© Deutsche Mugge (2007 - 2026)
tipps2014 20140726 1181765997 Titel:
Interpret:
Label:
VÖ:

Titel:
"Hornissen"
Tipps für Wilhelm
Januar/Broken Silence
25. Juli 2014

1. Gehen oder Bleiben
2. Bleib in deiner Stadt
3. Ganz weit im Osten
4. Vor deiner Tür
5. Sieben Tage Wach
6. Gefährlich
7. Keine Zeit
8. Warnemünde
9. Nicht wegen Dir
10. Schöne Zeiten
11. Bolivien
12. Hornissen





Mit CD-Rezensionen ist das so eine Sache. Spannung und Neugier sind groß, vor allem wenn mir die Band bisher völlig unbekannt ist. Aber manchmal gibt es zum Glück Tipps von Freunden und in diesem Fall passt es einfach. Die neue Scheibe wandert direkt in den CD-Player und bleibt dort. Aber nicht nur dort, auch in meinem Kopf hat sie sich prompt eingenistet. "In dieser Nacht fiel es mir leicht, zu entscheiden. Hier werd ich alt, woanders möchte ich bleiben. Mein Herz schlägt laut und deins neben mir so leise. Lass uns gehen und dann sehen, wo wir bleiben ..." Die Hookline des ersten Titels könnte symbolisch für das gesamte Album stehen. "Lass uns gehen und dann sehen, wo wir bleiben ..." - davon habe ich mich beim Hören des Albums leiten lassen und diese Entscheidung fiel wirklich leicht.

Einige Tage später fährt eine Freundin bei mir im Auto mit. Es läuft noch immer die gleiche CD. Schon nach wenigen Takten wippen ihre Füße und ihre Finger klopfen im Takt. Ich muss innerlich grinsen, schließlich ist es mir genauso ergangen. "Was ist'n das?" - "Tipps für Wilhelm." - "Nee, das hab' ich nicht gemeint. Wie heißt'n die Band?" - "Tipps für Wilhelm." Sie sieht mich mit großen Augen an ... "Wie jetzt?" - "Die Band. Die Band heißt: Tipps für Wilhelm." - "Komischer Bandname. Aber egal, die Musik ist nicht komisch. Die ist echt gut."

Ursache für diesen Dialog sind fünf Freunde aus Berlin, die unter dem Bandnamen Tipps für Wilhelm ihr Debütalbum "Hornissen" veröffentlichen. Auch wenn die Band in dieser Besetzung erst seit 2010 existiert, sind die Jungs keine Neulinge. Guillermo Morales (Gesang, Gitarre), Fedja Schwember (Bass), Ruud van der Zalm (Schlagwerk), Johnny Parker (Gitarre) und Andrees Dolega (Keyboard, Klavier, Akkordeon) kennen sich zum Teil bereits aus anderen Projekten, in denen sie in unterschiedlicher Besetzung gemeinsam gespielt haben. Es ist also keine künstlich zusammengestellte, sondern eine natürlich zusammengewachsene Band. Hier spielt zusammen, was zusammen gehört - und das hört man auch. Ihre Songs lassen Bilder in meinem Kopf entstehen und ich habe das Gefühl, ihren Spaß an der Musik spüren zu können. Die Record Release Party wäre eine super Gelegenheit, mich auch live davon zu überzeugen. Aber da ich am 25. Juli schon anderweitig unterwegs bin, werde ich das eben bei nächster Gelegenheit nachholen.

Was auf Anhieb bei mir ankommt und sich bereits nach kurzer Zeit in meine Sinne schleicht, ist die charismatische Stimme von Guillermo Morales und seine charmanten Texte. Schon beim zweiten Hören ertappe ich mich selbst beim Mitsingen. Finger und Füße haben ohnehin längst den Takt aufgenommen. Die deutschsprachigen Texte sind für mich wesentlicher Faktor für die Wirkung der Songs. Die Texte sind eingängig, aber nicht gefällig. Sie gehen den direkten, aber nicht den einfachen Weg. Sie überraschen durch wechselnde, aber nicht immer glatte Reime. Nicht alles erschließt sich gleich beim ersten, zweiten oder dritten Hören. So manches bleibt rätselhaft und mir (vorerst) verborgen. Und doch - oder gerade deshalb - bleiben mir die Songs im Gedächtnis. Ihre besondere Poesie zeichnet Bilder und erzählt Geschichten. Geschichten des Lebens, die jeder von uns in sich trägt - nur kann sie eben nicht jeder in so wunderbare Lieder verpacken.

Die Geschichten handeln vom Gestern, Heute und Morgen. Sie spiegeln Nacht und Tag, Traum und Wirklichkeit, Anspruch und Realität. Sie erzählen von Jugenderinnerungen und Beziehungsstress, von Leistungsdruck und Schlaflosigkeit, aber auch von Zuversicht und Selbstbestimmung, Glück und Zufriedenheit. "Ganz weit im Osten" ist eine ganz spezielle Liebeserklärung an ihre Heimatstadt. "Ich sitz auf Bänken, ich lieg auf Wiesen. Ich lauf an den Gleisen, ich kann den Abend riechen. Die Nacht ist nicht weit, hab Lust, mich darin zu verlieren. Ich weiß ganz weit im Norden fahren jeden Tag Schiffe, aber ganz weit im Osten bin ich eigentlich zufrieden ... Und endlich weiß ich, endlich weiß ich, ich bleibe kleben, ich bleibe hier leben. Von wegen zu grau, ich habe dich nie so gesehen ..." Wie so vieles im Leben ist auch das eine Frage der Sichtweise, der eigenen Ansprüche und wie man damit klar kommt. Anstoß zum Nachdenken bietet ebenso "Sieben Tage wach". Die zahlreichen Einflüsse, die tagtäglich auf uns einstürmen, stets volle Aufmerksamkeit verlangen, uns nicht zur Ruhe kommen lassen und irgendwann den Blick für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens trüben. Aber wer sagt denn, dass wir dem inzwischen so verbreiteten Streben nach dem "Schneller, Besser, Weiter" folgen müssen. Hin und wieder tut es gut, sich ganz bewusst aus dem Alltag zurückzuziehen. Tipps für Wilhelm bieten mit ihren Songs eine gute Gelegenheit dazu.

"Nicht wegen dir verlasse ich jede Nacht das Haus, lass alle Fenster auf und die Tür schließ ich nicht ab, ich weiß nicht mal wofür. Nicht wegen dir male ich alle Wände an, Farbe muss ran, vielleicht Rot. Ich habe dein Weiß eigentlich gar nicht gemocht. Nicht wegen dir ..." Die zauberhaft einfühlsame Ballade beschreibt das Ende einer Beziehung zugleich als Zeichen für den Neuanfang. Nichts passiert einfach so, alles hat seinen Sinn und es bleibt uns immer das, was wir daraus machen. "Schöne Zeiten" hingegen erzählt von der Jugend in dem scheiß Städtchen, das ihnen immer zu klein war, in dem sie jahrelang aus dem Fenster geraucht und von der großen Liebe geträumt haben. Dort haben sie ihr halbes Leben verbracht und so erinnern sich heute an die schönen Zeiten und die nicht so schönen Zeiten. Alles hat seine Zeit.

Vor allem das was wir in unserer Kindheit und Jugend erlebt haben, prägt uns und beschäftigt uns oft noch Jahre später. "Ich kann nicht glauben, wie man einfach verschwindet, aus diesem Land, in dem ich ohnmächtig war. Ich habe hunderte Millionen Geschichten. Du kannst entscheiden, ob sie falsch sind oder wahr. Meine Ängste hatten nichts mehr zu fressen, ich war die Beute für ein dreckiges Nest. Ich weiß, du kannst bis heute gar nichts begreifen. Ein Herz bekommt nur, wer es wirklich verdient. Mein Herz und meine Seele verschwimmen in einer Flut und erst am Ende weiß ich, was ich am Ende tu ..." So geht es Guillermo Morales offensichtlich mit dem Land seiner Kindheit. "Bolivien" ist für mich auch einer der ganz besonderen Songs auf dem Album. Hier mischen sich Kraft und Melancholie, Trauer und Mut, Liebe und Sehnsucht. Die Botschaft trifft mich auf emotionale Weise und trägt Parallelen zu vielen anderen Situationen im Leben. Nicht immer läuft alles glatt, es gibt Stolpersteine und Hindernisse. Aber jeder kann selbst entscheiden, wie er damit umgeht und was er letztlich für sich mitnimmt. "Wenn du mir sagst, vergib mir, ich hab dir längst verziehen. Mein Herz und meine Seele verschwimmen in einer Flut. Und erst am Ende weiß ich, was ich am Ende tu ..."

Das musikalische Spektrum des Albums wechselt von balladesk zu rockig, von leise schmeichelnd zu laut und kraftvoll. Dabei wird die Wirkung der Songs durch ihre Instrumentierung unterstrichen und verstärkt. Die Melodien klingen dynamisch und voller Energie wie "Bleib in deiner Stadt", sanft und eindringlich wie "Vor deiner Tür", hämmernd und nachdrücklich wie "Sieben Tage wach" oder auch zerbrechlich und spröde wie "Hornissen". Was mir dabei besonders gefällt, ist die Klangfülle und der wechselnde Fokus der Instrumente. Was auf den ersten Blick völlig unaufgeregt wirkt, offenbart sich beim zweiten und dritten Hören als Freiraum für die Instrumente und die jeweiligen Bandmitglieder. So sind es einmal die wunderbaren Gitarrenriffs oder die gezupften Akkorde von Johnny Parker, die den Song prägen, und ein anderes Mal überwiegt der warme, groovende Bass von Fedja Schwember in der Wahrnehmung. Das präzise und kraftvolle Drumspiel von Ruud van der Zalm rückt vor allem in den rockigen Songs in den Vordergrund und Andrees Dolega steuert mit seinem Spiel an den Keyboards die zuverlässige Basis bei. Nicht zu vergessen Guillermo Morales, dessen Stimme den lauten wie den leisen Tönen das individuelle Gesicht gibt und dafür sorgt, dass sie im Gedächtnis bleiben. Irgendwie schwingt immer eine leise Sehnsucht mit, die mal melancholisch und mal kraftvoll klingen kann. Schlussendlich ist es die einzigartige Mischung von Tipps für Wilhelm, die mich trifft und mir in Ohren, Herz und Füße geht. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis ich mir die Jungs live ansehe, um (hoffentlich) die positiven Emotionen des Albums zu untermalen. Und darauf freue ich mich jetzt schon.

Achso, eins noch zum Schluss: Ihren Bandnamen verdanken Tipps für Wilhelm - so zumindest die offizielle Version - einem Mixtape mit ebenjener Aufschrift. Ob das stimmt oder nicht, ist letztlich nicht wirklich entscheidend. Entscheidend ist die Musik, die sie machen und mit Herz und Seele präsentieren. Und so gesehen, ist die Wahl des Bandnamens ziemlich clever, denn irgendwie landet man unweigerlich bei dem Wortspiel: Tipps für Wilhelm ... und nicht nur für den. Denn genauso ist es.
(Grit Bugasch)




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Videoclip:

"Ganz weit im Osten" (off. Video)




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