Jens Böttcher: "VII: Die Wunden und die Wunder" (Album)
VÖ: 25.10.2024; Label: Timezone Records; Katalognummer: ohne; Musiker: Jens Böttcher (Gitarren, Gesang, Beats, Samples), Herr Svenson (Gitarren, Banjo, Bass), Mark Rosenbrock (Gitarre), Marc Steiner (Klavier, Bass, Orgel), Johannes Sommer (Flügel), Britta Johannsen (Gesang), Tobias Grimm (Schlagzeug), Anne Maren Falk (Cello), Karsten Deutschmann (Bass) , Janny Only (Gitarren), Dania König (Gesang); Bemerkung: Erscheint auf CD und digital. CD mit 6-seitigem Digipak, ohne Booklet und Texte;Titel: "Am Anfang und am Ende", "Sag Nein (Du bist ok)", "Sei ein Licht", "Die Wunden und die Wunder", "Kaffee und Zigaretten", "Wilde Liebe", "Unsichtbare Hände", "Gerade gekommen, gebeugt gegangen", "Wunder der Welt", "Wenn ich Fall", "Der Wind", "Zerbrechlich", "Überrascht", "Ungeschickter Brief", "Land in Sicht", "Solange deine Hand mich hält" |
Rezension:
Der vor den Toren Hamburgs lebende Musiker und Autor Jens Böttcher hat es sich zur Gewohnheit gemacht, seine regulären Alben mit römischen Ziffern durchzunummerieren. "VII - Die Wunden und die Wunder" ist also sein siebtes Solo-Werk in rund 20 Jahren, wobei es einige musikalische Nebenprojekte und etliche Buchveröffentlichungen gab, dazu TV-Produktionen und Podcasts. Das hier vorgestellte Album hat noch eine "Schwester", die allerdings zunächst denen vorbehalten bleibt, die per Crowdfunding die Arbeit des Künstlers unterstützt und die Aufnahmen ermöglicht haben.
Ich beschränke mich also auf dieses regulär erschienene Album, und das bietet mit 16 Songs allein schon eine beachtliche Materialfülle. Dabei ist es bei aller Stilvielfalt ein sehr geschlossen und am Ende rund wirkendes Werk, das auch Musikfreunden, denen Jens Böttcher bisher kein Begriff war, einen ausgezeichneten Einstieg in seine Welt bietet. Wer seine Songkunst kennt, findet Vertrautes gepaart mit einigen überraschenden neuen Sounds. Einerseits ist Jens Böttcher bei diesem Album völlig seinem eigenen Geschmack gefolgt und hat sich, was musikalische Experimente betrifft, von niemandem ausbremsen lassen, andererseits hat er viele musikalische Mitstreiter eingeladen, die ihn musikalisch unterstützen und die liebevoll arrangierte Stilvielfalt ermöglichen.
Ein wichtiger Pfeiler in Böttchers musikalischem Schaffen ist die amerikanische Gospelmusik, wie sie bei Hank Williams, Johnny Cash, aber auch Elvis Presley zu finden ist. Nach Anfängen im Punk und Emo-Rock waren es zwei wunderbare Duo-Alben mit Mark Rosenbrock, auf denen Jens Böttcher neben eigenen Songs deutsche Versionen von Gospelklassikern gespielt hat. Auf dem neuen Album gibt es nun wieder musikalische Kostproben dieses Stils und passend dazu ist auch Gitarrist Mark Rosenbrock auf der Liste der Mitwirkenden. Was die Lyrics betrifft, hat sich Jens Böttcher mit den Jahren gewandelt. Auch wenn ein Teil seiner Lieder mit biblischen Gedanken und Begriffen durchzogen ist, sind seine Texte heute so formuliert, dass sie auch für Nicht-Religiöse jederzeit begreifbar und vermutlich sogar in ihrer Botschaft nicht völlig fremd sind. Bob Dylan, Nick Cave, Leonard Cohen oder Van Morrison operieren auf diese Art, und es gibt in der neuen Jens-Böttcher-Kollektion sogar einige Anklänge an Werke dieser Songwriter, obwohl Texte und Musik offensichtlich ganz tief aus dem Herzen von Jens Böttcher kommen.
Es gibt eine gewisse Artverwandtschaft auch mit der deutschen Songpoeten-Szene, doch Böttcher ist mit seinen 58 Jahren und mit einer gewissen Lebenserfahrung ausgestattet; hinzu kommt seine künstlerische Unbeugsamkeit. Seine Texte sind trotz ihrer Poesie und des Bilderreichtums in der Regel einfach verständlich und nachvollziehbar. Sie handeln von Verlusten, Erschütterungen, Brüchen, aber immer wieder auch von Dankbarkeit, Zuversicht und Perspektiven. Eine elementare "Gospel"-Botschaft ist das Gefühl, in Krisen gehalten zu sein und weitergeführt zu werden. Am Anfang und am Ende des Albums stehen Lieder, die es wagen, in die Ewigkeit zu blicken. Zum Auftakt ein Lied, in dem der Musiker den Tod seiner Mutter verarbeitet. Das Ungewöhnlichste an diesem Lied ist für mich, dass es Jens Böttcher so exponiert platziert, doch Tod und Verlust sind für ihn eben nicht das Ende.
"Sag Nein (Du bist OK)" ist einer der lautstärkeren Songs. Das treibende Stück feiert den Mut zur Individualität. Mit "Sei ein Licht" und dem Titelsong folgen dagegen eher harmonische Folkrocknummern, ehe mit "Kaffee und Zigaretten" ein Song im "Americana"-Stil musikalisch an ältere Zeiten erinnert. Zu einem Lieblingssong von mir hat sich "Wilde Liebe" herauskristallisiert, der musikalisch eher sanft wie ein melancholischer Reinhard-Mey-Song ist und eine paradiesische Zweisamkeit inmitten einer privaten Bibliothek feiert, die ein "Garten" mit vielen intellektuellen Früchten und Freuden ist. Musikalisch und inhaltlich verwandt ist "Wunder der Welt", ein Lied das das bloße Sein und den punktuellen Einklang mit der Natur feiert; rhythmisch erscheint mir das Stück angelehnt an gregorianische Psalter. Im Kontrast zu diesem äußerst friedvollen Stück gibt es Lieder, die sich dem existenziellen Daseinskampf widmen, wobei die Botschaft vom "Gehalten Sein auch im Fallen" immer wieder durchdringt. Das wiederkehrende Motiv des "Windes", in dessen Sog sich der Liederdichter durchs Leben getragen fühlt, ist für Bibelkenner unschwer als Symbol für den "Geist Gottes" zu identifizieren. Andere werden sich fragen, ob sie diese Erfahrung im eigenen Leben auch kennengelernt haben, ohne sie mit Gott in Verbindung zu bringen.
Wie feinsinnig das Album zusammengestellt ist, kann man feststellen, wenn Bilder aus einzelnen Songs im übernächsten Stück wieder aufgenommen und weitergeführt werden. So sinniert der Musiker in der vorläufigen Lebensbilanz "Zerbrechlich" über eigene Lebenslügen, die zum Verlust des sicheren Bodens und der Orientierung führten, während er zum Ende des Albums in einem hoffnungsvollen Ausblick "Land in Sicht" vermelden kann. Den Schlusspunkt setzt der Gospelsong "Solange Deine Hand mich hält", der eine glaubwürdige Zuversicht verbreitet, gerade weil sie im Leben des Sängers schon ausreichend auf die Probe gestellt wurde.
Jetzt habe ich die kleine Rundreise durchs Album beendet, ohne auf die vielen reizvollen musikalischen Gimmicks eingegangen zu sein, die jedem der Stücke ein individuelles Gewand verpassen. Mal ist man erstaunt über softrockige Gitarren im Stil von Smokie oder den späten Eagles, dann identifiziert man einen funky Basslauf wie auf dem 1980er-Album von Queen oder eine Gitarre wie von einer 70er-Jahre Soulnummer. Die markante tiefe und verrauchte Stimme von Jens Böttcher wird hier und da dezent unterstützt; sehr schön klingt es, wenn er selbst mal eine Oberstimme singt.
Alles in allem könnte Jens Böttcher heuer sein stärkstes und reifstes Album gelungen sein. Es bietet jedenfalls beste Argumente dafür, ihm entweder weiterhin die Treue zu halten oder überhaupt erst in seine Musik einzusteigen.
(Rainer Buck)
Ich beschränke mich also auf dieses regulär erschienene Album, und das bietet mit 16 Songs allein schon eine beachtliche Materialfülle. Dabei ist es bei aller Stilvielfalt ein sehr geschlossen und am Ende rund wirkendes Werk, das auch Musikfreunden, denen Jens Böttcher bisher kein Begriff war, einen ausgezeichneten Einstieg in seine Welt bietet. Wer seine Songkunst kennt, findet Vertrautes gepaart mit einigen überraschenden neuen Sounds. Einerseits ist Jens Böttcher bei diesem Album völlig seinem eigenen Geschmack gefolgt und hat sich, was musikalische Experimente betrifft, von niemandem ausbremsen lassen, andererseits hat er viele musikalische Mitstreiter eingeladen, die ihn musikalisch unterstützen und die liebevoll arrangierte Stilvielfalt ermöglichen.
Ein wichtiger Pfeiler in Böttchers musikalischem Schaffen ist die amerikanische Gospelmusik, wie sie bei Hank Williams, Johnny Cash, aber auch Elvis Presley zu finden ist. Nach Anfängen im Punk und Emo-Rock waren es zwei wunderbare Duo-Alben mit Mark Rosenbrock, auf denen Jens Böttcher neben eigenen Songs deutsche Versionen von Gospelklassikern gespielt hat. Auf dem neuen Album gibt es nun wieder musikalische Kostproben dieses Stils und passend dazu ist auch Gitarrist Mark Rosenbrock auf der Liste der Mitwirkenden. Was die Lyrics betrifft, hat sich Jens Böttcher mit den Jahren gewandelt. Auch wenn ein Teil seiner Lieder mit biblischen Gedanken und Begriffen durchzogen ist, sind seine Texte heute so formuliert, dass sie auch für Nicht-Religiöse jederzeit begreifbar und vermutlich sogar in ihrer Botschaft nicht völlig fremd sind. Bob Dylan, Nick Cave, Leonard Cohen oder Van Morrison operieren auf diese Art, und es gibt in der neuen Jens-Böttcher-Kollektion sogar einige Anklänge an Werke dieser Songwriter, obwohl Texte und Musik offensichtlich ganz tief aus dem Herzen von Jens Böttcher kommen.
Es gibt eine gewisse Artverwandtschaft auch mit der deutschen Songpoeten-Szene, doch Böttcher ist mit seinen 58 Jahren und mit einer gewissen Lebenserfahrung ausgestattet; hinzu kommt seine künstlerische Unbeugsamkeit. Seine Texte sind trotz ihrer Poesie und des Bilderreichtums in der Regel einfach verständlich und nachvollziehbar. Sie handeln von Verlusten, Erschütterungen, Brüchen, aber immer wieder auch von Dankbarkeit, Zuversicht und Perspektiven. Eine elementare "Gospel"-Botschaft ist das Gefühl, in Krisen gehalten zu sein und weitergeführt zu werden. Am Anfang und am Ende des Albums stehen Lieder, die es wagen, in die Ewigkeit zu blicken. Zum Auftakt ein Lied, in dem der Musiker den Tod seiner Mutter verarbeitet. Das Ungewöhnlichste an diesem Lied ist für mich, dass es Jens Böttcher so exponiert platziert, doch Tod und Verlust sind für ihn eben nicht das Ende.
"Sag Nein (Du bist OK)" ist einer der lautstärkeren Songs. Das treibende Stück feiert den Mut zur Individualität. Mit "Sei ein Licht" und dem Titelsong folgen dagegen eher harmonische Folkrocknummern, ehe mit "Kaffee und Zigaretten" ein Song im "Americana"-Stil musikalisch an ältere Zeiten erinnert. Zu einem Lieblingssong von mir hat sich "Wilde Liebe" herauskristallisiert, der musikalisch eher sanft wie ein melancholischer Reinhard-Mey-Song ist und eine paradiesische Zweisamkeit inmitten einer privaten Bibliothek feiert, die ein "Garten" mit vielen intellektuellen Früchten und Freuden ist. Musikalisch und inhaltlich verwandt ist "Wunder der Welt", ein Lied das das bloße Sein und den punktuellen Einklang mit der Natur feiert; rhythmisch erscheint mir das Stück angelehnt an gregorianische Psalter. Im Kontrast zu diesem äußerst friedvollen Stück gibt es Lieder, die sich dem existenziellen Daseinskampf widmen, wobei die Botschaft vom "Gehalten Sein auch im Fallen" immer wieder durchdringt. Das wiederkehrende Motiv des "Windes", in dessen Sog sich der Liederdichter durchs Leben getragen fühlt, ist für Bibelkenner unschwer als Symbol für den "Geist Gottes" zu identifizieren. Andere werden sich fragen, ob sie diese Erfahrung im eigenen Leben auch kennengelernt haben, ohne sie mit Gott in Verbindung zu bringen.
Wie feinsinnig das Album zusammengestellt ist, kann man feststellen, wenn Bilder aus einzelnen Songs im übernächsten Stück wieder aufgenommen und weitergeführt werden. So sinniert der Musiker in der vorläufigen Lebensbilanz "Zerbrechlich" über eigene Lebenslügen, die zum Verlust des sicheren Bodens und der Orientierung führten, während er zum Ende des Albums in einem hoffnungsvollen Ausblick "Land in Sicht" vermelden kann. Den Schlusspunkt setzt der Gospelsong "Solange Deine Hand mich hält", der eine glaubwürdige Zuversicht verbreitet, gerade weil sie im Leben des Sängers schon ausreichend auf die Probe gestellt wurde.
Jetzt habe ich die kleine Rundreise durchs Album beendet, ohne auf die vielen reizvollen musikalischen Gimmicks eingegangen zu sein, die jedem der Stücke ein individuelles Gewand verpassen. Mal ist man erstaunt über softrockige Gitarren im Stil von Smokie oder den späten Eagles, dann identifiziert man einen funky Basslauf wie auf dem 1980er-Album von Queen oder eine Gitarre wie von einer 70er-Jahre Soulnummer. Die markante tiefe und verrauchte Stimme von Jens Böttcher wird hier und da dezent unterstützt; sehr schön klingt es, wenn er selbst mal eine Oberstimme singt.
Alles in allem könnte Jens Böttcher heuer sein stärkstes und reifstes Album gelungen sein. Es bietet jedenfalls beste Argumente dafür, ihm entweder weiterhin die Treue zu halten oder überhaupt erst in seine Musik einzusteigen.
(Rainer Buck)
Seh- und Hör-Bar:

VÖ: 25.10.2024; Label: Timezone Records; Katalognummer: ohne; Musiker: Jens Böttcher (Gitarren, Gesang, Beats, Samples), Herr Svenson (Gitarren, Banjo, Bass), Mark Rosenbrock (Gitarre), Marc Steiner (Klavier, Bass, Orgel), Johannes Sommer (Flügel), Britta Johannsen (Gesang), Tobias Grimm (Schlagzeug), Anne Maren Falk (Cello), Karsten Deutschmann (Bass) , Janny Only (Gitarren), Dania König (Gesang); Bemerkung: Erscheint auf CD und digital. CD mit 6-seitigem Digipak, ohne Booklet und Texte;