heimatsoundvol2a 20150829 1252976375 Titel:
Interpret:
Label:
VÖ:

Titel:
"Heimatsound Vol. 2"
Diverse
Sony Music
5. Juni 2015

Die Titelliste zu dieser CD findet Ihr am Ende der Rezension





Rezension:
Der Begriff „Heimat“ ist gerade jetzt wieder sehr aktuell. Nicht nur wegen der Flüchtlingsproblematik. Die ARD macht vom 4. bis 10. Oktober sogar eine Themenwoche zum Thema „Heimat“. Insofern sind die „Heimat Sounds“ auf der Höhe der Zeit, wenn auch „nur“ musikalisch. Bereits die erste Doppel-CD 2014 (Rezension siehe HIER) war Gegenstand einer Besprechung auf Deutsche Mugge. Und eine sich offenbar gut verkaufende Fundgrube für die Liebhaber alpenländisch geprägter Musikrichtungen. Nicht nur aus Bayern, sondern auch aus der Schweiz, Südtirol und Österreich. Daher war eine zweite Ausgabe nur folgerichtig.

Schon seit einiger Zeit gibt es eine Heimatsound-Sendung im Bayerischen Fernsehen. Außerdem wird das Heimatsound-Festival aus dem Oberammergauer Passionstheater übertragen. Aus diesem Pool konnte man aus den Vollen schöpfen.

Die erste CD beginnt schwungvoll mit DJANGO3000 und „Nomoi von vorn“. Man kennt diese Gruppierung spätestens seit ihrer „Bonaparty“-CD (Siehe Rezension HIER). Ihre mitreißenden Tanzrhythmen samt prägnantem Geigenspiel kommen auch beim genannten Titel voll zur Geltung. Der zweite Titel „Wo bleibt die Musik?“ ist auch Titelsong der aktuellen CD des Duos SCHMIDBAUER-KÄLBERER. Die beiden gehen nach langen Jahren gemeinsamer Zusammenarbeit und unzähligen Tourterminen ab Herbst getrennte Wege. Multiinstrumentalist MARTIN KÄLBERER schuf sich mit einigen CDs bereits ein zweites Standbein und tourt in diesem Jahr erstmals solo. Werner Schmidbauer singt hier in schöner Unaufgeregtheit, die dennoch an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt. Eine Abrechnung mit dem „seelenlosen Brei“ vieler Radiostationen, dass man sich „jeden Scheiß“ im Fernsehen ansieht und Facebook würde unser Hirn „vermüllen“. Man habe verlernt, miteinander zu musizieren. Wahre Worte!
Ich greife mir weitere Songs aus insgesamt 42 (!) Tracks heraus und muss einräumen, dass mir die meisten Interpreten bislang unbekannt waren, wie zum Beispiel SABINE STIEGER. Ihr „Geh bitte“ ist mir allerdings ein bisschen zu viel greller „Sirenengesang“ im Wiener Dialekt. Ein kleiner Bayerisch-Exkurs muss jetzt sein: Wenn LENZE & DE BUAM „Aloa Aloa“ singen, hat dies nichts mit dem hawaiianischen Gruß „Aloha“ zu tun. Sie meinen damit „Allein allein“. Sänger LENZE betrauert im Lied seine Verflossene und spült seinen Kummer im Wirtshaus durch die Gurgel.
Aus seiner aktuellen CD „Federn“ (Rezension siehe HIER) ist HUBERT VON GOISERN mit „Schnaps“ zu hören. Ein gepfefferter Querschnitt durch etliche scharfe Sachen und dann „...weil dann geht's richtig schnell im freien Fall bis in d'Höll...“
Ok, dann schnell weiter zu HAINDLING, der uns seit vielen Jahren außergewöhnliche Musik beschert, bayerische Weltmusik sozusagen. Und für musikalische Untermalung bei Filmen und Fernsehserien seine typische Handschrift hinterließ. Die Hymne „Bayern“ ist hier als Remix enthalten und absolut Oktoberfest-tauglich („Bayern des samma mir...“).
MONOBO SON garnierten ihr „Traumined“ (Traue mich nicht) mit schönen Bläsersätzen. Da spürt man sofort unverwechselbare Einflüsse vom Jazzer Wolfi Schlick (ex-Express Brass Band) und Posaunist Manuel Winbeck (ex-LaBrassBanda).
Die BLECHBIXN (Blechbüchsen) sind im „Großstadtfiaba“ – schön frech und blechern laut.
Dann taucht WOLFGANG AMBROS auf. In einer Aufnahme aus dem Jahr 1975 singt er „Es lebe der Zentralfriedhof“ – in Wien natürlich. Mit ungewohnt heller alkoholfreier Stimme. Den Song finde ich hier einfach deplatziert.
Einen gefälligen Mainstream-Song in englisch findet man danach mit JULIAN HEIDENREICH und „Their Favorite Song“. In welcher musikalischen Himmelsrichtung der einzuordnen ist, weiß ich nicht. Damit wir uns richtig verstehen: Er ist wirklich gut und hat bereits 1997 bei der Grungeband ROTAMIND mitgewirkt.
Der Schriftsteller und Liedermacher ERNST MOLDEN aus der Wiener Szene bringt uns „Ho Rugg“ zu Gehör. Eine Textzeile habe ich mir gemerkt: „I hob Hoä om Schädl Baby, du hosts auf die Zähn“. Der zweite bei dieser Vierer-Band ist kein geringerer als der legendäre OSTBAHN KURTI.
CAROLIN NO, die erst kürzlich u.a. mit Konstantin Wecker in den „Songs an einem Sommerabend“ bei Schloss Banz in Oberfranken zu sehen waren singen unnachahmlich ihren „Three Minute Song“ und die in den letzten Jahren sehr erfolgreiche Singer-Songwriterin CLAUDIA KORECK ist ein zauberhafter Lichtblick mit „Frei“.
Als letztes Stück auf CD 1 tritt der Sieger des Heimatsound-Wettbewerbs 2015 auf. HUNDLING mit „Probiert hod a’s“. Das macht er wirklich überzeugend. Übrigens ist ein „Hundling“ im bayerischen Sprachgebrauch meist spöttisch ein Schlingel, Lausbub. Eben ein etwas durchtriebener Mensch, manchmal auch scherzhaft ein Gauner.
# Nach fast 80 Minuten kommt nun CD 2 mit ähnlich langer Laufzeit unter den Laser. WANDA eröffnen mit dem kraftvollen Rocksong „Bologna“ den Reigen. Geht sofort ins Ohr, genau wie eine der Refrainzeilen „Und wenn jemand fragt, wofür du stehst: Sag Amore“.
BANANAFISHBONES, die bayerische Indie-Rock-Formation existieren schon fast 20 Jahre. „Honestly“ wird natürlich in englisch dargeboten. Fans von THE CURE geht sofort ein Licht auf, welchen Ursprungs der Bandname der „Bananas“ ist.
Ein weiterer hörenswerter Titel ist „(So schnö kaust gor net) Schaun!“ - Dialektfrei: „(So schnell kannst gar nicht) Schaun!“. TEXTA feat. ATTWENGER als Linzer Hip-Hop-Crew rappen diesmal und bedienten sich aus dem 2005er-Attwenger-Album „Dog“. Da geht die Post ab!
„Schlicht...“, nein DICHT UND ERGREIFEND, mit diesem kleinen Wortspiel rappt die bayerische Band mit Tuba und Trompete zum Song „Zipfeschwinga“. Was ich nicht wusste: Es gibt als Pendant zum Bayernrap auch Rappen auf Schwyzerdütsch. Die zehnköpfige Band PULLUP ORCHESTRA fährt mit Brass-Sound samt Hip Hop-Elementen fetzige musikalische Geschütze auf. Dass sie schon fast ein musikalisches Schwergewicht sind, beweist ihre Teilnahme am renommierten „Montreux Jazz Festival“.
ANNA F. aus der Steiermark in Österreich war bereits mit James Blunt und Lenny Kravitz auf Tour und gibt hier ihre „DNA“ von sich.
KONSTANTIN WECKER steht jetzt auf dem Plan. Wieder ein Uralttitel: „So a saudummer Tag“ aus dem Jahr 1997.
Zum ersten Mal kommt jetzt die italienische Sprache zum Zug: NACHTCAFÉ“ aus Bozen/Südtirol. Die sechs studierten Musiker bringen den wunderschönen Cocktail aus Folk und Jazz „Il cono d’ombra“ gekonnt in die Gehörgänge.
LISA WAHLANDT, ANDREA HERMENAU & CHRISTIANE ÖTTL klingen in oberbayerischem Dialekt wie eine Schwesterausgabe von GANES: „Mogst du mi“ kann mit JA beantwortet werden.
Ich komme jetzt zum bayerischen Liedermacher MICHAEL FITZ, der die schöne Ballade „Für was?“ komponiert hat.
Ein Sänger steht mir jetzt bevor, der vor einigen Monaten die Musiknation gespalten hat: ANDREAS KÜMMERT aus Unterfranken. Zugegeben, man traut ihm optisch nicht so recht zu, was schließlich aus seiner Kehle kommt. Sanft und doch kraftvoll singt er die Ballade „Home Is In My Hands“. Er kann das einfach super. Dennoch verstehe ich nach wie vor nicht, wieso er sich der deutschen Ausscheidung für den „European Song Contest“ erst stellt und dann beim Gewinn der Ausscheidung den Schwanz einzieht!
FALCO hat man mit der von ihm nicht oft gehörten Nummer „It’s All Over Now Baby Blue“ auf die Scheibe gepresst. Wir kennen das ultimative Original von THEM. In der Falco’schen Version ist das leider nicht mein Fall, so sehr er bis zu seinem frühen Tod 1998 der beste und auch international bekannteste österreichische Sänger war und ich sein übriges Repertoire sehr schätze.

Dies soll jetzt aber als doch lang geratener und nicht vollständiger „Appetizer“ genügen. Mein Resümee: Es ist eine erfrischender Querschnitt durch eine unheimlich kreative und vielfältige Szene geworden. Mir ist klar, dass man wohl aus wirtschaftlichen Erwägungen einige sehr bekannte Namen mit draufgepackt hat, wie zum Beispiel WOLFGANG AMBROS und KONSTANTIN WECKER, aber leider mit Uraltnummern, obwohl es aktuelle CDs der Interpreten gibt. Genau das ist mein Kritikpunkt. Wieso darf HUBERT VON GOISERN aus seiner brandaktuellen CD „Federn“ einen Titel präsentieren. Genau so gut hätte man das „Hiatamadl“ aus der Zeit mit den ALPINKATZEN nehmen können – schließlich war er quasi der Erfinder des Alpenrock. Ich frage mich allerdings auch: Wo bleiben außer den südlichen Gefilden die anderen musikalischen Himmelsrichtungen? Gibt es dort keine heimatlich geprägten charakteristischen Mundartsongs? So könnte sich eine Volume 3 anderen Regionen zuwenden. Dies als kleine Anregung an die Plattenfirma. Und nicht zu vergessen: Ein Oldiesampler mit den alten Songs der erwähnten älteren Haudegen plus Fendrich, Hirsch, Danzer und anderen, wäre eine Volume X wert.
(Gerd Müller)


Tracklist:
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