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Ein Bericht mit Fotos von Thorsten Murr



Es regnet nassen Schnee, als ich mich an diesem dunklen Samstag Ende November auf den Weg mache, mit der S-Bahn von Berlin-Pankow zu PANKOW in Bernau bei Berlin. So richtig fröhlich ist das alles nicht, aber kann ja noch werden. Allerdings standen und stehen die Zeichen in diesen Zeiten für die Rockmusik hierzulande nicht so gut.a 20211211 1525287085 Auch PANKOW hatte es schon arg getroffen, als über die Hälfte aller geplanten Gigs der 40-Jahre-Jubiläumstour abgesagt werden musste und dieses Konzert in Bernau zudem um drei Wochen verschoben wurde, nachdem Sänger André Herzberg vorübergehend seine Stimme verloren hatte. Heute also passierts! Endlich!

Hier stehen die, die immer hier sind
Als ich, ganz entgegen meinen Gewohnheiten, sehr zeitig im schicken Ofenhaus am Gaswerk ankomme - schon auf ihrer 2019er Tour hatten PANKOW hier gastiert - hat der Einlass gerade begonnen. Schön und irgendwie auch beruhigend, gleich ein paar der mir von früheren PANKOW-Touren vertrauten Gesichter zu sehen. So viel durcheinander geredet über alles Mögliche hatte ich auch schon sehr lange nicht mehr vor einem Konzert, so aufgekratzt bin ich. So richtig voll wird der Saal allerdings nicht. Das ist zwar gut, um Abstand zu halten, aber nicht so gut für die Stimmung. Vermutlich bleiben etliche Fans infolge der behördlich geforderten Umstellung auf 2G-Zutritt fern. Eine Zeit voller Kompromisse. Die Alternative wäre kein Konzert gewesen. Auch doof.

Fünf nach acht geht im Saal das Licht aus
Als die Band auf die Bühne kommt, wird sie herzlich begrüßt. Mit "Steh auf, geh raus, es gibt keine besseren Zeiten" geht's los. Ja, wenigstens heute Abend haben wir es geschafft, beim Rock and Roll zueinander zu finden. Ich denke, die Meisten im Publikum empfinden es so und applaudieren besonders leidenschaftlich. In seinen Ansagen geht André Herzberg erfreulicher Weise nicht explizit auf die bedrückende Situation im Land und speziell im Kulturbetrieb ein. Lediglich ein Verweis auf die leider abgesagten Konzerte, aber schon geht's weiter mit Musik. Was soll man auch noch über etwas reden, zu dem schon alles gesagt ist. Lasst uns diesen Abend einfach nur rocken …

Wieder keine Weltstadt
Und genau so ist die Stimmung. Der Klassiker aus den Achtzigern "Ich bin ich", das inzwischen nun auch schon zehn Jahre alte Stück "Ich mach 'ne Liste", mit Jürgen Ehles markanten Richards-Riff, und dann das, was man sich als Fan von seiner verehrten Band wohl am meisten wünscht: "Wieder auf der Straße". Wieder keine Weltstadt, heißt es im Text. Was solls, heute ist Bernau der Nabel der Welt. PANKOW spielt gewohnt kraftvoll und präzise. Mehr und mehr sind sie sich ihrer Sache sicher, angefeuert vom Publikum, das nun auch tanzt, wippt und johlt und in Partystimmung gerät. Wenn ich mich umschaue, sehe ich fröhliche, von Glück beseelte Gesichter. Heute haben alle "Bock auf Rock" - deshalb sind wir hier und nur darum geht es.

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Eine Setliste wie eine Geschichte
Die Setliste ist griffig und scheint einer eigenen Story zu folgen. Nach "Neuer Tag in Pankow" kommt das von Jürgen Ehle gesungene "Harte Zeiten" aus der "Viererpack"-Phase Mitte der Neunziger und dann das feine Kunert/Pannach-Cover "Was willst Du mehr". Mag sein, dass ich, nach den vielen PANKOW-Konzerten in den vergangenen Jahrzehnten, heute besonders empfänglich für die seit Langem vertrauten Texte bin, denn jeder Song scheint auch eine Botschaft zu sein. Immer kann man einen Bezug zum aktuellen Geschehen umher herstellen, etwa wenn André Herzberg "Bleib mir mit Politik vom Leib!" singt oder es in "Stille" am Ende heißt: "Ich glaub, es gibt das Glück."

Danke, PANKOW!
Egal, ob es um die jugendlichen Themen aus den Achtzigern geht oder um die etwas reiferen Betrachtungen aus der Jetztzeit. Alles gewinnt heute Abend an Bedeutung, und neben der Freude am live erlebten Rock and Roll auf der Bühne empfinde ich in mir vor allem Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, dass es diese Band über eine so lange Zeit meines Lebens gab, dafür, dass es sie nach 40 Jahren immer noch gibt und ganz besonders dafür, dass sie diesen Abend heute, trotz aller Widrigkeiten umher, höchst professionell und souverän zu einem schönen Erlebnis werden lassen, an dem ich teilhaben darf. Dass das spärliche Bühnenlicht für Fotos etwas schwierig ist, ist egal. Vielleicht bin ich auch nur etwas aus der Übung.

Nach "Wetten Du willst" ist zunächst Schluss, dann folgt ein üppiger Zugabenteil, der mit dem berührenden "Ich bin da" beginnt, mit PANKOWS Gimme Shelter (;-), "Gaby", seinen sphärischen Höhepunkt erreicht und schließlich mit der hingefetzten "Inge Pawelczik", einem Song, den ich übrigens immer mit einem grauen Herbsttag wie heute verbinde, einen punkigen Schlusspunkt setzt. Fast, denn ganz am Ende kommt natürlich noch "Kille, kille Pankow!" Prima, das war eine volle Packung, davon kann man eine Weile zehren. Danke!

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Dann eben 40 plus 1!
Nachdem wir inzwischen wissen, dass die restlichen Konzerte des ohnehin schon zusammengestrichenen Tourplans nun auch noch der Pandemie zum Opfer gefallen sind, verbindet sich meine Dankbarkeit mit den besten Wünschen für die Musiker und die vielen Fans - auf dass man sich hoffentlich bald, zu "40 plus 1", vielleicht in "besseren Zeiten", auf jeden Fall aber zahlreich und gesund, wieder zusammenfinden kann.











   
   
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