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Ein Beitrag von Christian Reder. Fotos: Potsch Potschka privat



Grauer Himmel, leichter Regen und irgendwas um die 3 Grad hatte es an diesem 1. März im Jahre 1952. Ungemütlich und eigentlich nichts, was einen in die Welt hinaus locken könnte. Doch genau diesen Tag in der Übergangszeit zwischen Winter und Frühling Anfang der Fuffziger suchte sich Bernhard Potschka aus, um in Würzburg sein Leben zu beginnen. In dieser Woche jährte sich dieser Tag zum 70. Mal und wir stoßen mit ihm aus der Ferne darauf und auf das Glück, dass er den Weg als genialer Gitarrist und Musikmacher zu uns gefunden hat, an …

001 20220304 1087454529Der Weg zu uns begann auf einem musischen Gymnasium, an dem die Musik ein wichtiger Teil der Ausbildung war. "Potsch", wie er genannt wird, lernte dort Notensätze und wurde klassisch an Cello und Klavier ausgebildet. Mit 16 griff er das erste Mal zur Gitarre und bog sich das Spielen auf den sechs Saiten bei. Die erste Band, in der er sich ausprobieren konnte, war Ende der 60er Jahre eine Kapelle namens POZZOKKO, mit der er nicht nur zum Tanz irgendwelche Fremdtitel, sondern schon die ersten eigenen Rocksongs spielte. Es wurde viel experimentiert und bei Muggen teilweise auch einfach nur improvisiert. Eine Zeit, aus der er für die Zukunft viel mitnehmen konnte. Knapp vier Jahre blieb er, dann zog es den jungen "Potsch" nach Berlin, um an der dortigen Hochschule Cello zu studieren.

In dieser Zeit, die man sich heute kaum noch vorstellen kann, hatte er das große Glück, ohne irgendwelchen Erfolgsdruck einfach nur Musik machen zu können. Im Radio waren noch echte DJs tätig, die wirklich allem eine Chance gaben, Hauptsache es war innovativ und anders als das Zeug aus der Schlagerwelt. Dies eröffnete jungen Bands und Musikern völlig andere Möglichkeiten, als es sie für den Nachwuchs heute gibt und bescherte dem Publikum eine große Auswahl an Stilen und Inhalten. Paradiesische Verhältnisse für alle Beteiligten. Auf der Suche nach guten und gleichgesinnten Musikern, um die eigenen Ideen umzusetzen und Teil dieses bunten Zirkus werden zu können, fand "Potsch" lange Zeit nicht die richtigen Leute. Nach langem Suchen landete er 1973 schließlich bei der Politrock-Formation LOKOMOTIVE KREUZBERG, die ihrerseits einen neuen Gitarristen suchten. Dort machte "Potsch" nicht nur weitere Berufserfahrungen, sondern lernte auch, sich und seine Kunst zu vermarkten. Aufgaben, die heute ein Manager oder damals große Plattenfirmen übernahmen, regelte die Band selbst und so gelang es ihr auch, mit der Gewerkschaft IG Metall einen Deal einzugehen, der der "Lok" deutschlandweite Konzerte und Tourneen ermöglichte. Auf dem dritten Studioalbum der Band, "Fette Jahre" (1975), war "Potsch" dann erstmals auch zu hören. Die Band war insgesamt eine unbequeme Kapelle und wer glaubt, Verbote von Musikgruppen hätte es damals nur in der DDR gegeben, der darf gern mal bei den Musikanten der "Lok" nachfragen. Hier gab es keine behördlichen Schreiben mit dem Verbot, weiter aufzutreten. In der BRD wurde das anders geregelt, nämlich indem es keine Einladungen mehr in Fernsehsendungen und Einsatzzeiten im Radio gab, was einem Berufsverbot gleich kam. Das war auch am Ende der Todesstoß für LOK KREUZBERG. Ende 1977 musste die Band "aus finanziellen Gründen" ihre Aktivitäten einstellen.

003 20220304 1405587101Das Ende der "Lok" war der Beginn einer neuen Zeit mit neuen Ideen. Bereits im Sommer ´77 lernte "Potsch" die frisch aus der DDR übergesiedelte Nina Hagen kennen, als diese beim ebenfalls aus der DDR nach West-Berlin ausgereisten Klaus Renft im Wohnzimmer auf der Couch saß. Eigentlich wäre er ein Teil der neuen RENFT-Band geworden, hätten die Rahmenbedingungen gepasst. Aber da Klaus Renft ein eher schlechter Bassist war, ging das Projekt in die Hose. Statt an RENFT zu arbeiten, probierten sich "Potsch" und der ebenfalls für RENFT vorgesehene und im Proberaum anwesende Reinhold Heil musikalisch ein wenig aus. Das funktionierte prima und man beschloss, gemeinsam was auf die Beine zu stellen und Nina Hagen aus RENFTs Wohnzimmer gleich mitzunehmen. Mit den ehemaligen "Lok"-Mitstreitern Manne Praeker (Bass) und Herwig Mitteregger (Schlagzeug) holte man sich noch die passenden Kollegen mit dazu und fertig war die NINA HAGEN BAND. Der Rest ist Geschichte … Plattenvertrag bei der CBS, großer Erfolg mit der Debüt-Scheibe, Zank und Knatsch mit Nina, ein letztes und getrennt voneinander aufgenommenes Album der NHB und die Trennung von der Sängerin. Das eine stirbt, das andere wird geboren: SPLIFF! Und das Unternehmen sollte erfolgreicher werden als das, was man vorher mit der launischen Sängerin betrieben hat. Auch die Geschichte ist bekannt: SPLIFF brachte vier Langspielplatten raus, nach zahlreichen Konzerten und Hits war 1985 Schluss. Aufgelöst wurde die Band zwar nie, aber eine Wiederkehr gab es für sie nie wieder und nach Mannes Tod dürfte die Wahrscheinlichkeit eines Comebacks gen Null tendieren. Aus SPLIFF wurde nach 1985 FROON und FROON blieb ein Versuch, der Ende der 80er nach einem Album und einem kleinen Hit schon wieder aufgegeben wurde.

Seitdem ist "Potsch" in eigener Sache unterwegs. Seit 1990 und seiner Rückkehr aus Spanien, wo er lange Jahre lebte, wohnt er wieder in Berlin, bzw. im Umland der Hauptstadt. Dort hat er ein eigenes Studio und fand musikalisch sogar wieder zurück zu seinen klassischen Wurzeln. Instrumentale Musik füllt mehrere seiner seitdem erschienenen Soloalben. Ausflüge in die Weltmusik - spanische Flamenco- und arabische Volksmusik - hat er ebenso unternommen, wie die Pflege und Verbreitung der SPLIFF-Musik betrieben. Vor einigen Jahren noch zusammen mit Manne Praeker und Jan Plewka unter dem Projektnamen BOCKX AUF SPLIFF und zuletzt als POTSCH POTSCHKA SPIELT SPLIFF trug er die Musik seiner ehemaligen Band weiter in die Welt, aber nicht einfach reproduziert, sondern völlig anders aufgezogen. Ohne Keyboard und mit mehr Gitarrensound als im Original gab es da für die Hörer ordentlich was zwischen die Hörner. Dokumentiert wurde das Ganze auf dem Album "Potsch Potschka spielt SPLIFF", das es auf CD und Vinyl gibt.



Auch mit 70 legt der Saitenhexer seine Hände noch längst nicht in den Schoß. Er ist immer noch "zugange" und kein bisschen müde. Gut so! Demnächst soll wohl auch ein Buch mit seiner Biographie erscheinen, auf die man sich schon jetzt freuen darf. Denn erzählen kann "Potsch" `ne ganze Menge. Und er kann das gut … Wir können das bezeugen, denn schon zwei Mal stand der Musiker für und mit Deutsche Mugge auf der Bühne. Einmal mit dem SPLIFF-Programm in Castrop- Rauxel und dann zu unserem 11. Geburtstag bei der Party in der WABE Berlin im Sommer 2018. Dabei und bei einigen anderen Gelegenheiten kamen wir schon in den Genuss von spannenden, lustigen und hörenswerten Geschichten aus seinem bewegten Musikerleben.

Herzlichen Glückwunsch, lieber "Potsch". Bleib gesund, uns noch möglichst lange erhalten und ein so feiner Typ, wie wir Dich kennenlernen durften. Möge - anders als am Tag Deiner Geburt - die Sonne noch oft für Dich scheinen und immer ein frischer Satz Drähte auf Deiner Harfe aufgezogen sein. Prost, auf Dein Wohl!






   
   
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