blumenblattboys 20130907 2030732270 Titel:
Interpret:
Label:
VÖ:

Titel:
"Immer die Boys"
Marla Blumenblatt
Four Music
6. September 2013

1. Cornetto
2. Gartenpavillon
3. Lichter von Berlin
4. Gangsterbraut
5. Gefühle zeigen ist nicht sexy
6. Verliebt aber allein
7. Immer die Boys
8. Was kann ich dafür?
9. Da wo ich bin, bist Du nicht
10. Fernsehapparat
11. Unter meiner blau-weissen Markise
12. Wie wär's, wie wär's
13. Kapitän





Ihr denkt, die 50er sind tot? Die Musik von damals will heute keiner mehr hören und das Lebensgefühl von einst ist inzwischen komplett in Vergessenheit geraten? Falsch gedacht! Man kann es kaum glauben, aber Nierentischchen und Musiktruhen von damals sind heute wieder gefragt und erzielen Höchstpreise in Onlineauktionen und in Antiquariaten. Auch die Petticoats haben überlebt und die Musik von damals hat auch schon das eine oder andere Revival hinter sich. Mehr als nur einen Hauch dieser Zeit transportiert die Sängerin Marla Blumenblatt mit ihrer Musik in die Neuzeit. Sie bedient sich aber nicht der Lieder von einst, um sie ein weiteres Mal neu aufzulegen und zu covern, sondern sie bringt neue Songs und damit viele neue Farbtupfer und ihre eigene Vorstellung von den 50s in dieses Genre ein. Oder besser gesagt: Sie verbindet Musik und Lebensgefühl der 50er mit der Neuzeit und lässt so eine völlig neue Nische entstehen.

Wer die CD "Immer die Boys" von Marla Blumenblatt einlegt, muss sich auf eine kunterbunte Mischung aus Trude Herr, Catarina Valente, Wanda Jackson und Amy Winehouse gefasst machen. Der Opener "Cornetto" erinnert musikalisch stark an "Woolly Bully" von Sam The Sham & Pharaohs. Sobald Marla anfängt zu singen, erinnert sie stimmlich selbst stark an Trude Herr. Sie singt von heißen Boys, heißen Schlitten und anderen heißen Fegern und davon, dass sie beim Anblick von Boys in Badehosen an "'ne Waffel mit zwei Kugeln Eis" denken muss. Die eindeutige Anspielung hätte in den 50ern sicher für große Aufregung gesorgt und Frau Blumenblatt wäre eventuell sogar auf dem Index und der Bannliste der Radiostationen gelandet. Aber von so dezent platzierten Zweideutigkeiten bekommt heute längst keiner mehr rote Ohren ...
Ebenso selbstbewusst singt sie in "Gartenpavillon" über eine rosa Badewanne, die in ihrem Garten steht und in der sie auf "ihn" wartet. Musikalisch und textlich rauscht einem hier eine flotte Sommermelodie ins Ohr, die mal so richtig gute Laune macht. Wer würde bei der Aufforderung, "Komm zu mir in meinen Gartenpavillon / Wo uns niemand wirklich niemand sieht", schon widerstehen können?
Als Kind mazedonischer Eltern in Wien aufgewachsen und für ihre Tanzkunst nach Paris und New York gezogen, ließ sich die Künstlerin vor einem Jahr in Berlin nieder. Mit dem Song "Lichter von Berlin" vergleicht sich die Sängerin mit der großen Stadt und erklärt damit gleichzeitig auch, wie sie selbst ist bzw. sich selbst sieht. Dieses Stück ist so großartig, dass es gut und gerne auch von Manfred Krug hätte sein können. "Lichter von Berlin" ist einer dieser typisch, jazzig angehauchten und filigran von Günther Fischer in Musik geformten Songs, die Manne Krug so herrlich auf Platten eingesungen hat. Marlas Song klingt vom Arrangement her ähnlich, verwendet gleichzeitig aber auch ein gewisses Maß an aktuellen Sounds. Darin eingebettet ist der Gesang der Blumenblatt, der einen berührt und gebannt zuhören lässt. Was für ein beeindruckendes Gesamtwerk aus Komposition, Text, Arrangement und Gesangsleistung.
Mit Bläsern und einem richtigen Bumms im Beat zeigt sich die Blumenblatt beim Song "Gangsterbraut" dann aber von einer anderen Seite. Das Lied erinnert ein bisschen an "Ich will keine Schokolade" von Trude Herr, auch von der Art des Gesangs her, ist vom Inhalt aber viel gefährlicher. Die Sängerin singt davon, dass sie gerne eine "Gangsterbraut" wäre und einen Ganoven als Mann haben möchte (andere Sängerinnen wollten damals lieber einen Cowboy). Denn nur wenn einer für sie klaut, fängt bei ihr die große Liebe an". Unartiges Ding ...
Im weiteren Verlauf der Platte erzählt uns Marla Blumenblatt auch noch, dass "Gefühle zeigen nicht sexy ist", weil ein Herz schnell zerbrechen kann, wenn man zuviel Gefühl zeigt. Verpackt in einem den bis dahin gehörten Songs in nichts nachstehenden und sehr aufregenden Arrangement, bei dem man gerade am Ende des Stücks, wenn die Sängerin anfängt in Französisch zu singen, radikal in eine andere Stimmung versetzt wird. Amy Winehouse lässt grüßen. "Verliebt aber allein" erzählt die Geschichte von Kerlen, die einer Frau gerne das Blaue vom Himmel versprechen, nach vollzogenem Akt aber ruck zuck verschwunden sind. Aber auch davon, dass der Markt mit netten Herren reichlich und breit aufgestellt ist und der Dame die Wahl da nicht immer ganz leicht fällt. Verpackt ist die Geschichte in einer Art Rockabilly-Nummer mit 20er Jahre Dixieland Bläser-Elementen im Mittelteil. Locker, fröhlich und frisch kommt der Song daher, ebenso wie das anschließende Stück. In "Immer die Boys" wird die Schuld, warum sie nachts nicht schlafen kann, in eine eindeutige Richtung geschoben, nämlich in die "der Boys". Sie sind es, die offenbar allein durch ihr Dasein, aber auch durch ihr widersprüchliches Handeln, dafür verantwortlich sind, dass das Leben einer jungen Frau schon mal komplett auf den Kopf gestellt werden kann.
Ehe man sich versieht, ist die Hälfte der Platte schon gelaufen. Man steckt derweil mitten drin in der Welt der Marla Blumenblatt, in der es hauptsächlich um das Leben und die Liebe geht. Auch in den folgenden Songs lässt sie die 50er weiter aufleben. Retro-Schlager, Rock'n'Roll und klassische Surf-Songs, wie man sie von den Beach Boys kennt, treffen auf Swing, Chanson und Jazz. Alles komplett mit deutschen, manchmal ziemlich frechen, Texten versehen. Kein neuzeitlicher Firlefanz und sinnfreies Gelaber - es ist so herrlich retro, dass es einem die Feuchtigkeit in die Augen treibt. Wie sehr sie mit dem Lebensgefühl der 50er und der Wirtschaftswunderzeit verbunden ist, macht sie dann auch in dem Rockabilly-Schleicher "Fernsehapparat" deutlich, in dem sie davon singt, dass sie ihren Fernsehapparat, ihr Kofferradio und ihr Grammophon zurück haben will, weil damit schließlich alles so "charmant" und "chic" war. "Ich spul' mein Leben kurz zurück", singt sie da ... wenn das mal so einfach wäre. Entlassen werden wir mit dem Song "Kapitän", der musikalisch sehr nah an "Goldfinger" von Shirley Bassey angelegt ist. Melancholisch ist auch die Grundstimmung, die der Song verbreitet. Weg ist die Fröhlichkeit, die sich sonst wie ein roter Faden durch die Platte zog. Es lässt einen langsam runterfahren, denn man ist - bei diesem Song und dem Ende der CD angekommen - schließlich von der geballten Kraft dieser Lieder noch ziemlich aufgeheizt. Ein guter Schlusspunkt, will er auch nicht wirklich zum Rest der Scheibe passen.

Auch die Fotos, die für das Cover verwendet wurden, versetzen einen zurück in die gute alte Wirtschaftswunderzeit, als Vati samstags im Westen seinen Käfer und im Osten seinen Trabi im Hinterhof wusch, während die Tochter mit ihrem neuen Hula Hopp oder mit anderen Kindern Gummitwist (bzw. Gummihopse) spielte, Mutti zu Hause den Gummibaum entstaubte und das gerade vom Fernsehkoch Clemens Wilmenrod erfundene Rezept vom Hawaii-Toast ausprobierte. Etwas befremdlich ist da nur das Klappmesser, mit dem Frau Blumenblatt auf Seifenblasen losgeht. Aber wie sie sich ja schon selbst outetet: Sie will schließlich eine Gangsterbraut sein und die braucht ein Klappmesser. "Halbstark, oh Baby Baby halbstark ..." Ihre CD "Immer die Boys" kommt - wie könnte es anders sein - im Retrolook daher. Die CD ist in Form einer kleinen Schallplatte gestaltet, also komplett in schwarz, mit einem Labeldruck. Passend dazu ist auf der Innenseite der CD-Hülle auch ein alter Plattenspieler aufgedruckt. Die Idee, die alte Zeit musikalisch wieder aufleben zu lassen, sie aber nicht nostalgisch und haargenau wie früher neu aufzurollen, sondern ihr eine große Portion Neuzeit mit auf den Weg zu geben, ist eine ausgesprochen gute. Marla Blumenblatt zeigt sich als facettenreiche Sängerin, deren Stimme den Hörer ein ums andere Mal da trifft, dass man aus dem Schwärmen gar nicht mehr rauskommen will. Mal zeigt sie sich, wie Trude Herr zu ihren besten Zeiten, um beim nächsten Stück schon wieder ganz die Marla Blumenblatt zu sein, die ihre eigene Wiedererkennbarkeit hat, aber oft auch an große Stimmen des Genres erinnert. Musikalische Grenzen werden nicht nur mit einzelnen Songs, sondern auch in den Songs selbst überschritten. Jazz harmoniert mit rockigen Elementen ebenso, wie ein Chanson, der in luftig leichte Pop-Gefilde abdriftet. Marlas CD ist ein Gute-Laune-Garant, den man sich gerne in den Player legt. Gerade für die bevorstehende dunkle Jahreszeit könnte "Immer die Boys" ein Freudenspender werden und es ist der Künstlerin zu wünschen, dass sie damit auch ein großes Publikum erreichen wird. Ihre Lieder könnten die eine oder andere Nervnummer aus dem Dudelfunk ersetzen und für einen herausstechenden Farbklecks im Einerlei sorgen, vielleicht sogar den Trend für eine neue 50s-Welle sorgen. Ihr Radio-DJs, traut Euch mal ...
(Christian Reder)



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Videoclips:

"Cornetto" (Off. Video)


"Gartenpavillon" (Off. Video)




   
   
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