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Das vierte Album der Luxuslärmer steht in den Startlöchern und scharrt ungeduldig mit den Hufen, um endlich auf die Fans losgelassen zu werden. Diese mussten sich mächtig in Geduld üben, da die Veröffentlichung sich um einige Wochen verschob. Aber das Warten hat sich definitiv gelohnt, denn was ab dem 7. März unter dem Titel "Alles was Du willst" in den CD-Regalen stehen wird, hat es in sich. Wir dürfen uns auf ein Rockalbum allererster Güte freuen. Bis ins holländische Hilversum ist die Band gefahren, um dort ihr Album unter ganz speziellen Bedingungen aufzunehmen. Was das im Einzelnen bedeutet, und welche Rolle Jimi Hendrix dabei gespielt hat, erzählt uns Sängerin Jini Meyer, mit der wir uns zu einem Interview getroffen haben. Natürlich spielen auch noch andere Themen eine Rolle. So geht es um die bevorstehende Tournee, wir reden über den überraschenden Deal mit dem Major-Label Universal, und Jini spricht in ehrlichen Worten über ihre Haltung zu einigen Dingen, die das Musikbusiness betreffen ...

 

001 20140228 1730721896Am 7. März erscheint mit "Alles was Du willst" Euer inzwischen viertes Album. Ist man da vor der Veröffentlichung immer noch genau so aufgeregt, wie beim Debütalbum?
Auf jeden Fall. Wenn nicht sogar bei diesem Album noch ein bisschen mehr, als sonst. Diesmal konnten wir uns nämlich einen kleinen Traum erfüllen. Wir waren mit Götz, unserem Produzenten, in den Wisseloord-Studios in Hilversum (Holland) und haben dort zum ersten Mal ein Album live eingespielt. Normalerweise ist es ja so, dass erst der Drummer für eine Woche ins Studio geht, dann geht der Bassist für eine Woche usw. Man sieht sich also für gewöhnlich kaum während der Aufnahmen. Anschließend werden dann die ganzen Tonspuren übereinandergelegt. Diesmal haben wir uns gesagt, wir trauen uns und versuchen das Ganze mal einzuspielen, wie eine Liveproduktion, wo wirklich alle gleichzeitig aktiv sind. Das war unglaublich aufregend für uns, weil wir es so noch nie gemacht hatten. Und das Spannende daran war, dass wirklich jeder einzelne Ton von uns Fünfen gleichzeitig kommen und passen musste. Deshalb ist dieses vierte Album für uns etwas ganz Besonderes. Und natürlich wollen wir jetzt auch wissen, wie die Leute darauf reagieren.

Im Dezember 2013 habt Ihr die Veröffentlichung des Albums sowie den Beginn der anschließenden Tournee kurzfristig um einige Wochen nach hinten verschoben. Dafür gab es aber einen guten Grund, denn nachdem Ihr Eure ersten drei Platten allesamt in Eigenregie produziert habt, steht Ihr nun bei Universal Music unter Vertrag. Wie kam dieser Deal zustande?
Wir haben sieben Jahre lang alles alleine gemacht, sind immer als Indie-Band durch die Weltgeschichte gereist. Natürlich haben wir sehr schnell gemerkt, welche Vorteile es mit sich bringt, wenn Du alle Zügel in der Hand hältst und allein entscheiden kannst, was Du darfst und mit wem Du zusammenarbeitest. Auf der anderen Seite ist es aber auch so, dass wir als kleine Band irgendwann an unsere finanziellen Grenzen stoßen und merken, wie schwierig es ist, eine solche Albumproduktion bezahlen zu können. Natürlich bekamen wir über die Jahre auch Plattenverträge angeboten. Nur waren die meistens total unterirdisch. Wir haben uns immer nur an den Kopf gefasst und gedacht: "Die glauben doch nicht wirklich, dass wir so was unterschreiben!" Das waren absolute Knebelverträge. Hätten wir da irgendwo unterschrieben, dann wären wir nicht mehr LUXUSLÄRM geblieben, denn wir hätten alles aus der Hand gegeben und gar nichts mehr selber entscheiden können.

002 20140228 1223052091Universal hat Euch dann aber scheinbar doch überzeugen können ...
Ja, genau. Der Anruf von Tom Bohne, dem Chef von Universal, kam im September/Oktober letzten Jahres. Er sagte gleich zu Beginn des Telefonates: "Leg bitte nicht gleich wieder auf, sondern höre erst mal zu, was ich Euch anzubieten habe!" Wir haben dann einfach mal geredet. Tom kam kurz darauf zu uns und hörte sich unser fast fertiges Album an und war begeistert. Er sagte: "Ihr habt als kleine Indie-Band monstermäßig viel geschafft. Wir sind eine große Plattenfirma und haben Bock auf Euch, deshalb würden wir uns freuen, wenn Ihr bald zu unserer Familie gehören würdet". Das Angebot war wirklich super, weil wir mit den Jungs von Universal zusammenarbeiten können, ohne dass wir uns verändern oder von unserer üblichen Arbeitsweise abweichen müssen. Das war uns ganz besonders wichtig. Auch dachte ich, da sitzen solche kaltschnäuzigen Leute hinter der Scheibe, die mit der Band eigentlich nichts zu tun haben wollen. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Die haben großes Interesse an LUXUSLÄRM und sind total heiß darauf, das Ding jetzt mit uns gemeinsam zu wuppen. Ich denke, das war ein Glücksgriff für uns und jetzt werden wir mal sehen, wie es weitergeht.

Dennoch habt Ihr in den letzten sieben Jahren bewiesen, dass Ihr Euch alleine über Wasser halten könnt. Und wenn man ehrlich ist, haben sich die Plattenfirmen in dieser Zeit einen Scheiß um Euch gekümmert. Jetzt, wo der Erfolg da ist und an Luxuslärm niemand mehr vorbei kommt, steht plötzlich ein namhaftes Label wie Universal auf der Matte und will Euch haben ...
Ach weißt Du, das war schon vor drei Jahren so, da fing das an. Wir haben dann immer gesagt: "Leute, am Anfang wolltet Ihr alle nichts in die Band investieren, wart alle zu feige, uns mal eine Chance zu geben und jetzt kommt Ihr plötzlich an …" Das war ja auch der Grund, weshalb wir alles selber gemacht haben.003 20140228 1497947808 Und trotzdem müssen wir natürlich auch unser Geld verdienen. Wir standen jetzt vor der Wahl, LUXUSLÄRM weiter leben zu lassen und größer zu machen oder wir sehen die Band in drei, vier Jahren untergehen. Du weißt doch selber, wie das heute ist: CDs werden kaum noch verkauft, die Ticketpreise kann sich auch nicht mehr jeder leisten. Es ist für uns Musiker im Moment wirklich sehr schwierig, unseren Lebensunterhalt zu verdienen. Deshalb war das Angebot von Universal für uns eine große Chance. Wir hätten es aber nicht gemacht, wenn der Vertrag nicht so gut gewesen wäre, das sage ich auch ganz ehrlich. Für uns ändert sich tatsächlich nicht viel, außer dass Universal uns jetzt im Hintergrund kräftig unterstützt. Ansonsten hätten wir leider irgendwann akzeptieren müssen, dass es LUXUSLÄRM bald nicht mehr gibt, weil einfach keiner mehr die Platten kauft.

Du hast ja schon angedeutet, dass sich mit einem solchen Major-Label im Rücken manches einfacher bewerkstelligen lässt, man sich nicht mehr um alles selber kümmern muss. Was hat sich für Euch, abgesehen vom größeren Werbebudget, durch die Zusammenarbeit mit Universal konkret geändert?
Wir arbeiten ja erst seit Dezember zusammen, es ist also alles noch recht frisch. Beispielsweise haben wir jetzt das erste Video gedreht, und zwar zum Song "Einmal im Leben". Bisher war es so, dass wir immer alleine unsere Videos gedreht haben, wir hatten lediglich Unterstützung durch einen guten Freund aus Hamburg. Das Budget, welches uns zur Verfügung stand, war natürlich ganz gering, wie Du Dir vorstellen kannst. Wir fanden unsere Arbeit trotzdem toll, aber irgendwelche Extras waren natürlich nicht machbar. Und nun kommen wir beim Dreh zu "Einmal im Leben" zum ersten Mal an dieses professionelle Set, wo dreißig bis vierzig Leute da sind, die wie selbstverständlich alle an diesem Video arbeiten. Das hat mich echt umgehauen. Allein die Größe des Ganzen ... Das ist schon eine ganz andere Nummer. Dadurch lernen wir auch andere Fotografen kennen, über die wir wiederum in Studios kommen, die wir uns vorher selber niemals hätten erlauben können. Natürlich haben die dann auch wieder Kontakte zu Radiosendern ...

004 20140228 1608711185Das wäre meine nächste Frage gewesen, denn Ihr hättet ja sicherlich nichts dagegen, wenn die Rundfunkstationen auch endlich auf Euch aufmerksam werden, oder?
Ja, das ist auch so ein Punkt ... Egal, wie sehr wir uns in der Vergangenheit bemüht hatten - Radio war immer ein Problem, das war schon immer ganz schwierig für uns. Keine Ahnung, warum das so ist. Komischerweise haben sie alle unseren ersten Song "Tausend Kilometer bis zum Meer" gespielt. Da dachte ich noch: "Ach, so einfach ist das! Man gründet einfach eine Band und wird sofort im Radio gespielt!" Aber alles, was danach kam, und das waren inzwischen immerhin sieben oder acht Singles, wurde abgelehnt und verneint. Es hieß immer nur "... zuviel Text, ... zuviel Aussage ...". Oder nimm den Song "Mehr Gewicht", bei dem wir uns gegen diesen Magerwahn ausgesprochen haben. Da wurde gesagt, das wäre zu thematisch, das können wir nicht spielen, da seien zu viele E-Gitarren drin. Das finde ich alles sehr schade, denn ich denke, wir hatten und haben eigentlich eine Menge radiokompatible Nummern. Selbst von unseren Heimatsendern erhielten wir bisher kaum Unterstützung. Und jetzt ist es so, dass plötzlich schon ganz viele Radiostationen "Einmal im Leben" im Programm haben. Das ist schon krass: Kaum drückt Universal auf den Knopf, schon wird der Song gespielt. Schade, dass wir selber das vorher nie geschafft haben, aber wenn Universal diese Dinge nun für uns möglich macht, freuen wir uns natürlich sehr. Dadurch merken hoffentlich immer mehr Leute, dass es da eine Band namens LUXUSLÄRM gibt, die sich den Arsch abspielt, um möglichst viele Menschen mit ihrer Musik zu erreichen.

Nun gibt es einige Beispiele dafür, dass Plattenfirmen gerne mal Einfluss auf gewisse Details bei einer Albumproduktion nehmen. Konntet Ihr das auch beobachten? Mischt sich Universal in die kreative Arbeit der Band ein oder lässt man Euch völlig freie Hand?
Nein, Einmischung gab es keine. Das Album haben wir ja ganz alleine aufgenommen. Wir haben bei Universal auch keinen Künstlervertrag unterschrieben, sondern eine sogenannte Bandübernahme. Das bedeutet, das Album ist in unserer Eigenregie entstanden und wurde dann an Universal abgegeben. Auch das Frontcover stammt von uns. Universal hat das alles problemlos durchgewunken, weil sie unsere Arbeit toll fanden.005 20140228 1843246274 Wir haben ihnen lediglich unsere drei Lieblingstitel genannt und vorgeschlagen, wenigstens einen davon als Single zu bringen. Damit waren sie einverstanden. Da aber eigentlich alle drei Vorschläge bombig waren, kommen die jetzt auch alle drei nacheinander als Single raus. Um auf Deine Ausgangsfrage zurückzukommen: Ich kann verstehen, dass Du skeptisch bist, so wie ich selber auch skeptisch war. Aber genau so, wie es jetzt ist, funktioniert es.

Nein, so war das nicht gemeint. Ich glaube sogar, dass Ihr in Universal einen guten Partner habt. Es ist nur so, dass Ihr lange Zeit gesagt habt, Ihr seid als kleine Indie-Band unterwegs und Ihr wollt das alles nicht. Und jetzt kommt das große Label um die Ecke und Ihr unterschreibt. Mit Sicherheit wird sich auch der eine oder andere Fan fragen, woher dieser plötzliche Sinneswandel kommt.
Das habe ich ja eben versucht, zu erklären. Natürlich kann man das so sehen. Aber genauso kann es passieren, dass anderenfalls die Band vor die Hunde geht. Und dafür habe ich nicht acht lange Jahre mit meiner Band gekämpft und durchgehalten!

Was wird jetzt aus Euerem eigenen Label "Die Opposition"?
Das wird weiter bestehen. Unser Produzent Götz von Sydow kann da auch weiterhin andere Künstler betreuen, wie zum Beispiel LAITH AL DEEN. Außerdem können wir für den Fall, dass es mit Universal auf Dauer doch nicht funktioniert, wieder auf das alte Label zurückgreifen. Schon aus diesem Grunde bleibt "Die Opposition" bestehen.

Wenn Du mal auf Eure Historie zurückblickst, was würdest Du einer jungen Band raten? Soll man Euren Weg gehen und lieber erst mal für sich allein versuchen, seinen Platz zu finden? Oder muss man die erste sich bietende Chance auf einen Plattenvertrag nutzen?
Beides hat seine Vor- und Nachteile. Wenn eine junge Band, deren Mitglieder zwischen 16 und 20 Jahre alt sind, sofort einen kompletten Künstlervertrag bei einer Plattenfirma unterschreibt, dann könnte ich mir gut vorstellen, dass diese Plattenfirma natürlich wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung der Band nimmt.006 20140228 1921543761 Das heißt also, wenn Du sechzehn bist, weißt Du in der Regel noch nicht so genau, wo Du mal hin willst. Da willst Du Dich vielleicht erst mal ausprobieren und dieses und jenes versuchen. Sagt dann aber die Plattenfirma: "Passt auf, Euer Image soll so und so sein", wird diese Band wahrscheinlich keine Chance haben, sich nach ihren eigenen Vorstellungen zu entwickeln. Das fände ich persönlich sehr schade. Deshalb halte ich beispielsweise den Start, den wir hingelegt haben, für sehr wichtig und auch richtig. Klar, wir sind auch mal ganz derb auf die Schnauze gefallen und wir haben auch mal Geld in Dinge investiert, die überhaupt nichts gebracht haben. Aber solche Erfahrungen sind Gold wert. Diese Dinge schweißen eine Band noch mehr zusammen, wie ich finde. Auch Rückschläge, wie wir sie immer wieder mit den Radiostationen hatten, gehören dazu. Das klingt jetzt vielleicht blöd und nach erhobenem Zeigefinger, aber ich finde den Weg, als Indie-Band zu starten und dann zu gucken, wie sich alles entwickelt, gut. Wenn ich dann irgendwann weiß, ob ich das zu meinem Beruf machen und damit Geld verdienen will oder die Musik nur hobbymäßig betreiben will, dann kann ich immer noch entscheiden, ob es nicht auch ohne Plattenfirma geht. Klar ist aber auch, für die nötigen Connections, die man unbedingt braucht, um gewisse Dinge und viele Leute zu erreichen, ist eine Plattenfirma natürlich sehr hilfreich.

Lass uns ein bisschen über die Platte reden. Aufgenommen habt Ihr das Album in den berühmten Wisseloord-Studios im holländischen Hilversum, wo schon solche Größen wie die FOO FIGHTERS, POLICE, U2, METALLICA, RAMMSTEIN, MICHAEL JACKSON und viele andere gearbeitet haben. Wie habt Ihr es geschafft, in diese heiligen Hallen zu kommen?
Ich weiß nicht, ob Du den Film "Sound City" von Dave Grohl kennst. Den haben wir uns mal unterwegs im Tourbus angeguckt. Hinterher haben wir gesagt: "Alter Schwede, das Studio sieht zwar ziemlich vergammelt aus, aber das ist unglaublich geil, dass man dort so aufnehmen kann, wie es in den Sechzigern und Siebzigern gemacht wurde." Da gab es so was noch nicht, dass am Ende alle Tonspuren übereinander gelegt wurden, sondern man hat wirklich alles zusammen eingespielt, hat auch immer mal wieder kleine Fehler rausgehört.007 20140228 1167718678 Wir dachten uns jedenfalls, wie toll es wäre, wenn wir auch mal auf diese Art etwas aufnehmen und ein passendes Studio finden könnten. Götz kennt nun den Chef dieser Wisseloord-Studios in Holland und fragte einfach mal an, ob wir dort für ein paar Tage arbeiten könnten. Der freute sich auf uns und so kam es zu dieser für uns ganz großartigen Erfahrung. Wir wurden dort wirklich sehr herzlich empfangen. Die kannten uns ja eigentlich gar nicht und taten trotzdem alles dafür, dass wir uns dort wohl fühlten. Es war einerseits natürlich ein enormer Druck für uns, aber es machte auch enorm viel Spaß. Deshalb überlegen wir auch, das nächste Album auf dieselbe Art aufzunehmen, wie das aktuelle.

Stimmt es, dass Euer Gitarrist Freddy Hau vom Studioteam für den Zeitraum der Aufnahmen eine originale 1959 Les Paul und eine 60ies Strat zur Verfügung gestellt bekam, auf der schon ein gewisser JIMI HENDRIX gespielt haben soll?
Ja, das stimmt. Freddy bekam die Gitarren ausgeliehen und hat sie bei drei oder vier Songs auch benutzt. Er hat natürlich gestrahlt, wie ein Honigkuchenpferd und wollte die Gitarren gar nicht mehr aus der Hand geben. Auch der Flügel, den wir zur Verfügung gestellt bekamen, war ein richtig guter und Chris, unser Keyboarder, war total begeistert. Auf dem Album gibt es dann auch einen Song nur mit diesem Flügel und mir und ich finde, so kitschig es auch klingen mag, man hört genau diese Energie der Instrumente heraus. Ich hoffe, die Leute da draußen empfinden das genau so und spüren, mit wie viel Herzblut und Schweiß die Songs eingespielt wurden.

Rein vom Papier her liest das Ganze wie eine Plattenproduktion, wie sie in den Achtzigern und Siebzigern gemacht wurde. Also althergebracht und erdig, einfach aus dem Gefühl heraus, nichts Klinisches. Und so hört sich die CD auch an.
Du hast die CD schon gehört? Toll. Ich habe mir auch wirklich nächtelang Gedanken gemacht, wie ich die Reihenfolge der Songs gestalte. Ich wollte eine richtige Dramaturgie drin haben, wie bei einem Livekonzert. So wie die Platte würden wir auch gerne ein Konzert anfangen.

008 20140228 1528044578Haben es alle Songs vom Studio auf die Platte geschafft?
Nicht ganz. Insgesamt haben wir sechzehn Titel aufgenommen, von denen jetzt vierzehn auf dem Album sind. Die zwei übrigen Nummern sind noch nicht so ausgereift, dass sie uns unbedingt vom Hocker gerissen hätten. Die gehen erst mal wieder zurück in die Schublade und werden vielleicht für das nächste Album wieder rausgeholt. Auf jeden Fall mag ich diese Songstruktur total und ich liebe es, dass wir uns mal so richtig austoben konnten. Deshalb auch der Albumtitel "Alles was Du willst", denn das war genau das, was wir schon immer mal machen wollten. Back to the basics - wie Du schon sagtest, also genau so, wie es in den Siebzigern gemacht wurde. Ich glaube, man hört auch heraus, dass eine solche Produktion viel mehr Energie hat, als ein fein ausgetüfteltes Studioalbum. Es hat uns einfach Riesenspaß gemacht, obwohl wir natürlich vorher nicht genau wussten, ob wir es nicht doch verhauen.

Wie lange hat die Arbeit im Studio insgesamt gedauert?
Wir waren insgesamt acht Tage da, wobei der erste Tag fast komplett für den Aufbau und den Soundcheck draufging. Blieben also sieben Aufnahmetage übrig. Pro Tag haben wir im Schnitt zwei Songs geschafft. Gut, manchmal wurde auch nur ein Song fertig, dafür hatten wir dann aber am nächsten Tag einen guten Lauf und schafften drei Nummern. Man kann sagen, dass wir jeden Tag ca. vierzehn Stunden im Studio standen, aber das war ja auch der Grund, weshalb wir dahin gefahren sind.

Eure vorherigen Platten zeichneten sich durch eine perfekte Symbiose aus Pop und Rock aus. Das neue Album klingt für mich deutlich rockbetonter, manchmal schon fast heavy-lastig, wie zum Beispiel bei "Regen, der nach oben fällt". Siehst Du Euch ohnehin eher dem Rock zugetan oder wird es auch weiterhin Popnummern von Luxuslärm geben?
Ich glaube, wir sind immer gut damit gefahren, uns nicht in irgendeine Schublade drücken zu lassen, sondern immer nur das zu machen, worauf wir gerade Lust haben. Live sind wir auf jeden Fall eher eine Rockband. Unsere ersten Alben waren dagegen immer sehr poppig produziert worden.009 20140228 1953830251 Wir fragten uns dann immer, wie wir diesen Pop-Sound am besten auf die Bühne bringen. Aber das funktionierte nie so richtig, weil wir immer draufgehauen und Gas gegeben haben. Die Leute meinten oft: "Eure CDs sind ja gut, aber live klingt Ihr viel, viel voller, der Sound ist geiler, die Energie kommt richtig gut rüber". Wir sehen das ganz genau so und wollen deshalb auch auf unserer neuen CD dieses Livefeeling rüber bringen. Ich weiß zwar nicht, ob die Platte nun härter geworden ist, als die Vorgänger, aber auf jeden Fall ist es irgendwie mystischer. Ja, ich glaube, das trifft es ganz gut. Und genau so, wie es auf der CD klingt, werden wir es auch auf den Konzerten spielen. Natürlich verändern wir noch manche Arrangements, bauen vielleicht noch hier und da einen Publikumspart ein, aber ansonsten wird das schon der Livesound sein.

Mir fiel sehr positiv auf, dass gleich mehrfach auf der Platte knackige Gitarrensoli zu hören sind, was heutzutage leider kaum noch üblich ist.
(Zwischenruf von Jini) Jaaaa!

Habt Ihr Euch bewusst dafür entschieden, um den rockigen Charakter der Platte zu unterstreichen oder kam das durch den Geist von JIMI im Studio zustande?
(lacht) Es war tatsächlich so, dass wir auf den beiden ersten Alben komplett auf Gitarrensoli verzichtet haben, weil wir das damals total uncool fanden. Dann kam die Zeit, nämlich beim dritten Album, als wir uns vorsichtig dachten, so ein Solo wäre schon mal geil. Richtig umgesetzt haben wir es aber auch da noch nicht. Jetzt mit Freddy war die Zeit dafür reif. Freddy ist seit zwei Jahren bei uns. Er ist, wenn ich mal bewusst etwas hoch stapeln darf, ein super Gitarrist. Ich habe vorher wirklich noch nie mit einem so guten Gitarristen zusammengespielt. Deshalb haben wir uns gesagt, Freddys Stärke muss auf jeden Fall auf's Album. Er hat auch Songs, wie "Regen der nach oben fällt" oder "Weiße Fahne" mitgeschrieben, die ja nicht zufällig zu den härteren auf der Platte zählen. Freddy ist schon einer, der den Rock total lebt und eigentlich sogar eher in die Heavy-Ecke drängt.

010 20140228 1747879454Im Gegensatz zu früheren LUXUSLÄRM-Alben war diesmal die gesamte Band am Schreiben der Songs beteiligt.
Das stimmt, diesmal haben sich tatsächlich alle fünf Charaktere in die Songs eingebracht. Sonst war es immer so, dass hauptsächlich der Gitarrist und Götz die Titel geschrieben haben, während die Texte durch Götz und mich entstanden. Und dadurch, dass wir diesmal alle fünf, plus Götz, mitgeschrieben haben, gab es auch diese Ausschläge in Richtung Heavy Metal oder Mystik. Unser Bassist David steht z. B. sehr auf diese "Thelma & Louise"-Nummern, auch "Ein neuer Morgen" ist unter seiner Mitwirkung entstanden, also er steht auf diese mystischen Themen. Und Chris, unser Keyboarder, hat mit unserem Drummer Jan zusammen die Ballade "Du bleibst" geschrieben. Ich finde es total toll, dass wir uns diesmal alle fünf richtig austoben konnten und sagen können: Wir sind eine Band und wir schreiben auch unsere Lieder gemeinsam.

Ist das sozusagen das neue "Wir"-Gefühl bei LUXUSLÄRM?
Ja, absolut. Vor zweieinhalb Jahren kam ja der große Bruch bei uns, als gleich drei Musiker auf einmal ausgestiegen sind, weil sie im Musikgeschäft nicht mehr mitmachen wollten. Es wurde ihnen einfach zu viel. Das fand ich schon krass, weil wir gerade dabei waren, uns einen Namen zu machen. Das war natürlich für Jan und mich ein herber Rückschlag, denn jeder kann sich vorstellen, wie schwer es ist, gleich drei Musiker zu ersetzen. Die Neuen mussten ja nicht nur musikalisch, sondern auch menschlich zu uns passen. So viele Tränen ich damals auch vergossen habe, so sehr denke ich heute, dass es genau so sein sollte und dass uns eigentlich nichts Besseres hätte passieren können. Und wie Du schon richtig sagst, dieses WIR-Gefühl ist seit zwei Jahren ganz extrem und seit der Zeit in Hilversum im Studio noch viel extremer. Da sind wir noch mal richtig eng zusammengerückt, weil wir auch alle das gleiche Ziel verfolgen, nämlich eine geile Platte einzuspielen.

011 20140228 1513830766Das Zusammenwachsen innerhalb der Band ist also abgeschlossen?
Mit Sicherheit geht das immer noch weiter. Wichtig ist vor allem, dass man eine Streitkultur entwickeln kann, soll und muss. Wenn man sich um Musik streitet, ist es wirklich so, dass das eigene Ego keine große Rolle spielt. Genau das war bei der neuen Platte toll, dass man sich die Ideen und Vorschläge der anderen einfach angehört und ausprobiert hat und dann gemeinsam beschlossen hat: "Ja, Du hast recht", oder "Du hast nicht recht" und "Ja, das nehmen wir so mit auf die Platte".

Gehen wir von der reinen Musik mal rüber zu den Inhalten. Man gewinnt beim Hören mancher Nummern den Eindruck, Ihr erzählt persönlich erlebte Geschichten. Befinden sich tatsächlich reale Geschichten auf dem Album oder sind die Texte alle fiktiv?
Ich persönlich finde es schön, wenn ich davon erzählen kann, wie ich die Dinge sehe und erlebe, weil es dann auch authentisch wirkt. Nur dann weiß ich, wovon ich singe, und kann das entsprechend rüberbringen. Bekomme ich die Texte dagegen von irgendwelchen Ghostwritern hingelegt, wird das schwierig. Deshalb haben wir gesagt, das machen wir alles selbst. Viele Geschichten kommen von mir, aber auch die Jungs haben etwas abgeliefert. Wir greifen das auf, was die Jungs in ihren Familien und im Freundeskreis erleben und natürlich hören wir uns auch immer die Geschichten unserer Fans an, die sie uns oft nach den Shows erzählen. Vor allem auf dem zweiten Album war eine Menge von dem drauf, was die Fans uns berichtet haben. Die haben manchmal so krasse Geschichten erzählt über Arbeitslosigkeit, über ihr Liebesleben, über die Familie ... Da spürt man schon eine Menge Vertrauen uns gegenüber. Wir sagen uns, wenn wir nur ein bisschen davon verarbeiten können, ohne dabei in die Kitschecke abzurutschen, haben wir unseren Fans wenigstens einen Teil dieses Vertrauens zurückgegeben. Sie finden sich in unseren Liedern wieder und das finde ich ganz wichtig. Die Texte sind also insgesamt eine schöne Mischung aus eigenem Erleben und Geschichten der Fans.

012 20140228 1465226602Bleiben wir noch kurz bei den Texten. Auf dem "Carousel"-Album hat der Song "Mehr Gewicht" für mächtige Furore gesorgt. Ihr wart damals die Ersten, die sich an dieses Thema herangewagt hatten. Habt Ihr aktuell auch wieder einen derart kritischen Song dabei?
Was speziell den Magerwahn angeht, haben wir diesmal keinen Song auf dem Album. Wir haben auch extra darauf verzichtet, sonstige lyrische Ergüsse auf das Album zu bringen, sondern es geht einfach nur darum, mal seine Sorgen zu vergessen. Ich glaube auch, dass die Fans gerne mal in ein Konzert gehen, wo sie nicht andauernd nur problembeladene Texte zu hören kriegen. Deshalb ist "Mehr Gewicht" auf unseren Konzerten auch eine Partynummer, obwohl natürlich nach wie vor diese ernste Botschaft dahinter steckt. Es ist auch noch immer so, dass wir dazu feiern und die Fans mich mit Haribo oder RitterSport bewerfen. Trotzdem gibt es wie gesagt auf der neuen Platte keine Nummer, die sich direkt mit dieser Thematik befasst. Vielmehr haben wir uns bei diesem Album textlich wieder mehr auf die Basics besonnen und auf Themen wie Familie, Liebe und Freundschaft zurückgegriffen.

Du hast es vorhin schon angedeutet, dass die Medien nicht so begeistert waren von dem Song ...
Ja, es war wirklich schwer, den Titel wegen der direkten Aussage irgendwo zu platzieren. Manche Radiosender meinten, wir hetzen damit gegen "Germany's next Topmodel" oder solcherlei Sendungen. Und das ist natürlich sehr schade, denn viele Menschen wissen gar nicht, wie sehr und wie viel bei diesen Formaten eigentlich retuschiert und getrickst wird. Man hat immer das Gefühl, absolut perfekt sein zu müssen in seiner Außenwirkung, dabei ist das doch überhaupt nicht erstrebenswert. Deshalb finde ich die Werbung eines bestimmten Shampoo- und Körpercremeherstellers viel besser, weil der auf normal gebaute Menschen und Models zurückgreift. Ich habe auch meine Bauchröllchen. Na und? Scheiß drauf! Ich esse auch gerne mal Pizza und Spaghetti und hau mir mal eine Cola rein. Dann habe ich eben ein Kilo zu viel drauf, was soll's. Jedenfalls verstehe ich nicht, warum immer alles so perfekt und "Size Zero" sein muss. Umso mehr freue ich mich darüber, dass der Song "Mehr Gewicht" bei unseren Fans so großen Anklang gefunden hat.

013 20140228 1459009992Auf Eurem zweiten Album "So laut ich kann" (2010) waren mit LAITH AL DEEN und ANNE DE WOLF, der ROSENSTOLZ-Geigerin, zwei Gastmusiker zu hören, beim letzten Werk "Carousel" gesellten sich bei dem eben besprochenen "Mehr Gewicht" die Herren von CULCHA CANDELA dazu. Wie sieht es auf "Alles was Du willst" aus, sind hier auch wieder prominente Gäste dabei?
Nein, diesmal sind wir ganz alleine. Also LUXUSLÄRM pur. Anfangs hatten wir überlegt, ob wir nach Erscheinen des Albums vielleicht mal eine Single mit einem Gast zusammen neu einspielen. Dann haben wir uns aber entschieden, diesmal darauf zu verzichten und uns wirklich nur auf das zu konzentrieren, was wir selber wollen. Dadurch, dass wir alle am Schreiben der Lieder beteiligt waren, sind es auch viele verschiedene Charaktere, die man auf dem Album hören kann. Das reicht dann auch an Abwechslung, das ist völlig okay.

Ein Song wie "Durchdrehen" hat durchaus internationales Format. Plant Ihr, auch mal einen Song oder vielleicht sogar ein ganzes Album auf Englisch aufzunehmen, um außerhalb von Deutschland Fuß zu fassen?
Ehrlich gesagt war das für mich früher ein rotes Tuch. Ich habe immer gesagt: "Bitte kein englisches Album! Lasst uns doch erst mal in Deutschland jede Steckdose bespielen." Also ich wollte tatsächlich zunächst unsere deutschen Fans zufriedenstellen und habe mich gefreut, dass die auf unsere Konzerte kommen und uns unterstützen. Mittlerweile ist es so, dass man doch schon mal darüber nachgedacht hat, den einen oder anderen Song auf Englisch zu singen, aber ich bin eigentlich immer noch kein großer Fan davon. Ich finde es schön, dass wir in unserer Muttersprache singen. Sollte es aber doch mal dazu kommen, dass wir auf USA- oder Japan-Tour gehen, würde ich mir wünschen, dass wir dort auch mit unseren deutschen Songs auftreten, denn das sind WIR. Alles andere wäre irgendwie nicht echt, sondern so wie extra dafür gemacht. Dann wird Musik für mich auch wieder anstrengend, wenn man etwas speziell für jemanden oder eine bestimmte Zielgruppe macht. Aber das sage ich nur zum jetzigen Zeitpunkt. Wer weiß, was in fünf oder zehn Jahren sein wird, vielleicht sehe ich das dann ganz anders. Im Moment ist das eh alles noch Träumerei.

015 20140228 1140273291Die anstehende Tour zu der Platte umfasst derzeit achtzehn Termine. Das klingt erst mal relativ überschaubar, wenn man weiß, dass Ihr in den Anfangszeiten weit über hundert Gigs im Jahr gespielt habt. Aber ich denke, es ist dennoch eine große physische Herausforderung. Habt Ihr eine besondere Strategie entwickelt, um diesen Tourneestress unbeschadet zu überstehen?
Richtig, normalerweise sind es in manchen Jahren über hundert Konzerte gewesen, im letzten Jahr waren es aber "nur" achtzig. Auch 2014 werden es wieder um die achtzig Auftritte. Mit der Tour im Frühjahr ist für uns das Jahr also nicht zu Ende. Nach den Osterferien beginnen auch schon bald die ganzen Sommerfestivals, wo wir dann draußen wieder mit mehreren Bands zusammen auftreten dürfen. Und dann kommt noch mal eine Herbsttour, wo wir auch schon mit den Clubs in Gesprächen stehen. Das werden auf jeden Fall andere Städte sein, als jetzt auf der A-Tour, aber natürlich wird auch da das neue Album den Schwerpunkt bilden. Was den Stress betrifft, so habe ich das früher eher auf die leichte Schulter genommen. Heute ist es aber so, dass wir wirklich versuchen, uns vor einer Tournee fit zu machen, indem wir regelmäßig Sport treiben. Dieses "Sex, Drugs & Rock'n'Roll" kannst Du voll vergessen, das würden wir gar nicht durchstehen. Okay, wir gehen natürlich nach der Show gerne mal was trinken und wir feiern auch mal ordentlich zum Ende einer Tour. Aber es ist nicht so, dass wir nun täglich exzessiv Party machen. Dafür sehe ich unsere Sache auch einfach zu professionell. Ich fände das ziemlich uncool, wenn ich z. B. mit einer Flasche Bier in der Hand auf die Bühne gehen würde und den Fans vermittle, ich mache das hier nur zum Spaß und was andere von mir halten, ist mir sowieso egal. Deshalb bin ich überzeugt, dass auch viele andere Bands dieses "Sex, Drugs & Rock'n'Roll"-Motto gar nicht mehr leben können bei dem heutigen Pensum. Ich kann halt nur hundert Prozent Leistung und Leidenschaft abliefern, wenn ich wirklich fit bin und nicht, wenn ich mit Alkohol vollgepumpt bin.

Das ist völlig klar. Gerade Du als Sängerin verlangst Deinem Körper auf so einer Tour eine Menge ab. Da kannst Du Dich zwar fitnessmäßig vorbereiten, aber die Stimme ist ja noch mal eine andere Sache. Gab es schon mal Momente, in denen die Stimme mal nicht mehr mitgemacht hat, bei hundert Konzerten im Jahr?
Na klar, nicht nur einmal. Ich lege sehr viel Wert darauf, dass ich sieben Tage in der Woche Stimmpflege betreibe. Ich habe ja in Enschede Gesang studiert, wo ich natürlich auch das Know how gelernt habe, meine Stimme so auf den Punkt zu bringen, wie und wo ich sie haben will. Trotzdem kannst Du manchmal nichts dagegen machen ...016 20140228 1796545242 Uns ist das z. B. mal auf einer kleinen Minitour passiert, auf der wir eigentlich nur sechs ausgesuchte Konzerte spielen wollten. Am ersten Wochenende war alles in Ordnung und am zweiten Wochenende bekam ich dann eine Bronchitis und eine Mandelentzündung. Da ging gar nichts mehr. Ich habe den Körper dann nicht mehr unter Kontrolle und kann nicht mehr dagegen ansteuern. Das war mein erster wirklicher Kontrollverlust und wir mussten ganz kurzfristig zwei Gigs absagen, was uns vorher noch nie passiert war. Die Leute waren aber ganz lieb und haben gesagt: "Gesundheit geht eben vor", wofür ich sehr dankbar war. Wenn ich dann sehe, dass manche Bands alle drei Monate ihre Termine verlegen müssen, weil die Sängerin es nicht schafft, dann muss ich schon sagen, das will ich nicht. Man muss als Sänger/in halt gut auf sich aufpassen und dafür sorgen, dass die Stimme gut trainiert ist. Wenn auf der Gitarre eine Saite reißt, kann man die wechseln, aber bei der Stimme geht das nicht so leicht.

Was erwartet die Fans auf der Tour in Sachen Bühnenbild und Songauswahl?
Natürlich werden wir ganz viele Songs aus dem neuen Album spielen. Da kommt uns natürlich zugute, dass wir jetzt schon ganz gut miteinander harmonieren. Sonst war es ja so, dass jeder für sich die Titel im Studio eingespielt hat und wir anschließend alles als Band proben mussten. Diesmal ist es anders rum, denn wir haben ja schon zusammen die Nummern im Studio eingespielt. Es folgen nur noch einige Durchlaufproben. Wir wissen sogar schon, wie die Setlist aussehen soll und wie lang das Konzert werden wird. Und im Moment konzipieren wir gerade die Lichtshow, von der wir auch bereits konkrete Vorstellungen haben.

014 20140228 1940477183Mittlerweile könnt Ihr ja aus einem großen Titelrepertoire schöpfen. Ist es sehr schwer, die Setlist für die Konzerte festzulegen? Und gibt es schon Songs, ohne die ein LUXUSLÄRM-Konzert nicht funktionieren würde?
Es gibt auf jeden Fall solche Alltime-Favourites, wo schon die Augen aufgerissen werden, wenn man nur mal darüber nachdenkt, die diesmal weg zu lassen. "Tausend Kilometer bis zum Meer" und "Leb Deine Träume" sind auf jeden Fall Songs, die wir immer wieder spielen werden, weil das einfach LUXUSLÄRM ist. Diese Titel begleiten uns schon seit Ewigkeiten, außerdem sind es auch die Favoriten unserer Fans und da wären wir schön blöde, wenn wir das ignorieren würden. Also diese beiden Nummern werden immer dabei sein!

Wenn man so eine Tour spielt und permanent unterwegs ist, wie kommt man dann als Musiker damit klar, dass man immerzu mit den gleichen Leuten zusammen ist? Für manche Bands waren solche Situationen Gift und führten letztlich sogar zu einem Split. Ist das bei Euch in irgendeiner Form geregelt, dass so etwas nicht passiert?
Bei uns ist es ja so, dass wir immer von Donnerstag bis Sonntag unterwegs sind, wenn wir auf Tournee sind. Von Montag bis Mittwoch hat jeder von uns dann Zeit für seine anderen Jobs. Jan und ich haben zum Beispiel zwei Musikschulen, Freddy spielt nebenbei noch Musical. Chris ist Lehrer für Musik und Deutsch an einem Gymnasium. Das muss alles geregelt werden. Deshalb planen wir so eine Tour immer um unsere anderen Verpflichtungen drum herum. Diese Aufteilung funktioniert und tut allen gut. Wenn Jan und ich beispielsweise in unsere Musikschulen gehen, dann ist es so, als würden wir uns in diesen Momenten erden. Das ist wichtig für uns. Bei den anderen ist es genau so, die fahren dann eben Montag bis Mittwoch zu ihren Familien oder Freunden und nehmen auf diese Art ihre Auszeit. Während der Tour müssen wir uns dann halt arrangieren, damit jeder mal seinen benötigten Freiraum bekommt. Das klappt bei uns recht gut. So was wie den berühmten Tourkoller kennen wir jedenfalls nicht.

017 20140228 1254973486Wenn man von LUXUSLÄRM spricht, gehören dazu noch weitere Leute. Du hast schon Götz von Sydow angesprochen, aber es gibt da beispielsweise auch noch die Jana Krämer. Ihr seid insgesamt ein echtes Team. Wäre LUXUSLÄRM überlebensfähig, wenn eine dieser Säulen plötzlich weg brechen würde?
Ich glaube nicht, denn wie Du schon richtig sagst, sind das alles Säulen. Und wenn eine Säule weg bricht, ist das für eine Band immer gefährlich. Den Götz kennen wir ja wirklich von Anfang an, also seit 2005. Und bei Jana war es so, dass sie schon bei uns vor der Bühne stand, als wir noch als Coverband unterwegs waren. Ich weiß noch, wie sie uns mal fragte, ob wir was von BILLY IDOL im Programm haben. Für solche Fragen hatte ich damals eine Standardantwort parat, die in etwa so ging: "Nein, leider nicht, aber wenn Du das nächste Mal kommst, spielen wir was von ihm". Ich dachte natürlich, die kommt nicht wieder. Beim nächsten Gig war sie dann aber wieder da und fragte natürlich nach BILLY IDOL. Also mussten wir natürlich was von BILLY vorbereiten. Wir haben uns für "Rebel yell" entschieden und als Jana dann tatsächlich beim nächsten NRW-Konzert von uns wieder da war, freute sie sich riesig. Daraus entwickelte sich mit der Zeit eine richtige Freundschaft. Jana meinte, sie würde uns gerne in irgendeiner Form unterstützen, zum Beispiel Flyer verteilen. In dieser Zeit lernten wir auch Götz kennen und erzählten Jana dann irgendwann, dass wir jetzt eine richtige Band aufmachen, eigene Songs schreiben und uns Luxuslärm nennen wollen. Sie war sofort Feuer und Flamme. Und inzwischen bildet Jana gemeinsam mit Jan, unserem Drummer, und Götz unser Management. Jan koordiniert den Live-Bereich, Götz ist unser Produzent und Jana kümmert sich um die komplette Promo-Arbeit. Ich glaube, das hat LUXUSLÄRM richtig gut getan, dass da im Hintergrund nur Leute mitwirken, die auch wirklich Bock darauf haben und ganz viel Herzblut reingesteckt haben. Sonst wären wir auch nicht so weit gekommen.

Das Musikbusiness ist ein hartumkämpftes Gewerbe, wo es auch nicht immer fair und zimperlich zugeht. Wenn Ihr die Chance hättet, da etwas zu verändern, was wäre das?
(überlegt kurz) Also zunächst mal finde ich es interessant, dass ganz viele Videos von Künstlern gesperrt werden, weil sich GEMA und YouTube nicht einig werden. Dadurch bekommen die Bands und Künstler aber auch keine Chance, ihre Musik zu verbreiten und größer zu werden. Bis zu diesen Rechtsstreitigkeiten war YouTube ja eigentlich immer ein kostenloses Portal. Bei uns selber erleben wir das auch. Wir stellen die Videos online und dann hören wir von ganz vielen Leuten, sie können es nicht gucken. Diese Einschränkung der Meinungsfreiheit und das Sperren der Songs würde ich auf jeden Fall gerne ändern. Dann ... wie soll ich das sagen ... dieser ganze Neid im Musikbusiness ... dass eine Band der anderen nichts gönnt, das kann ich auch überhaupt nicht nachvollziehen.018 20140228 1016549013 Jede Band hat auf ihre Art eine Daseinsberechtigung, jede Band bedient ein anderes, eigenes Feld. Und trotzdem merke ich immer wieder, dass sich viele untereinander den Erfolg nicht gönnen. Das finde ich echt schade, aber da muss man natürlich nichts am System ändern, sondern in den Köpfen der Musiker selber muss etwas passieren. Und dann wäre da noch dieser zurückgehende CD-Verkauf. Das tut uns als Band natürlich richtig weh, genau so wie diese Download-Scheiße. Es ist einfach so, dass diese ganzen illegalen Downloads unserer Lieder uns als kleiner Indie-Band richtig geschadet haben, weil wir dadurch kein Geld hatten, um eine CD zu produzieren. Ich glaube, die Leute wissen überhaupt nicht, was sie einer Band antun, vor allem einer Band im Anfangsstadium, wenn sie sich einzelne Songs oder sogar ein ganzes Album downloaden und dann auch noch weiter verteilen. Auf der einen Seite ist natürlich toll, dass dadurch auch viele Leute Deine Musik hören, aber es bleibt nun mal illegal. Ich gehe ja auch nicht in einen Laden, klaue mir fünf Brötchen und sage: "Dankeschön für die Brötchen. Ihr werdet schon irgendwie überleben". Diesbezüglich ist bei den Teenagern und auch bei vielen Erwachsenen keinerlei Nachdenken vorhanden. Die denken, das geht bei LADY GAGA oder ROBBIE WILLIAMS, denen tut das vielleicht nicht weh, also funktioniert das auch bei LUXUSLÄRM. Aber das ist ein folgenschwerer Fehler, denn dadurch wird es bald viel weniger Bands geben, die Bock darauf haben, neue Musik zu machen, weil sie eh nichts damit verdienen. Ich finde es bedenklich, dass es schon fast als unverschämt gilt, wenn ein Musiker über Geld spricht. Natürlich will ich für meine Arbeit auch Geld haben! Das ist doch völlig normal, dass ich davon auch leben möchte! Und dass die Leute das nicht kapieren, finde ich echt Scheiße!

Diese drei Punkte, die Du eben genannt hast, unterstützen wir auch voll und ganz. Wobei ich noch mal auf die Geschichte mit dem Neid in der Szene zurückkommen möchte. Das habe ich eigentlich immer für ein Gerücht gehalten. Aber wenn man Dich so hört, scheint das tatsächlich zu stimmen. Ohne jetzt Namen zu nennen - habt Ihr das schon am eigenen Leib zu spüren bekommen?
Ja klar. Ganz oft sogar durch unsere eigenen Vorbands. Glaub nur nicht, dass die sich immer anständig benommen haben. Wir bekommen unglaublich viele Supportanfragen und ich würde auch wirklich jeder Newcomerband eine Chance geben.019 20140228 1124545584 Aber da haben sich so viele von diesen Vorbands dermaßen respektlos verhalten und daneben benommen … Das war einfach krass. Wir begegnen allen Bands immer mit dem nötigen Respekt. Was ist denn dabei, einfach mal "Hallo!" zu sagen und zu akzeptieren, was der andere macht? Ob man die Musik der anderen nun toll findet, ist ja immer Geschmackssache. Aber dass man einfach mal zugibt, dass auch andere einen guten Job machen, das muss doch drin sein. Vielleicht muss man sich da auch ein dickeres Fell zulegen und darauf pfeifen.

Gibt es denn auch das umgekehrte Beispiel, dass man mit anderen Bands Freundschaften knüpft?
Natürlich. Mit wem ich immer super gerne zusammen spiele, ist STEFANIE HEINZMANN. Die habe ich sehr in mein Herz geschlossen, wir finden die ganze Band richtig geil. Oder nimm DIE HAPPY. Das ist ebenfalls eine ganz tolle Band. Das sind eben dann die anderen Beispiele, wo man über Jahre miteinander Kontakt hält und immer mal wieder Bock hat, etwas miteinander zu machen. Man merkt aber, dass die Leute insgesamt vorsichtiger geworden sind. Wir gehen eigentlich immer offen auf andere zu und erleben immer wieder, dass die anderen erst mal skeptisch sind. Das ist zwar schade, ist aber im Privatleben auch nicht anders.

Einer Eurer älteren Songs heißt "Lebe deine Träume". Inwieweit habt Ihr das für Euch inzwischen wahrmachen können? Seid Ihr schon am Ziel Eures Weges?
Na ja, sagen wir es mal so: Wir hätten vor zehn Jahren niemals gedacht, dass wir da sein würden, wo wir im Moment stehen, dass dermaßen viele Leute unsere Musik hören, in unsere Konzerte kommen und uns auch weiter empfehlen.020 20140228 1547325752 Das war natürlich immer unser Traum und den haben wir uns jetzt erfüllt. Aber natürlich hört das nie auf, denn man träumt mit zwanzig, mit dreißig, mit fünfzig, mit siebzig … Das ist aber auch gut so, denn das motiviert einen, zu sagen, das ist mein nächster Traum, das möchte ich noch erreichen. Im Moment jedenfalls sind wir wunschlos glücklich und haben - wie es der Albumtitel auch sagt - alles, was wir wollen. Jetzt freuen wir uns darauf, die neuen Lieder mit den Fans gemeinsam live zu spielen und hoffen, dass den Leuten die Mugge gefällt und dass es immer weiter nach vorne geht.

Ich danke Dir für dieses Interview. Möchtest Du unseren Lesern am Schluss noch etwas mit auf den Weg geben?
Ich würde mich auf jeden Fall freuen, wenn all die Leute, die LUXUSLÄRM vielleicht noch nicht kennen, mal in eins unserer Konzerte kommen, um uns kennenzulernen. Oder vielleicht hören sie sich mal ein paar Soundschnipsel von uns an und tragen es in die Welt raus, dass es diese Band gibt und dass wir unsere Sache mit ganz viel Herzblut betreiben - ob nun mit Plattenfirma oder ohne.


Interview: Torsten Meyer, Christian Reder
Bearbeitung: mb
Fotos: Archive Deutsche Mugge & Luxuslärm, Pressematerial Universal
 




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