Hubert von Goisern: "Zeiten & Zeichen" (Album)

hvg2020 20200918 1164190437VÖ: 28.08.2020 (CD); 18.09.2020 (Doppel-LP); Label: BMG/SONY Music; Katalognummer: 19439786812 (CD), 19439786811 (Doppel-LP); Musiker: Hubert von Goisern, Maria Moling, Alexander Pohn, Helmut Schartlmüller, Alessandro Trebo, Severin Trogbacher; Bemerkung: CD Picture im aufklappbaren Digipak mit Booklet inkl. Abdruck der Songtexte. Doppel 12" Vinyl im Gatefold-Cover, ebenfalls mit Beilage der Songtexte;

Titel:
Freunde • Sünder • Brauner Reiter • Future Memories • Dunkelrot • Meinerseel • Eiweiß • El Ektro • Grönlandhai • Novemberpferde • Glück Ohne Ruh • Jodler Für Willi • Gamstod • Dunkelblau • Quick, Quick, Slow... • A Tag Wie Heut • Tierische Polka


Rezension:

Der Prolog
Alles begann 1987 mit seiner Band ALPINKATZEN. Es gibt eine herrlich-schräge Kult-DVD "Der Watzmann ruft", ein sog. "Alpen-Rustical", wo der erste überörtlich dokumentierte Auftritt im Zirkus Krone-Bau München festgehalten wurde. Umtriebig, wie er ist, war er viel später auf Konzertreisen durch verschiedene afrikanische Länder. In Tibet bekam er eine Privataudienz beim Dalai Lama. Eine denkwürdige musikalische Reise auf Donau und Main darf man unter keinen Umständen vergessen: Seine "Linz Europa Tour 2007 - 2009", die ihn als kulturellen Botschafter auf eine abenteuerliche Reise vom Schwarzen Meer bis nach Rotterdam führte. Auf einem zur Bühne umgebauten Lastkahn samt Schiffscrew. An allen möglichen Anlegestellen gab er am Ufer mit seiner Band spontan Konzerte. 2016 führte ihn die "Federn-Tour" mit Band nach New York, Washington D.C. und Austin (Texas) zum Southwest-Festival. Beim "Amadeus Austrian Music Awards" 2016 wurde er bereits zum sechsten Mal zum "Künstler des Jahres" erklärt. Es gibt aber auch einen nach ihm benannten Kulturpreis, der jährlich vergeben wird. Daneben machte er sich als Komponist von Filmsoundtracks einen Namen (u.a. Vilsmaier-Film "Oben und Unten", "Schlafes Bruder"). An die 25 Studio- und Live-CDs/DVDs sind ein weiteres Ausdruck seines bemerkenswerten kreativen Schaffens. In der Talkshow "Kölner Treff", die am 11. September ausgestrahlt wurde, bestätigte er übrigens, dass er Ehrenbürger von Bad Goisern am Hallstätter See in Österreich ist. Soweit ein Überblick in sehr geraffter Form.

Die Rezension
Hubert von Goisern (oder bürgerlich Hubert Achleitner) ist immer für Überraschungen gut. Diesmal sogar für zwei: Eine neue CD nach fünf Jahren Wartezeit und, man lese und staune, erstmals ein Roman (Titel: "flüchtig"). Wenn man in vergangenen Überraschungen wühlt, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Er hat sich vom Volksmusik-Revoluzzer und Alpenrocker zum Weltmusiker entwickelt, wobei er seine Wurzeln als Teil seiner Identität nie verleugnete. 17 Lieder auf fast 74 Minuten Laufzeit sind schon eine Ansage. Die Frage ist: Kann er den Spannungsbogen seiner Kompositionen bis zum Ende durchhalten?

Zum ersten Song "Freunde ... (Das Leben ist lebenswert)" meine ich einen imaginären Aufschrei seiner Hardcore-Fans zu vernehmen. ‚Hubert und Operette, was ist mit dir geschehen?'. Es geht zunächst ganz sanft mit einer Ziehharmonika-Einleitung los. Dann ergreift der Rapper DAME "das Wort" und erzählt ausführlich die Geschichte um den Komponisten Franz Lehár und seinen Texter Fritz Löhner-Beda, einem Juden. Dieser wurde am 13. März 1938, einen Tag nach dem Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich, verhaftet und kurze Zeit später in die KZs Dachau, dann Buchenwald und am 17. Oktober 1942 nach Auschwitz verbracht, wo er am 4. Dezember ermordet wurde. Lehár hätte das Schicksal seines Freundes verhindern können, weil er Goebbels und Hitler gut kannte, aber Lehár zog es vor zu schweigen. Der bekannte Refrain aus der Operette "Giuditta" von Franz Lehár, gesungen von Tenor Andreas Schlager, zieht sich mehrmals durch das fast siebenminütige Lied und klingt damit aus. Dieser anspruchsvolle mutige Einstieg geht absolut unter die Haut! So politisch hat man den Protagonisten noch nicht erlebt. Den tiefgründigen Text sollte man unbedingt in seiner Gesamtheit im Booklet lesen.
Der Übergang zum flotten zweiten Titel "Sünder (Sinnerman)" ist fast schon erholsam, dennoch eine Art Endzeithymne. Das Lied ist eine Adaption von "Sinnerman", einem traditionellen amerikanischen Negro Spiritual. Eine empfehlenswerte Einspielung gibt es u.a. mit Nina Simone. Hier wirkt im Rahmen der neu formierten Band auch Maria Moling mit, die mit Elisabeth und Marlene Schuen zusammen das Trio GANES bildet. Schön auch die Marimbaphon-Einlagen. Die 7'27 vergehen wie im Flug.
Glocken und Pferdegewieher bilden den Einstieg zu "Brauner Reiter" (Zeichen an den Wänden). Unverkennbar ist die Ähnlichkeit zu Rammstein samt Til Lindemanns Stimme und dessen rollendem "R". "Der Traum vom Urgermanen und von längst vergang'nen Zeiten ist gescheitert. Erwache und lache und hänge nicht an diesen kranken Dingen. Lasse uns lieber neue Lieder singen". Eine Quintessenz des Antinazisongs! Klasse arrangiert.
Mit dem vierten Song "Future Memories (Flüchtig) werden jetzt auch die Fans bedient, die vorher noch ungläubig zuhörten. In der balladesken Nummer schwelgt Hubert von Goisern in Erinnerungen. Mit einer leisen Brise Melancholie.
Nachdenklich, fast eine Fortsetzung des vorherigen Liedes ist "Dunkelrot" mit wunderschöner Begleitung durch Akustik-Gitarren und Mundharmonika. Ein markanter Satz hat sich bei mir besonders festgesetzt:

"Meine Liebe kennt keinen Anfang
Und sie kennt auch nicht den Tod.
Auch wenn ich bin längst vergangen
Leuchtet sie noch dunkelrot"


Kann Liebe tiefer sein? Ein zu Herzen gehendes Lied.
Über "Meiner Seel" mit Kammermusikbegleitung kommt von Hubert von Goisern zu einem ganz anderen Thema "Eiweiss". Mit einem Calypso-Rhythmus, der mich ein bisschen an "Cecilia" von Simon & Garfunkel erinnert, wendet sich der Künstler den Eisbären zu. Das Thema betrachtet er von der lustigen Seite. Was sie nämlich nie verspeisen würden, wird aufgezählt - aber "die Proteine müssen schon blutig sein, sonst beißt der Eisbär nicht gern hinein." Wäre da nicht der Überlebenskampf der Eisbären auf den dahinschmelzenden Eisschollen ein aktuelles Thema gewesen?
Jetzt kommt wieder ein harter Schnitt. "El Ektro" (Ich will nicht tanzen) mit Techno-Touch. Eine fast übermütige Nummer ohne tieferen Hintergrund. Oder doch? Am besten selbst ein Urteil bilden.
Vom Eisbären zum "Grönlandhai". Eine bedächtige Nummer, in der der Sänger die Langsamkeit des Gesangs im Langsamst-Walzer-Rhythmus zelebriert. Nette Passage: "Es träumte einst ein Grönlandhai vom Urlaub auf Hawai von einer scharfen Haifischfrau und manchmal auch von zwei"
. Die "Novemberpferde": Behutsam wird man auf das Thema eingestimmt. Ein wunderbar poetischer Text mit einer zauberhaften Melodie. Und die Pferde träumen von einer neuen Welt ... (Nicht nur die, möchte ich anmerken).
Mit ganz leichten Abwandlungen nahm sich der Sänger des Gedichtes "Rastlose Liebe" von Johann von Goethe an. Sowieso ein beeindruckendes Werk. Die Liedüberschrift "Glück ohne Ruh" trifft den Kern des Gedichtes gut. Genau wie die angemessene Interpretation durch von Goisern. Bis zu den Schlussakkorden, wo eigenartige miauende, grollende Geräuschcollagen zu hören sind. Das wäre entbehrlich gewesen und entwertet etwas die ansonsten geniale Interpretation.
Dem im März verstorbenen österreichischen Biologen und Forscher Wilhelm Foisner ist der "Jodler Will" gewidmet
Besonders originell ist "Quick, quick, slow". Es wird eine Tanzstunde im Polkarhythmus beschrieben, aber in "Square Dance-Manier", wo die einzelnen Figuren von einem "Caller" angesagt werden. Echt lustig. Wieder eine Seite von Hubert von Goisern, die man so nicht erwartet hätte. Eine Aufforderung zum Tanz, ganz klar.

Epilog
"A Tag wie heut" - und die "Tierische Polka" beschließen die Scheibe. HvG hat sich teilweise neu erfunden. Das war mutig und beweist, wie beeindruckend er seine jeweiligen Empfindungen und Erfahrungen musikalisch und textlich umzusetzen vermag. Es ist sicher seine abwechslungsreichste Veröffentlichung, die seine Anhänger aber auch spalten werden. Absolute Sahnehäubchen sind auf dem gedachten ersten Abschnitt der CD enthalten. Letzten Endes ist sie zu einem Meisterwerk gereift, das bunter kaum sein könnte ...
(Gerd Müller)





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