000 20210323 1490039481



uesc0321 20210323 1294000705
Ein Bericht von Christian Reder mit Fotos von Adam Glagla



Wenn die Menschen nicht ins Theater oder Konzerthaus kommen können, müssen die Künstler eben zu den Menschen nach Hause kommen. Von dieser Idee inspiriert, hat sich der in Hamm/Westfalen geborene Schauspieler Kai Bettermann ein eigenes Programm ausgedacht,a 20210323 1844775281 mit dem er auch in Corona-Zeiten und unter härtesten Lockdown-Bedingungen überall auftreten kann. Natürlich tut er dies, damit er Geld verdienen und sich die Wurst für aufs Brot kaufen kann. Niemand kann von der Luft allein leben und gerade die Künstler in unserem Land durchleben wegen Corona seit Monaten schon fürchterliche Zeiten. Aber er tut es auch, weil er seinen Beruf gerne ausübt. Er möchte das Publikum unterhalten, denn das hat er gelernt und will den Leuten Freude bringen, wenn sie es sich schon selbst nicht "abholen" können. Quasi als Lieferdienst für Kultur ist er derzeit unterwegs, denn als Schauspieler hat er ja gerade nicht so viel zu tun. Statt Theater- oder Konzerthausbühne müssen übergangsweise eben die Bürgersteige dieses Landes als Alternative dienen.

Die von der Politik bestimmten Auflagen und Verbote verhindern im Moment vieles, so darf z.B. kein Volksauflauf auf engem Raum stattfinden. Dies ist der Grund, warum für die Veranstaltung mit Kai Bettermann keinerlei Werbung im Vorfeld gemacht werden durfte. Außerdem darf man ja nicht mit allzu vielen Leuten aus verschiedenen Haushalten zusammentreffen, weshalb der Künstler keine Band mitbringen darf, es sei denn, alle gehören zur Kernfamilie. Dummerweise ist es nur selten der Fall, dass man Gitarrist, Bassist, Schlagzeuger und Keyboarder gleichzeitig bei sich zu Hause wohnen hat und sie Mutti, Vati oder Bruderherz nennen kann. Also keine Werbung und keine Band. Diese und andere Klippen gilt es also zu umschiffen, und das ist dem Kai ganz wunderbar gelungen. Die Band kommt bei ihm vom Band, aber in einer ziemlich guten Qualität. Er verwendet keine 08/15-Playbacks aus dem Internet, sondern ein guter Freund aus Essen, der auch schon für Theaterprojekte sehr gute Playbacks gemacht hat, wurde für ihn tätig. Markus Krieger heißt der Mann, und der hat für Kai ganz wunderbare Big-Band-Playbacks aufgenommen, zu denen er seine Gesangskunst präsentieren kann. Individuell angepasst und ihm auf den Leib geschneidert. Die Musik kommt bei seinen Auftritten aus einer Akku-Box, die mit einem Mikrofon verbunden ist, und mehr braucht der studierte Schauspieler nicht, um ein Publikum zu begeistern und abzuholen.

b 20210323 1177303851An einem Dienstagnachmittag im März baute Kai Bettermann sein "Instrumentarium" in einer Einfahrt auf der Bochumer Straße in Castrop-Rauxel auf. Obwohl noch kein Ton erklungen war, standen die ersten Anwohner schon an ihren Fenstern und schauten dem Treiben zu. Erst gegen Mittag wurden Nachbarn angesprochen und auf das Event um 15:00 Uhr aufmerksam gemacht. Wie schon erwähnt: Werbung vorab, wie man sie kennt, mit Plakaten, Flyern oder Anzeigen, war nicht möglich. Aber über die Buschtrommel funktioniert es ja auch. Um kurz nach 15:00 Uhr schaltete Kai Bettermann schließlich sein Mikro ein und wollte gar nicht viele Worte verlieren ...

"Ich fange dann einfach mal an", sagte er und schon erklangen die ersten Töne des Songs "I Get A Kick Out Of You", das Frank Sinatra im Jahre 1954 zum ersten Mal sang. Der Bürgersteig war Bettermanns Bühne und ringsum gingen nun die Fenster auf, als die Musik und sein Gesang dazu aus der Akku-Box schallten. Anwohner steckten die Köpfe aus dem Fenster und lauschten dem Big Band-Sound des ersten Stücks aus dem vom singenden Schauspieler zusammengestellten Programm. Was man sich in der Theorie nur schwerlich vorstellen konnte, klang in der Praxis extrem gut. Die kleine Box hat einen verdammt guten Klang, Musik und Gesang kamen einwandfrei rüber und trotzten dem Straßenlärm der vorbeifahrenden Autos, Busse und LKW problemlos ...

Direkt im Anschluss an Sinatras Klassiker stellte sich der Künstler mit einer Ansage kurz selbst vor und bat die Leute gleichzeitig darum, in ihren Wohnungen an den Fenstern zu bleiben. Möglichst wenig Kontakte sollte es geben,c 20210323 1457258694 aber man könne sich auf diese Art trotzdem sehen und hören. Sicher sei sicher, denn es sei auch schon mal so gewesen, dass man eine Veranstaltung abgebrochen habe, weil die Leute auf die Straße geströmt seien. Dass Behörden da nicht zimperlich sind, ist ja inzwischen hinlänglich bekannt. Da wird auch schon mal eine Skatrunde dem Anlass entsprechend mit einer Polizeihundertschaft aufgelöst. Bei seinem Castroper Auftritt am Dienstag hielten sich die Anwohner aber an alle Vorgaben von oben. Lediglich Passanten auf dem Weg zum benachbarten Reiterhof blieben mit großzügigem Abstand stehen und gönnten sich das eine oder andere Lied.

In knapp 20 Minuten präsentierte Kai Bettermann sechs Lieder aus seinem Repertoire und zeigte dabei gleichzeitig auch die Abwechslung, die darin steckt. Bei solchen Veranstaltungen sind eigene Song, die die Leute möglicherweise gar nicht kennen, weniger gefragt. Die Leute möchten gern Lieder hören, die sie kennen und die ihnen gute Laune machen. Und dafür hat Herr Bettermann ein geschicktes Händchen. Er hat für jeden was dabei und bedient mehrere Generationen mit seinen Liedern. Er singt einem - wenn man das möchte - ohne musikalische Begleitung, ohne doppelten Boden und a cappella den Klassiker "Bohemian Rhapsody" von QUEEN, covert Depeche Mode, hat ganz nah am Original den Elvis drauf oder lässt The Smiths kurz "vorbei schauen". Dazwischen rezitiert er Texte von Rainer Maria Rilke, Friedrich Schiller, Franz Kafka und Hermann Hesse oder nimmt das Publikum an die Hand und bindet es in seine Show mit ein. Es gelang ihm spielend, die Leute an den Fenstern zum Mitsingen zu bringen oder sie in kleine "Rätselrunden" zu verwickeln. Sogar bei vorbeifahrenden Autos, die wegen ihm langsamer wurden und guckten, was da gerade ab ging, gelang ihm das. Bei manch einem Auto gingen die Fenster runter und er bekam Applaus.

Außer dem Sinatra-Song zu Beginn hatte Kai Bettermann für sein Castrop-Rauxeler Bürgersteig-Konzert noch "Volare" von Dean Martin, "Love My Life" von Robbie Williams, "Tell Me Why" von Elvis Presley, "Natalie" von Gilbert Bécaud und als Abschluss "Ich wollte wie Orpheus singen" von Reinhard Mey ausgewählt.d 20210323 1417340657 Beim Vortrag des Songs "Natalie" zeigte Bettermann neben seinen Künsten als Sänger und Entertainer auch noch die eines ausgesprochen guten Tänzers, als er zum Schluss der Nummer einen lupenreinen Kasatschok auf den Asphalt legte. Er hat das große Glück, dass er in dieses Programm all seine Talente einbringen kann und darum geizt er damit auch nicht!

Den Leuten auf der Bochumer Straße gefiel auch, was sie dort zu sehen und hören bekamen. Applaus und Zwischenrufe gab es reichlich. Einer von den Nachbarn schnappte sich sogar einen Zylinder von der Garderobe in seinem Hausflur und ging damit Spenden für den Künstler sammelnd an den Häusern vorbei. Die Kinder im Nachbarhaus riefen mehrfach um Zugaben und die schon erwähnten Passanten, die eigentlich ein anderes Ziel hatten, blieben bis zum Schluss stehen. Bettermann zog die Leute förmlich an, und hatte am Ende seines Auftritts viele neue Freunde gefunden. Jeder von Euch, der diesen Beitrag hier gelesen hat, kann das auch erleben. Ihr könnt im Moment nicht ins Theater oder in den Konzertsaal. Kai Bettermann kommt aber auch zu Euch. Für einen kleinen Taler, der mehr ein Freundschaftspreis als eine Gage ist, stellt er sich auch bei Euch vors Haus und bringt Freude und Kurzweil in Form von Musik vorbei. Unter www.fenstersingen.de findet Ihr nähere Infos. Ich wünsche Euch schon jetzt viel Spaß. Die Leute in meinem Kiez und ich hatten ihn heute jedenfalls!










   
   
© Deutsche Mugge (2007 - 2021)

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.