© Deutsche Mugge (2007 - 2025)
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                                                                             von Christian Reder. Fotos: Torsten Meyer



Es gibt Menschen, von denen man fest überzeugt ist, dass sie bleiben. Dass sie allen Widrigkeiten trotzen, sich immer wieder aufrichten, lachen, arbeiten, leben. Angelika Mann war so ein Mensch. Eine, die das Leben prüfte - und die jede Prüfung mit Humor, Würde und einer unerschütterlichen Lust am Dasein beantwortete. Nun ist sie gegangen. Am 21. Januar, im Alter von 76 Jahren, hat die "Lütte" die große Bühne verlassen.

Angelika Mann, die seit eh und je "Die Lütte" war, war eine Ausnahmekünstlerin, aber vor allem war sie ein außergewöhnlicher Mensch. Die Schläge, die ihr das Leben versetzte - Krankheit, Brüche, Verluste, Neuanfänge -, konterte sie mit Optimismus, mit Arbeit, mit einer Energie, die ansteckend war. Laut geklagt hat sie nie, denn Jammern lag ihr nicht. Nicht, als sie in die Privatinsolvenz gehen musste und auch nicht, als ihr das Schicksal mit einer Krebserkrankung übel mitspielte. Die Lütte stand immer wieder auf und setzte ihren Weg fort. Sie schaffte es sogar, abends auf der Bühne eine Theaterrolle zu spielen, nachdem sie sich morgens eine Chemotherapie verabreichen ließ. Davon gezeichnet … Ohne Haare und nur mit Perücke, aber aufrecht und mit Haltung, stand sie da und unterhielt ihr Publikum. Die Krankheit wurde für sie in der Öffentlichkeit auch erst zum Thema als sie glaubte, sie überwunden zu haben. "Die Bühne war meine Therapie", sagte sie mal, und man glaubte ihr jedes Wort. Die Haare wuchsen wieder, und die Lütte wurde zum Vorbild für alle, die ein ähnliches Schicksal erlitten hatten.


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Angelika Und Mike Kilian bei einem Konzert der Jonathan Blues Band



Die gelernte Apothekenfacharbeiterin aus Berlin-Buch ließ sich an der Musikschule Friedrichshain zur Sängerin und Pianistin ausbilden. Sie sang in der Big Band von Klaus Lenz, arbeitete mit Günther Fischer, lange mit Reinhard Lakomy und hatte mit OBELISK ihre eigene Band. Sie stand in ihrer langen Karriere u.a. mit Manfred Krug, Uschi Brüning, Manuel Schmid, Dirk Zöllner, Mike Kilian oder Nina Hagen auf einer Bühne, und Millionen Kinder kennen sie bis heute aus dem "Traumzauberbaum" und als die Hexe Baba Jaga. Theaterfreunde erlebten sie in Bühnenstücken wie "Heiße Zeiten", "Höchste Zeit", "Die Dreigroschenoper" oder auch "Der Mann mit dem Lachen", für das sie den Deutschen Musical Theater Preis erhielt. Zum Schauspielern fand sie allerdings erst nach ihrer Ausreise in die Bundesrepublik. Sie kannte also beide Seiten der Mauer: Die Lütte begann ihre Karriere in der DDR und musste sie ab Mitte der 80er in der BRD fortsetzen. Sie verließ ihre Heimat damals nicht aus politischen Gründen, sondern weil Abschiedsstimmung über dem Land lag. Viele Kollegen hatten das Land bereits Richtung Westen verlassen und sie - so schrieb sie in ihrem Buch - war müde geworden, ständig Instrumente und Technik für ihre Band organisieren zu müssen, die man nur teuer und illegal aus dem Westen beschaffen konnte. Sie war schlicht genervt von den Umständen und stellte deshalb einen Ausreiseantrag.

Seit 2011 war Angelika Mann Ehrenmitglied unseres Vereins. Ich habe sie immer dafür geschätzt, dass sie jedem Tierchen sein Plaisierchen ließ - will sagen: Sie ließ Menschen einfach Mensch sein. Egal welcher Glaube, welche Neigung, welche Einstellung. Gleiches gilt für die Kunst. Das was jemand geschaffen hat, egal ob im Bereich Rock, Pop, Blues oder aber auch Schlager … Alles hatte für sie eine Daseinsberechtigung. Jeder Künstler war ein Kollege dem sie mit Wertschätzung begegnete. Diese Haltung war vorbildlich. Und sie lebte ihre Prinzipien konsequent. Ein ganz eigenes Kapitel waren unsere Diskussionen über Fotos. Kein Bericht über eines ihrer Konzerte, der bei uns erschien, wurde von ihr einfach durchgewunken. Oft telefonierten wir lange über Bildauswahlen. Sie fand sich auf manchen Fotos furchtbar getroffen und kämpfte wie ein Löwe dafür, dass genau diese Aufnahmen nicht veröffentlicht wurden - obwohl sie objektiv großartig waren. Für mich, der die Beiträge oft schon fertig hatte, war das nicht immer leicht. Wir hatten unterschiedliche Geschmäcker. Eitel war sie nicht. Aber kritisch mit sich selbst. Als sie sich von der Bühne zurückzog, gab es logischer Weise auch keine Berichte mehr. Ihr letztes Konzert gab sie am 5. November 2022 im "Neu Helgoland" Berlin. Und plötzlich fehlten mir genau diese Diskussionen. Wie gern würde ich noch einmal mit ihr streiten, ob ein Schnappschuss sie nun wunderbar in Aktion zeigt - oder gar nicht geht.


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Angelika und ihr Mann Ralf im September 2025 beim
einem Konzert von Pascal von Wroblewsky (Foto privat)



Bis vor zwei Jahren war sie auf Facebook noch sehr aktiv, kommentierte, diskutierte, teilte Gedanken über Fernsehsendungen, das Leben, den Alltag. Stolz berichtete sie über Auftritte ihrer Tochter, die mit der Gruppe ALPHAVILLE auf Tournee war. Sie ließ die Menschen an ihrem Leben und an ihren Gedanken teilhaben. Dann wurde es still. Die Lütte war weg. Mir fiel das auf. Anderen vielleicht auch. In den letzten Monaten zeigte sie sich wieder öfter im Sozialen Netzwerk - auf Bildern von Veranstaltungen, immer an der Seite ihres geliebten Mannes Ralf. Wer genau hinsah, erkannte die Zerbrechlichkeit die der Kraft gewichen zu sein schien. Wer diese verdammte Krankheit kennt, konnte die Zeichen lesen. Ich hatte kein gutes Gefühl. Im November letzten Jahres hatten wir noch Kontakt. Wir sprachen über dies und das, nicht über Krankheiten. Ich erzählte ihr von den Planungen zum 20-jährigen Jubiläum von Deutsche Mugge im Jahr 2027, mit Livemusik. Ich lud sie ein und fragte, ob sie nicht Lust hätte, ein oder zwei Lieder zu singen. Ihre Antwort kam sofort: "Ja. Wenn ich dann nicht gerade Theater spiele, komme ich gern." Nun wird sie nicht mehr kommen können.

Ihre letzte Ruhestätte wird sie wohl auf dem Berliner Künstlerfriedhof Friedenau finden, dort wo auch Franz Bartzsch begraben liegt, dem sie zeitlebens dankbar für das Lied "Versuch es doch mal mit Champagner" war. In diesen Tagen Und auch an dem Tag des letzten Abschieds werden meine und sicher auch eure Gedanken bei ihrem Mann Ralf und ihrer Tochter Ulrike Weidemüller sein. Ich wünsche Euch viel Kraft und Zuversicht. Die Lütte ist gegangen. Bleiben werden ihre Stimme, ihr Lachen, ihre Haltung - und die Gewissheit, dass sie das Leben bis zum Schluss gelebt hat. Mach's gut, Angelika.






Erinnerungen in Bild und Ton
















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