat ja Till auch wieder Lust auf ein Bier oder gemeinsam mit Rainer Musikantenwitze zu zelebrieren. Dann sehen wir uns wieder und genießen das Leben gemeinsam, weil es so schön ist!

 


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Termine:
16.02.2013 - Diensdorf Radlow - Alte Schulscheune
31.03.2013 - Altentreptow - Kulturhaus
20.04.2013 - Torgau - Kulturbastion
16.06.2013 - Borkheide - Waldbad
10.07.2013 - Kühlungsborn - Kunsthalle
30.07.2013 - Stralsund - Scheelehof
13.09.2013 - Cottbus - Comicaze
02.11.2013 - Singwitz - Kesselhaus Lager

Alle Angaben ohne Gewähr. Weitere Termine
und Infos auf der bandeigenen Homepage.

Bitte beachtet auch:
- Off Homepage von BLACKBIRD: www.blackbird-berlin.de
- Homepage vom Q24 in Pirna: www.q24pirna.de

 


 

Live-Impressionen:
 
 

   
   
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