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„Wir haben uns nie aus
den Augen verloren …“
 
Interview vom 2 März 2026



Er ist nicht nur ein echter "Prinz", sondern auch eins der "Kids" von Amor & die Kids. Tobias Künzel hat zurück zu seiner Band aus Jugendzeiten gefunden. In der Wendezeit verließ er Amor & die Kids, nachdem er mit der Band einen Hit ("Komm doch mit") hatte und ein Album ("No more Bockwurst") produzierte. Danach zog er weiter zu Die Prinzen und feierte noch größere Erfolge. Das alles ist nunmehr 36, fast 37 Jahre her. Und nach all diesen Jahren haben sich Tobias und seine ehemaligen Kollegen dazu entschlossen, nicht mehr länger ehemalige Kollegen zu sein, sondern wieder aktuelle. Amor & die Kids gibt es wieder. Vor Wochen gab es die Ankündigung des Comebacks und vor Kurzem die Veröffentlichung eines neuen Songs samt Video (wir berichteten). Seitdem sind Amor und seine inzwischen auch schon in die Jahre gekommenen Kids im Studio und proben in der Originalbesetzung für eine kleine Tour, die sie für dieses Jahr vorbereitet haben. Jedes dieser Konzerte wird ein Höhepunkt sein. Und am heutigen Freitag (13. März) startet das Ensemble in Leipzig. Bevor es aber losgeht, hatte unser Kollege Christian noch die Gelegenheit, ein paar Worte mit Tobias zum Thema zu wechseln.




Du erlebst ja gerade ziemlich ereignisreiche Wochen. Erst warst du mit den PRINZEN unterwegs und jetzt geht es mit AMOR & DIE KIDS weiter.
Zwischendurch standen auch noch Auftritte mit FINAL STAP auf dem Plan. Nach unserem PRINZEN-Gastspiel im Berliner Friedrichstadtpalast hatten wir einen Tag Zeit, nochmal eine Durchlaufprobe mit FINAL STAP zu machen. Also am Montag die PRINZEN im Friedrichstadtpalast, am Dienstag ein Probentag und am Mittwoch standen wir schon in Pirna mit FINAL STAP auf der Bühne. Und jetzt probe ich gerade für AMOR & DIE KIDS.

Hast du deine Wohnung schon gekündigt? Du bist ja nur noch unterwegs.
Nein, das ist nicht nötig, da sich das Studio bei mir im Haus befindet und wir hier sowohl mit FINAL STAP als auch mit AMOR & DIE KIDS proben können.


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Unser hauptsächliches Thema für das heutige Interview soll ja AMOR & DIE KIDS sein. Es ist schon eine ziemliche Überraschung, dass die Band wieder existiert, und vor allem, dass auch du wieder dazugehörst. Wie ist es dazu gekommen?
Wir haben uns nie aus den Augen verloren, haben uns immer einmal pro Jahr getroffen. Bei diesen Treffen haben wir uns gerne die alten Geschichten erzählt und die Erinnerungen an die damalige Zeit hervorgekramt. Im letzten Jahr war es dann so, dass wir festgestellt haben, dass die ganzen gesellschaftlichen Veränderungen umso mehr dazu beigetragen haben, dass wir auf einer Wellenlänge liegen und die gleiche Meinung dazu haben. Also dachte ich, wir sollten mal alle in meinem Studio zusammenkommen und gucken, ob es noch gemeinsam funktioniert. Und was soll ich dir sagen: es hat noch sehr gut funktioniert! Es hat gegroovt ohne Ende und wir konnten uns noch an vieles erinnern, was wir vor 35 oder 40 Jahren gespielt haben. Dann fiel mir auch noch das Lied "Alles schon mal dagewesen" ein, zu dem wir gleich ein Video produzierten. Anschließend rief ich in all den Clubs an, die ich so kenne und fragte nach, ob die Bock hätten, ein AMOR & DIE KIDS-Konzert zu veranstalten. Und siehe da, die hatten Bock! Da es nach und nach immer mehr Interessenten wurden, entschieden wir uns, mit Kai Suttner einen Manager ins Boot zu holen. Und so haben wir jetzt eine kleine Tour geplant, die sich über das ganze Jahr zieht und wir freuen uns riesig, die Leute mit einem großen Retro-Spektakel unterhalten zu dürfen.

Und somit habt Ihr bei zukünftigen Grillabenden dann auch wieder neue Geschichten zu erzählen.
Ach weiß du, die alten Sachen sind doch auch noch ganz gut. Wir machen uns keine Illusionen, dass wir jetzt Scharen von 15-Jährigen mit der Musik erreichen werden, aber die Fans von früher werden kommen und die wollen eh hauptsächlich die Sachen von damals hören.

Das heißt also, ihr werdet außer dem einen neuen Song "Alles schon mal dagewesen" kein neues Material präsentieren, oder kommt da vielleicht doch noch was?
Wir spielen zunächst mal das komplette Album "No more Bockwurst". Das haben wir seinerzeit nie gemacht, da fehlten immer so zwei, drei Songs. Das machen wir also diesmal anders, da gibt es das ganze Album zu hören. Aber damit sind ja noch keine 90 Minuten voll, was bedeutet, dass wir durchaus ein paar Titel spielen werden, die wir vorher noch nie live auf die Bühne gebracht haben. Es sind z.B. ein paar Songs dabei, die im Rundfunk produziert wurden und es gibt auch zwei Songs von der späteren Besetzung der Band, bei der ich nicht mehr dabei war. Es wird also eine bunte Mischung aus dem gesamten Repertoire von AMOR & DIE KIDS zu erleben sein.


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Du sagst gerade, dass du - genau wie andere Musiker auch - zu einer bestimmten Phase nicht mehr dabei warst. In welcher Besetzung tretet ihr denn heute auf?
In der originalen Besetzung von AMOR & DIE KIDS. Das war auch gleichzeitig unsere erfolgreichste Besetzung. Ich rede von Mario Rostenbeck an der Gitarre, Falk Kindermann an Saxophon, Keyboard und Klarinette, Dirk Posner am Bass, Frank "Amor" Schüller ist natürlich unser Sänger und letztlich bin auch ich als Schlagzeuger, Songschreiber und auch als Sänger dabei. Wir pflegen ja den Satzgesang, weshalb wir eigentlich alle vier gleichberechtigte Sänger sind. Alle Besetzungen, die danach kamen, waren mehr oder weniger Versuche, das Ganze am Leben zu erhalten. Aber im Grunde gab es AMOR & DIE KIDS bis 1990, alles andere waren später Wiederbelebungsmaßnahmen, die aber nicht wirklich erfolgreich waren. Das Interesse, welches jetzt plötzlich wieder da ist, gilt auch nur der Urbesetzung. Ich wurde heute übrigens von einem Freund zitiert, der meinte, ich hätte ihm vor zehn Jahren gesagt: "AMOR & DIE KIDS braucht heute kein Mensch mehr, das will niemand mehr hören." Und damit hatte er absolut Recht, denn vor zehn Jahren wäre das überhaupt kein Thema gewesen, so eine alte Ostband wieder zu reanimieren. Aber inzwischen haben sich die Zeiten geändert und warum sollen wir das wiederaufgeflammte Interesse nicht bedienen und den Leuten die Freude machen? Wir sind im Moment alle richtig fit. Amor zum Beispiel ist heute 74 und singt so toll wie eh und je.

Es gibt Musiker, die sind weit über 80 und touren immer noch.
Richtig.

Reisen wir mal ein bisschen zurück. Du bist 1985 dazu gestoßen, da hieß die Band noch SÜDROCK.
Das stimmt so nicht, denn ich habe die Band 1985 selber gegründet, bin also nie dazugestoßen.

Ich formuliere die Frage also anders: Es gab bei der Gruppe SÜDROCK eine Namensänderung, und ihr nanntet euch fortan AMOR & DIE KIDS. Wie kam es damals dazu?
Dirk Posner und ich haben ja schon immer zusammen Musik gemacht. Wir waren als Kinder zusammen im Thomanerchor, sind dann zur gleichen Zeit zur Armee gekommen. Nach den 18 Monaten Wehrdienst trafen wir uns wieder und beschlossen, jetzt machen wir eine eigene Band auf. Da gab es nun also diese Gruppe namens SÜDROCK, die einen Schlagzeuger suchten, da ihrer gerade zur Armee einberufen wurde. In dieser Band gab es einen Gitarristen in einer knallengen roten Hose, was echt cool aussah, und ich mochte auch, wie er spielte, deshalb fing ich da an und nahm Dirk Posner gleich mit. Dabei spielte uns das Glück auch ein bisschen in die Hände, denn der eigentliche Bassist der Band trank gerne mal etwas zu viel und galt auch nicht als besonders zuverlässig. Deshalb waren die anderen Bandmitglieder ganz froh, dass sie mit Dirk Posner einen wunderbaren Bassisten bekamen.


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In welcher Besetzung lief das damals?
Anfangs spielten wir mit mir an den Drums, Dirk am Bass, Mario an der Gitarre, und dem Sänger als SÜDROCK. Mit diesem Sänger kam ich allerdings nicht wirklich klar. Ich hatte große Ambitionen, wollte Erfolg haben, wollte ins Fernsehen und Popstar werden. Der Sänger hingegen kam eher aus der Bluesszene und vertrat das Motto: "Wir lassen uns hier nicht verbiegen". Das passte also nicht so richtig zu dem, was ich wollte. Irgendwann verließ der Sänger dann die Band und wir machten zu dritt weiter. Nun sind aber sowohl Dirk als auch Mario und ich recht gute Sänger, deshalb wechselten wir uns ab sofort beim Singen ab. In dieser Dreierbesetzung spielten wir unter anderem auch oft in Dresden im Studentenclub. Dort wiederum trat des Öfteren eine Band namens TSO auf, das stand für Tanz- und Schauorchester. Das waren Studenten, die aber eigentlich schon lange keine Studenten mehr waren. Deshalb waren die uns altersmäßig auch um etwa zehn Jahre voraus.

Über welche Zeit und Situation reden wir hier?
Wir reden von 1984, damals begannen die bekannten DDR-Bands wie KARUSSELL, ELECTRA oder STERN MEISSEN sich zu verjüngen. Die Musiker waren alle schon um die Vierzig und brauchten junge Leute, vor allem als Sänger. Bei KARUSSELL beispielsweise stieg dann der junge Dirk Michaelis ein, dagegen waren die restlichen Musiker doch schon relativ alt. Irgendwann habe ich dann mal aus einer Feierlaune heraus gesagt: "Wenn die anderen sich alle junge Sänger holen, dann lasst uns als junge Band doch mal so einen richtig alten Sänger suchen". Uns fiel sofort der Amor ein, mit dem wir gerade in Dresden waren. Der hieß nur damals noch nicht Amor, sondern einfach nur Frank Schüller. Den fragten wir, ob er mit uns eine Band gründen will. Wir hatten noch keinen Namen für die Band und auch sonst keinen Plan, aber wir fanden die Idee geil, mit einem aus unserer Sicht steinalten Mann - Frank war damals 34 - eine Band aufzumachen.

Coole Sache. Ihr habt auf jeden Fall 1986 zuerst beim Rundfunk und dann 1987 bei Sieghart Schubert in Quadenschönfeld eure ersten Lieder produziert. Waren das für dich die ersten Erfahrungen in einem Studio?
Ich muss dich korrigieren, die Rundfunkproduktionen 1986 waren schon bei Sieghart Schubert. Um auf deine Frage zurückzukommen: mein Bruder Lutz spielte damals bei SET, die schon ein eigenes Studio hatten. Da war ich oft zu Gast und kannte deshalb das Studio recht gut. Es war sowieso immer schwer, als Musiker in der DDR ein Studio zu finden, denn in der Regel war alles staatlich und das Equipment … nun ja … das war lange nicht so gut wie heute. Heute kauft man sich einen Laptop und ein Mikrofon, dann kann man auch schon anfangen. Früher war das jedoch unvorstellbar, einfach mal so einen Song in guter Qualität aufzunehmen. Deshalb habe ich mir auch gleich, nachdem es mit den PRINZEN losging, mein eigenes Studio eingerichtet, damit ich unabhängig bin. Wir waren nun also bei Sieghart Schubert und haben unsere beiden Songs "Wunderkind" und "Amor & die Kids" aufgenommen. Dadurch wurde AMIGA auf uns aufmerksam und hat eine sogenannte Quartett-Single, heute würde man EP dazu sagen, produziert. Das hieß für uns, wir brauchten noch zwei weitere Songs, das waren dann "Ich bin blank" und "Komm doch mit". Letzterer Titel wurde dann auch unser großer Durchbruch. Diese beiden Songs nahmen wir im Studio von SET auf und produzierten dort im Anschluss auch gleich unser erstes Album "No more Bockwurst". Das war allerdings eine reine AMIGA-Produktion, was bedeutet, dass unsere beiden für den Rundfunk aufgenommenen Songs "Wunderkind" und "Amor & die Kids" nicht auf dem Album vertreten waren.


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Frank "Amor" Schüller



Ein interessantes Detail am Rande ist, dass du offenbar parallel zu deinem Mitwirken bei AMOR & DIE KIDS eine Solokarriere gestartet hast, denn es gibt Singles und einzelne Titel, die unter "Tobias Künzel" veröffentlicht wurden.
Richtig. Ich habe gerne gesungen und wollte auch mal vorne stehen. Wenn du immer nur im Hintergrund am Schlagzeug sitzt, bist du nämlich in der Tat etwas eingeschränkt. Also fing ich an, Titel zu schreiben, die nicht so recht zum Stil von AMORE & DIE KIDS passten. Anfangs waren das zwei Songs, bei denen ich mit Andreas Bicking zusammengearbeitet habe. Titel Nr. 1 hieß "Noch viel höher ist der Berliner Fernsehturm" anlässlich des Berlin-Jubiläums. Man fragte bei mir an, ob ich nicht zu diesem Jubiläum der Stadt Berlin ein lustiges Lied schreiben könnte. Anschließend ging ich zurück nach Leipzig und nahm mit meinem Bruder im SET-Studio solche Sachen wie "Susanne isst nie wieder Knoblauch" auf. Das waren Lieder, die durchaus ernsthafte Popmusik waren, deren Texte aber ziemlich schräg und skurril waren.

Gab es denn da auch Ambitionen, ein komplettes Soloalbum zu machen, oder stand das nicht zur Diskussion?
Doch, das stand durchaus im Raum, aber letztlich wurde daraus nichts. Der damalige Produzent Volkmar Andrä äußerte zwar ein gewisses Interesse, aber wie gesagt, es wurde nie vollendet.

Hast du denn auch eigene Livekonzerte gegeben oder beschränkte sich das lediglich auf Fernsehauftritte und Radio?
Wir haben tatsächlich dafür geprobt und hätten es gerne versucht, aber auch hier ist es niemals dazu gekommen. Es gab zwar einige Fernsehauftritte oder auch Halbplayback-Auftritte in Clubs. Ich musste auch mal ein Vollplayback zu "Susanne isst nie wieder Knoblauch" hinlegen ... Da nahm ich dann eine Spraydose in die Hand und habe in diese Spraydose reingesungen, damit alle mitkriegten, dass es Vollplayback war. Das war seinerzeit ein großer Gag. Diese Nummer zog ich übrigens schon während meines Musikstudiums an der Musikhochschule durch.

Du hast es gerade angesprochen: 1988 erschien euer Album "No more Bockwurst", was auch erfolgreich gelaufen ist. Trotzdem hast du 1989 quasi auf dem Höhepunkt die Band verlassen. Warum?
Nein, ich habe die Band 1989 nicht verlassen. Weder 1989 noch irgendwann sonst. Es war nur so, dass dann die Maueröffnung kam und von unseren zweihundert existierenden Verträgen für das Jahr 1990 zweihundert gekündigt wurden! Das heißt, wir hatten plötzlich nichts mehr zu tun. Ich bin also nicht ausgestiegen, aber ich bin dann bei den PRINZEN eingestiegen, weil es bei AMOR & DIE KIDS nichts mehr zu tun gab. Und die Verpflichtungen bei den PRINZEN wurden schnell so zahlreich, dass keine Zeit mehr für etwas anderes vorhanden war. Das wiederum führte dazu, dass Amor und Mario sieben, acht Jahre später AMOR & DIE KIDS reanimiert haben, nur eben mit einem anderen Schlagzeuger und einem anderen Bassisten. In dieser Besetzung nahmen sie sogar ein Album auf, von dem wir in unserer Show jetzt auch zwei oder drei Titel live spielen.


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Amor & die Kids 2026



Dann konnten wir jetzt wenigstens mit einer Falschmeldung aufräumen, die besagte, Tobias Künzel wäre ausgestiegen.
Wie gesagt, ich bin nicht ausgestiegen, sondern bei den PRINZEN eingestiegen. Ich war in diesem Moment tatsächlich der Einzige, der weiter professionell Musik gemacht hat. Da fällt mir ein, unser Saxophonist hat sich zeitig abgesetzt nach Salzwedel, wo er heute Musikschuldirektor ist. Vom Rest der Band wechselte einer ins Immobiliengeschäft, Mario machte den Klassiker und wurde Versicherungsvertreter und Amor legte eine große Karriere bei der Telekom hin. Ich machte also als Einziger mit den PRINZEN weiterhin professionelle Musik. Wir haben uns aber nie aus den Augen verloren oder uns irgendwie zerstritten. Es war einfach so, dass es für AMOR & DIE KIDS nichts mehr zu tun gab. Diese Hofnarrenfunktion, die wir in der DDR ausübten, wurde nicht mehr gebraucht. In den 90er Jahren durfte man wenigstens noch sagen, was man denkt, während wir uns ja heutzutage schon wieder in eine andere Richtung bewegen, die wir aus der damaligen DDR kannten. Heute heißt es ganz oft: "Das darfst du doch nicht laut sagen!" Allein schon deshalb ist eine Band wie AMOR & DIE KIDS heute wieder sehr interessant für die Leute.

1996 gab es die Band aber dann plötzlich wieder in der Originalbesetzung, denn ihr habt den Song "Komm doch mit" in einer neuen Version auf einer Single rausgehauen und du hast das Ganze auch noch produziert.
Ja, wir haben in meinem Studio nochmal eine Art Remake der Nummer versucht, aber das blieb auch wirklich ein reines Studioprojekt. Über Liveauftritte haben wir zu keiner Zeit nachgedacht. Wir wollten nur wissen, ob es vielleicht nochmal funktioniert. Aber irgendwie war das Thema zu der Zeit nicht so angesagt. Heutzutage hat sich der Wind aber extremst gedreht. Man muss also immer mit der Zeit gehen und den richtigen Zeitpunkt erkennen.

Wobei man natürlich nicht weiß, wie lange man in der heutigen Zeit noch fröhlich sein kann. Wenn man sich die Nachrichten anguckt…
Das spricht ja unser neuer Song an. Überall nur noch schlechte Laune … Aber das ist reine Politik. Seit ich denken kann, wird uns erzählt, dass morgen alles vorbei ist. Damals waren es die NATO-Doppelraketen, dann die Ölkrise, Tschernobyl, der Irak-Krieg, diverse Naturkatastrophen … Es gibt immer einen Grund, weshalb morgen die Welt untergeht. Das war ganz schlimm. Heute bin ich zwar nicht abgestumpft, aber ich habe mir Hoffnung angewöhnt.


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Ruff As Stone



Du sagtest vorhin, dass du nicht allzu viele 15-jährige bei euch vor der Bühne erwartest. Ich frage aber trotzdem: Was erhoffst du dir von dem Comeback der Band? Wo soll die Reise hingehen?
Ich persönlich habe das große Privileg, nur noch solche Sachen machen zu dürfen oder zu müssen, die mir auch Spaß machen. Ich habe großen Spaß daran, mit den Jungs zu spielen, es macht großen Spaß, wieder meine alten Songs zu spielen. Es wird ein großes Spektakel, wir wollen es noch einmal wissen, aber erwarten tue ich gar nichts. Ich mache so lange mit, wie ich auch Freude daran habe.

Wo wir gerade von Freude reden: Ich hatte vor ein paar Jahren große Freude, als ihr mit RUFF AS STONE auf der Bühne gestanden habt. Ist geplant, auch hier mal wieder aktiv zu werden?
Mein Bruder Lutz, der da ja auch mitwirkte, ist inzwischen leider verstorben (er verstarb am 29. August 2024, Anm. d. Red.). Die anderen Mitglieder der Band waren auf Lutz' Beerdigung und für uns war ohne große Worte klar, dass es ohne ihn nicht mehr funktionieren wird. Ich kann auf keinen Fall hinten am Schlagzeug sitzen und vorne links steht jemand anderes als mein Bruder. Das kriege ich emotional nicht hin.

Das verstehe ich vollkommen. Dennoch war das ein geiles Projekt, auch die dazugehörige CD war Klasse.
Erst in der letzten Woche war ich wieder in London und habe Austin, der Sänger bei RUFF AS STONE war, getroffen. Wir haben immer noch engen Kontakt und sind miteinander befreundet, aber RUFF AS STONE wird es nicht mehr geben, da sind wir uns einig.

Tobias, damit sind wir auch schon am Ende unseres Interviews. Ich danke dir für deine Zeit. Habe ich noch irgendetwas vergessen zu erwähnen?
Ja, eine Kleinigkeit würde ich gerne noch loswerden. Wir als AMOR & DIE KIDS waren schon immer eine Band, die zu keiner Zeit kritisiert hat oder irgendetwas angeprangert hat. Wir haben nie versucht, Revolutionäre zu sein. Textzeilen wie "… zu lange die alten Männer verehrt" gab es bei uns nicht. Wir haben uns stattdessen gerne lustig gemacht. Und dasselbe machen wir jetzt auch wieder. Wir haben die Dinge, so wie sie nun mal sind, an- und ausgesprochen. Also so, wie man gutes Kabarett macht. Wir waren dafür aber niemals die Band, die bei Demonstrationen in der ersten Reihe mitgelaufen ist, sondern wir waren eher die, die alles genau beobachtet haben, anstatt eine Revolution anzuzetteln. Dazu passt auch unser aktueller Song "Alles schon mal dagewesen". Wir sprechen damit den aktuellen Zeitgeist an und haben schon viel positives Feedback dafür geerntet. So nach dem Motto: "Endlich spricht es mal einer aus".


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Das ist auch viel angenehmer, als wenn jemand auf der Bühne steht und meint, sein Publikum missionieren zu müssen.
Genau. Da gibt es genügend Sängerkollegen, die diesbezüglich nicht an sich halten können. Das wollen wir nicht. Ja, auch wir legen den Finger in manche Wunde und machen uns lustig über gewisse bizarre Dinge, aber es geht uns niemals darum, Leute zu dissen oder anzufeinden oder zu sagen, jemand hat Recht oder Unrecht. Wir sitzen nämlich nicht im Bundestag, sondern sind Musiker und stehen auf der Bühne.

Das waren super Worte zum Abschluss. Nochmals vielen Dank für das Gespräch. Wir wünschen euch viel Spaß für euer Comeback. Die Tourtermine geben wir natürlich auch bekannt und ich hoffe, dass ihr volle Häuser haben werdet.
Das sieht bisher schon recht gut aus, aber wir sind weiterhin für jede Unterstützung dankbar.

Interview: Christian Reder
Übertragung: Torsten Meyer
Fotos: Clementine Photography, Herbert Schulze, Matthias Ziegert




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