Dirk Zöllner

 

7suenden 20130225 1179580037Es ist inzwischen so, dass verschiedene Ostrock-Coverbands fast an jedem Wochenende irgendwo zu sehen und zu hören sind. Dabei stellt sich dem einen oder anderen Musikfreund die Frage, ob es Sinn macht, sich eine Coverband anzuhören, obgleich man die Originale fast alle noch live erleben kann. Doch um das zu beantworten, muss man tiefer in die Materie eintauchen. Wie überall gibt es nur "gut" oder "schlecht", und diese Einstufung nimmt stets der Hörer vor. Eines der besseren, beliebteren und ältesten Cover-Projekte ist Osten.de von Dirk Zöllner und IC Falkenberg. Aber was soll bei den beiden besser sein, als bei anderen Cover-Projekten? Das kann man wohl wirklich nur am eigenen Leib erfahren, wenn man sich ihre CD anhört oder auf eines ihrer Konzerte geht. Letzteres ging fast sieben Jahre lang nicht, weil das Projekt bereits 2002 mit dem Abschlusskonzert in eine seeeeeehr lange Pause ging. Jetzt juckt es die beiden Musiker IC Falkenberg und Dirk Zöllner wieder. Und das, obwohl beide (ständig) mit mehreren anderen Projekten beschäftigt sind. IC ist derzeit mit vier (!!!) Projekten live auf den Bühnen zu sehen, und Dirk Zöllner ist außer als Solist noch als gefeierter Musical-Star unterwegs. Trotzdem haben sie ihren Terminkalendern ein paar freie Termine abgerungen, an denen sie beide gleichzeitig als "Osten.de" auf die Bühnen zurückkehren können. Grund genug, Dirk Zöllner zu uns einzuladen und mal zu horchen, was es ab Ende November zu sehen und hören geben wird. Aber nicht nur Osten.de war Thema bei dem Gespräch zwischen Dirk und Christian. In einer sehr entspannten Atmosphäre wurden die letzten 1½ Jahre (solange ist es her, dass Dirk das letzte Mal bei uns war) ausführlich aufgearbeitet...
 

 
 
Hallo Dirk, eins vorweg: Am Wochenende habe ich Dich als "Zeitzeugen" in einer Spiegel TV-Produktion zum Thema Wende und Deutsche Einheit gesehen. Der Fall der Mauer jährt sich in ein paar Tagen ja zum 20. mal… wie hast Du diese Zeit damals erlebt?
Das war wahrscheinlich für alle Ostler, die das bewusst mitbekommen haben, die aufregendste Zeit des Lebens, denn man erlebt ja nicht alle Tage, dass heilige Kühe geschlachtet werden und sich scheinbar festgetackerte Situationen so ändern können. Wenn man so was erlebt hat, nimmt man viele Sachen nicht mehr so ernst. Ich habe das als eine unheimlich aufregende Zeit in Erinnerung. Es wurde alles auf den Kopf gestellt. So ein Ruck der Veränderung ist selten, und Veränderung bedeutet immer Glück, egal wie es hinterher ausgeht. Der Moment der Veränderung ist immer grandios.
 

Wo warst Du denn in dem Moment, als Günter Schabowski die "neue Reiseregelung" bei einer internationalen Pressekonferenz verlesen hat?
Da war ich in Berlin und hatte ein Konzert mit den Zöllnern im "Haus der jungen Talente". Das ist in Berlin-Mitte, und es war eine sehr seltsame Situation: Am selben Tag, vormittags, hatte ich mit dem Halleschen Sinfonie-Orchester und mit verschiedenen anderen Leuten, u.a. IC und den Puhdys, im Palast der Republik gespielt und war hinterher ziemlich fertig von der ganzen Anstrengung. Abends hatte ich dann - wie gesagt - im "Haus der jungen Talente" noch ein Konzert mit den Zöllnern. Es lief eigentlich wie gewohnt sehr gut, aber während des Konzertes sind die Leute einfach abgehau'n. Das war für mich wie ein Alptraum, also eine ganz komische Situation. Am Ende des Konzerts bin ich dann nach Hause gegangen. Ich habe auch in Berlin-Mitte, in der Chausseestraße, gewohnt. Das war wie eine Sackgasse, die in den Westen rein ging. Der Ort war so ein paar Kilometer von der Mauer umgeben. Als ich daher kam, stand dort alles voller Trabis. Ich dachte noch so bei mir: "Was ist denn jetzt los?". Ich habe vermutet, dass es sicher wieder eine Demonstration war, wie sie in der Zeit tagtäglich stattfanden. Zuhause bin ich von Antonia Langsdorf geweckt worden. Die Frau hat Frühstücksfernsehen für RTL gemacht, lud mich in ihre Sendung ein und fragte, ob ich nicht kommen könnte. Und ich dachte: "Hä? Ich hab doch gar keinen Pass. Wie soll das funktionieren?". Also habe ich erst durch sie mitbekommen, dass die Mauer geöffnet wurde (lacht). Ich habe das wirklich verschlafen und erst am nächsten Tag wie einen Schock übermittelt bekommen.

 

Wie zufrieden bist Du nach 20 Jahren Einheit mit dem Ergebnis der Wiedervereinigung?
(überlegt etwas länger) Na, ich bin natürlich grundsätzlich froh, dass das so passiert ist, wie es passiert ist. Es gibt aber auch Dinge, die ich als ärgerlich empfinde. Zuerst habe ich, weil man auch in den 80ern sehr viele politische Veränderungen mitbekommen hat, die Zeit danach als eine Art windstille Zeit empfunden. Zumindest ein oder zwei Jahre danach, schien es mir so, dass es keine gesellschaftlichen Veränderungen mehr gab. Es schien so festgetackert, und ich habe es politisch so ein bisschen als langweilig empfunden. Ansonsten war die Zeit davon geprägt, dass man sich die Welt angeschaut hat. Meine Band gehörte zu einer der wenigen, die beruflich erstmal von der Wende auch profitiert haben. Wir waren zu DDR-Zeiten noch nicht auf dem ganz großen Thron, sondern mehr so was wie Newcomer. Plötzlich konnten wir Platten machen und durch die Gegend fahren. Wie allen anderen auch, ist uns aber der Markt im Osten etwas weggebrochen, weil alle Leute erstmal natürlich die Sachen haben wollten, die sie nicht kannten. Das war auch ganz normal. Wir sind damals aber wie so eine Art Hippie-Club mit einem eigenen Bus durch die Gegend gefahren und haben Kontakte gesucht, vor allem zu anderen Bands, gerade auch in Deiner Gegend (Ruhrgebiet, Anm. d. Verf.), vor allem aber im Kölner Raum. Wir haben uns mit anderen Bands zusammengeschlossen und haben sie sozusagen in den Osten geführt. Wir sind mit denen zusammen aufgetreten und dadurch hatten wir nicht so diesen Einbruch, wie ihn andere Bands erleben mussten. Wir sind an die Sache anders rangegangen. Wir waren Abenteurer, haben uns dort einfach ein Publikum erspielt und haben als erste Ostband damals eine eigene CD veröffentlicht, weil wir gleich eine Plattenfirma hatten. Insofern war das für uns eine ganz günstige Zeit, gerade so die 90er Jahre. Ich gehörte aber zu den Leuten, wahrscheinlich auch eine Minderheit, die an einen dritten Weg glaubten bzw. sich dafür stark gemacht haben. Es war schon ziemlich irritierend, dass sich der gesamte Osten den Gegebenheiten der alten Bundesrepublik unterordnete. Das habe ich… na ja… als Verlust empfunden...

 

Ich als Wessi habe das für die Ostdeutschen auch so empfunden...
Man sieht ja auch jetzt, dass es einige Dinge gab, gerade im Gesundheitswesen und in sozialen Dingen, die so schlecht nicht gewesen sein können. Man kommt jetzt so langsam dahin, Dinge zu versuchen, die es in der DDR schon gab. Und ich denke, wenn das gleich übernommen worden wäre, hätten auch die Westler was von der Vereinigung gehabt… vielmehr! Und somit wäre vielleicht auch die Verständigung besser gewesen. Nicht, dass die Westler nur immer was abgeben, und Solidarbeiträge zahlen müssen, sondern dass sie auch etwas von der Vereinigung gehabt hätten. Das denke ich immer noch… Das ist vielleicht naiv, aber das hätte ich für gut möglich gehalten.

 

Ich habe Verwandschaft im Osten, und bin - seit ich ein Kind war - jedes Jahr im Sommer dahin gefahren. Ich weiß nicht, ob mich der Schein trügt oder ob es auf die Region begrenzt war, aber so schlecht, wie es in den Medien immer dargestellt wird, war der Osten gar nicht.
Das ist schön, so was mal von der Seite aus zu hören. Mir geht es nämlich auch so. Es gibt auch unterschiedliche Definitionen von Freiheit. Man kann Freiheit ja nicht immer daran festmachen, dass man hinfahren kann wo man will. Freiheit bedeutet auch, dass man materiell weniger Sorgen hat. Zum Beispiel kann ich mir nicht vorstellen, dass ich unter solchen Bedingungen, wie sie jetzt existieren, Musik hätte machen können. Das wäre heute gar nicht möglich. Für Leute, die heute damit anfangen, ist es gar nicht möglich sich zu entscheiden und zu sagen: "Ich mache jetzt nur noch Musik". Im Osten damals, und das habe ich auch als Form der Freiheit empfunden, konnte man durchaus auch mal mit 150,- Ostmark einen Monat überleben. Man konnte damit seine Miete und sein Essen bezahlen.

 

Jetzt sind wir in der Politik und im Zeitgeschehen gelandet, haben uns aber eigentlich für das Thema "Musik" getroffen. Versuchen wir mal den Schwenk zu schaffen. Die Nachricht ist vor ein paar Wochen herum gegangen, dass sich das Projekt Osten.de wieder für eine kleine Tour zusammenfinden wird. Wie weit sind die Vorbereitungen dazu?
Wir machen jetzt einfach mal ohne große Aufregung und ohne, dass wir uns jetzt großartig ins Getümmel schmeißen, ein paar Testkonzerte. D.h., wir spielen von Ende November bis Mitte Dezember sieben oder acht Konzerte, und wollen dabei gucken wie es funktioniert. Das hat jetzt auch nichts damit zu tun, dass gerade 20 Jahre Mauerfall gefeiert wird. Die Idee für ein Comeback war schon immer in der Pipeline. Wir haben das Projekt zum ersten Mal im Jahre 2002 gemacht, und das war damals über die Erwartungen erfolgreich. Wir waren der Meinung, dass es Songs gibt, die mal wieder aufgelegt werden könnten. So wird das ja auch international gemacht. Man will aber auch nicht im Osten oder Westen ein Oldie-Festival machen, sondern wir haben uns gesagt: "Mensch, da gibt es tolle Lieder die uns gefallen. Die wollen wir wieder aus der Versenkung heben." Das wollten wir so tun, in dem wir sie zeitgemäß angehen. Und das hat wirklich gut funktioniert. Teilweise hat das bei Leuten, die die Ostmusik vergöttern und wie einen Altar hinstellen, nicht so funktioniert. Die wollen das ja lieber ganz genau haben und 1:1, und wir haben einfach mal das Material benutzt und sind das Ganze in einer anderen Art und Weise angegangen. Das hat uns damals richtig großen Spaß gemacht, und das wollen wir jetzt noch einmal versuchen. Wenn wir bei den sieben Konzerten merken, dass das Interesse seitens der Leute noch da ist, dann werden wir das im nächsten Jahr sicher zu einer etwas längeren Tour ausdehnen. Bei mir ist es nicht nur die Musik. Ich habe auch solche Begegnungen gerne. Für mich ist es zum einen interessant, etwas mit IC Falkenberg zusammen zu machen, den ich für einen intensiven Künstler halte. Ich schätze auch seine Qualität und vor allem seine Energie. Zum anderen freue ich mich auf die anderen Musiker, die dabei mitmachen. Die sind eine Generation unter uns und gehen die Sache völlig frei an. Die Musiker der Band sind gebürtige West-Deutsche, die die Songs vorher überhaupt nicht kannten, außer vielleicht "Als ich fortging". Die gehen damit ganz unverkrampft um, viel unverkrampfter als IC oder ich das könnten. Die sagen z.B.: "Oh, das ist ein interessantes Lied", oder: "Das ist ein interessanter Text." Der Trick, den wir angewandt haben, war der, dass wir der Band die Titel gar nicht im Original vorgespielt haben. IC und ich haben die Harmonien rausgesucht, und haben den Jungs das auf der Gitarre vorgespielt, als ob das ganz neue Lieder wären. Die Band hat die Songs dann so arrangiert, wie sie sie empfunden hat. So sind wir mit Osten.de der reinen Cover-Sache, wie sie meistens so läuft und wo die Ostmusik meistens nur wie Party-Musik oder manchmal sogar nur wie eine Lachnummer behandelt wird, entgegen getreten. Wir haben für unser Repertoire nur Lieder ausgesucht, die wir auch wirklich geliebt haben. Natürlich kann man das auch nicht nur darauf beschränken, denn Musik ist auch immer an irgendwelche Erlebnisse gebunden, mit Liebe oder irgendeiner Situation im Leben. Wir machen das völlig frei von Verscheißerungen und versuchen, die Sache mit Ernsthaftigkeit anzugehen, weil das auch unser Kulturgut ist.

 

Ihr präsentiert praktisch die Lieder, die Ihr toll findet, in Eurer eigenen Art und ohne den Effekt des "Exoten", so dass ein Besuch bei Euren Konzerten nicht mit einem Besuch im Zoo gleich kommt.
Genau, wir machen es uns auch nicht leicht dabei. Es muss so sein, dass es mir gefällt, und IC muss es auch gefallen. Und die Jungs in der Band spielen die Songs so frei, weil sie dabei nicht an persönliche Geschichten und Erinnerungen denken müssen. Das muss durch diese ganzen Mühlen gehen und alle müssen am Ende sagen: "Ja, das finden wir gut, und genauso wollen wir das."

 

IC wollte uns in der September-Radiosendung vor ein paar Wochen noch nicht verraten, wie das Programm aussehen wird. Das ist jetzt schon etwas her. Erzählst Du uns, was den Besucher Eurer Konzerte erwarten wird?
Wir werden uns in erster Linie auf die Sachen stützen, die wir damals schon gespielt haben. Das Grundrepertoire sind also die Songs von der CD. Das reicht natürlich nicht, und wir haben damals auch noch ein paar andere Songs mit dazu genommen. Das machen wir diesmal genauso. Wir haben uns eine Reihe Titel ausgesucht, die wir spielen könnten. Was es aber genau sein wird, wird sich erst bei den Proben so richtig ergeben, die Anfang November losgehen werden. Wir werden das Material sicher auch wieder etwas modernisieren, denn es ist ja schon wieder sieben Jahre her, dass wir zuletzt diese Titel gespielt haben. Da spielt jetzt auch ein neuer Geschmack eine Rolle. Grundsätzlich wird das alles elektronisch angehaucht sein, d.h. wir benutzen auch Elektro-Drums und sehr viele synthetische Instrumente, sowie Sampler. Aber nicht so, dass wir - wie das anderenorts inzwischen Gang und Gäbe ist - ein Halbplayback fahren und dann darauf singen, sondern wir versuchen es offen zu halten, so dass wir mit den einzelnen Elementen auch richtig Musik machen können. Aber wie gesagt, es wird dabei viele Sample-Sachen und auch Industrial-Sounds von der Drumseite her geben. Die Besetzung der Band wird die selbe wie vor sieben Jahren sein. Wir haben einen Keyboarder, einen Elektronik-Drummer und einen Bassisten dabei. IC und ich werden auch immer wieder mal die Gitarre hervorholen und zwischendurch einen Block machen, der ein bisschen unplugged läuft. Dafür werden wir noch ein paar Sachen mit dazu nehmen von denen wir glauben, dass sie gut sind.

 

Wie kam es damals eigentlich dazu, dass IC Falkenberg und Du Euch 2002 zusammengetan und Osten.de gegründet habt?
Das war in einer Zeit, in der es losging, dass viele Leute etwas zusammen gemacht und sich dadurch ein bisschen ausgetauscht haben. Ich hatte gerade, unmittelbar davor, ein Projekt, das nannte sich die "Drei Highligen" mit Dirk Michaelis und André Herzberg. Und IC fragte mich: "Wollen wir nicht auch mal was zusammen machen?" Zuerst war ich mir aber gar nicht so sicher, was man zusammen machen könnte. Eigentlich ging es mir damals aber wie IC, das wirst Du vielleicht etwas nachvollziehen können. Wir hatten dieses "Ost-Ding" wie so ein schlechtes Brandzeichen auf der Stirn. Ostmusik ist für die einen etwas Kultiges, für die anderen ist es fast ein Schimpfwort. Für diese Leute klingt das immer so ein bisschen nach "Oldie". Aber ich hatte es schon eine ganze Weile anders empfunden. Was ich damals auch gut fand war, dass die Volksbühne mit dem Begriff "Ost" geworben hat. Inzwischen ist das fast normal und der Begriff "Osten" ist mittlerweile fast eine Auszeichnung (lacht). IC und ich sind beide aus dem Osten, und wir beide - IC noch mehr als ich - waren zu DDR-Zeiten schon sehr bekannt und haben uns damals gesagt: "Komm, wir nehmen diesen Begriff, kehren das ganze jetzt mal um und nutzen ihn "Guerilla-artig"." Und darin haben wir uns sofort wiedergefunden, weil es doch immer wieder Thema ist. Bei vielen natürlich auch, weil sie dort ihre schönste Zeit hatten, was oft nicht nur daran liegt, dass sie mit ihrer Musik mehr Erfolg hatten, sondern weil das auch ein Stück ihrer Jugend war. Und so kamen wir auf die Idee mit Osten.de. Wir haben daran rumgeackert und uns ein halbes Jahr damit beschäftigt. Wir haben stunden- und tagelang am Repertoire gearbeitet und Titellisten gewälzt, was es alles so gab. Unabhängig von einander haben wir auch Songs rausgesucht, die wir gut finden und haben dann die genommen, die wir gemeinsam genannt haben. Das war ein glückliches Ding. Wir dachten uns, dass wir ein paar Konzerte machen würden. Manchmal werden Dinge dann doch größer als man es selbst für möglich gehalten hätte. Das war in diesem Fall auch so.

 

IC hat mir erzählt, dass Ihr keine neue CD mit Osten.de geplant habt. Aber eine DVD liegt doch eigentlich nahe, oder? Habt Ihr darüber schon mal mit Eurer Plattenfirma gesprochen?
Nein, darüber haben wir noch gar nicht gesprochen. Wir wollen eigentlich erstmal nur antesten. D.h., wir haben beide große Lust, das zu machen. Aber mittlerweile sind diese Projekte, wo Ostrock fast schon ein Verkaufsargument ist, etwas inflationär. Aber darum geht es uns beiden nicht. Wir glauben wirklich, dass es ein gutes Projekt ist, und wir werden auch oft angesprochen und wollen es auch deshalb einfach noch mal wiederholen. Wir machen jetzt diesen Test mit den sieben oder acht Konzerten und sehen dann mal weiter. Dazu möchte ich noch anmerken, dass wir beide unser Projekt nicht so sehen, dass wir in dem Fahrwasser des Coverns schwimmen. Das ist weit mehr als eine Cover-Geschichte die wir da gemacht haben, so wie wir das interpretieren und wie es musikalisch läuft. Ich glaube nicht, dass wir damit die Hardcore-Ostmusik-Fans erreichen können, nur diejenigen die offen sind. Also Leute, die die Sache genauso sehen wie wir selbst.

 

Für eine der letzten Radiosendungen von Deutsche-Mugge habe ich in meiner CD-Sammlung nach passender Musik gesucht, die CD der "Drei Highligen" hervorgekramt und auch gespielt. Wird es mit diesem Projekt möglicherweise auch noch mal ein Wiedersehen geben?
Auf jeden Fall, aber das ist sehr schwer (lacht). Diese Sache läuft auch ganz anders ab. Dabei geht es mehr um Personality, d.h., drei Musiker, bei denen man sich gar nicht vorstellen kann, was die gemeinsam machen könnten - denn was hat André Herzberg mit Dirk Michaelis oder Dirk Zöllner zu tun - stellen ihre eigenen Lieder gemeinsam vor. Wir haben alle unsere Lieder mitgebracht und miteinander mit begrenzten Möglichkeiten der instrumentalen Begleitung und ohne Hilfe anderer Musiker über die Rampe gebracht. Wir drei sind ja alles Sänger, das ist dann immer noch wieder etwas anderes als bei Osten.de. Diese Nummer lebte mehr davon, dass sich die Leute auch darüber kaputtlachen konnten, wie wir uns da teilweise auf der Bühne gestritten haben, was ja noch nicht einmal inszeniert war, sondern einfach wirklich so. Ich möchte das sehr gerne wieder machen. Es kommt jeder mal an, ob es Dirk Michaelis oder André Herzberg ist, aber einer von uns hat dann in dem Moment gerade etwas anderes zu tun und kann aus diesen Gründen nicht, oder es kommt dieses Diven-Ding durch. Es sind unter uns aber auch Sachen vorgefallen, wo jeder für sich dann auch erstmal etwas Zeit braucht, bis da Gras drüber gewachsen ist. Ich denke aber schon, dass wir das mal wieder machen werden. Aber nicht so auf Krampf oder auf Kommerz, sondern auf Wohlfühlebene. Momentan habe ich sehr guten Kontakt zu André Herzberg, wir sind ganz gut befreundet und sehen uns relativ regelmäßig. Dirk habe ich jetzt schon eine Weile nicht mehr gesehen. Ich glaube, in diesem Jahr erst einmal. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass wir das im nächsten Jahr machen werden. Es ist aber auch so, dass dadurch, dass wir uns mehr im ostdeutschen Raum aufhalten und die Ausflüge in den Westen doch eher eine Seltenheit sind, man auch aufpassen muss, dass man sich nicht tot spielt. Ich selbst versuche es dadurch zu vermeiden, dass ich ganz unterschiedliche Dinge tue, aber die Auftrittsmöglichkeiten innerhalb von Ostdeutschland sind sehr begrenzt. Man muss jedes Jahr zweimal an einer Stelle spielen, wenn man seine 100 Konzerte machen will (lacht). Deshalb muss man auch aufpassen, dass man es nicht übertreibt.

 

Zu Deiner musikalischen bzw. beruflichen Geschichte muss ich Dich ja gar nicht mehr viel fragen. Du hast Anfang 2008 ein sehr ausführliches Interview mit unserem Kollegen Fred gemacht, das keine Fragen offen lässt Aber eine Station in Deiner Karriere interessiert mich doch: Dein Auftritt beim Rockpalast 1996. Welche Erinnerungen hast Du daran noch?
Ich habe dazu ein zwiespältiges Verhältnis. Das war sehr interessant für mich. Dieses Rockpalast-Konzert '96 war ja kein rein ostdeutsches Festival, sondern ein gesamtdeutsches, denn auch Selig, Extrabreit und noch eine Band aus dem Westen waren dabei. Das war auch sehr seltsam. Ich fand es deshalb seltsam, weil es nicht wirklich zu einem gesamtdeutschen Festival geworden ist, sondern da baute sich dieses "Ostkult-Ding" gerade auf. Da war die erste Scham überwunden und es wurde zu etwas Kultigem. Es war ganz erstaunlich, wie voll die Waldbühne war. Was ich dabei aber ärgerlich bzw. traurig fand war, dass die westdeutschen Kollegen vom Publikum da mehr oder weniger weggedrückt wurden, d.h., die ostdeutschen Fans dominierten. Ich kann mich erinnern, dass es ein großartiger Auftritt von City und auch für die anderen alten Schlachtschiffe wie Puhdys und Karat war. Es war ein schönes Erlebnis, und obwohl ich die Ostmusik ja liebe, hatte das Ganze so ein bisschen einen politischen Touch. So ein bisschen Fußball-mäßig (lacht).

 

War das damals eigentlich das erste Wiedersehen mit den Kollegen aus der alten Ostmusik-Zeit? Ich meine, so gebündelt und alle auf einmal gab es das nach der Wende noch nicht. Die Musik aus Deutschland lag bis 1994 ja auch praktisch am Boden...
Nein, kaum bis gar nicht. Ab da ging es ja wieder so richtig los. Für mich war es deshalb auch interessant, weil so Bands wie City im Speziellen für mich auch Helden waren. Da ich erst zu DDR-Zeiten sehr spät angefangen habe, Musik zu machen, im Grunde genommen profimäßig erst seit 1988 als ich mit den Zöllnern unterwegs war, kannte ich die Kollegen alle noch gar nicht so sehr, deshalb kann ich gar nicht von "Wiedersehen" sprechen. In erster Linie war der Rockpalast für mich ein Kennenlernen der gesamten Szene. Als Newcomer in der DDR war ich noch nicht auf der Ebene wie City, Silly oder Puhdys. Diese ganzen Menschen und Kollegen habe ich erst nach der Wende persönlich kennengelernt. Ich fand das auch toll, denn man darf ja nicht vergessen, dass ich zu Ost-Zeiten gar keine Platte rausgebracht habe, und dass das mit dem Auftritt im Rockpalast gekrönt wurde. Auch dass ich im letzten Jahr bei Ostrock in Klassik mit dabei sein durfte empfinde ich schon als eine Art Ritterschlag, weil meine Karriere so richtig erst in den 90er Jahren begann. Aber dafür, dass das so in Erinnerung ist, und dass ich zu den Wenigen gehöre, die immer noch stetig und lebendig an ihrem musikalischen Werdegang ackern, bin ich da plötzlich gleichberechtigt mit reingerutscht. Das nehme ich sehr gerne mit, freue mich darüber und nehme das auch sehr ernst.

 

Du sagst, Du hast in der DDR keine Platten veröffentlicht… Du hast aber doch mit Chicoree was veröffentlicht, und auch von den Zöllnern gibt's eine Platte. Oder hab ich hier dummes Zeug auf meinem Zettel stehen?
Stimmt! Ich hatte mit Chicoree drei Songs auf einer Sammelplatte ("Kleeblatt Nr. 19" aus dem Jahre 1987, Anm. d. Verf.). Mit den Zöllnern hatten wir eine Veröffentlichung in Form einer "Amiga Quartett-Single", da waren vier Songs drauf. Das sind dann aber auch die einzigen Songs, die ich zu Ostzeiten aufgenommen habe. Die ganzen CDs und Alben kamen erst nach der Wende. Das vergisst man manchmal, und ich vergesse das manchmal auch selbst. Wir hatten zu Ostzeiten im Jahre 1989 zwar schon eine Platte produziert, und die kam auch als eine der letzten, vielleicht sogar als DIE letzte Amiga-Veröffentlichung überhaupt im Frühjahr 1990 heraus. Also auch schon nach dem Mauerfall, aber noch vor der Einheit. Dadurch hat diese Platte aber auch nicht mehr so die große Runde gemacht. Wir haben damals auch gesagt: "Nein, wir wollen die Platte auch gar nicht mehr und wenn, dann soll sie nur im Osten veröffentlicht werden." Wir hatten zu dem Zeitpunkt im Westen schon eine Plattenfirma, wo wir das ganze Zeug, was wir aufgenommen hatten, schon hingeschleppt hatten (lacht). Das war ja das Kuriosum damals, dass die ersten beiden Alben, die wir veröffentlicht haben, fast identisch waren. Einmal gab's die Platte, die noch vor der Einheit nur als Vinyl im Osten in einer Auflage von lediglich 5000 bis 8000 Stück erschien, die mittlerweile auch eine Rarität unter Sammlern ist, und für die manchmal richtig viel Geld bezahlt wird, und dann gab es die 1991 erschienene CD "Café Größenwahn", auf der zu 60-70% das gleiche Material wie auf der LP drauf war, nur noch mal anders abgemischt.

 

Nochmal zurück zum Festival vom Rockpalast 1996. Das war ein richtiges Spektakel mit vielen Bands aus Ost und aus West. Würde so ein Spektakel nicht einmal im Jahr Sinn machen? Nicht so wie Ostrock in Klassik als Tour, sondern richtig als Festival an einem bestimmten Ort mit wechselnden Gästen?
Die Idee finde ich sehr gut! Was ich manchmal bedaure ist, dass viele Bands, die den Osten verkörpern, nicht mehr besonders aktiv sind. Es ist ja so, dass Stern-Combo Meißen endlich mal wieder eine neue Platte rausbringt, City und Puhdys haben das schon immer gemacht, aber dann hört das auch schon auf. Karat hat auch schon ewig keine neue Platte mehr gemacht… Man kann, wenn man so was wirklich machen will, nicht immer nur nach hinten gucken. Man könnte nur ein gesamtdeutsches Festival machen, wenn man dann auch neue Sachen vorstellen kann. Mich stört es immer so ein bisschen, dass man bei solchen Konzerten stets nur Sachen von früher spielt. Aber an sich finde ich die Idee mit einem gesamtdeutschen Festival sehr gut. Das gibt es auch schon in anderer Form. Ich arbeite z.B. sehr viel mit westdeutschen Musikern zusammen, z.B. mit Musikern der "Söhne Mannheims". Im Moment bin ich in Pforzheim und mache "Jesus Christ Superstar". Hier spiele ich Ende des Monats im Theater ein Konzert, wo auch die Besetzung gemischt ist. Das ist schon so etwas wie das, was Du angesprochen hast, kann man sagen. Im November spielen wir auch zwei Konzerte im Vorprogramm von Xavier Naidoo. Ich habe auch schon mit Rolf Stahlhofen eine Tour gemacht, mit verschiedenen Musikern. Natürlich lernt man die Leute aus seiner eigenen Region eher kennen, aber ich sehe für mich nicht, dass ich mich da abschotten möchte. Natürlich sehe ich die Musiker aus meiner Region, ob das nun junge Musiker oder die alten Schlachtschiffe sind, öfter. Aber ich arbeite schon länger "gesamtdeutsch".

 

Womit wir auch schon bei Ostrock in Klassik angekommen sind. Du bist im letzten Jahr dabei gewesen. Warum nicht auch 2009 wieder? War es Deine Entscheidung oder bist Du nicht noch einmal gefragt worden?
Nein, das war nicht meine Entscheidung. Im Grunde genommen wurde ich auch ein bisschen abgewählt. Ich finde, es ist mit dem Babelsberger Filmorchester und allem Drum und Dran sehr schön gemacht, aber trotzdem ist dieses Festival doch darauf ausgerichtet, dass die Leute ausschließlich Lieder hören, die vor der Wende veröffentlicht worden sind und Hits waren. Es ist so eine Art "Oldie-Festival", wie wir es auch mit Suzie Quatro, The Rubettes und anderen alten Bands kennen, nur mit Liedern aus dem Osten. Ich habe nun mal nur diese zwei bis drei Songs die zu Ostzeiten entstanden sind, und ich bedauerte es schon sehr, dass ich dort auch nur diese Songs spielen konnte. Dabei geht es nur um den Wiedererkennungs-Effekt, d.h., es wird versucht "Am Fenster", "Geh zu ihr", "Jugendliebe", "Als ich fortging" usw. zu präsentieren. Ich wurde vor zwei Jahren angesprochen, was mich da schon sehr wunderte und worüber ich mich sehr freute, aber die Leute sind nicht so hoch gegangen, als ich mit meinen beiden Balladen "Käfer auf'm Blatt" und "Viel zu weit" da angekommen bin. Das sind Lieder, die ´88 und ´89, also in den letzten Tagen der DDR, entstanden sind. Da lag der Blickpunkt der Leute schon mehr auf den Liedern, die die Leute aus dem Osten ihre ganze Jugend lang begleitet haben, also mehr die Lieder aus den 70ern und frühen 80ern.

 

Wie war die 2008er Tour mit ORK? Was fandest Du gut, was war nicht so prall?
Naja, es ist eben so angelegt, dass es eine rein nostalgische Sache ist. Für mich persönlich war das akzeptabel, aber auch nicht so leicht. Im Grunde genommen haben die auch geguckt, wie das Publikum reagiert hat. Ich habe dort zwar gute Kritiken bekommen, aber es war dann doch ein Unterschied, ob ich mit dem Liedchen "Käfer auf'm Blatt" kam und die Leute nicht so hoch gegangen sind, oder ob Ute Freudenberg mit der "Jugendliebe" kam. Weil das ein rein kommerzielles Ding ist und sie gucken müssen, dass so viele Leute wie möglich kommen, wird in erster Linie nicht so auf das künstlerische geachtet, sondern mehr auf den Bekanntheitsgrad des Liedes, das da zum Vortrag kommt. Insofern war ich im Herzen auch ein bisschen beleidigt, als mein Part durch Holger Biege ersetzt worden ist.

 

Drei Runden ORK sind jetzt gespielt, die ersten Stimmen im Publikum werden laut, dass eine vierte Runde nicht unbedingt sein müsste. Wie siehst Du das?
Ich finde schon, dass das eine großartige Produktion ist. Das kann man mit einer Theater-Produktion vergleichen. Wo hat man das schon mal, dass so viele große Werke vor Ort sind und somit auch eine große Qualität!? Ich bin der Meinung, - wie ich schon sagte - dass ein bisschen die Chance verpasst wird, die Ostmusik nicht nur rein nostalgisch darzustellen, sondern dass man auch die neuen Sachen vorstellt. Es gibt so viele neue Sachen, die einen qualitativ hohen Wert haben. Und so eine Möglichkeit könnte man auch mal nutzen, die Kritiker zu überzeugen bzw. auch das künstlerische der Ostmusik ein bisschen in den Vordergrund zu schieben. Aber das ist eben auch das Problem: Es gibt immer eine Diskrepanz zwischen einem künstlerischen Anspruch und einem kommerziellen. Das kennen wir auf allen anderen Ebenen ja auch. Das bedaure ich etwas und ich denke, dass es eine solche Möglichkeit geben könnte. Es gibt so viele wunderbare und auch neue Bands im Osten. Und ich finde, wenn man ein Nest hat, wo ein gewisses Grundinteresse vorhanden ist, müsste man solidarisch auch zeigen, was es denn noch so im Osten gibt.

 

Also nicht aufhören mit "Ostrock in Klassik", sondern eine Reform?
Ich finde schon, dass es Leute gibt, die andere Dinge transportieren können. Man kann bei einem Festival mit diesem Namen natürlich auch nicht auf die Zugpferde verzichten, aber man sollte es schaffen, ein Selbstbewusstsein und einen stolzen Osten zu zeigen, in dem man nach neuen Innovationen innerhalb einer solchen Show sucht. Ich sag das jetzt so einfach und weiß auch, dass das wahrscheinlich gar nicht so funktioniert. Wenn irgendwo eine Oldie-Party ist, eine wie vorhin angesprochen mit Suzie Quatro und den Rubettes, zeigen die Künstler dort ja auch nichts Neues. Ich weiß nicht, was ich auf die Frage antworten soll, es schlagen immer zwei Herzen in meiner Brust. Deshalb mache ich auch Osten.de. Das sind auch die alten Songs, aber eben anders und neu dargestellt. Wenn man jetzt jemandem Ostmusik vorspielen würde, Lieder die man liebt, und man spielt beispielsweise einem unbedarften Wessi etwas aus den 70er Jahren vor, was soll man dem da erklären? "Ja, es klingt so komisch, weil die Produktionsverhältnisse damals nur so und so waren."? Man kann dieses Material doch noch mal richtig aufarbeiten, finde ich. Das wird mit dem Babelsberger Filmorchester auch versucht, aber das ist eben alles mehr auf Pathos und wird somit auch nicht in eine neue Zeit übertragen, sondern letztlich nur zusätzlich illustriert.

 

Es wird mit Unterstützung des Orchesters etwas "zeitloser" gemacht...
Ja, genau! Als Evergreen. Aber es ist gut. Es ist in Ordnung.

 

Im Sommer war ein Songbook von Dir angekündigt. Leider liegt es mir nicht vor. Ist es denn auch erschienen, und was gibt es darüber zu erzählen?
Ja, das haben wir herausgebracht. Die erste Auflage ist komplett verkauft und wir sind jetzt dabei, die neue Auflage zu drucken. Es nennt sich "Texte, Noten, Anekdoten" und ist eigentlich ein bisschen mehr als ein Songbook im üblichen Sinne. Wir haben ungefähr 25 bis 30 Lieder ausgesucht, ich glaube es sind genau 27 Lieder aus allen Zeiten. Es sind alles Songs, die man gut alleine am Klavier spielen kann. Mein Kompagnon Andre Gensicke hat die Gesangsstimme notiert und eine einfache Klavierbegleitung, und ich habe Gitarren-Tabulaturen dazu gesetzt, so dass man die Lieder nachspielen kann. Dazu gibt es zu jedem Lied eine Geschichte. Das Ganze ist auch ein bisschen biografisch angelegt. Ich habe meiner Muse und Managerin, Denise, die Du ja auch kennst, die Geschichten erzählt. Manchmal geht es darum, warum dieser oder jener Song entstanden ist oder was zu dieser Zeit gerade passierte. Daraus sind kleine Anekdoten entstanden, die zu jedem Song hinzu gefügt wurden. Ich denke, wenn jemand nicht so firm ist, das auf der Gitarre oder dem Klavier nachspielen zu können, ist es auch so eine Art "Lesebuch". Das haben wir im Juli erstmal nur mit einer Auflage von 100 Stück veröffentlicht, und die sind weg, worüber ich mich sehr freue und was ich auch nicht gedacht hätte, weil es doch schon etwas Spezielles ist. Jetzt werden wir also eine Nachauflage herausbringen. Die Fehler, die in der ersten Auflage noch drin waren, haben wir ausgemerzt, denn es gab ein paar Druckfehler. Außerdem haben wir noch ein paar Fotos mit dazu genommen. Ich freue mich darüber. Es ist ein schönes Teil geworden, das wir uns selbst und den Leuten, die unsere Musik lieben, geschenkt haben.

 

Im Mai hast Du sieben Konzerte in Israel gegeben. Das war aber nicht Dein erster Besuch dort, oder? Mit Reini Fißler und anderen Künstlern bist Du auch schon dort gewesen. Wann war das noch mal genau und was habt Ihr dort erlebt?
Das war 2003 und unsere erste Tour. Für mich war das sehr aufregend, weil ich aus dem Osten komme und die Holocaust-Geschichte eine ganz andere Bedeutung hat, weil wir als Kinder durch die Konzentrationslager geführt wurden und uns dort diese Filme angesehen haben. Das ist schon ein Abdruck, den man in seinem Herzen trägt. Deswegen habe ich damals auch sofort zu dieser Israel-Tour zugesagt mit dem Wagnis, dass wir dort vor Ort nur Sachen mit deutschen Texten gespielt haben. Außer, dass es sehr aufregend war, hatte diese Tour für mich etwas Rehabilitierendes weil ich festgestellt habe, - was ich auch gut finde - dass bei uns Deutschen die Holocaust-Sache noch sehr lebendig ist und noch in unseren Herzen steckt. Ich hatte dort immer das Gefühl, mehr als bei den Israelis selbst, weil die schon wieder neue und ganz andere Probleme mit den ganzen Auseinandersetzungen in Nahost und mit den Palästinensern haben. Es war für mich eine sehr beeindruckende und lehrreiche Tour, auch mal vor Ort da die Stimmung abzutesten, die man sonst nur über die Medien mitbekommt, die auch politisch immer mit Voreingenommenheiten versehen sind. Ich fand auch interessant zu sehen, wie modern und demokratisch Israel ist, aber auch ihre Probleme, weil viele Wirtschaftsflüchtlinge in Israel leben. Auch sehr viele orthodoxe Juden, die die Sache natürlich ganz anders sehen, und die auch bestimmen, wer politisch das Sagen hat. Es ist ein Land, in dem unheimlich viel diskutiert wird. Viel offener als ich es für möglich gehalten hätte. Die Menschen rücken auch durch die Themen, die sie gemeinsam haben, unheimlich eng zusammen. Das ist übrigens auch eine Mentalität, die man aus dem Osten kennt. Deshalb fühlt man sich dort auch sehr wohl. Und in diesem Jahr im Mai haben wir das noch mal wiederholt. Gerade weil es auch aktuell wieder besonders schlimm war. Damals war das gerade mit der 2. Intifada, und es war auch richtig gefährlich dort vor Ort. Auch diesmal war es wieder schlimm. Wir haben z.B. in Sderot gespielt, wo jeden Tag diese Raketen niedergehen. Wenn man das selber erlebt und sieht, rückt man viele Voreingenommenheiten zurecht.

 

Wirst Du demnächst noch mal da runter fahren?
Ich kann mir gut vorstellen, das noch einmal zu machen.

 

Ist das Programm "7 Sünden" eigentlich noch aktuell oder schon abgeschlossen?
Das ist abgeschlossen. Ich habe jetzt viele Songs daraus mit ins reguläre Programm aufgenommen. Dieses Jahr ist für mich ein sehr schönes Jahr, weil es sehr viele unterschiedliche Sachen gibt. Ich nehme dieses Jahr so als Jahr zum Zuhören, damit ich demnächst wieder etwas zu sagen habe. Ich sammle Eindrücke und schreibe inzwischen auch immer mehr, und ich freue mich auch über die Resonanzen, die ich für meine Blogs im Internet bekomme. Ich mache ja so etwas Ähnliches wie Ihr auch, dass ich irgendwelche Betrachtungen schreibe. Ich denke, dass ich im nächsten Jahr ein neues Album rausbringen werde. Es existieren dafür schon ein paar Songs. Diesmal will ich es ein bisschen anders angehen als sonst. Ich versuche immer mehr, mich überhaupt nicht mehr von kommerziellen Gedanken beeinflussen zu lassen, sondern ich suche in der Musik neue Wege.

 

Dich hat es, zumindest mit der Lesetour, da ist es mir aufgefallen, auch im Westen zu sehen gegeben. War das nur damit oder hast Du auch das komplette Musikprogramm im Westen spielen können?
Ich habe punktuell so ein paar kleine Sachen gemacht. Zuletzt habe ich auch ein bisschen Wahlkampf für DIE LINKE mitgemacht. Damit waren wir z.B. auch in Duisburg. Ansonsten sind das immer wieder mal Ausnahmen. Das liegt aber ganz einfach daran, dass wenn wir z.B. nach Stuttgart fahren und dort nur 50 Leute haben, die uns zuhören, dann gehen die Einnahmen komplett für Transport und Übernachtung drauf. Das gönnt und leistet man sich ab und zu aber mal, wenn man Vorstöße machen möchte. Das kommt aber eher selten vor.

 

Wenn das Programm abgeschlossen ist, kann man die Frage ja stellen: Wie zufrieden bist Du mit dem Zuspruch für Dein Programm als Konzert und als Lesetour gewesen? Wie erfolgreich war es?
Für mich war es eine kleine Enttäuschung, wenn ich ganz ehrlich bin. Ich habe sehr viel Energie in dieses ganze Projekt gesteckt... Na, Enttäuschung…? Wie soll man es am besten benennen, es ist immer so schwer zu sagen. Manchmal ist eine scheinbar erfolgreiche Sache für denjenigen, der sie selber macht, gar nicht so erfolgreich, weil die Energie, die man rausgegeben hat, am Ende nicht wieder reinkommt. Es ist ja auch so, dass ich die Verantwortung alleine trage, d.h., die Gewerke müssen trotzdem alle bezahlt werden. Wir haben eine Tour gemacht, da waren viele Gewerke dabei. Das macht auch richtig viel Spaß, aber wenn man das über ein Jahr lang macht, so wie wir es mit den "7 Sünden" gemacht haben, dann kann es passieren, dass es bei so einer Tour aus dem kommerziellem Gesichtspunkt so ist, dass ich nichts verdiene sondern am Ende noch was drauflege, weil wir zu viele Leute waren. Das ist eine Sache, die man heute nicht mehr so richtig berechnen kann. Ich weiß manchmal nicht, warum der eine Laden plötzlich so voll ist und der andere eben nicht voll wird (lacht). Aber trotzdem hat es mir sehr großen Spaß gemacht und ich habe dabei viel gelernt. Ich habe z.B. versucht, ein paar theatralische Momente, die ich am Theater erfahren habe, mit in das Programm rein zu nehmen, habe angefangen selber Gitarre zu spielen, das ist für mich natürlich auch ein Erfolg, dass ich damit auch ein Stück weiter gekommen bin. Aber insgesamt hatte ich mir von der "7 Sünden"-Sache mehr versprochen. Es liegt aber nicht daran, wie viele Leute gekommen oder nicht gekommen sind, sondern man hat, wenn man kreativ ist, den ganzen Klang und ein ganzes Bild von dem, was man da machen möchte, vor Augen, und das erfüllt sich manchmal nicht. Ich weiß auch manchmal, woran es liegt. Es ist durchaus auch so, dass ich bei der Auswahl von Leuten, mit denen ich mich umgebe, nicht immer darauf achte, was das für ein Schauspieler oder Musiker vom Vermögen her ist, sondern ich gucke immer gleichermaßen, wenn nicht sogar noch mehr, darauf, ob es mein Freund sein könnte und ob ich mit den Leuten gerne ein halbes Jahr fast non-stop verleben möchte (lacht). Und damit überfordere ich manchmal auch Leute. Ich gucke mehr darauf, dass sie Freunde sind. Dadurch habe ich verschiedene Sachen, die ich mir theatralisch als Inszenierung vorgestellt habe, nicht ganz so umsetzen können.

 

Schade, das tut mir leid für Dich. Ich finde die "7 Sünden" CD hervorragend und hätte Dir damit eigentlich etwas mehr Erfolg gewünscht.
Ja, ich danke Dir. Aber es gab auch erfreuliche Sachen. Ein paar Songs liefen wieder mal ganz gut im Radio, das hat mich z.B. gefreut, dass man überhaupt noch solche Sachen platzieren kann. Das lief zwar nicht in dem normalen Mainstream-Programm, aber wenn man viele Konzerte gibt, hat man halt die Möglichkeit, dass Sachen öfter gespielt werden. Darüber war ich ganz froh.

 

Deinen Fans wird es ja niemals langweilig. Du sorgst Jahr für Jahr mit vielen Ideen dafür, dass Du stets irgendwo mit irgendwas zu sehen und hören bist. Wie schaffst Du das eigentlich alles? Das muss doch immens zeitaufwendig sein. Hast Du überhaupt noch Zeit für ein Privatleben?
Ich versuche Privatleben und Job zu einer Sache werden zu lassen. Speziell auch was Denise betrifft. Sie ist auch meine Lebenspartnerin und ich habe sie dazu gebracht, dass sie ihren Job kündigt und stattdessen mit mir unterwegs ist (lacht). Von daher gibt es dabei keine große Diskrepanz zwischen dem privaten und dem beruflichen Leben. Außer mit meinen Kindern, die ich regelmäßig sehe und wo ich Zeit einplanen muss, dass ich sie auch jede Woche sehen kann. Die Große ist inzwischen schon 17, da ist von ihrer Seite aus gar nicht mehr der große Bedarf da, weil sie sich auch mehr um ihre Freundinnen, Jungs und Ausgeh-Sachen kümmert. Aber ich habe noch einen kleinen Jungen, und den versuche ich schon jede Woche irgendwie mal zu sehen und über Nacht zu haben. Das ist das einzige, was anstrengend ist, das alles so hinzubekommen. Ansonsten ist das Berufliche und Private eins. Ich überlege auch nicht ständig, wie ich es hinbekomme, dass die Fans und Zuhörer ständig was Neues geboten bekommen. Das mache ich überwiegend für mich selbst. Das heißt, wenn Routine aufkommt, dann ist das bei der Musik wie in allen anderen Berufen auch: Dann brennt das Herz nicht mehr und man fängt an zu reproduzieren. Und wenn man anfängt zu reproduzieren, kann man keinen mehr überraschen, weil man sich selber dann auch nicht mehr überraschen kann. Und das ist definitiv eine Voraussetzung, dass man andere überraschen kann, dass man selbst auch voller Spannung ist und sich selber auch ein bisschen herausfordert.

 

Wir drücken Dir auf alle Fälle die Daumen mit dem Osten.de-Projekt und auch mit der nächsten Scheibe, die Du im kommenden Jahr veröffentlichen möchtest. Dass das alles nach Deinen Wünschen läuft.
Danke schön!

 

Damit sind wir auch schon am Ende. Ich danke Dir für die Zeit und die Antworten auf die Fragen. Möchtest Du noch ein paar Worte an unsere Leser richten?
Ich habe es Euch bei Deutsche-Mugge ja schon ins Gästebuch rein geschrieben: Ich finde es großartig, wie Ihr zu einer Institution werdet, für diejenigen die schreiben und auch für die, die das lesen. Im Grunde genommen seid Ihr ein Medium, das für den Erhalt einer speziellen Kultur sorgt. Das finde ich großartig und ich bin sehr dankbar dafür, dass es Euch gibt! Ich bin auch ein eifriger Leser Eurer Beiträge und somit immer gut auf dem Laufenden. Das gefällt mir und ich finde es großartig, dass aus einem Hobby eine richtige Institution geworden ist.

 

Dafür bedanke ich mich auch im Namen meiner Kollegen leicht errötet. Dirk, alles Gute! Wir bleiben in Kontakt!

 

Interview: Christian Reder
Bearbeitung: kf, cr
Fotos: Pressefoto Dirk Zöllner
 

   
   
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