UNBEKANNT VERZOGEN: "Gangster der Liebe" (Album)
VÖ: 24.05.2024; Label: Corleemadmusic; Katalognummer: ohne; Musiker: Patricia "Patti" Heidrich (Gesang), Thomas Eichler (Gitarre), Karsten Schützler (Bass), Matthias Stolpe (Mundharmonika), Gerald Zaczyk (Schlagzeug); Texte: Patricia Heidrich, Werner Karma, Andreas Hählel, Henry-Martin Klemt, Musik: Karsten Schützler; Produzent: Karsten Schützler; Bemerkung: Dieses Album ist ausschließlich digital als Stream erhältlich. Man bekommt für 16,10 EUR über www.unbekannt-verzogen.net ein Buch mit QU-Codes, über die man die Songs im Internet hören kann;Titel: "So viele Jahre", "S-Bahn Blues", "Barrierefrei", "Astronauten", "Gangster der Liebe", "Göttlicher Blues", "Geburtstagslied", "Einmal im Leben", "Apfellied", "Lautloses Tropfen", "Schaukellied", "Jahrhundertsong", "November", "Winter in Spanien", "Was ich noch will" |
Rezension:
Wir feiern hier eine Premiere. Sowas hatten wir noch nicht auf dem Tisch! Ein neues Album gerät in der heutigen Zeit immer auf zwei Arten in Umlauf: Physisch auf CD oder Platte, und digital als Download oder Stream. Die Leute, die nach wie vor auf althergebrachte Weise Musik kaufen, schwören auf ein Produkt, das man in die Hand nehmen kann. Während die Platte munter vor sich hin knistert oder die CD im Player ihre Runden dreht, kann man schön im Booklet oder auf dem Cover schmökern, Bilder anschauen und Texte lesen. Musik hören ist für sie ein Ereignis. Das fällt bei der digitalen Version eines Albums ja bekanntlich aus. Die "Digitalos" schwören hingegen auf die Freiheit, ihre Musik überall hören zu können, egal wo man gerade ist. Einfach das Smartphone einschalten, und los geht's. Das kannste mit ´ner Vinyl ja eben nicht machen. Musik To Go, also … Genau wie Kaffee oder das Eis auf die Hand.
Das Album "Gangster der Liebe" von UNBEKANNT VERZOGEN ist ein Hybrid. Quasi eine Mischung aus Physisch und Digital, denn es liefert von allem ein bisschen: Was für zu Hause auf der Couch und was für unterwegs in Bus, Bahn oder im Auto. Das Album besteht aus einem gebundenen Buch in der Größe einer 7" Vinyl Single, in dem die Texte von Sängerin Patricia Heidrich, Werner Karma, Andreas Hähle und Henry-Martin Klemt, sowie eine ganze Menge schöner Fotografien von Patricia Heidrich abgedruckt sind. Ihm liegt jedoch kein physischer Tonträger bei, sondern hinter jedem Text, sowie am Ende des Buchs, sind QR-Codes abgedruckt, über die man sich in eine virtuelle Jukebox "einwählen" kann. Dort angekommen darf man sich die 15 neuen Lieder von Patti und ihren Jungs anhören. Auf dem Smartphone, dem PC oder dem Tablet. Überall und ohne eine große Stereoanlage mit sich rum schleppen zu müssen. Schöne neue Welt.
In ihr drittes Album starten die UNBEKANNT VERZOGENen mit einer textdichterischen Eigenschöpfung aus der Feder ihrer Frontfrau Patti. "So viele Jahre" ist ein wunderbarer Pop-Rocker mit Ohrwurmpotential, der auch gut und gerne von den RAINBIRDS hätte stammen können. Dann wäre er aber wohl auf Englisch erschienen. Die Kapelle hier setzt aber voll auf die eigene Muttersprache, und das ist auch gut so. Den Großteil der Inhalte auf diesem Werk haben dann auch Patti und Henry-Martin Klemt zu Papier gebracht, lediglich "Astronauten", "Winter in Spanien" (beide Werner Karma) und "Lautloses Tropfen" (Andreas Hähle) stammen aus einer anderen Quelle.
Wobei ich hier "Lautloses Tropfen" besonders hervorheben möchte. Nicht nur, weil es unser geschätzter und schwer vermisster Freund und Kollege Hähle geschrieben hat, sondern weil es einem inhaltlich extrem ans Fell geht. Es beschreibt - teils poetisch, teils voll auf die Zwölf - die Situation eines an Krebs erkrankten Menschen, der sich gerade den Torturen einer Chemotherapie aussetzt. Das "lautlose Tropfen" steht für nichts anderes als die Zufuhr des Medikaments über den Tropf in die Vene. Zu eher in Moll getauchten Tönen nimmt einen diese Ballade mit in die Gefühlswelt und den Moment, die sowohl Hähle als auch Patti durch- und erlebt haben. Mit dem Unterschied, dass Hähle leider nicht mehr da raus kam. Vom Inhalt, der Umsetzung, dem berührenden Gesang und der Musik her, ist es der stärkste Titel auf dem gesamten Album, das mit weiteren großen Nummern förmlich überladen ist. Näher dran kann man nicht sein, und aus erster Hand bekommt man es außerdem auch noch erzählt.
Ein waschechter Blues wird einem noch ein paar Songs zuvor gereicht. Der Name des Stücks verpetzt das allerdings auch schon. Dieser "S-Bahn Blues" aus der Feder von Patti ist auch einer der Vertreter, die die hier thematisierte Situation mit Worten so greifbar malen, als würde man sie gerade selbst live erleben. Gewürzt mit feinsten Blues-Tönen als Soundtrack.
Auch Werner Karma verstand es schon immer gut, Worte zu seinen Farben zu machen, um daraus die schönsten Bilder entstehen zu lassen. So auch in dem Text zu "Astronaut", den die UNBEKANNT VERZOGENen hier vertont haben. Und man könnte glauben, Paul McCartney wäre mit ihnen im Studio gewesen und hätte Karsten Schützlers Komposition in Musik umgesetzt. Vielleicht würden heute die BEATLES so klingen, wer weiß, aber auf jeden Fall klingt dieses wunderbare Berliner Tanzorchester UV so. Ein toller Song!
Wer sich bei der Nummer schon an die BEATLES erinnert fühlt, soll gleich mal ein paar Lieder weiter nach hinten wandern und beim "Apfellied" Halt machen. Artverwandter geht's eigentlich nicht mehr, und doch ist es UNBEKANNT VERZOGEN, die man hier hören kann. Eine unverkennbar deutliche Handschrift.
Heiter und beschwingt kommt "Barrierefrei" daher. Ja, fast schon sommerlich-luftig-leicht klingt diese Hymne auf das "Andersseien", wobei man ja gar nicht mehr genau sagen kann, wer anders ist und wer normal. Wir alle haben Talente, können etwas besonders gut und "jeder Mensch ist wie ein rohes Ei". Ja, und jeder von uns hat auch ´ne Macke. Wunderbar eingefangen ist das alles in dem Text von Patti über … genau … die "Barrierefreiheit".
Ein Hauch Tom Petty wandert durch die gute Stube, wenn man sich den Abschluss-Song "Was ich noch will" anhört. Ganz im Stil von "Free Fallin'" musiziert das Ensemble hier entspannt und relaxt vor sich hin, während uns Patti mit wunderbaren Worten erklärt, was sie gern noch erleben will und was ihr wichtig ist. Ein herrlicher Schlusspunkt hinter einem Album, das vor Abwechslung und Lebensfreude nur so strotzt.
Damit sind wir auch beim Fazit: Abwechslung und Freude am Leben und der Kunst klingen hier aus jedem Ton. Alles passt, alles groovt und alles ist im Fluss. "Gangster der Liebe" ist das bisher stärkste Album der Band und zeigt seine Frontfrau auf dem Höhepunkt ihres Schaffens. Nicht nur in Sachen Texte, insbesondere auch in Sachen Gesang. Als Texterin ist Patti längst in die Sphären eines Werner Karma und eines Andreas Hähle vorgedrungen. Sollte SILLY alsbald mal ein neues Album planen, sollten sie sich mal an die Dame aus ihrer Nachbarschaft wenden. Das kann nur gut werden.
Eigentlich … ja, eigentlich wünscht man sich nach dem Hören eine Vinyl-Scheibe, eine gute Anlage und einen passenden Moment, um sich das alles noch mal "richtig" reinziehen zu können. Aber leider gibt es diese hochwertige Musik nur in minderer Qualität auf dem Smartphone oder einem anderen Endgerät mit schwacher Soundleistung. Im Idealfall haste noch ´n PC mit guten Boxen. Das steht im krassen Kontrast zu dem liebevoll gestalteten Buch mit seinen Fotos und den Texten, und absolut zu den tollen Arrangements und den wundergaren Melodien. Die Band klingt großartig, die Lieder sind perfekt ausgearbeitet und in Szene gesetzt, und man ist nach dem "Verzehr" so richtig hungrig auf ein Live-Erleben dieser Lieder, die einem dann sicher in besserem Klang um die Ohren wehen werden. Trotzdem ist diese für uns als Premiere ins Haus geflatterte VÖ von der Art ihrer Darreichung modern, praktisch und voll im Trend. Man muss das nicht mögen, aber die Musik holt Dich dafür umso mehr ab. Dafür reist man dann auch mal in die Smartphone-Welt um Patti und der Band zu lauschen. Aber demnächst am besten doch wieder live… und vielleicht im Nachgang doch noch physisch?
(Christian Reder)
Das Album "Gangster der Liebe" von UNBEKANNT VERZOGEN ist ein Hybrid. Quasi eine Mischung aus Physisch und Digital, denn es liefert von allem ein bisschen: Was für zu Hause auf der Couch und was für unterwegs in Bus, Bahn oder im Auto. Das Album besteht aus einem gebundenen Buch in der Größe einer 7" Vinyl Single, in dem die Texte von Sängerin Patricia Heidrich, Werner Karma, Andreas Hähle und Henry-Martin Klemt, sowie eine ganze Menge schöner Fotografien von Patricia Heidrich abgedruckt sind. Ihm liegt jedoch kein physischer Tonträger bei, sondern hinter jedem Text, sowie am Ende des Buchs, sind QR-Codes abgedruckt, über die man sich in eine virtuelle Jukebox "einwählen" kann. Dort angekommen darf man sich die 15 neuen Lieder von Patti und ihren Jungs anhören. Auf dem Smartphone, dem PC oder dem Tablet. Überall und ohne eine große Stereoanlage mit sich rum schleppen zu müssen. Schöne neue Welt.
In ihr drittes Album starten die UNBEKANNT VERZOGENen mit einer textdichterischen Eigenschöpfung aus der Feder ihrer Frontfrau Patti. "So viele Jahre" ist ein wunderbarer Pop-Rocker mit Ohrwurmpotential, der auch gut und gerne von den RAINBIRDS hätte stammen können. Dann wäre er aber wohl auf Englisch erschienen. Die Kapelle hier setzt aber voll auf die eigene Muttersprache, und das ist auch gut so. Den Großteil der Inhalte auf diesem Werk haben dann auch Patti und Henry-Martin Klemt zu Papier gebracht, lediglich "Astronauten", "Winter in Spanien" (beide Werner Karma) und "Lautloses Tropfen" (Andreas Hähle) stammen aus einer anderen Quelle.
Wobei ich hier "Lautloses Tropfen" besonders hervorheben möchte. Nicht nur, weil es unser geschätzter und schwer vermisster Freund und Kollege Hähle geschrieben hat, sondern weil es einem inhaltlich extrem ans Fell geht. Es beschreibt - teils poetisch, teils voll auf die Zwölf - die Situation eines an Krebs erkrankten Menschen, der sich gerade den Torturen einer Chemotherapie aussetzt. Das "lautlose Tropfen" steht für nichts anderes als die Zufuhr des Medikaments über den Tropf in die Vene. Zu eher in Moll getauchten Tönen nimmt einen diese Ballade mit in die Gefühlswelt und den Moment, die sowohl Hähle als auch Patti durch- und erlebt haben. Mit dem Unterschied, dass Hähle leider nicht mehr da raus kam. Vom Inhalt, der Umsetzung, dem berührenden Gesang und der Musik her, ist es der stärkste Titel auf dem gesamten Album, das mit weiteren großen Nummern förmlich überladen ist. Näher dran kann man nicht sein, und aus erster Hand bekommt man es außerdem auch noch erzählt.
Ein waschechter Blues wird einem noch ein paar Songs zuvor gereicht. Der Name des Stücks verpetzt das allerdings auch schon. Dieser "S-Bahn Blues" aus der Feder von Patti ist auch einer der Vertreter, die die hier thematisierte Situation mit Worten so greifbar malen, als würde man sie gerade selbst live erleben. Gewürzt mit feinsten Blues-Tönen als Soundtrack.
Auch Werner Karma verstand es schon immer gut, Worte zu seinen Farben zu machen, um daraus die schönsten Bilder entstehen zu lassen. So auch in dem Text zu "Astronaut", den die UNBEKANNT VERZOGENen hier vertont haben. Und man könnte glauben, Paul McCartney wäre mit ihnen im Studio gewesen und hätte Karsten Schützlers Komposition in Musik umgesetzt. Vielleicht würden heute die BEATLES so klingen, wer weiß, aber auf jeden Fall klingt dieses wunderbare Berliner Tanzorchester UV so. Ein toller Song!
Wer sich bei der Nummer schon an die BEATLES erinnert fühlt, soll gleich mal ein paar Lieder weiter nach hinten wandern und beim "Apfellied" Halt machen. Artverwandter geht's eigentlich nicht mehr, und doch ist es UNBEKANNT VERZOGEN, die man hier hören kann. Eine unverkennbar deutliche Handschrift.
Heiter und beschwingt kommt "Barrierefrei" daher. Ja, fast schon sommerlich-luftig-leicht klingt diese Hymne auf das "Andersseien", wobei man ja gar nicht mehr genau sagen kann, wer anders ist und wer normal. Wir alle haben Talente, können etwas besonders gut und "jeder Mensch ist wie ein rohes Ei". Ja, und jeder von uns hat auch ´ne Macke. Wunderbar eingefangen ist das alles in dem Text von Patti über … genau … die "Barrierefreiheit".
Ein Hauch Tom Petty wandert durch die gute Stube, wenn man sich den Abschluss-Song "Was ich noch will" anhört. Ganz im Stil von "Free Fallin'" musiziert das Ensemble hier entspannt und relaxt vor sich hin, während uns Patti mit wunderbaren Worten erklärt, was sie gern noch erleben will und was ihr wichtig ist. Ein herrlicher Schlusspunkt hinter einem Album, das vor Abwechslung und Lebensfreude nur so strotzt.
Damit sind wir auch beim Fazit: Abwechslung und Freude am Leben und der Kunst klingen hier aus jedem Ton. Alles passt, alles groovt und alles ist im Fluss. "Gangster der Liebe" ist das bisher stärkste Album der Band und zeigt seine Frontfrau auf dem Höhepunkt ihres Schaffens. Nicht nur in Sachen Texte, insbesondere auch in Sachen Gesang. Als Texterin ist Patti längst in die Sphären eines Werner Karma und eines Andreas Hähle vorgedrungen. Sollte SILLY alsbald mal ein neues Album planen, sollten sie sich mal an die Dame aus ihrer Nachbarschaft wenden. Das kann nur gut werden.
Eigentlich … ja, eigentlich wünscht man sich nach dem Hören eine Vinyl-Scheibe, eine gute Anlage und einen passenden Moment, um sich das alles noch mal "richtig" reinziehen zu können. Aber leider gibt es diese hochwertige Musik nur in minderer Qualität auf dem Smartphone oder einem anderen Endgerät mit schwacher Soundleistung. Im Idealfall haste noch ´n PC mit guten Boxen. Das steht im krassen Kontrast zu dem liebevoll gestalteten Buch mit seinen Fotos und den Texten, und absolut zu den tollen Arrangements und den wundergaren Melodien. Die Band klingt großartig, die Lieder sind perfekt ausgearbeitet und in Szene gesetzt, und man ist nach dem "Verzehr" so richtig hungrig auf ein Live-Erleben dieser Lieder, die einem dann sicher in besserem Klang um die Ohren wehen werden. Trotzdem ist diese für uns als Premiere ins Haus geflatterte VÖ von der Art ihrer Darreichung modern, praktisch und voll im Trend. Man muss das nicht mögen, aber die Musik holt Dich dafür umso mehr ab. Dafür reist man dann auch mal in die Smartphone-Welt um Patti und der Band zu lauschen. Aber demnächst am besten doch wieder live… und vielleicht im Nachgang doch noch physisch?
(Christian Reder)
Seh- und Hör-Bar:

VÖ: 24.05.2024; Label: Corleemadmusic; Katalognummer: ohne; Musiker: Patricia "Patti" Heidrich (Gesang), Thomas Eichler (Gitarre), Karsten Schützler (Bass), Matthias Stolpe (Mundharmonika), Gerald Zaczyk (Schlagzeug); Texte: Patricia Heidrich, Werner Karma, Andreas Hählel, Henry-Martin Klemt, Musik: Karsten Schützler; Produzent: Karsten Schützler; Bemerkun