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Ihre Kinder: "Alle Singles A & B Seiten" (Album)

ihrekinder 0 20260930 1679478412VÖ: 18.09.2026; Label: Sireena Records; Vertrieb: Broken Silence; Katalognummer: CD SIR 2267, Musiker: Ernst Schultz (Gitarre, Bass, Mandoline, Percussion, Gesang), Sonny Hennig (Orgel, Klavier, Gitarre, Gesang), Georg Meyer (Flöte, Violine, Orgel, Klavier, Percussion, Gesang), Muck Groh (Gitarre, Posaune), Tommi Roeder (Bass, Gitarre, Klavier, Orgel, Saxophon, Gesang), Olders Frenzel (Schlagzeug, Percussion, Gitarre); Bemerkung: Dieses Album ist ausschließlich auf CD erschienen. Es kommt im aufklappbaren Papp-Cover inkl. einer kurzen Biografie und zahlreichen Abbildungen. Leider ohne Abdruck der Texte;

Titel:
"Hilf mir", "Würfelspiel", "Die graue Stadt", "Komm zu Dir", "Spinne im Netz", "Stunden", "Fließbandlied", "Ein Lied für Dich", "Kalenderblatt", "Aussteiger-Blues", "The Dice", "Pik As" (Sonny Hennig/Ernst Schultz), "Kirchenlied" (Sonny Hennig/Ernst Schultz), "Gorilla, Du Desperado" (Ernst Schultz), "Lass mich weiter schlafen" (Ernst Schultz), "Du willst gehen" (Ernst Schultz), "Summertime Blues" (Ernst Schultz), "It's Great" (Jonah & The Whales), "It Ain't Me Babe" (Jonah & The Whales)


 

Das Gerücht, dass Udo Lindenberg die deutsche Rockmusik irgendwann in den Siebzigern ganz alleine erfunden hat, ist ja schon längst abgeräumt. Trotzdem hält es sich hartnäckig. Dabei waren auch RENFT und die PUHDYS früh damit beschäftigt, deutsche Texte mit zeitgemäßer Rockmusik zu verbinden. Und vor allem wird bei solchen Geschichtsstunden gerne eine Band aus Nürnberg übersehen: IHRE KINDER brachten bereits 1969 auf Platte zusammen, was damals für viele offenbar noch nicht zusammengehörte. Rockmusik und deutsche Texte! Konnte das überhaupt gutgehen? Es konnte. Lange bevor Lindenberg damit seinen Durchbruch feierte, hatten die Franken längst den Verstärker eingeschaltet und etwas zu sagen.

Wer sich davon überzeugen möchte, bekommt nun eine schöne Gelegenheit dazu. SIREENA Records hat mit "Alle Singles A & B Seiten" eine Zusammenstellung veröffentlicht, die sich der Geschichte dieser Band einmal von der kleinen schwarzen Scheibe her nähert. Während die Alben von IHRE KINDER im Laufe der Jahre mehrfach wiederaufgelegt wurden, stehen hier ihre Single-Veröffentlichungen im Mittelpunkt. Dazu kommen Soloarbeiten und Aufnahmen aus der Vorgeschichte. Insgesamt 19 Titel ergeben so einen Streifzug, der über eine bloße Sammlung bekannter Bandnummern erfreulich weit hinausgeht. Dabei waren die Singles seinerzeit keineswegs als Frontalangriff auf die Hitparade gedacht. Wie Ernst Schultz rückblickend erzählt, sollten sie vor allem den Rundfunkstationen die Musik der Band schmackhaft machen. Die kleine Platte als Türöffner ins Radio also. Für eine Karriere zwischen Schlagerlächeln und großer Samstagabendunterhaltung brachte diese Truppe ohnehin denkbar ungünstige Voraussetzungen mit: eigene Vorstellungen, unbequeme Texte und wenig Neigung, die Wirklichkeit mit Zuckerguss zu überziehen. Immerhin fanden sich aufgeschlossene Radiomacher wie Frank Laufenberg, die den Nürnbergern Gehör verschafften.

Mit "Hilf mir" und "Würfelspiel", beide vom Album "Leere Hände", beginnt die eigentliche Single-Geschichte. Schon dieses Doppel zeigt, weshalb IHRE KINDER mehr waren als eine Protestliedgruppe mit angeschlossener Steckdose. Ihre Musik schöpfte aus Beat, Blues und Rock, ließ Raum für folkige Farben und scheute auch Ausflüge in den Jazzrock nicht. Dazu kamen Texte, die sich mit Drogen, gesellschaftlicher Ausgrenzung, Rassismus und den Zumutungen des Alltags beschäftigten. Die Welt war schließlich auch damals nicht ausschließlich aus Schmetterlingen und frisch verliebten Menschen zusammengesetzt. "Hilf mir" gehört mit seiner bedrückenden Drogenthematik zu den besonders eindringlichen Beispielen dieser Haltung. "Würfelspiel" wiederum bezeichnet Schultz rückblickend sogar als eine frühe Punknummer. Das muss man nicht gleich als weiteren Antrag beim Patentamt der Rockgeschichte verstehen. Es beschreibt aber treffend den Anspruch, direkt, rau und ohne übertriebene Rücksicht auf gepflegte Unterhaltung zur Sache zu gehen.

Mit "Die graue Stadt" folgt ein Stück vom Album "Werdohl", dessen trostloses Stadtbild bestens in diese Gedankenwelt passt. Die damalige Single-Rückseite "Komm zu dir" stammte hingegen bereits vom Vorgänger "2375004", besser bekannt als das "Jeans-Album". Interessantes Detail am Rande: Mit diesem "Jeans-Album", bei der die Erstauflage tatsächlich in einem Cover aus Jeans-Stoff steckte, waren IHRE KINDER auch den britischen Kollegen von den Rolling Stones um ein Jahr voraus. Deren 1971er Scheibe "Sticky Fingers" besaß in seiner Originalversion ein von Andy Warhol entworfenes Cover mit einem echten, funktionierenden Reißverschluss und Jeans-Design. Ob dies Zufall war oder man sich auf der Insel von den "Krauts" inspirieren ließ, ist hier nicht überliefert ??. Auch "The Dice", die englischsprachige Variante von "Würfelspiel", ist auf dieser CD vertreten. Damit öffnet sich ein kleines Fenster zu den damaligen Versuchen, die Musik auch außerhalb des deutschen Sprachraums unterzubringen. Dass der Titel außerdem auf einer italienischen Split-Single mit ETERNITY auftauchte, gehört zu den Kuriositäten dieser Geschichte: Laut Kuckuck-Chef Rahn handelte es sich dabei um eine nicht autorisierte Veröffentlichung. Auch damals nahm es offenbar nicht jeder so genau mit der Frage, wen man vor dem Plattenpressen vielleicht einmal hätte anrufen sollen.

Die Zusammenstellung bleibt allerdings nicht in den frühen Siebzigern stehen. Mit "Kalenderblatt" und "Aussteiger Blues" ist auch das Comeback-Album "Heute" von 1984 vertreten. Gerade hinter dem "Aussteiger Blues" verbirgt sich eine herrliche Geschichte. Die Textvorlage lieferte nämlich ausnahmsweise kein Bandmitglied, sondern der Nürnberger Nahverkehr: Eine Anweisung zum Betätigen des Halteknopfes brachte die Musiker auf die Idee. Andere brauchen für einen Song eine gescheiterte Ehe, eine Weltreise oder wenigstens drei Tage Regen. Bei IHRE KINDER konnte offenbar schon eine Straßenbahnfahrt genügen.

Dass diese Band musikalisch einiges im Werkzeugkasten hatte, erklärt auch ein Blick auf ihre damalige Besetzung. Ernst Schultz und Sonny Hennig bildeten die beiden zentralen kreativen Kräfte, doch ringsherum standen keineswegs bloß Statisten mit Instrumenten. Schultz steuerte neben Gesang und Gitarre auch Bass, Mandoline und Percussion bei, Hennig bediente Orgel und Klavier und griff ebenfalls zur Gitarre. Georg Meyer erweiterte das Klangspektrum unter anderem um Flöte und Violine, Muck Groh brachte neben seiner Gitarre eine Posaune ins Spiel. Tommi Roeder wechselte zwischen Bass, Gitarre, Tasteninstrumenten und Saxophon, während Olders Frenzel für Schlagzeug und Percussion zuständig war und ebenfalls Gitarre spielte. Bei dieser Aufgabenverteilung dürfte schon das Beladen des Bandbusses eine anspruchsvolle Gemeinschaftsleistung gewesen sein.

Nach elf Titeln von IHRE KINDER richtet die CD den Blick auf die musikalischen Nebenwege ihrer Mitglieder. Das ist eine sinnvolle Erweiterung, denn eine Bandgeschichte hört schließlich nicht automatisch dort auf, wo ein anderer Name auf dem Plattenetikett steht. Sonny Hennig, der 2019 starb, ist mit "Pik As" aus seinem Soloalbum "Tränengas" von 1979 vertreten. Ernst Schultz begegnet uns mit "Kirchenlied" aus "Paranoia Picknick" sowie den späteren Single-Titeln "Gorilla, Du Desperado", "Lass mich weiter schlafen", "Du willst geh'n" und "Summertime Blues". Diese Auswahl macht deutlich, dass die Beteiligten auch außerhalb der gemeinsamen Band genügend eigene Ideen und musikalische Neugier mitbrachten. Mit der auf Warren Zevon zurückgehenden Nummer "Gorilla, Du Desperado" findet sich darunter zudem ein Titel, der schon auf dem Papier wenig nach gepflegter deutscher Unterhaltungskost aussieht. Den Schlusspunkt setzt ausgerechnet der Anfang: Zwei Aufnahmen von JONAH & THE WHALES führen zurück ins Jahr 1965. In dieser Vorgängerformation waren Hennig und Schultz bereits gemeinsam unterwegs. "It's Great", ursprünglich von den MONOTONES, und Bob Dylans "It Ain't Me Babe" dokumentieren ihre frühen Beat-Tage. Für die Zusammenstellung ist das ein besonders schöner Abschluss, weil hier die Wurzeln jener Musiker sichtbar werden, die wenig später ihren eigenen Weg mit deutschen Texten einschlagen sollten. Statt die Geschichte mit einem letzten Blick zurück zu beenden, dreht die CD gewissermaßen noch einmal ganz an ihren Ausgangspunkt.

Der Reiz von "Alle Singles A & B Seiten" liegt deshalb nicht allein darin, verstreute Veröffentlichungen bequem an einem Ort zu versammeln. Die CD zeigt eine Band im Zusammenhang: ihre frühen Versuche, mit deutschsprachigem Rock Gehör zu finden, die späteren Wiederannäherungen und die individuellen Wege ihrer Köpfe. Dabei stehen die kleinen Platten im Mittelpunkt, die damals vor allem Aufmerksamkeit schaffen sollten und heute selbst ein Stück Musikgeschichte erzählen. Ob IHRE KINDER nun bei jeder denkbaren Disziplin des Deutschrock die allererste Startnummer trugen, darf die musikhistorische Stammtischrunde gerne weiter ausdiskutieren. Ihre Pionierrolle braucht jedenfalls keinen Siegerpokal. Diese Zusammenstellung erinnert daran, wie früh in Nürnberg bereits eigenständige, unbequeme und vielseitige Rockmusik mit deutschen Worten entstand. Für langjährige Freunde ist sie eine reizvolle Ergänzung der Sammlung, für Neugierige ein guter Einstieg mit einigen überraschenden Abzweigungen. Und ganz nebenbei hält sie die Erinnerung an Sonny Hennig und den 2023 verstorbenen Georg Meyer wach. Eine verdienstvolle Veröffentlichung - und ein guter Anlass, beim nächsten Gespräch über die Anfänge des Deutschrock auch einmal die Franken zu Wort kommen zu lassen. Vermutlich wird aber weiterhin Udo Lindenberg als der Pionier genannt werden, ebenso, wie Peter Maffay für manche immer noch der Erfinder von "Über sieben Brücken" ist.
(Christian Reder)





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