Lutz Kerschowski


...vieles ist einfach nur durch Zufall passiert.

 

18 20130102 1869822442Ich selbst habe Lutz Kerschowski bzw. seine Band erst sehr spät für mich entdeckt. Es war eine Radiosendung vor etwa vier Jahren, in der der Titel "Montagfrüh" gespielt wurde. Ich dachte: "Das ist ja geil! Wer ist das?", und kaufte mir - nachdem ich den Interpreten herausgefunden hatte - gleich die 3er CD Box von Kerschowski "Die Original Alben". Drei CDs voller Aha-Effekte und guter Momente. Ein Freund erzählte mir dann über den Künstler und die Band, und ich begann, mich auch für die Hintergründe zu interessieren. Lutz Kerschowski ist ein Berliner Musiker der Mitte der 80er mit seiner Band "Kerschowski" die erste LP veröffentlichte. Es folgten erfolgreiche Konzerte, darunter eines der ersten (wenn nicht sogar DAS erste) deutsch-deutsche Konzert in Ostberlin. Kerschowski stand 1988 gemeinsam mit Rio Reiser auf einer Bühne, genauer gesagt auf der in der Seelenbinder-Halle. Daraus entwickelte sich eine Freundschaft, die letztlich auch dazu führte, dass Kerschowski seine Band aufgab, um in Rios mitspielen zu können. Er war aber weit mehr als nur der Mann an den 6 Saiten in der Begleitband des "Königs von Deutschland". Kerschowski war Freund und enger Vertrauter Rios, die beiden verband eine ganze Menge. Nach dessen Tod übernahm Lutz Kerschowski die schwere Aufgabe, das Rio Reiser Archiv aufzubauen. Ohne ihn gäbe es viele der Veröffentlichungen aus den letzten 15 Jahren gar nicht. Wahrscheinlich wäre ohne ihn bis auf die von SONY veröffentlichten Sachen nichts weiter erschienen! Er versorgt die Fans nach wie vor mit Songs und Wissenswertem, hegt und pflegt das Andenken seines Freundes und sorgt dafür, dass Rio so weiterlebt. In seiner Karriere hatte er mit vielen Musikern zu tun, u.a. mit Bodi Bodag, Cäsar Peter Gläser und vielen anderen, hat insgesamt drei eigene Alben veröffentlicht und ist Komponist von Filmmusiken. Allein die in diesem kleinen Absatz umrissene Vita des Künstlers wirft Fragen ohne Ende auf. Jetzt hatte Deutsche Mugge endlich die Gelegenheit, mit Lutz Kerschowski ausführlich über ihn, seine Karriere und vieles andere zu plaudern. Ich traf einen aufgeschlossenen, freundlichen und stellenweise sehr lustigen Mann, dessen Lebenslauf wirklich bunt und abwechslungsreich ist, und der richtig viel zu erzählen hat. Nehmt Euch die Zeit für einen Blick hinter die Kulissen eines Lebens, in dem seinem Besitzer vieles einfach nur durch Zufall passiert zu sein scheint...
 

 

Getroffen haben wir Dich beim 35. Jubiläum von Engerling. Du hast dort auf der Bühne mitgewirkt. Was machst Du sonst? Bist Du noch als Musiker aktiv?
Ich hab eigentlich nie aufgehört, als Musiker aktiv zu sein. Das hat sich nur verlagert, vom Livespielen mit meiner Band und später mit Rios Band, hin zu Filmmusik und CD-Produktionen.

 

Der Beginn Deiner Karriere war sehr ungewöhnlich. Ich weiß nicht, ob's stimmt, aber ich habe gelesen, dass Du als Autoschlosser gearbeitet hast und erst später zur Musik gekommen bist...
(lacht) Nein, so war es nicht. Aber es stimmt, dass ich am Anfang viel nebenbei gejobbt habe, um nicht von Musik leben zu müssen. Ich kannte Musiker, die, nur um davon leben zu können, Musik machten, die sie nicht besonders mochten. Da dachte ich: "Nee, das will ich nicht." Musik war für mich immer eine Art Refugium der Freiheit, etwas das ich ganz besonders liebe. Das wollte ich so lange es geht vom Geld frei halten, um machen zu können was ich will. Also habe ich nebenbei gejobbt, z.B. immer wieder mal als Verkäufer in Schallplattenläden, aber auch als Hausmeister im Kulturhaus, als Gitarrenlehrer und eine ganze Weile auch in einem Motorenwerk. Dort haben sie mir eine Ausbildung angeboten und weil ich versuche, alles was ich mache möglichst intensiv zu betreiben, habe ich auf der Abendschule ein Jahr lang einen Lehrgang als Autoschlosser absolviert. Ich habe aber nie wirklich in dem Beruf gearbeitet oder besser: Ich praktiziere nicht mehr (lacht). Manchmal war es damals natürlich nützlich aber heute kann man ja sowieso nichts mehr selbst am Auto reparieren, oder?

 

Das ist richtig, ohne Computer kommt man da heute nicht mehr weit.
Jedenfalls habe ich keine Ahnung, woher das jemand weiß. Das weiß ja noch nicht mal mein Bruder. Aber es zeigt, dass man auch die Informationen bei Wikipedia mit Vorsicht genießen sollte. Ich war übrigens auch mal Filmvorführer, das müsste dann auch noch in meiner Vita stehen (lacht).

 

Dann hoffe ich, dass meine nächste Information stimmt: Über Dich steht geschrieben, dass Deine erste Station die Gruppe "Regenmacher" war...
Ja, das stimmt!

 

Woher kam die Band, was für Musik habt Ihr gemacht?
Regenmacher war eine originelle Band Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre. Wir waren alle befreundet und es ging ziemlich familiär zu. Egal ob bei Konzerten, Proben oder Partys - die Techniker, Freundinnen, Kinder waren meist mit dabei. Die Musik war inspiriert von Leuten, die heute kaum noch einer kennt, wie z.B. Gentle Giant, oder Macchina Maccheronica, die Makkaroni Maschine aus Italien. Interessant fanden wir auch Sachen, die in Richtung Rocktheater gingen wie Drahdiwaberln aus Österreich, deren Bassist übrigens Falco hieß und später ziemlich bekannt wurde. Aber auch "James Blond" und "Mountain Town" von Lok Kreuzberg hatte ich mir von Platte auf Tonband überspielt. Aus der Lok wurde ja danach erst die Nina Hagen Band und dann Spliff, die mit ihrer "Radio Show" noch mal auf die Rocktheater-Idee zurückkamen. Wir haben uns am Anfang jedenfalls auch so ein Stück ausgedacht und landauf landab live gespielt. Es ging ungefähr eine Stunde und hinterher haben wir noch mal genauso lange unsere Lieblingssongs gecovert - von Beatles bis Renft, die waren da ja schon verboten. Später haben wir dann zwar kein Stück mehr gespielt, nur noch Songs, trotzdem gab es immer irgendwelche theatralischen Elemente auf der Bühne. Wir hatten Spaß an teilweise vertrackten Kompositionen und haben damit das Konzert ein bisschen aufgelockert.

 

Und wie bist Du dazu gekommen?
Zu der Band bin ich durch die Hintertür gekommen, über einen Freund. Den wollten sie als Gitarristen haben und ich durfte mitkommen, weil wir zusammen wohnten. Ich spielte dann zuerst Akustikgitarre, später Bass und E-Gitarre, als wir anfingen, während der Konzerte öfter die Instrumente zu tauschen, auch schon mal Mandoline oder Flöte (lacht). Weil keiner von uns Texte schrieb bin ich zu Gundermann nach Hoyerswerda gefahren. Mit ihm haben wir dann unsere kleine Rockoper-Idee entwickelt und auch danach weiter zusammen gearbeitet. Damals kannte Gundermann kaum einer. Richtig bekannt wurde er dann ja erst zehn Jahre später. Jedenfalls fing ich nach und nach an, Musiken für die Songs zu schreiben und irgendwann auch ein paar Texte, bis ich in der Band nicht mehr nur das fünfte Rad am Wagen war.

 


Im Frühjahr '85 wurde die Gruppe Kerschowski gegründet. Ging die Initiative dazu von Dir aus und wie kam es dazu, dass diese Band an den Start gebracht wurde?

Unser Schlagzeuger musste zur Armee und wir konnten uns nicht vorstellen, einfach jemand anderes zu nehmen. Also beschlossen wir, solange zu pausieren. Zuerst kam uns das allen ganz gelegen, dann verliefen sich aber auch manche Wege, wie das in dem Alter so ist. Ich z.B. hatte damals neben der Band zwei Jobs, um mich über Wasser zu halten, studierte seit 1980 an der Musikhochschule "Hanns Eisler", Hauptfach Konzertgitarre, also noch mal was ganz anderes, und hatte eine Familie mit zwei Kindern. Du kannst Dir sicher vorstellen, dass da keine Langeweile aufkommt (lacht). Der Einschnitt kam, als 1983 mein Vater starb. Dadurch hat sich mehr verändert, als mir am Anfang klar war. Auch die Songs, die ich schrieb. Als der Schlagzeuger dann wieder zurück kam ging es Schlag auf Schlag. Er brachte noch zwei Freunde von seiner ersten Schülerband mit, den Keyboarder Jörg Mischke und den Gitarristen Jörg Wilkendorf, ich hatte die Saxofonistin Tina Tandler nach Berlin geholt, die wiederum den Bassisten Lexa Thomas aus Weimar kannte. Diese freundschaftliche Konstellation fand ich sehr gut, weil ich immer jemand war, für den es nicht nur wichtig war was, sondern auch mit wem er spielt.

 

Bei der Wahl des Bandnamens habt Ihr scheinbar kurzen Prozess gemacht. Es wurde sich nicht in der Tierwelt, in einem Fuhrpark oder im Kochbuch umgeschaut, sondern die Band bekam einfach Deinen Nachnamen. Sollte der Name gleich vermitteln, dass Du der Chef des Ganzen warst?
Um so was wie "Chefsein" ging es bei uns nicht. Wir haben die Leute auch nicht danach ausgesucht, wer die meisten Noten in drei Takten unterbringen kann, sondern wer uns am sympathischsten ist und wer dieses Experiment mitmachen wollte. Dass wir damit Erfolg haben würden, war nicht abzusehen. Wir hätten auch weiter unter dem Radar spielen können, wie mit Regenmacher. Das wir ein halbes Jahr später eine Schallplatte bei AMIGA machen würden kam auch für uns sehr überraschend. Der Unterschied zu früher war, dass der Sänger die Musik an den Nagel gehängt hatte und ich jetzt meine eigenen Songs sang. Und diese Art Singer/Songwriter tauchten Mitte der 80er Jahre verstärkt auf: Rio Reiser, Grönemeyer, Meinecke, Westernhagen, Wolf Maahn... Deshalb sagte unser Keyboarder Mischka eines Tages: "Lasst uns mal gar nicht lange verzetteln, wir nennen das Kind einfach beim Namen".

 

Du hast es gerade selbst angesprochen: Es ging bei Euch alles rasend schnell. Aus dem Probekeller heraus habt Ihr gleich im Vorprogramm von Pankow gespielt. Wie kam der Kontakt mit der Band zustande und welche Erinnerungen hast Du noch an die Auftritte von Kerschowski bei Pankow-Konzerten?
Es gab einen regen Austausch mit dem Bruder vom Pankow-Sänger André Herzberg. Wolfgang schrieb unter dem Pseudonym Frauke Klauke einige der besten Pankow-Texte, wie ich finde, und war auch der Kopf hinter "Paule Panke". Als er dann an "Hans im Glück" arbeitete spielte er es mir vor: eine unvergessliche One-Man-Show. Auf meine Anregung hin schrieb er dann noch den letzten Song dazu, "Stille". Über ihn kam der Kontakt zum Pankow-Manager Wolfgang Schubert zustande. Der kam zu uns in den Proberaum nach Blankenfelde, guckte sich das an, war ganz begeistert und sagte: "Ihr müsst sofort spielen!" Ein paar Tage später war dann das erste Konzert mit Pankow, Mai '85 müsste das gewesen sein. Ich war eher immer ein bisschen vorsichtig und sagte: "Na ja, ich glaube, wir sind noch nicht soweit. Wir müssen noch ein bisschen proben...", aber die anderen haben mich überstimmt (lacht), und dann ging das ab wie die Post.

 

Auch Song- und Plattenproduktionen ließen nicht lange auf sich warten, denn soweit ich weiß gab es noch im Jahr der Bandgründung erste Produktionen im Rundfunk oder bei AMIGA....
Ja, es gab schon ein paar Wochen später Produktionen beim Rundfunk. Wir nahmen drei Songs auf für eine so genannte "Kleeblatt"-LP, auf der immer vier Bands vorgestellt wurden. Bei AMIGA gab es wohl Montagfrüh immer so eine Art "Vorspielen" und danach meinten sie: "Habt ihr genug Songs für eine ganze LP...?" Die waren offenbar der Meinung, dass das in die Zeit passt. Genug Songs hatten wir, es gab nur das Problem, dass wir mit unserer Albumproduktion gar nicht geplant waren...

 

Nun war's ja in der DDR nicht so, dass man Demo-Bänder verschickt hat, um auf sich aufmerksam zu machen. Wie kamen die denn auf Euch?
Über unsere Konzerte. Der Produzent Charly Ocasek hatte uns gesehen und fand das offenbar gut. Sicher hat auch die Reaktion der Leute dazu beigetragen. Es lag bei uns immer eine ziemliche Energie in der Luft und das sprach sich schnell rum.

 

Das erste Album erschien 1986. Kannst Du Dir erklären, warum das so schnell ging? Hattet Ihr bei AMIGA einen Förderer oder so was?
Ich denke schon, dass Charly sich dann für uns eingesetzt hat. Aber das es so schnell ging lag neben der Musik wohl auch an unseren Texten. Es gab ja in der DDR diese etwas merkwürdige Tradition, dass vor allem die Bands, die Platten aufnehmen durften, einen Texter hatten. Das muss nicht schlecht sein aber es hat seine Grenzen. Selbst eine Band wie Pankow hatte auf der LP "Kille Kille", die im selben Jahr raus kam wie unsere, nur zwei eigene Texte. Da spielten sie aber schon fünf Jahre lang zusammen. Ich hatte einfach drauf los geschrieben ohne irgendeine Schere im Kopf weil ich davon ausging, dass wir in Funk und Fernsehen sowieso nicht stattfinden würden, von einer Platte ganz zu schweigen. Mitte der 80er war aber auch "Gorbatschow-Zeit", alle hofften auf Veränderungen und wussten, dass irgendwas passieren muss. Darum gab es nicht nur im Publikum sondern auch in allen möglichen Institutionen Fans und Unterstützer. Die etablierten Bands waren natürlich die Stars, hatten sich aber im Laufe der Jahre anpassen müssen, mal mehr mal weniger. Wir brachten da ein bisschen frischen Wind rein, vielleicht erklärt das ein wenig das damalige Tempo.

 

Wann habt Ihr davon erfahren, dass AMIGA eine komplette Langrille von Euch machen will und wann ging's mit den Aufnahmen los?
Im Sommer 1985 kam das Angebot für die "Kleeblatt"-LP und ein paar Wochen später kam dann Ocasek und sagte, dass sie ein komplettes Album mit uns machen wollen. Es stellte sich nur die Frage, wann. Die Termine für das Amiga-Studio in der Brunnenstrasse waren ja in der Planwirtschaft immer langfristig verplant. Deshalb hat man uns dann immer irgendwo dazwischen geschoben: mal hier ein paar Stunden, mal da eine halbe Nacht im Studio, und nach einer Woche auf Tour wieder ein paar Stunden. Das war alles sehr verzettelt. Im Nachhinein eine sehr unangenehme Erfahrung, an die ich nicht gerne zurückdenke. Zumal sie für uns auch keinen freien Toningenieur hatten, einen Produzenten schon gar nicht. Produzenten gab's bei AMIGA nicht wirklich, die nannten sich nur so und waren mehr für das Organisatorische zuständig. Wir wurden dann mit einem Tonmann allein gelassen, der bereits bei AMIGA gekündigt hatte, er wechselte dann wohl zum Rundfunk, und der nur noch wenig motiviert zu sein schien. Zumal seine Produktion davor eine Schlagerplatte war, mit Frank Schöbel, und er mit uns wohl nicht all zu viel anfangen konnte. Also hat er ein paar technische Geräte ausprobiert und auf unsere Aufnahmen alles Mögliche drauf gelegt, vor allem reichlich Hall.

 

Wenn Ihr keinen Produzenten dabei hattet kann man ja davon ausgehen, dass Ihr die Platte so aufgenommen habt, wie Ihr es für richtig gehalten habt, oder?
Das waren unsere ersten professionellen Aufnahmen, wir wussten gar nicht, was richtig oder falsch ist. Aus dem Abstand würde ich sagen, sie hatten bei AMIGA gerade gelernt, den Euro-Pop-Sound hinzukriegen. Bands wie City und Silly wollten das wohl auch so haben, aber selbst Pankow klang 1986 im Studio noch deutlich anders als live. Meiner Meinung nach klingen die AMIGA-Platten der 70er sowieso besser als die der 80er, aber egal. Man hatte dort also Freude an den japanischen Geräten gefunden und gerade da stolperten wir rein und dachten: "Die werden schon wissen was sie tun." Es ging dann damit los, dass wir ewig Schlagzeug-Soundcheck gemacht haben bis alle taub, genervt oder gelangweilt waren. Dann musste jeder seinen Part alleine einspielen, erst das Schlagzeug, dann den Bass drüber, danach die Gitarre usw., zum Schluss wurde gesungen. Das war nicht unser Ding und fühlte sich nicht gut an. Obendrauf kamen dann noch die üblichen 80er Jahre Effekte und am Ende klang alles nicht mehr wirklich wie wir.

 

Trotzdem ist die Platte für meinen Geschmack sehr gut geworden.
Findest Du?

 

Schon. Ich hab jetzt nicht den Live-Vergleich, aber sowohl von der Musik als auch von den Texten her gefällt sie mir... 
Als ich die fertigen Mixe das erste Mal gehört habe, war ich entsetzt und hab gesagt: "Kinder, so geht's aber nicht." Das sah man bei AMIGA erst mal ganz anders, nach dem Motto: "Warum dankt Ihr jetzt nicht auf Knien, dass Ihr überhaupt hier rein durftet und eine Platte aufnehmen?" Die Reaktion verstand ich und sie hatten nicht ganz Unrecht. Ich bin Charly Ocasek auch bis heute dankbar für die Chance, die wir bekommen haben, und ich vergesse so was auch nicht. Trotzdem geht's bei einer Plattenaufnahme nicht zuletzt um die Musik, oder? (lacht) Deshalb habe ich ihn gefragt, ob sie denn überhaupt schon alles gehört hätten. Sie hatten noch nicht, also warteten wir ab. Dann rief er an und sagte: "Wir verstehen, was Ihr meint - so klingt Ihr nicht." Und er übermittelte uns ein erstaunlich tolerantes Angebot: "Entweder ihr schafft es, Helmar Federowski zu überreden, seine Woche Urlaub zu opfern, um in dieser Zeit soviel wie möglich neu abzumischen, oder ihr nehmt im Herbst alles noch mal komplett neu auf. Dann richtig geplant und mit Helmar als Tonmann." Das war sehr verlockend, andererseits hatten wir schon die Songs für die nächste Platte fertig und wollten diese hier so schnell wie möglich raus haben. Nach einer kurzen Band-Besprechung entschieden wir uns deshalb dafür, von den Aufnahmen zu retten was noch zu retten war. Ich bin zu Helmar Federowski gefahren, der damals bei AMIGA der beste Mann im Studio war und auch oft nebenan, wenn wir aufgenommen hatten. Er kannte uns also, fand die Songs gut, sagte "Ja." und opferte seinen Urlaub. Im Studio wurde aber schnell klar, dass es problematisch werden würde. Der Tonmann hatte alle Effekte, die man eigentlich erst beim Mischen dazu gibt, schon mit aufgenommen, so dass man gar nicht mehr viel mischen konnte. Das war eine kleine Katastrophe aber Helmar hat trotzdem sein Bestes versucht. Am Ende der Woche waren vier oder fünf Songs etwas besser als vorher, mehr ging nicht. Wir dachten: Raus damit und "Weitergehn", unter anderem deshalb heißt die Platte auch so.

 

Sie scheint aber nicht nur bei mir gut angekommen zu sein, denn so schnell wie sie in die Plattenläden kam, so schnell war die Platte dann auch ausverkauft. Habt Ihr das damals mitbekommen?
Kaum. Wie fast alle Bands bekamen wir keine Lizenzen, hatten also auch keine greifbaren Zahlen. Nach einer Weile hieß es 30.000 aber da waren wir schon wieder mit dem Alltag beschäftigt. Wir haben ja permanent live gespielt, dazwischen neue Songs geprobt, ich war bereits mit der Blankenfelder Boogie Band beschäftigt...

 

Ihr habt für die LP Kritikerlob bekommen, das Publikum mochte Euch, es kam in Scharen in die Konzerte, und die Wahl zur "Nachwuchsband des Jahres" habt Ihr auch gewonnen. War es da nicht schwer, die Bodenhaftung zu behalten?
Wenn wir eine echte Newcomer-Band gewesen wären und Anfang 20 vielleicht. Aber ich war damals Anfang 30 und die Bandidee war ja trotz des aktuellen Tempos langsam gewachsen. Ein paar Musiker und Techniker kamen wie gesagt noch aus der Regenmacher-Zeit und auch der Freundeskreis drum herum war der alte. Die hätten uns genauso gut am nächsten Tag wieder abwählen können, dann hätten wir halt weiter in Großräschen gespielt und trotzdem unseren Spaß gehabt. Rio hat sich übrigens öfter darüber amüsiert, dass er im selben Jahr auch zum "Newcomer des Jahres" gewählt worden ist - mit 36 (lacht).


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Im Jahre 1987 wurden neue Ideen umgesetzt und es entstand die "Blankenfelder Boogie-Band". Allein die Namen der Mitglieder lesen sich wie ein "Best of DDR-Rock". Woher kam die Idee dazu und wie sind so namhafte Musiker wie Bodi Bodag und Heiner Witte von Engerling oder Marcus Schloussen und Delle Kriese dazu gestoßen?
Die Idee zur Blankenfelder Boogie-Band kam von Charly Ocasek. Er hatte nach der Amiga Blues Band und den Gitarreros die Idee, noch mal so eine große Sache aufzuziehen und eine Platte davon zu machen. Er sprach mich an und meinte: "Mach doch mal eine Rock'n'Roll Allstar Band." Ich hab ihm geantwortet, dass Rock'n'Roll nicht so mein Ding ist, eher die 60er Jahre. Außerdem interessierten mich solche Sachen nicht, wo man mehrere VIPs zusammensteckt und denkt, dadurch wird's noch "VIP'iger". Dann ging mir die Sache aber doch nicht aus dem Kopf, und mir fielen nach und nach ein Haufen guter Songs aus den 50er Jahren ein. Mir kam die Idee, nicht einfach klassischen Rock'n'Roll zu spielen, sondern eher so was wie John Lennon zehn Jahre vorher. Und die Texte könnte man vielleicht übersetzen und ein bisschen an die aktuelle Zeit anpassen, damit neben der Energie und dem Spaß von damals auch dieser Schuss Frechheit mit drin steckt. Das wurde für mich ein ganz verlockender Gedanke. Denn wir hatten zwar den Ruf, gute Texte zu haben, was immer das heißt, liebe Leser, ich selbst fand mich aber nicht gut genug. Das ganze Umfeld war ja schwierig. Es gab viele banale Sachen und nicht nur wegen der Zensur. Andere versuchten, etwas nicht in sondern zwischen den Zeilen unterzubringen. Das wurde dann oft bedeutungsschwanger, ich nannte es "lyritisch". Ein Song wie der "Summertime Blues" von Eddie Cochran dagegen war erfrischend und brachte in drei Strophen alles auf den Punkt. Deshalb hab ich das dann sehr gerne gemacht und viel mehr Songs übersetzt, als wir brauchten. Das war witzig und ging schnell. Das floss mir einfach so aus der Feder. Dann haben wir überlegt, welche Musiker dazu passen würden und Bodi Bodag von Engerling gehörte für uns sofort dazu. Ein Original und ein unglaublicher Klavier-, Orgel-, Mundharmonikaspieler und Sänger. Bodi meinte dann: "Wir brauchen unbedingt Ehle für die Riffs...", Jürgen Ehle von Pankow hatte auch schon einen Gastauftritt auf unserer LP gehabt. In dieser Besetzung gab es zwar nur zwei Konzerte im Februar '87 aber eins davon hat sich bis nach Amerika rum gesprochen. Eine Freundin von dort schickte mir einen euphorischen Artikel mit der Überschrift "Rockt die Bürokratie", aber das führt jetzt zu weit.

 

Du hast sogar Cäsar Peter Gläser mit in die Besetzung aufgenommen. Zu dem Zeitpunkt wurde es ihm wegen eines Ausreiseantrages sehr schwer gemacht, seinem Beruf nachzugehen. Wusstest Du davon und hattest Du keine Angst, dass sein Mitwirken bei Euch Probleme mit der "Obrigkeit" mit sich bringen würde?
Um so was habe ich mir nicht viel Gedanken gemacht. Ganz im Gegenteil: Wenn's Ärger gibt, ist das doch spannend (lacht). Es konnte ja auch relativ langweilig sein in der DDR und man musste sich seine kleinen Abenteuer schon selbst suchen. Cäsar wollte ich einfach auch gerne kennen lernen, weil wir schon mit Regenmacher Songs von ihm gespielt hatten. Ich mochte ihn als Gitarristen, seinen speziellen Sound und natürlich diese tiefe Stimme. Wir sind nach Leipzig gefahren und haben zu ihm gesagt: "Komm, spiel einfach bei uns mit." Er fand die Idee gut und auch die Songs, wir waren uns sympathisch, und im Herbst '87 hat er dann die komplette Boogie-Band-Tour mitgemacht. Das war wirklich fantastisch und es gab viele schöne Momente, gerade auch mit ihm, weil alle wussten, wie es ihm geht und dass es für ihn eine Art "Abschiedstour" werden könnte. Beim letzten Song, "Just Because" von Lloyd Price haben wir das dann so inszeniert, dass einer nach dem anderen von der Bühne ging, bis Cäsar zum Schluss ganz allein vorne stand und die Melodie auf der Flöte spielte. Die Säle waren rappelvoll, aber in dem Moment waren alle still, sehr berührend. Als Zugabe hat Cäsar dann "Zwischen Liebe und Zorn" gesungen und Bodi "Mama Wilson", das waren tolle Versionen in dieser großen Besetzung und mit den Bläsern, den fünf "Blasenden Boogie Babies".

 

Ich habe gelesen, dass es 1988 - ich zitiere - "Chaos, Stress und Streitigkeiten" innerhalb der Band gab und viele der Kollegen daraufhin ausgestiegen sind. Was war da genau los?
Ja gut, "Chaos, Stress und Streitigkeiten" sind meist ein elementarer Bestandteil jeder guten Band, aber bei uns ging es in dieser Phase weniger um persönliches. Wir brauchten dringend ein neues organisatorisches und vor allem auch finanzielles Konzept für die Band. Wie schon gesagt ging es bis dahin möglichst demokratisch zu, alles wurde gemeinsam besprochen und entschieden. Auch die Gagen wurden durch zehn geteilt und ich bekam genau soviel wie die Techniker. Das fand ich richtig, weil es in so einem Team keinen unwichtigen Job gibt. Es hatte auch keiner das Geld, um sich alleine ein Instrument oder einen Verstärker zu kaufen. Also legten wir alle zusammen und nach und nach ging es vorwärts. Die PA hatten wir allerdings nur gemietet. Irgendwann haben wir dann als Band beschlossen: "Lasst uns Geld borgen und eine eigene Anlage kaufen." Das hat auch geklappt und mit zwei Krediten über 75.000 Mark haben wir die alte PA von Silly gekauft. Der Haken war: Wir hatten zusammen entschieden, aber ich musste unterschreiben. Dadurch entstand eine veränderte Situation. Sollten wir auch die Schulden gleichmäßig auf alle verteilen? Sollte ich jetzt mehr Geld bekommen? Jeder hatte eine andere Meinung dazu und mancher gar keine, das war der Anfang vom Ende. Denn durch den Druck wurden auch andere Probleme plötzlich größer. Über das Thema Geld wird ja selten gesprochen dabei kann es für jede Band, die ein bisschen Erfolg hat, irgendwann brenzlig werden. Damals fand ich es jedenfalls ziemlich heftig und bitter. Nicht zuletzt, weil ich auf den Schulden sitzen blieb und bis 1996 abbezahlt habe.

 

Trotz des Streits in der Band gab es 1988 die Möglichkeit, im Vorprogramm von Rio Reisers Ostberlin-Konzert aufzutreten. Wie kam es dazu und welche Erinnerungen hast Du an dieses Konzert noch?
Wir waren jetzt nur noch zu dritt, fanden zum Glück aber schnell eine neue Rhythmusgruppe. Erst kam Delle Kriese, der bei Cäsars Rockband Schlagzeug gespielt hatte und heute bei Renft ist, dann Kay Lutter von Freygang, heute Bassist bei In Extremo. Im Spätsommer '88 lud mich dann dieser kleine Verrückte von der FDJ, Rainer Börner, zu sich nach Hause ein und sagte: "Ich will Rio hier in Ostberlin auf einer Bühne spielen sehen. Und wenn eine Band zu Rio passt, dann seid Ihr das." Davor hatte er schon Bob Dylan und Bruce Springsteen geholt, er meinte es also ernst. Und er war mir sympathisch. In den Tagen danach ging mir einiges durch den Kopf. In diesem Sommer hatten viele Rock-Großveranstaltungen stattgefunden und keine DDR-Band war davon gekommen, ohne mindestens ausgebuht zu werden. Der Druck im Land wurde größer und immer weniger wollten etwas mit dem System zu tun haben. Das wurde auch auf Bands projiziert, die vielleicht gar nichts dafür konnten. In der Phase war es schon heavy, nicht nur als Vorband für einen Musiker aus, sagen wir mal Kanada, zu spielen, sondern für Rio Reiser. Mir war klar, dass die Hardcore-Scherben-Fans der gesamten DDR anreisen würden, von Thüringen bis Rügen, aus jeder Ecke. So kam es dann auch und viele hatten schwarz-rote Fahnen dabei. Sie wollten Rio sehen und Scherben-Songs hören. Damit haben sie schon Rio selbst das Leben schwer gemacht und vor dem Konzert immer "Scherben! Scherben!" gebrüllt. Was würden die wohl mit uns machen? Darauf war ich genauso neugierig wie auf Rio, deshalb hab ich zugesagt - aber mit gemischten Gefühlen. Es war klar, das würde kein Konzert wie jedes andere werden. Ich glaub die beste Idee war es dann, mit einem sehr ruhigen Song anzufangen. Dadurch wurde es still und man hörte uns zu. Es gibt da die Zeile: "Keine Ahnung wo Rio liegt...", das passte und ich hab hinterher gesagt: "Ich hab zwar keine Ahnung wo Rio liegt, aber ich weiß, wo er nachher stehen wird. Nämlich hier auf der Bühne." Da war das Eis geschmolzen, und nachher mussten wir sogar Zugaben gegeben. Am zweiten Abend gab es eine kleine Session mit beiden Bands zusammen.

 

Das hat Dir auch neue Möglichkeiten eröffnet, oder? Du durftest 1989 für Deine Albumproduktion sogar in den Westen zu ihm ins Scherben-Studio reisen. Wie war das möglich?
Erstmal haben sich überhaupt keine neuen Möglichkeiten ergeben, denn direkt danach gingen für uns einige Türen zu. Zuerst muss man erwähnen, dass unsere Auftritte an beiden Abenden nicht mitgeschnitten werden durften. Es wurde auch nirgendwo darüber berichtet. Weil es ein deutsch-deutsches Konzert war, sollte der Ball flach gehalten werden, wie man uns hinter vorgehaltener Hand sagte. Dann gab's da noch die Geschichte mit den Ansagen. Vor dem Song "Bad Boy" sagte ich z.B. immer irgend so was wie: "Es gibt noch viel zu wenig kleine böse Jungs und Mädchen, die einfach machen was sie wollen. Aber immer noch zu viele alte Männer, die uns sagen wollen, was wir zu tun und zu lassen haben." Damals war ja alles ein Politikum aber bei so einem Satz wusste jeder, dass es ganz direkt ums vergreiste Politbüro geht. Nach dem ersten Abend meinten die Aufpasser zu Rainer Börner: "Sag dem Typen da oben, er soll diese Ansagen morgen nicht mehr machen." Das hat er mir netterweise aber nicht weitergesagt (lacht). Ich hätte es trotzdem gemacht, aber so war es unkomplizierter. Die Folge war ein Medienstopp. Du wirst in Zeitungen und Magazinen danach nichts mehr über uns finden, erst wieder nach der Wende. Auch im Rundfunk gab's nichts und im Fernsehen schon gar nicht. Aber zurück zu Deiner Frage. Warum ich für das Boogie Band-Album dann Anfang '89 doch in den Westen fahren durfte, kann ich Dir nicht sagen. Solche Entscheidungen waren ja sehr willkürlich. Ich vermute, dass sich dann doch AMIGA dafür eingesetzt hat. Obwohl sie uns gegenüber sehr verschnupft waren, denn wir hatten auf das Angebot für eine zweite Platte noch nicht reagiert, einfach aus Zeitgründen. Ich hab zu Charly Ocasek gesagt: "Die Songs dafür sind zwar fertig, aber wir arbeiten noch an der Boogie Band..." Das hatte sich ja als schwierig erwiesen, weil wir den Live-Mitschnitt der Konzerte aus technischen Gründen nicht verwenden konnten. Die Bänder, die wir in allerletzter Minute aufgetrieben hatten, waren schon mal benutzt worden und hatten Klebestellen ohne Ende, an jeder gab es Dropouts. Wir ließen uns aber nicht entmutigen und beschlossen, alles noch mal neu aufzunehmen. Der Live-Mixer hatte seine Garage zu einem kleinen Studio umgebaut, er sammelte Mikrofone, hatte aber nur ein 8-Spur-Gerät. Das war ziemlich knifflig mit 14 Musikern aber der Sound war trotzdem besser als auf unserer ersten Platte. Irgendwann hatte ich dann einen Termin beim damaligen AMIGA-Chef Büttner und der meinte: "Sag mal, was ist denn los bei Euch? Ihr sollt eine zweite Platte machen und Ihr wollt nicht?" Ich habe versucht, ihm das zu erklären, denn hätten wir die Boogie Band nicht jetzt und sofort aufgenommen, wäre das alles verloren gewesen. Aber er konnte oder wollte das nicht verstehen. Dann hab ich meinen Trumpf aus dem Ärmel gezogen, dachte ich jedenfalls: "Es gibt das Angebot von Rio Reiser, die Songs mit mir zusammen abzumischen." Rio hat das vorgeschlagen, nachdem wir am zweiten Abend einen dieser Songs zusammen gesungen hatten. Büttner blieb aber ganz cool und sagte: "Weißt Du, hier sitzt jeden Tag einer bei mir in dem Sessel da und sagt, er kennt irgendeinen West-Onkel." Zwecklos, ich bin dann irgendwann aufgestanden und gegangen. Rio hatte mir aber seine Privatnummer gegeben und wir haben öfter telefoniert - Ferngespräche von der Post aus oder in einer Telefonzelle. Er fragte: "Hey, warum kommst Du nicht? Ich warte..." Ich sagte: "Du, ich wohne hier in Sibirien und da ist immer noch eine Mauer dazwischen. Tut mir leid! Ich würde gerne kommen aber es sieht schlecht aus." (lacht) Er hat sich trotzdem die Zeit frei gehalten und auf den letzten Drücker hat's ja dann auch hingehauen. Im Mai 1989 war ich für vier Wochen in Fresenhagen, Nordfriesland, und in dieser Zeit haben wir uns angefreundet. Er wohnte ganz allein dort, nur Lanrue, der Scherben-Gitarrist, wohnte mit Frau und Tochter weiter hinten im Haus. In diesen vier Wochen waren wir rund um die Uhr zusammen und haben die Boogie Band-Songs gemischt. Natürlich noch analog, das heißt wir schraubten mit vier Händen am Mischpult und sind uns dabei auch praktisch sehr nah gekommen. Wir haben über Gott und die Welt geredet, haben Musik zusammen gemacht und uns richtig gut verstanden. Danach haben wir uns nicht wieder aus den Augen verloren.

 

17 20130102 1537320324Das zweite Album "Blankenfelder Boogie Band" wurde letztlich 1989 doch noch veröffentlicht, danach brach Deine Band aber komplett auseinander. Lag das an der Wende und den veränderten Voraussetzungen im Land oder wieso seid Ihr alle getrennte Wege gegangen?
Es lag an vielen unterschiedlichen Sachen, natürlich auch an der Wende. Manche Kollegen meinten damals: "Ey, jetzt muss man am Ball bleiben. Wer's jetzt nicht schafft, ist weg vom Fenster" usw., aber ich wurde mitten in diesem Trubel eher ruhig und habe abgewartet. Für mich war das keine Zeit, in der man einfach sinnlos in irgendeine Richtung rennt, sondern eine des Beobachtens. Ein zweiter Grund war eher privater Natur: Ich hatte mich vorher schon von meiner Frau getrennt und lebte jetzt in einer neuen Beziehung. Unsere Tochter war Anfang '89 geboren worden und diesmal wollte ich versuchen, es besser hinzukriegen. Ich wollte etwas kürzer treten, auch mal an uns denken und nicht - wie vorher - immer nur an die Band. Der ausschlaggebende Grund war dann aber Rio. Er kam im Herbst '89 nach Berlin um eine Platte aufzunehmen und lud mich dazu ein. Silvester haben wir dann in großer Runde in Fresenhagen gefeiert und kurz danach rief er mich an und fragte, ob ich nicht in seiner Band mitspielen will. Die Verlockung war natürlich groß aber ich hab um eine Nacht Bedenkzeit gebeten denn mir war klar, dass es mit ihm keine halben Sachen geben würde und so kam es dann auch: Einen Monat Proben, zwei Monate Tour, drei Monate Urlaub mit ihm zusammen und als wir zurück kamen stand schon die nächste Tour vor der Tür... Man kann also nicht sagen, dass meine Band "auseinander brach", nur die Koordinaten hatten sich verschoben. Die anderen spielten mit etwas Verstärkung als die "Wilderer" weiter, waren dann auch mal Gundermanns Begleitband, und wir hatten immer wieder miteinander zu tun. Und ich konnte endlich mal wieder einen Schritt zurück treten und ein bisschen Gitarre spielen, was ich seit Jahren nicht mehr gemacht hatte. Aber an kontinuierliche Arbeit mit den anderen war nicht zu denken, ich war ja selten in Berlin. Wie gesagt hab ich mit Rio nicht nur Musik gemacht, sondern wir sind auch sonst viel zusammen unterwegs gewesen. Gleich 1990 haben wir lange Zeit in Südeuropa verbracht. Das gab ihm die Möglichkeit, Deutschland den Rücken zu kehren, das ihm in dieser Zeit ziemlich auf den Magen schlug, und mir, Italien, Spanien und Frankreich kennen zu lernen und dort Freunde von ihm zu besuchen. Immer auch mit meiner Frau und meiner Tochter zusammen. Das war eine witzige Zeit, wir vier auf Reisen. Geld hatten wir keins aber Rio war sehr großzügig und hat uns eingeladen.

 

Trotzdem Du ab 1990 festes Mitglied in Rios Band warst, hast Du 1994 selbst ein drittes Album aufgenommen und veröffentlicht. Es heißt "Vorbei ist vorbei". Wie kam es dazu, dass diese Platte produziert wurde, und warum war das nur ein kleines Intermezzo?
Das hat schon früher angefangen. Nach Rios '91er LP "Durch die Wand" verlor er ein bisschen die Lust auf Tour-Rummel und Talkshows. Dadurch wurde es auch für mich wieder etwas ruhiger. Zwar hatten wir weiter engen Kontakt, Ende '92 zog er sogar für eine Weile in eine Mietwohnung in unserem Haus, aber so war auch ich jetzt wieder mal für längere Zeit fest in Berlin. Als erstes traf ich Jürgen Ehle und wir nahmen ein paar Songs zusammen auf. Ich hatte mit dem Schreiben ja nie aufgehört und auch die ganzen Titel der nie zustande gekommenen zweiten Kerschowski-LP lagen noch in der Schublade. Dann stieß Wilkie dazu, mein alter Gitarrist, und mit Hilfe von Rainer Börners Organisationstalent entwickelte sich daraus schnell eine kleine Dreier-Tour. Rainer schlug dann auch vor, wieder mal eine Platte mit kompletter Besetzung aufzunehmen, er würde sich um das Organisatorische kümmern. Also hab ich Musiker zusammen getrommelt, ein paar von der alten Besetzung und ein paar neue dazu, z.B. eine super Rhythmusgruppe, Herbert Junck, der Silly-Schlagzeuger und wieder Marcus Schloussen am Bass, die beiden hatten sich gesucht und gefunden. Mit einer gemieteten 24-Spur-Bandmaschine sind wir nach Fresenhagen gezogen, haben da alles verkabelt, eingerichtet und die Songs alleine aufgenommen. Während der Produktion haben wir ein paar Wochen da oben gewohnt. Nachdem das Album erschienen war spielte ich dann auch wieder mehr live. Das war '94-95 und so sollte es auch 1996 weiter gehen. Zu einem Intermezzo wurde diese Zeit dann wieder durch Rio. Er kam vorbei und meinte: "Ich will doch wieder eine Tour machen. Bist Du dabei?" Er bat mich, ein bisschen mit zu organisieren und mich um Musiker und Techniker zu kümmern. Es war immer ein bisschen schwierig, Rios Band wieder zusammen zu kriegen, weil alle zwischenzeitlich natürlich anderweitige Verpflichtungen hatten. Der Gitarrist Manuel Lopez hatte ein Studio in München, der Keyboarder Volker Griepenstroh wohnte in Hamburg war aber viel mit Hape Kerkeling und Frau Jaschke unterwegs und Holli Wagner, der Bassist, wohnte in Frankfurt und spielte bei Xavier Naidoo und Sabrina Setlur. Deswegen war meine Band schon mal kurzfristig eingesprungen, wir hatten Rio 1994 bei einem Open Air in Dresden begleitet. Jetzt erinnerte er sich daran und meinte: "Du, das wär's doch eigentlich! Das macht es viel unkomplizierter: Ihr seid alle in Berlin, ihr kennt die Songs, lass es uns doch so machen." So kam es, dass wir ihn auf seiner letzten Tour begleitet haben. Und so wäre es auch weitergegangen, wenn er nicht gestorben wäre. Denn für den Herbst 1996 gab es schon Termine für die nächste Rio-Tour. Deshalb wurden meine Konzerte erst verschoben und dann gecancelt. Ich hatte ihm versprochen, dass ich da bin, wenn er mich braucht.

 

Du hast diese traurige Sache mit Rios Tod gerade schon angesprochen. Am 20. August 1996 starb Rio völlig überraschend. Für 1996 waren diverse Vorhaben geplant, die dann alle nicht stattfinden konnten. War Rio krank oder kam das tatsächlich überraschend? Wusstet Ihr Kollegen was davon?
Ich war ja viel mit Rio zusammen und wenn wir nicht zusammen waren, haben wir drei Mal die Woche telefoniert. Ich wusste also schon, wie's ihm geht. Schlecht gegangen war es ihm am Ende der Tour im Mai. Das lag aber daran, dass die Tour als kleine Club-Tour geplant war, dann aber zu einer mit teilweise weit auseinander liegenden Konzerten in großen Hallen geändert wurde. Das hat Rio ziemlich geärgert, gestresst und auch körperlich in Anspruch genommen. Ich hab darüber mal was geschrieben, auf Wunsch der Chefin vom "Malzhaus" in Plauen, weil das Konzert dort im Nachhinein zu Rios Letztem auf dieser Welt geworden ist. Allerdings war er danach in Italien und kam gut erholt wieder. Der Anruf von seinem Bruder Gert hat mich dann doch kalt erwischt.

 

Woran genau starb Rio denn?
Die unvermeidliche Frage. Ich bin kein Arzt und kann das so genau nicht sagen. Bei Wikipedia gibt es eine Beschreibung mit einem komplizierten medizinischen Fachbegriff, die der Sache sicher ziemlich nahe kommen wird, wie das Meiste bei Wikipedia. Meine Meinung ist, dass er an "akutem Rio" gestorben ist. Jemand, der so intensiv lebt, hat seinen Zeitvorrat vielleicht schneller aufgebraucht als andere. Man sollte aber auch nicht vergessen, dass Fresenhagen weit ab auf dem Lande liegt und Rio wohl noch leben könnte, wenn der Arzt 10 Minuten früher da gewesen wäre.

 

Nach Rios Tod hast Du Dich um den Nachlass gekümmert. Was genau tust Du da?
Ich wusste am Anfang selbst nicht, was damit alles verbunden sein würde. Es ging ziemlich familiär los, weil auch die Scherben-Leute auftauchten und viele Freunde, die ihn lange nicht gesehen, während der Solozeit auch nicht oft besucht hatten. Alle wollten an der Nachlasspflege mitarbeiten und es wurde geplant. Ich sollte mich mit dem Scherben-Gitarristen und dem Keyboarder um die Musik kümmern, andere um die Videos, Briefe usw. Wie man das halt so macht, alle treffen sich, sind betroffen und planen. Dann kam aber schnell der Alltag zurück und mit ihm Problemchen und Probleme, zuerst wegen der Erbschaft. Da war ein Haus, da war eine Firma und nichts war geregelt... Das alles konnte man nicht von heute auf morgen klären, deshalb haben sich viele zurück gehalten. Als der Scherben-Gitarrist Lanrue kurzerhand nach Portugal zog, stand Fresenhagen plötzlich leer und ich erst mal alleine da. Dann verschwanden die ersten Sachen aus dem Haus und Rios Bruder Gert musste das Wichtigste nach Berlin holen, Räume anmieten und es ging nicht mehr nur um Musik sondern um vieles mehr. Da begann dann der Teil, der nicht mehr geplant war. Aber ich hatte zugesagt und die Probleme waren mir bis zu einem gewissen Grad egal, denn darum ging es nicht, sondern um Rio. Das sollte man nicht aus den Augen verlieren. Ich bin dann in verschiedene Archive gegangen, Marlene Dietrich-, Friedrich Hollaender-, und habe genau dieselbe Frage gestellt: "Was macht Ihr hier eigentlich genau...?" In der Folgezeit wurde es ziemlich technisch und logistisch. Hauptsächlich hatten wir etwa 600 Tonbänder verschiedener Formate zu digitalisieren und zu archivieren, von MCs und Spulenbändern aus den 60er Jahren bis zu 32-Spur Digital aus den 90ern. Später kamen noch mal 400 dazu, nachdem ich Lanrue in Portugal besucht hatte. Auch andere Sachen wie Fotos, Schriftliches oder Videos wurden digitalisiert, damit man es in eine Datenbank einbinden und später wieder finden konnte. Für alles musste es eine Struktur geben und vor allem auch Backups, was damals noch nicht so leicht war, denn als wir anfingen hatten die Festplatten noch 4 GB. Ich habe dann ein paar Freunde dazu geholt, die uns geholfen haben. Zuerst jemanden, der sich mit Computertechnik und Musiksoftware auskannte, denn ich war auf dem Gebiet noch Anfänger. Später kamen dazu Bürohilfen und ab und zu Praktikanten der Archivfachschule Potsdam. Manche sind uns bis heute treu. Um das alles zu finanzieren fingen wir an, CDs zu produzieren, zuerst "Rio am Piano I und II", dann das Seelenbinder-Konzert usw., zu diesem Zweck hat Gert Möbius das Label "Möbius Rekords" gegründet, so konnten wir alles selbst entscheiden und mussten keine Kompromisse eingehen. Rainer Börner wurde Geschäftsführer und hat alles organisiert, später dann auch zusammen mit Lanrues Schwester Elfie (Elfie Steitz-Praeker, Frau des Spliff-Bassisten Manne Praeker, Anm. d. Verf.). Da ging es dann z.B. um das Gesamtwerk der Scherben in einer 13-CD-Box, die ich für das Scherben-Label "David Volksmund Produktion" produziert habe. Inzwischen gibt es eine ganze Reihe von Veröffentlichungen, immer liebevoll und aufwendig, wie diese Box oder das "Rio Reiser Liederbuch", das letzten Herbst erschienen ist. Über 450 Seiten stark und zwei Kilo schwer... Dass das alles so lange dauert und so aufwendig ist habe ich am Anfang natürlich nicht geahnt, vielleicht war's besser so (lacht).

 

Und das machst Du also auch heute noch?
Ja, ich hatte plötzlich vier oder fünf Jobs. Denn mein Geld verdient habe ich weiterhin hauptsächlich mit meiner eigenen Musik. Viel Filmmusik in den letzten Jahren, das geht alles Hand in Hand.

 

Du sprachst ja gerade schon die Filmmusik an. Wie bist Du denn dazu gekommen?
Durch Zufall, genauso wie zu Rio. Manchmal kreuzen sich zwei Wege zur richtigen Zeit. Ich hab aber die Erfahrung gemacht, dass man dem Zufall nachhelfen kann, indem man seine Hausaufgaben macht, sonst geht er nämlich einfach weiter. Ich hatte schon immer nebenbei Instrumentalmusik aufgenommen, aber das wusste kaum jemand. Wenn überhaupt kannte man von mir nur Songs. 1997 kam der Regisseur Manfred Stelzer zu mir und sagte: "Als letztes habe ich mit Haindling gearbeitet aber der hat keine Zeit..." Hans Jürgen Buchner hatte ich zum Rio-Abschiedskonzert ins Tempodrom eingeladen weil ich wusste, dass sich beide sehr mochten. Das aber nur am Rande... Haindling hatte also keine Zeit und darum fragte er mich, schon das fand ich sehr schmeichelhaft. Jeder Musiker würde sich über so ein Angebot freuen aber mir war schon klar, dass das eine Eintagsfliege sein würde. Also habe ich meine Gretsch-Gitarre genommen und den Vox AC30 Verstärker, den ich mir für die letzte Rio-Tour gekauft hatte, hab mir ein schönes Thema für dem Film ausgedacht, viel improvisiert und das Band laufen lassen. Ich stand damals gerade auf den "Dead Man"-Soundtrack von Neil Young und dachte mir, so was macht man in deutschen Filmen eigentlich nicht. Aber da ich nichts zu verlieren hatte - war ja sowieso nur eine einmalige Sache - ging ich nur nach meinem Gefühl. Als ich es dem Regisseur vorspielte und der Film zu Ende war, drehte er sich zu mir, lächelte und sagte: "Endlich mal einer, der was anderes macht!" Dann kam er für seinen nächsten Film wieder, das war der letzte Polizeiruf mit Kurt Böwe. Der Film spielte auf einer Nordsee-Hallig.19 20130102 1502169356 Dafür habe ich mein Harmonium geölt, damit es nicht quietscht, und darauf das Hauptthema gespielt. Manfred liebte die Musik und sagte: "Willkommen in der Familie." Seitdem kommt er immer wieder zu mir, wenn er Filmmusik braucht. Inzwischen hab ich alleine für ihn über 30 Filmmusiken aufgenommen. Das ist natürlich viel Stoff. Darum habe ich irgendwann Danny Dziuk dazu geholt, den ich bei einem Engerling-Konzert kennen gelernt hatte. Ich mochte ihn sofort, wir ergänzten uns gut und zu zweit macht es einfach mehr Spaß.

 

Damit sind wir auch fast schon am Ende. Kann man Dich demnächst wieder irgendwo als Musikanten auf einer Bühne sehen?
Das kann ich Dir wirklich nicht sagen. Wie Du sicher bemerkt hast, habe ich mich oft irgendwie treiben lassen und nie gezielt an einer Karriere gebastelt. Trotzdem gab es in all den Jahren immer wieder interessante Begegnungen und gute Musik. Sicher werde ich irgendwann auch wieder ein paar Songs aufnehmen. Ist lange überfällig, aber vielleicht kann man jetzt besser verstehen, warum dafür in den letzten Jahren keine Luft war (lacht). Im Moment sieht es sogar ernsthaft danach aus, aber über ungelegte Eier soll man nicht reden. Es bleibt nach wie vor spannend und ich habe keine Langeweile.

 

Dann danke ich Dir für die Zeit und Deine Antworten. Möchtest Du abschließend noch ein paar Worte an unsere Leser richten?
Bleibt neugierig, bleibt frech und denkt immer daran: Morgen kann alles ganz anders sein!

 

Interview: Christian Reder
Bearbeitung: kf, cr
Fotos  Lutz Kerschowski privat, Tina Reutgen
 

   
   
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