
Ein Beitrag von Ronald Toplak
One-Hit-Wonder. Ein Chartstürmer. Einer nur. Ganz oben, kurz die Welt im Griff, und dann: Stille. Fürs Ego eine Katastrophe. In Bezug auf das Konto oft der Jackpot fürs Leben. Radio-Airplay, Streaming, Werbespots, irgendein Film, der den Song für dreißig Sekunden braucht – und die Tantiemen tröpfeln, Jahrzehnt für Jahrzehnt. Wir starten diese Serie mit einem Song, der nicht nur ein One-Hit-Wonder war. Er war eine Prophezeiung. Über sich selbst. „Video Killed The Radio Star“ von den Buggles.
Aber erstmal zu mir. Ich war fünfzehn. HiFi-Fieber, akut, unheilbar. Ich verschlang Fachmagazine wie andere Comics. Badete darin. Der Auslöser: mein Mathe-Nachhilfelehrer. Der Mann konnte mir nichts über binomische Formeln beibringen, aber er hatte eine Anlage, die mich das Ausatmen vergessen ließ. Thorens-Plattenspieler. Laufwerk ausgelagert, entkoppelt, wie ein kleiner Altar. Wie, verdammt noch mal, sollte ich mich neben so einem Gerät auf x² + 2xy + y² konzentrieren? Ging nicht. "Du musst lernen. Dann wirst du auch irgendwann sowas haben", sagte er. Motivierend gemeint. Wirkungslos.
Also Plan B: Spenden sammeln. Oma. Onkel. Die komplette Verwandtschaft als stille Investoren in mein akustisches Lebensglück. Irgendwann war die Kriegskasse voll. Ab in die Spandauer Altstadt, zu Küchler. Mein Vater kam mit. Ein bisschen stolz, glaube ich, dass sein Sohn jetzt Geld für Lautsprecher statt für Quatsch ausgab. Am Ende stand da eine Grundig-Anlage. Kassettendeck mit Softtouch, Radio, alles eigentlich gar nicht mein Fall. Aber die Boxen. Aktiv. Groß wie ein Kühlschrank, allerdings schwerer – zwei akustische Monster, die ab diesem Tag mein Kinderzimmer komplett übernahmen. Für Möbel war kein Platz mehr. Für ein Bett schon irgendwie noch, notdürftig, zwischen die Lautsprecher geklemmt wie eine Randnotiz. Der Sound? Gigantisch. Allein der Bass schickte den inneren Seismografen zum Therapeuten.
1400 Mark. Alles zusammen. Viel Geld. Eine Investition, die sich später auszahlte. Ich habe mit dieser Anlage noch ganze Hallen beschallt. Aber das ist eine andere Geschichte. Obendrauf gab's beim Kauf eine Kassette geschenkt. Die Buggles. 1980 der ganz heiße Scheiß. Ich legte sie ein – der allererste Ton überhaupt, der aus diesen zwei Monstern kam. Und dann: "Video Killed the Radio Star". Die Wände bebten. Meine Eltern standen fassungslos im Türrahmen. Meine kleine Schwester, grün vor Neid. Die Kumpels sowieso, die kamen tagelang nur noch wegen der Ungetüme vorbei, nicht wegen mir. Seit diesem Nachmittag habe ich zu diesem Song eine Bindung, die kein Radio-Airplay der Welt kaputt kriegt.
Und der Song selbst? Der ist die eigentliche Pointe der Geschichte. Die Buggles waren keine Band im klassischen Sinne, sondern ein Projekt. Eine Art Supergroup, nur eben nicht aus Rockstars anderer Bands zusammengeschraubt, sondern aus zwei Studio-Köpfen: Trevor Horn und Geoff Downes taten sich zusammen mit Bruce Woolley und schrieben ein Lied über das Sterben des Radios im Zeitalter des Fernsehens. Kurioserweise hatte Woolley den Song schon Monate vorher mit seiner eigenen Band Camera Club veröffentlicht – ein Flop, komplett untergegangen. Erst als Horn und Downes ihre eigene Version einreichten, am 7. September 1979, wurde daraus einer der größten Popsongs des Jahrzehnts. Aufgenommen wurden die Instrumentalspuren in gerade mal zwölf Stunden, mit Toningenieur Hugh Padgham am Pult.
Der Rest ist Chartgeschichte, und zwar eine ziemlich beeindruckende: Deutschland Nummer 2. Höchstplatzierung. November 1979. Nur. Nummer 1 in sechzehn Ländern. UK, dazu Australien, Schweden, die Schweiz, Frankreich, halb Europa zum Jahreswechsel 1980. Rund fünf Millionen verkaufte Exemplare weltweit. Nur ein Markt hat konsequent verweigert: die USA, wo der Song es gerade mal auf Platz 40 schaffte. Amerika hat den Weltuntergang des Radios offenbar verschlafen – während der Rest des Planeten mitsang.
Und dann, am 1. August 1981, die zweite Karriere des Songs: Als MTV um eine Minute nach Mitternacht auf Sendung ging, war "Video Killed the Radio Star" das allererste Video im neuen Sender. Ein Lied über den Tod eines Mediums läutete das nächste ein – treffender geht's kaum. Der Song blieb MTV noch lange verbunden: Am 27. Februar 2000 war er der einmillionste ausgestrahlte Clip überhaupt. Und als der britische Ableger MTV Music Ende 2025 endgültig den Stecker zog, war es wieder derselbe Song, der als allerletztes Video über den Bildschirm lief. Ein Track, der einen ganzen Sendezyklus einrahmt, von der ersten bis zur letzten Minute.
Die Buggles selbst verschwanden fast so schnell, wie sie kamen. One-Hit-Wonder, wie im Lehrbuch. Aber aus Trevor Horn wurde einer der einflussreichsten Produzenten der Popgeschichte. Yes (kurz auch als Sänger), Frankie Goes to Hollywood, Grace Jones, Pet Shop Boys, um nur ein paar zu nennen. Der Mann, der die 80er Jahre erfand. Heißt es. Geoff Downes landete als Keyboarder und Songwriter bei Yes und Asia. Aus dem einen Hit wurden Karrieren eher im Hintergrund. Der eine hinter den Reglern, der andere hinter den Tasten. Massig Erfolg zwar. Nur eben nicht mehr als Frontmen im ganz großen Rampenlicht.
Bei mir dagegen brannten die Scheinwerfer an diesem Nachmittag in Spandau lichterloh. Fünfzehn Jahre alt, zwei Kühlschränke im Zimmer, ein Song, der die Welt verändern sollte. Und ich mittendrin. In einem verdammt lauten Hotspot. Das pure Teenie-Glück. Im Sommer 1980.
Aber erstmal zu mir. Ich war fünfzehn. HiFi-Fieber, akut, unheilbar. Ich verschlang Fachmagazine wie andere Comics. Badete darin. Der Auslöser: mein Mathe-Nachhilfelehrer. Der Mann konnte mir nichts über binomische Formeln beibringen, aber er hatte eine Anlage, die mich das Ausatmen vergessen ließ. Thorens-Plattenspieler. Laufwerk ausgelagert, entkoppelt, wie ein kleiner Altar. Wie, verdammt noch mal, sollte ich mich neben so einem Gerät auf x² + 2xy + y² konzentrieren? Ging nicht. "Du musst lernen. Dann wirst du auch irgendwann sowas haben", sagte er. Motivierend gemeint. Wirkungslos.
Also Plan B: Spenden sammeln. Oma. Onkel. Die komplette Verwandtschaft als stille Investoren in mein akustisches Lebensglück. Irgendwann war die Kriegskasse voll. Ab in die Spandauer Altstadt, zu Küchler. Mein Vater kam mit. Ein bisschen stolz, glaube ich, dass sein Sohn jetzt Geld für Lautsprecher statt für Quatsch ausgab. Am Ende stand da eine Grundig-Anlage. Kassettendeck mit Softtouch, Radio, alles eigentlich gar nicht mein Fall. Aber die Boxen. Aktiv. Groß wie ein Kühlschrank, allerdings schwerer – zwei akustische Monster, die ab diesem Tag mein Kinderzimmer komplett übernahmen. Für Möbel war kein Platz mehr. Für ein Bett schon irgendwie noch, notdürftig, zwischen die Lautsprecher geklemmt wie eine Randnotiz. Der Sound? Gigantisch. Allein der Bass schickte den inneren Seismografen zum Therapeuten.

1400 Mark. Alles zusammen. Viel Geld. Eine Investition, die sich später auszahlte. Ich habe mit dieser Anlage noch ganze Hallen beschallt. Aber das ist eine andere Geschichte. Obendrauf gab's beim Kauf eine Kassette geschenkt. Die Buggles. 1980 der ganz heiße Scheiß. Ich legte sie ein – der allererste Ton überhaupt, der aus diesen zwei Monstern kam. Und dann: "Video Killed the Radio Star". Die Wände bebten. Meine Eltern standen fassungslos im Türrahmen. Meine kleine Schwester, grün vor Neid. Die Kumpels sowieso, die kamen tagelang nur noch wegen der Ungetüme vorbei, nicht wegen mir. Seit diesem Nachmittag habe ich zu diesem Song eine Bindung, die kein Radio-Airplay der Welt kaputt kriegt.
Und der Song selbst? Der ist die eigentliche Pointe der Geschichte. Die Buggles waren keine Band im klassischen Sinne, sondern ein Projekt. Eine Art Supergroup, nur eben nicht aus Rockstars anderer Bands zusammengeschraubt, sondern aus zwei Studio-Köpfen: Trevor Horn und Geoff Downes taten sich zusammen mit Bruce Woolley und schrieben ein Lied über das Sterben des Radios im Zeitalter des Fernsehens. Kurioserweise hatte Woolley den Song schon Monate vorher mit seiner eigenen Band Camera Club veröffentlicht – ein Flop, komplett untergegangen. Erst als Horn und Downes ihre eigene Version einreichten, am 7. September 1979, wurde daraus einer der größten Popsongs des Jahrzehnts. Aufgenommen wurden die Instrumentalspuren in gerade mal zwölf Stunden, mit Toningenieur Hugh Padgham am Pult.
Der Rest ist Chartgeschichte, und zwar eine ziemlich beeindruckende: Deutschland Nummer 2. Höchstplatzierung. November 1979. Nur. Nummer 1 in sechzehn Ländern. UK, dazu Australien, Schweden, die Schweiz, Frankreich, halb Europa zum Jahreswechsel 1980. Rund fünf Millionen verkaufte Exemplare weltweit. Nur ein Markt hat konsequent verweigert: die USA, wo der Song es gerade mal auf Platz 40 schaffte. Amerika hat den Weltuntergang des Radios offenbar verschlafen – während der Rest des Planeten mitsang.
Und dann, am 1. August 1981, die zweite Karriere des Songs: Als MTV um eine Minute nach Mitternacht auf Sendung ging, war "Video Killed the Radio Star" das allererste Video im neuen Sender. Ein Lied über den Tod eines Mediums läutete das nächste ein – treffender geht's kaum. Der Song blieb MTV noch lange verbunden: Am 27. Februar 2000 war er der einmillionste ausgestrahlte Clip überhaupt. Und als der britische Ableger MTV Music Ende 2025 endgültig den Stecker zog, war es wieder derselbe Song, der als allerletztes Video über den Bildschirm lief. Ein Track, der einen ganzen Sendezyklus einrahmt, von der ersten bis zur letzten Minute.
Die Buggles selbst verschwanden fast so schnell, wie sie kamen. One-Hit-Wonder, wie im Lehrbuch. Aber aus Trevor Horn wurde einer der einflussreichsten Produzenten der Popgeschichte. Yes (kurz auch als Sänger), Frankie Goes to Hollywood, Grace Jones, Pet Shop Boys, um nur ein paar zu nennen. Der Mann, der die 80er Jahre erfand. Heißt es. Geoff Downes landete als Keyboarder und Songwriter bei Yes und Asia. Aus dem einen Hit wurden Karrieren eher im Hintergrund. Der eine hinter den Reglern, der andere hinter den Tasten. Massig Erfolg zwar. Nur eben nicht mehr als Frontmen im ganz großen Rampenlicht.
Bei mir dagegen brannten die Scheinwerfer an diesem Nachmittag in Spandau lichterloh. Fünfzehn Jahre alt, zwei Kühlschränke im Zimmer, ein Song, der die Welt verändern sollte. Und ich mittendrin. In einem verdammt lauten Hotspot. Das pure Teenie-Glück. Im Sommer 1980.
