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"bar jeder vernunft" Lauras Alibi Feinste Musik-Konserven 2014 1. Bar jeder Vernunft 2. Wer bist Du? 3. Gier Macht Krieg 4. Es ist was es ist 5. Lauf der Dinge 6. Das Meer 7. Acht 8. Falsche Fährte 9. Mit Dir 10. Kaleidoskop 11. Zeiten wie diese |
Neulich kam unser Kollege Elmar von einem Festival in unserer Heimatstadt Castrop-Rauxel zurück. Dort standen den gesamten Nachmittag bis in den Abend hinein Bands auf der Bühne, die dort unter dem Motto "Save The Planet" ihr Repertoire live zum Besten gaben. Junge Nachwuchsbands und gestandene Haudegen teilten sich die Bühne und wie das bei solchen Festivals nun einmal so ist, lernt man immer wieder etwas Neues kennen. Ganz angezündet von dem, was er dort erlebt und gehört hat, brachte Elmar von dem Festival auch gleich zwei CDs mit. Eine davon war die der Band LAURAS ALIBI, "bar jeder vernunft", und ich wurde gefragt, ob ich sie rezensieren möchte. Natürlich übernahm ich die Aufgabe sehr gern, denn ich war von Elmars Bericht über den Auftritt der Kapelle schon ziemlich neugierig geworden.
LAURAS ALIBI ist eine Band aus Dortmund, bestehend aus Manfred Jäger (Bass und kreativer Kopf der Kapelle), Julia Tadych (Gesang), Martha Grüner (Gesang), Martin Klausmeier (Gitarre, Gesang), Marwin Sbosny (Schlagzeug) und Thorsten Lange-Rettich (Posaune). Ihr Debüt-Album "bar jeder vernunft" hat das Sextett zwischen April 2011 und Mai 2013 eingespielt. Ich setzte mich also an den Rechner und recherchierte etwas über die Band und stieß gleich auf eine ziemlich unschöne Story. Sängerin Julia Tadych erlitt vor einiger Zeit einen Herzstillstand aufgrund einer verschleppten Erkältung. Dem schnellen Handeln einer ihrer Arbeitskolleginnen und einer gehörigen Portion Glück ist es wohl zu verdanken, dass das Herz schnell wieder zu Schlagen begann. Wenn es ganz doof gelaufen wäre, wäre sie heute gar nicht mehr da. So schnell kann es vorbei sein, auch im jungen Alter von nur 29 Jahren. Davon, dass Julia wieder fit und auf den Beinen ist, konnte sich mein Freund Elmar ja beim eingangs erwähnten Festival bereits überzeugen. Drei Klicks weiter gab es einige wenige Infos über die Band mehr, aber nicht ausreichend genug, um daraus eine inhaltlich richtige und aussagekräftige Einleitung für eine Rezension schreiben zu können. Also nehme ich mit dem Bassisten und Songschreiber von LAURAS ALIBI, Manfred Jäger, Kontakt auf und lasse mir ein wenig erzählen. Die Idee zum Album und zur Geschichte drum herum gibt es schon länger. Jäger erzählt mir, dass ein großer Teil der Songs bereits im Sommer 2010 geschrieben wurde, und dass der Titel "Kaleidoskop", vorletztes Stück auf dem Album, schon wesentlich älter ist. Interessant auch die Idee, die hinter der Platte steckt. Aus der Frage, wie man die Zusammenarbeit innerhalb der Band mit neuen Aufgaben vertiefen könnte, entstand letztlich neues Songmaterial und am Ende die hier nun vorliegende CD. Manfred Jäger hat die neuen Songs geschrieben, um sie im Proberaum mit den anderen Musikern zu erörtern, Ideen zu sammeln und diese gemeinsam umzusetzen. "Songform, Melodien, Texte, Riffs für Gitarre und Bass", so erzählte er weiter, waren komplett fertig, als er den Musikern sein Material vorstellte. Im Proberaum wurden sie live gespielt bevor es ins Studio ging. Dort entstanden Sounds und neue Ideen kamen hinzu. Hilfe kam auch von außen, denn mit Tonmeister Marcus Seiler, der die Scheibe letztlich auch produzierte, hatten sie einen weiteren Ideengeber bei den Aufnahmen dabei. Der Arbeitsprozess von der ersten Idee bis zur fertigen CD dauerte insgesamt drei Jahre. Eigentlich sollte es eine Sammlung von Liedern werden, die für die Aufnahme eines Debüt-Albums reicht. Aus dieser Sammlung auf den ersten Blick inhaltlich verschiedener Songs ist dann aber eine Art Konzeptalbum geworden, auf dem die Lieder mit einer Rahmengeschichte verbunden sind, und die ein Sprecher mit seinen Zwischentexten miteinander verknüpft. Auch wenn Manfred Jäger es wegen seines Facettenreichtums nicht als ein solches bezeichnen würde, ist die Verwandtschaft dieses Albums mit anderen großen Konzeptalben kaum überhörbar.
Das Album startet mit dem Stück "Bar jeder Vernunft", und schon klingelt es in mir. Ich werde an die Musik der späten 60er und frühen 70er und an BLOOD SWEAT & TEARS erinnert, oder - um mal auf deutschem Boden zu bleiben - an die legendäre Jazzrock-Gruppe PANTA RHEI. Bläser läuten eine Jazzrock-Nummer ein, die sofort bei mir ankommt. Der Einsatz eines Flügelhorns, gespielt von Farina Baßfeld, das der ganzen Nummer so richtig die Würze und den Bezug zu eben erwähnten Bands gibt, macht die Sache richtig spannend - oft hört man das Instrument in der populären Musik ja nicht mehr. Eine funky Gitarre und die unaufgeregt spielende Rhythmus-Fraktion liefern den Rest für eine gelungene Nummer. Nun hatte die Gruppe PANTA RHEI eine Sängerin wie Veronika Fischer, die derlei Songs mit Leben füllen konnte (und heute sicher noch immer könnte). Die hat LAURAS ALIBI leider nicht. Während die Band ein Arrangement vom Feinsten vorgelegt hat, legt sich darüber die nicht zum Song passende und (zumindest hier) ziemlich dünne Stimme Julia Tadychs. Es fehlt mir leider die Dynamik und das gewisse Etwas, das das Stück unbedingt gebraucht hätte. Vielmehr bewegt sie sich gesanglich auf einer gleichbleibenden Höhe, die mich an keiner Stelle des Openers anfasst, und wegen der auch der Inhalt des Songs ein wenig in den Hintergrund tritt. Schade ...
Ganz anders beim Titel "Gier Macht Krieg". Ein radiotauglicher Song in feinstem Rock/Pop-Arrangement und mit einer Sängerin, die verschärft an Claudia Brücken (Ex-Propaganda) erinnert. Die Symbiose aus Musik und Julia Tadychs Gesang geht hier voll auf und beide Elemente bilden ein harmonisches Ganzes, das richtig Spaß macht und die Botschaft des Stücks sehr gut vermittelt. Inhaltlich geht es um unser Konsumverhalten in einer Welt des Überflusses und des Rund-um-die-Uhr-einkaufen-könnens. Die Fragen, wo das her kommt, auf welche Kosten wir so gut leben und wer unter unserem "immer-alles-haben-wollen" letztlich leidet, stellen sich aber leider nur wenige Menschen.
Ein bisschen bluesig, ein bisschen funky - im Refrain angejazzt ... so kommt das Lied "Lauf der Dinge" daher. Sehr gut gefällt der Einsatz einer Orgel, der dem Stück einen dezenten 70er-Jahre-Anstrich verleiht. Im krassen Gegensatz zu diesem Song steht "Das Meer". Das Stück startet wie ein klassischer Titel eines Liedermachers. Gitarre, Gesang ... fertig. Viel mehr "Action" wird es nicht geben, auch wenn nach knapp einer Minute die Band mit Schlagzeug, Bass und Gitarre einsteigt. Poetisch, ja fast schon lyrisch, wird das Meer hier beschrieben - die Interpretation dieses Textes sollte dem Hörer überlassen werden, kann man hier letztlich mehrere Botschaften für sich entdecken.
Einen Song weiter landen wir wieder im jazzigen Bereich. "Acht" räumt sowohl dem Flügelhorn als auch der zwei Songs zuvor noch als sehr angenehm empfundenen Orgel Platz ein. Leider kann mich Julia Tadychs Gesang auch hier wieder nicht erreichen. Ich möchte der Sängerin wirklich nicht Unrecht tun, aber ich empfinde ihren Beitrag in dieser Nummer eher störend und sowohl der Songidee als auch der musikalischen Umsetzung nicht zuträglich.
Beim Song "Mit Dir" ist mein Empfinden wieder ein ganz anderes. Auch hierbei handelt es sich um einen an den Jazz angelehnten Titel, der mit Pop- und Ambient-Elementen versehen eine fast schon eigene Richtung vorgibt. Julias Gesang ist hier nicht großartig anders, aber er passt eben besser zu diesem Stück als zu anderen. Ebenfalls eine gute Leistung zeigt die Sängerin im Stück "Kaleidoskop", einer Ballade mit herrlicher Melodie, einem träumerischen Text und einem beeindruckend schönen Refrain.
"bar jeder vernunft" ist ein sehr vielseitiges Album, dass das musikalische Interesse des kreativen Kopfes von LAURAS ALIBI, Manfred Jäger, und seiner Bandkollegen wiederspiegelt. Meine Frage nach der musikalischen Klammer, beantwortete mir Jäger mit den Worten, "Ich mag Jazz und Blues, Soul und Funk, afrikanische Musik, Popmusik, Rockmusik und und und ...", und viele dieser Vorlieben finden sich in den Liedern von LAURAS ALIBI wieder. Lediglich das Grundgerüst aus Schlagzeug, Bass und Gitarre ist immer vertreten. Weitere Instrumente eröffnen unbegrenzte Möglichkeiten, aus denen sich die Musiker auch fleißig bedienen. Ein Flügelhorn in Verbindung mit dem eben erwähnten Grundgerüst lässt Jazz-Songs entstehen und die gesamte Band verliert sich im Spiel. Ein Keyboard, das wunderbare Orgelklänge erzeugt, führt LAURAS ALIBI zurück in die 70er Soul- und Funk-Ära. Auch hier wirkt die Band als homogenes Ganzes, was bei der Vielzahl an Stilen schon etwas überrascht. Und das Album ist voll mit diesen Spielereien und dem Ausleben von Ideen. Es ist aber auch den verschiedenen Vorlieben der einzelnen Musiker zu verdanken, dass "bar jeder vernunft" so abwechslungsreich geworden ist. Hat man nur Musiker in seiner Band, die alle auf der selben Welle schwimmen, ist es sicherlich sehr viel schwerer ein solches Album aufzunehmen und in Tiefen vorzudringen, die man nur durch ein gegenseitiges Befruchten mit unterschiedlichen Ideen und Vorlieben erreichen kann. Es tut mir wirklich leid, dass ich die Gesangsleistung von Julia Tadych mehrfach kritisieren musste, aber so habe ich ihn mehrfach empfunden und gehört. Vielleicht ergibt sich mal die Möglichkeit, dass ich die Dame treffe und sie mich vom Gegenteil überzeugt. Dann schreibe ich die Rezension gerne nochmal neu. Aber ernsthaft: Vielleicht sollte die Band die Aufgabe "Gesang" auf mehrere Schultern verteilen, wenn sie den Weg der Abwechslung und das Arbeiten mit verschiedenen Stilistiken weiter verfolgen will - immerhin hat sie zwei Sängerinnen in ihren Reihen, denn Martha Grüner gehört auch dazu, auch wenn sie auf der CD nur im Background zu hören ist. Es gibt nicht viele Sängerinnen, die gleichermaßen Rock, Pop, Jazz, Blues und Soul singen können. Das ist ja auch nichts Schlimmes, denn eine ausgebildete Opernsängerin würde schließlich auch keinen Heavy Metal-Song singen. Wenn es aber um das Aufnehmen von Songs für eine CD geht, sollte man die Möglichkeiten besser ausloten, als ein Mitglied der Band alles vortragen zu lassen. Trotzdem ist die CD absolut empfehlenswert. Leute, die in der Musik auf Überraschungen, ein breites Angebot von Musik und inhaltlicher Tiefe stehen, sollten bei LAURAS ALIBI ruhig mal anklopfen.
(Christian Reder)

