Eisbrenner & Tatanka Yotanka: "da capo" (Album)

lp17 20210307 1363024308VÖ: 31.01.2021; Label: Manana Records; Katalognummer: 4260024250140; Musiker: Tino Eisbrenner (Gesang, Akustikgitarre, E-Gitarre, indianische Flöte, Mundharmonika), Jan "Chessman" Schachmann (E-lead Gitarre, Mandoline, Chor), Alejandro Soto Lacoste (Keyboards, Akustikgitarre, Akkordeon, Chor), OIiver Siegmann (Bass), Olli Becker (Schlagzeug); Bemerkung: Erschienen als CD und USB-Stick. Der CD liegt ein Booklet bei, auf dem die Texte abgedruckt sind;

Titel:
Besser in Chicago • Das kriecht • Erste Liebe • Hüte mir den Schlaf • Kein Tag mit Dir • Wenn Du nun fehlst • Downtown • Irgendwann fällt ein Regen • Zwanzig Meilen bis Uruguay • Sternenfrau • Weiß oder Indigo (Hidden Track)


Rezension:
Nach "Indigo" im Herbst 2020 folgte nur kurze Zeit später "da capo". Das eine ist ein ausgesprochen gelungenes Studio-Album, bei dem ich schon beim ersten Hören speziell die Vielfalt an Stilen und die Masse der zum Einsatz gebrachten Instrumente als unüberhörbare Besonderheiten ausmachen konnte. Das andere ist ein neues Live-Album, für dessen Aufnahme es dem Musiker im Sommer 2020 gelang, ein kleines Zeitfenster zu erwischen, als der Corona-Lock Down eine Pause machte, und man hier und da live und vor Publikum Konzerte geben konnte. In diesem Fall war es der 15. August 2020, als Eisbrenner und sein Ensemble ihre Arbeitsgeräte beim Festival "Musik statt Krieg" auf des Meisters eigenem "Vier Winde Hof" in Plath auspacken, einstöpseln und feinstes Liedgut für das interessierte Ohr auf der Bühne zum Leben erwecken konnte. Der Mitschnitt findet sich nun auf einer kleinen silbernen Scheibe oder alternativ auf einem USB-Stick, die mit "da capo" überschrieben und seit dem 31. Januar 2021 erhältlich sind, wieder.

Das Programm des Live-Albums "da capo" ist bunt gemischt und bringt neben neuen Liedern auch ein paar ältere Stücke mit. Man startet aber statt mit einer eigenen Komposition mit einer von Tom Waits. Von dessen 2011er Album "Bad as me" hat sich Tino den Song "Chicago" geborgt, ihm einen deutschen Text verpasst und ihn dann mit seiner Band neu arrangiert. Herausgekommen ist ein heißer Blues-Rock, der nicht nur ins Bein, sondern auch unter die Haut und in die Seele kriecht, und - mehr noch - das Original dezent hinter sich lässt. Na, das fängt ja gut an … Etwas später begegnen wir Tom Waits ein weiteres Mal, denn Tino hat sich auch dessen 1985er Stück "Downtown Train" vorgenommen und in sein Arrangement einen deutschen Text gepflanzt. Auch hier können die höchsten Haltungsnoten verteilt werden.
Nach dem Opener wird man Ohrenzeuge, wie die Eisbrenner'sche Musikgruppe das bereits 1994 auf Tinos Album "Willkommen in der Welt" verewigte "Das kriecht" ins Heute überträgt und es dabei auf der Bühne ordentlich krachen lässt. Ein unruhiger und schmutziger Deutschrock-Sound beherrscht den Refrain und passt sich dem Inhalt an.
Vom neuen Studio-Album "Indigo" spielt uns die Kapelle die Stücke "Hüte mir den Schlaf", "Kein Tag mit Dir", "Wenn Du nun fehlst" und "Sternenfrau", die in ihren Live-Versionen beim Rezensenten genau die gleichen Reaktionen hervor rufen wie beim Hören der Studio-Fassungen: Man ist angefasst, tief in der Seele berührt und fühlt sich bestens unterhalten. Einmal mehr ist es die "Sternenfrau" und auch "Wenn Du nun fehlst", die Gänsehaut auslösen und einen direkt abholen.
Außerdem gibt es noch ein Wiederhören mit "20 Meilen bis Uruguay" vom 2015er LaTINO Connexion-Album "Barfuß in Kakteen" und "Irgendwann fällt ein Regen", im Original von der Gruppe JESSICA und aus dem Soundtrack zum 1984er DEFA-Film "Ich liebe Victor". Sie werden gekonnt ins Jahr 2021 übertragen und zeigen so ihre Zeitlosigkeit auf allen Ebenen.
Versteckt ganz hinten und ohne eine Angabe in der Titelliste schlummert quasi als "Hidden Track" eine Lagerfeuer-Fassung von "Weiß oder Indigo", und rundet das eben Gehörte ab. Der Tino ist mit Überraschungen eben nicht sparsam.

Neben der feinen Auswahl an Liedern aus 40 Jahren Bühnenaktivitäten des Tino Eisbrenner kann sich der Hörer auch über einen ausgezeichnet guten Klang freuen, der hier beim "Musik statt Krieg"-Festival im vergangenen Sommer eingefangen wurde. Hier haben die Tonmänner vor Ort und im Studio ganze Arbeit geleistet. Der Sound ist fett, transparent und macht das beim Festival vor Ort auf der Bühne Geschehene in den Wohnzimmern der Leute nacherlebbar. Die damals dort operierende Band, bestehend aus Tino Eisbrenner (Gesang, Akustikgitarre, E-Gitarre, indianische Flöte, Mundharmonika), Jan "Chessman" Schachmann (E-lead Gitarre, Mandoline, Chor), Alejandro Soto Lacoste (Keyboards, Akustikgitarre, Akkordeon, Chor), OIiver Siegmann (Bass) und Olli Becker (Schlagzeug), überzeugt als perfekt harmonierende Gemeinschaft, aus der manch ein Kollege für ein leckeres Solo auf seinem Instrument auch mal ausbrechen kann, ohne sich dabei zu verlaufen. Nach getaner Arbeit wird er von den Kollegen wieder in die Gruppe aufgenommen. Das macht Spaß beim Zuhören und lässt auch eine Menge Wehmut aufkommen, kann man so einem Ereignis ja bekanntlich schon länger nicht mehr live und in Farbe beiwohnen. Wird Zeit, dass die Lockerungen kommen und die Bühnen wieder belebt werden ...

Allein auf dieser Live-CD wird einmal mehr deutlich, dass Tino Eisbrenner das vor 40 Jahren übernommene "Stück Land" fruchtbar gemacht und keineswegs monokulturell bewirtschaftet hat. Immer wieder hat er sich in den Jahren neu erfunden, in anderen Stilen ausprobiert und nie gescheut, auch unebenes Gelände zu befahren. Dabei hätte er nach den Erfolgen mit JESSICA durchaus in dem Fahrwasser bleiben und auf Nummer Sicher gehen können. Hat er aber nicht. Und so ist auf dem von ihm beackerten Gebiet eine bunte und artenreiche Parklandschaft entstanden, in die man sich immer wieder gerne begibt und noch viel lieber auch darin verläuft. Auf "da capo" erlebt man so einen Ausflug hautnah, denn hier wird alles aufgefahren, was bei Tino Eisbrenner gerade so geht. Instrumente, Stile und Inhalte sind so abwechslungsreich, dass es sich bei ihm schlicht verbietet von "Klingt wie …" oder "Hört sich an wie …" zu sprechen, und irgendwelche großen Namen als Vergleiche heranzuziehen. Er ist der Musikant, der inzwischen selbst als Vergleich bei anderen Kollegen herangezogen werden muss, wobei man hierzulande wohl keinen anderen finden wird, der "wie Eisbrenner klingt". Wer dafür noch einen Beweis braucht, sollte sich dieses Live-Album anhören und sich davon überzeugen. Glückwunsch zu 40 Jahren Bühne und Danke für so viel tolle Musik, die es einem nie langweilig werden lässt.
(Christian Reder)





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