Die Bluesszene im Ostteil unserer Republik ist unglaublich 001 20130211 2027284850vielfältig und nach wie vor sehr lebendig. Zu dieser Szene gehört neben vielen anderen auch Waldemar "Waldi" Weiz, der in Thüringen groß wurde und seit vielen Jahren in Berlin lebt. Er stand und steht immer ein bisschen im Schatten der vermeintlich "Großen" wie Engerling, Monokel, Diestelmann und wie sie alle heißen. Völlig zu Unrecht, wie ich finde, denn Waldi Weiz war schon im jugendlichen Alter auf den Bühnen Thüringens aktiv, um die dortige Musikszene zu entwickeln und zu profilieren. Dabei lernte er auch seine spätere Frau kennen, die allseits bekannte Sängerin Angelika Weiz. Gemeinsam spielten sie in der Blues-Jazz-Funk-Rock-Formation ERGO, ehe Angelika bei Günther Fischer ihre musikalische Karriere fortsetzte, und Waldi diverse andere Projekte in Angriff nahm.
Wir haben uns mit Waldi Weiz in seiner Wohnung in Berlin getroffen, um über seine äußerst interessante und lange Laufbahn als Musiker zu reden. Dabei erfahren wir beispielsweise, warum er schon sehr früh Probleme mit den kulturellen Kontrollorganen der Staatsmacht bekam, in welchen Bands und Projekten er seine Visitenkarte abgab, weshalb er an die Musiker von Canned Heat nicht so gute Erinnerungen hat, warum die amerikanische Soulsängerin Chaka Khan plötzlich auf seiner Geburtstagsfeier auftauchte, was eine dicke Frau auf seinem Schrank verloren hat und vieles mehr. Außerdem spricht Waldi Weiz natürlich über seine derzeitige Band und seine Vorhaben für 2013 und darüber hinaus, denn mit 63 Jahren fühlt er sich noch längst nicht reif für den (musikalischen) Ruhestand.

 

Hallo WALDI, wir treffen uns hier quasi zwischen zwei Konzerten. Du warst gerade in Köpenick bei einer Boogie Woogie-Session und bist eigentlich schon fast wieder unterwegs zum nächsten Auftritt in Erkner. Wie zufrieden warst Du mit dem Konzert in Köpenick?
In Köpenick war ich zum allerersten Mal. Ich dachte schon, ich schaffe es nie, da mal zu spielen. Eigentlich war es auch der Verdienst von MICHA MAAS (Anm. d. Verf.: ein erstklassiger Boogie-Drummer), der uns einlud, dort mit ihm gemeinsam zu spielen. Und MICHA hat sich wirklich super geschlagen. Es war toll, es war restlos ausverkauft, die Leute haben sich hinterher bedankt, was will man mehr? Köpenick ist ja kein einfaches Pflaster und ich habe mich immer riesig geärgert, dass ich dort niemals eine Chance bekam, aufzutreten. Jetzt hat es also endlich geklappt.

Nun sind ja sowohl der Jazzkeller Köpenick als auch das "Paris-Rom-Erkner" in Erkner relativ überschaubare Locations. Ich persönlich bin ein großer Fan solcher intimen Konzerte, die beinahe schon Wohnzimmercharakter haben. Aber ich könnte mir vorstellen, Dich als Musiker frustriert das schon ein bisschen, wenn Du jeden Besucher mit Handschlag begrüßen kannst.
Nein, ganz im Gegenteil. Es gibt ja nur die zwei Varianten. Die eine ist die, wo man auf Tuchfühlung zum Publikum spielt, also ganz nah dran ist. Und die andere ist die riesige Masse, die einen als Musiker derart beflügeln kann, dass man sich selbst nicht wiedererkennt. Letzteres habe ich aber bisher nur einmal erleben dürfen. Das war bei CANNED HEAT, als ich mit ENGERLING im Vorprogramm spielen durfte. Mehr Publikum hatte ich bisher noch nicht. Kleine Muggen bin ich von jeher gewöhnt aus meiner Thüringer Zeit in den Studentenclubs von Weimar, Jena, Leipzig, Dresden, Ilmenau und auch Berlin, die habe ich immer besonders gemocht. Das einzige, was ich nicht mag, ist die Tuchfühlung mit der geringen Gage, die am Ende dabei raus springt.

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Der Trend zu abnehmenden Besucherzahlen ist ein allgemeines Phänomen und betrifft sicher auch Dich. Was glaubst Du, worin liegt dieses Desinteresse an Livemusik begründet?
Also ich glaube, dass das überhaupt nicht so ist. Zumindest mit meiner Band geht es im Moment aufwärts. Vielleicht auch deshalb, weil ich gerade versuche, mich selber um die Bookings zu kümmern. Tja, woran könnte es ansonsten liegen? Vielleicht an der Überfütterung der Menschen mit allem, was man sich nur denken kann. Und dann scheint es so eine Art Kontrollorgan zu geben, welches festlegt, was gut oder schlecht zu sein hat. Die Radiosender teilen sich auf in solche, die "Die besten Songs von damals" oder "Die besten Songs von schon immer" oder "Das Beste von heute" spielen. Wenn es dann tatsächlich mal was Neues gibt, ist es am Ende doch meistens nur so eine aufgekochte Grütze. Aber das Internet scheint diesem Spuk ein Ende zu setzen. Jeder kann zeigen, was er drauf hat, Jeder kann sich, wie früher üblich, hinsetzen und ein schönes Lied schreiben und darbieten, es in das Netz stellen. Mit ausreichend Klicks, kann es ein Welterfolg werden, vorbei an den allwissenden Kaderleitern der Popunterhaltung.

Komischerweise geben die Leute aber wahnsinnig viel Geld aus, um diese ganzen Chartstürmer zu sehen, bei denen die Musik und teilweise auch der Gesang von der Konserve kommen und die dann auch noch zwanzig Tänzerinnen als Unterstützung auf der Bühne benötigen. Sind die Leute wirklich so oberflächlich geworden, wenn es um Musik geht?
Das ist ganz schwer zu beurteilen. Ich habe gemerkt, dass mein größtes Problem darin liegt, dass ich über längere Zeit nicht erkannt habe, dass diese Gier und dieses Musikinteresse, wie es beispielsweise bei mir selbst vorliegt, bei einem ganz normalen Menschen, der täglich seiner Arbeit nachgeht, gar nicht zu erwarten ist. Der will sich amüsieren und ablenken. Außerdem fällt mir auf, dass solche Dinge wie Starrummel oder Identifikationsmöglichkeiten mit größeren Stars vor allem bei jungen Leuten eine ganz große Rolle spielen. Sie müssen so aussehen, wie ihr Idol, sie wollen unbedingt so tanzen können, wie der Star, die Klamotten spielen eine Rolle usw. Eigentlich ist das eine total von oben gesteuerte Angelegenheit, womit Milliardenumsätze erzielt werden. Ich kann es aber auch niemandem von den jungen Menschen verübeln, wenn er darauf reinfällt. Ich brauch' mich ja nur an meine eigene Jugend zu erinnern.

Zurück zu Dir. Du bist ja ein waschechter Thüringer, lebst aber schon lange Zeit in Deiner Wahlheimat Berlin. Bist Du im Herzen trotzdem immer noch Thüringer oder eher Berliner?
Meine Herkunft erkennt man schon an meiner Sprache. Wenn mir das egal wäre, würde ich anders reden. Ungefähr wie BODDI BODAG, der immer gesagt hat: "Ick weeß ja ooh nich, eh...". Ich habe es einfach nicht gepackt, diese Berliner Sprache anzunehmen, obwohl ich sie eigentlich schön finde. Und die Thüringer... . Es gibt einen guten Freund von mir, den wird keiner kennen, der heißt JÜRGEN KERTH (lacht). JÜRGEN sagt immer: "WALDI, Du bist unsere Außenstelle in Berlin, gä?" (im feinsten Thüringisch gesprochen). Und so handhabe ich das auch.

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Kannst Du Dir vorstellen, irgendwann mal wieder nach Thüringen zurückzugehen?
Ich habe ja das Problem, dass ich mit meiner Freundin in Thüringen, die ich von ganz früher kenne und jetzt nach über dreißig Jahren wieder getroffen habe, eine Fernbeziehung führe. Das ist wirklich so eine Sache, da tut sich die Frage auf, wie es mal weiter geht mit uns. Aber ich muss ehrlich sagen, nach all den Jahren, die ich jetzt in Berlin wohne, nach all den Bekanntschaften mit großartigen Musikerkollegen und Freunden, nach den vielen Sessions und Auftritten, nach all dem würde ich nur schwer auf diese Stadt verzichten wollen und können. Natürlich hat auch meine alte Heimat ihren Reiz. Da ist meine liebe alte Mutter, meine Freundin, meine Schwester, da ist die wunderschöne Natur, da sind alte Bekannte. Aber da werden eben auch selbst in Städten wie Gotha um 18 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt, da triffst du niemanden mehr auf der Straße an, und das würde mich wahnsinnig machen.

WALDI, Du bist zum ersten Mal unser Interviewgast. Deshalb lass uns mal ein bisschen in Deiner Vergangenheit kramen. Geboren wurdest Du wie gesagt in Thüringen, genauer gesagt, in Catterfeld. Wenn ich sehe, was aus Dir geworden ist, drängt sich förmlich der Verdacht auf, dass Du eine sehr musikalische Kindheit hattest. Was war Dein erstes Instrument, welches Du spielen konntest?
Du hast noch vergessen zu erwähnen, dass ich bis heute nicht vorbestraft bin! Meine musikalische Kindheit, lass mich nachdenken... Mit sechs Jahren bekam ich von meiner Mutter meine erste Quetschkommode geschenkt. Es war wirklich mehr Quetschkommode als Akkordeon. Das Allerschlimmste war, dass zwischen Auseinanderziehen und Zusammenschieben ein Halbton Unterschied war. Fürchterlich. Auf dem Ding konnte ich nach zwei Wochen alle Lieder spielen, so dass meine Mutter meinte, da müsse man was draus machen. Und da ich in Thüringen lebte, hat es mich getroffen: Ich musste offiziell Akkordeon lernen. Was ich bis zu einem gewissen Punkt auch tat. Später habe ich dann mit meiner Schwester in einer riesengroßen Akkordeongruppe gesungen, dort auch Solos gespielt und das alles mit elf Jahren. Dieses Akkordeonorchester war jedenfalls der Ausgangspunkt für meine spätere Arbeit als Tanzmusiker. Zwischendurch bekam ich von meiner Mutter eine Klampfe geschenkt, da war ich zwölf. Auf dem Teil habe ich erst mal ewig rumprobiert, habe sie auf die Beine gelegt und von oben gegriffen und gesucht und gesucht. Ich konnte zwar alles Mögliche darauf spielen, nur hatte ich überhaupt keine Unterstützung und niemanden, der mir zeigte, wie es wirklich geht. Ich fing dann an, nachzulesen, hab die Klampfe richtig gestimmt und mich dann mit dem Gott sei Dank damals aufkommenden BEATLES-Wahn beschäftigt. Das war so der typische Weg für die damalige Zeit, viele andere Musiker werden das bestätigen können. Von meiner Oma bekam ich dann irgendwann meine erste elektrische Gitarre, eine Herrnsdorf. Da war ich total glücklich drüber. Die hatte noch Doppelstecker. Als Verstärker wurde das Radio der Oma missbraucht. Wenn man da angefasst hat, konnte man tot umfallen. Ich erinnere mich gerne daran zurück, das war so eine Art Aufbruchstimmung. Ich dachte, hier passiert gerade was ganz Bedeutendes, vor allem, als ich zum ersten Mal "I wanna hold your hand" und "She loves you" von den BEATLES hörte. Das hat mich richtig umgehauen. Der Gitarrensound war gänzlich neu.

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Da Du 1949 geboren wurdest, hast Du ja mehr oder weniger den Aufbau der DDR hautnah miterlebt. Konnte man sich als Kind oder Jugendlicher da überhaupt so entwickeln, wie man das wollte?
Also ich muss wirklich feststellen, dass ich keinen Grund habe, die DDR nieder zu metzeln, wenn ich ausschließlich auf mein eigenes Leben zurückschaue. Die Entwicklung der DDR in einem Dorf zu erleben, war ohnehin nicht so spannend, wie vielleicht in Berlin. Bei uns ging es halt zur Ernte, wenn die Erntezeit ran war und viel mehr gab es da nicht. Traditionen, Knatsch mit der Vergesellschaftung der Landwirtschaft, Kirschblüten, Bienen. Ich konnte mich aber durchaus entwickeln. Meine schulischen Dinge habe ich ohne weiteres durchgezogen. Und ich konnte meine Musik machen, das war kein Problem. Das Dilemma begann erst, nachdem sich diese ganzen Bands gegründet hatten, die plötzlich anfingen, die STONES und die BEATLES nachzuspielen. Dadurch entstand eine Jugendkultur, die gerade auf den Dörfern - was immer keiner so richtig glauben wollte und will - unglaubliche Ausmaße annahm. Tausende von Leuten drängelten sich in einem Saal zum Konzert, obwohl der Saal höchstens vierhundert Leute fasste. Zudem wurde noch im Freien campiert, es war schon irre. Natürlich haben die Behörden das nicht gerne gesehen, zumal dabei auch immer wieder Kollateralschäden entstanden. Das kann ich sogar nachvollziehen. Was ich nicht nachvollziehen konnte, war die Tatsache, dass wir und auch andere Bands ständig verboten wurden, weil sich irgendwelche Leute geprügelt haben. Wenn man das jetzt weiter führen will, habe ich während meiner Oberschulzeit schon in einer Band gespielt und hatte dann keinen Bock mehr auf Schule. Ich war dann aber sehr froh, daß ich eine extra für mich zusätzliche Lehrstelle als Dekorateur und Werbemittelhersteller erhielt, nachdem man meine Zeichnungen gesehen hatte. Ich bedankte mich dafür mit einem sehr guten Abschluss. Ich konnte Grafik studieren, war noch nicht mal in der FDJ und nie in der Partei. Also ich will überhaupt nicht über meine frühen Jahre in der DDR rummeckern.

Du hast in einer Schülerband namens THE TRABANTS gespielt, danach bei den THE BLACKIES. Ich nehme an, Ihr habt eigentlich nur gecovert und zum Tanz gespielt?
Nun ja, THE TRABANTS (man beachte das THE!) war meine erste Band. Meistens haben wir gecovert, das stimmt. Das Programm jedoch bestand zum wesentlichen aus diesen typischen alten Geselligkeitsliedern wie "Polenmädel", "Geh'n ma ma rüber zu Schmidt seiner Frau", "Schneewalzer" und und und. Damals habe ich das Zeug zu hassen gelernt, incl. der Gesichter der Besoffenen, die am Bühnenrand vorbeischwebten. Aber immerhin gab es bei mir damals schon erste Ansätze, einen eigenen Instrumentaltitel zu entwerfen, der zwar total simpel war, aber halt meiner. Die BLACKIES, die danach kamen, hatten vor allem sängerisch durchaus gute Ansätze. Wir haben sogar vierstimmig gesungen. Die BLACKIES waren eine Band, wo man sagen konnte, es gab schon gewisse Erfolge zu verzeichnen. Da kamen die Leute in Scharen. Das passierte meistens in Tambach-Dietharz, wo wir jedes Wochenende im Klubhaus spielten und später zu dem legendären Tanztee in der Gothaer Stadthalle. Wir hatten sogar einen echten Fanclub! Wir hatten halt immer wieder solche Typen auf unseren Konzerten, die sich gerne geschlagen haben. Die haben wir kurzerhand zu unseren Bodyguards ernannt. Damit hatten die eine Aufgabe und waren abgelenkt von ihren eigentlichen Vorhaben. Das hat auch geklappt, denn die wurden noch aktiv, wenn irgendjemand Ärger machen wollte.

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Habt Ihr wegen der englischen Bandnamen keinen Ärger gekriegt mit der Obrigkeit?
Doch, natürlich, weshalb die BLACKIES (von der Zeitung mit "DIE DRECKIGEN" übersetzt) ja auch verboten wurden. Daran war übrigens ich schuld, weil ich einen blöden Spruch gemacht hatte. Das stand dann auch in jeder Zeitung. Na ja, lange her.

Irgendwann war es mit den BLACKIES vorbei. Wie ging es musikalisch mit Dir weiter? Du musst ja eines Tages mit dem Blues in Berührung gekommen sein...
Das war schon gegen Ende der Zeit bei den BLACKIES, da habe ich "I'm a man" oder "Boom! Boom!" oder so was in der Art mal zufällig im Radio gehört. Dabei hörte ich vorher schon viel AFN, weil mir vor den BEATLES immer schon ELVIS gefiel. Auch CLIFF RICHARD, der damals eine eigene Show hatte, die "Rocksteady" hieß. Aber so einen Blues hatte ich noch nicht gehört. Da fühlte ich mich plötzlich wie ein Fremder im eigenen Land. In der Akkordeongruppe musste ich ja auch so ein Zeug spielen, wie "Wir sind zwei Kinder vom Thüringer Wald…". Und plötzlich kommt diese völlig anders geartete Tonalität des Blues! Die traf mich so richtig innen rein und ich hatte sofort das Gefühl, dass das eigentlich die Musik ist, die in mir drin ist. Ich kann das nicht richtig beschreiben. Etwas Ähnliches habe ich nur mit Mädchen erlebt. Man sieht ein Gesicht und sagt: Wow, das ist es! Und so ging es mir mit dem Blues. Von diesem Augenblick an hat er mich nie mehr los gelassen und heute kommt er mir vor, wie ein Geist, den man rief und nicht wieder los wird. Allein darüber könnte man ja tagelang wissenschaftliche Reden schwingen.

Was genau hat Dich denn am Blues so fasziniert?
Dazu muss man zunächst mal die Frage klären: "Was ist Blues?" Und dann antworte ich Dir, dass man das ähnlich, wie bei der Frage "Was ist Liebe?", nicht definieren kann. Die Einen haben dazu irgendeine spezielle Rhythmik im Kopf, andere sagen wieder, wenn da nicht eine Mundharmonika drin ist, ist es kein Blues. Ich kann mich da nicht auf irgendwelche Fremden verlassen, sondern muss schon für mich selber feststellen, was ist MEIN Blues. Und das mache ich so, indem ich zuerst einmal feststelle, dass in jeder afroamerikanischen Musik Blues enthalten ist. Aber auch in bulgarischen oder russischen Chören taucht der Blues auf, genau wie in spanischen Gesängen und und und. Selbst in chinesischer Musik kann man etwas von den Ursprüngen des Blues entdecken. Es ist alles nur eine Frage der Mentalität. Das sind die sogenannten "Blue Notes", die für jeden, der den Blues spielt und fühlt, wie eine Art Formel/Sprache existiert, mit der man sich verständigen kann. Dadurch wird dem Blues als DIE Musik gehuldigt, zu der sich die ganze Welt umarmen könnte und jeder versteht, worum es geht.

Dann hat JOHN LEE HOOKER also Recht, wenn er sagt: "Blues ist der Ursprung aller Musik"?
Das kann man so sagen, ja. Ich lächele immer über Jazzmusiker, die sagen: "Ich spiele keinen Blues." Dann haben sie nämlich auch niemals richtigen Jazz gespielt. Das geht nicht, das wäre so, als würde man den dritten Schritt vor dem ersten tun und hinterher wundert man sich, dass man stolpert.

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Das bisher Gesagte fand alles in Thüringen statt. Nun galt diese Region ja gemeinhin als eine Art Keimzelle der Bluesmusik in der DDR und stand allein schon deshalb unter besonderer Beobachtung durch den Staat. Warst Du Dir dessen bewusst, hast damit vielleicht sogar persönliche Erfahrungen gesammelt?
Ja, habe ich. Grundsätzlich hat mich diese "Fürsorge" immer mächtig angestunken. Manchmal habe ich laut gerufen: "Ich will doch nur Musik machen!" Wie intensiv die staatlichen Organe eigentlich auf uns Musiker eingewirkt haben, wurde uns gar nicht so richtig bewusst. Wenn ich heute so manches Erlebnis Revue passieren lasse, fällt mir auf, in welcher Kiste wir damals gesteckt haben. Das war stellenweise sogar richtig gefährlich. Mir hat z. B. mal im Kreiskulturhaus Gotha vor einem Konzert mit DIESTELMANN und ENGERLING ein Veranstalter gesagt, der gerade backstage war: "So, jetzt habe ich erst mal die Stasi-Leute rein gelassen". Ich wollte, dass er mir die zeigt, doch das durfte er nicht. Später öffnete er den Saal, es war richtig voll, und er sagte zu mir: "Jetzt schau dich um, nimm die langhaarigsten von allen und die, die am dreckigsten aussehen und die am meisten den Kunden raushängen lassen - das sind die Stasi-Leute." Das hat mich echt umgehauen. Allerdings waren das wohl überwiegend solche Leute, die zuvor wegen irgendeines Vorkommnisses mal einkassiert wurden und so lange bearbeitet und eingeschüchtert wurden, bis die von sich sagten: Okay, ich guck mal, was da in der Szene so läuft. Es war oft eigentlich pure Angst, die diese Leute dazu trieb, uns zu beobachten. Und noch eine Möglichkeit ist ja nicht ausgeschlossen!: Dass dieser Veranstalter selbst Stasi-Mitarbeiter war, der auf dies Weise versuchte, diese Leute in ihren Kreisen zu diskreditieren!!! Aber wir haben lakonisch immer gesagt, dass in Thüringen der Blues auf den Hopfenfeldern entstanden ist.

Ist es wahr, dass Du als 16jähriger Bursche bereits ein lebenslanges Auftrittsverbot kassiert hast?
Ja, das stimmt. Das war eine Veranstaltung in der Stadthalle Gotha, auf der alles schief lief. Es war auch noch ein Freitag, der 13. Damals gingen unsere Verstärker kaputt und man lief noch mit Lötkolben rum, um solche Pannen zu beheben.
Seinerzeit waren noch geschlossene Vorhänge vor der Bühne,und draußen im Saal begann es langsam zu brodeln, weil wir nicht anfingen. Wir hatten schon über eine Stunde Verspätung. Als wir alles gelötet hatten und beginnen wollten, sagte ich noch schnell: "Jungs, jetzt aber ab! Jetzt holen wir aus der Kiste raus, was nur geht, damit die Leute da draußen glücklich sind." Wir haben dann auch wirklich eine Wahnsinns-Mugge abgeliefert, die Leute tobten, es war großes Kino. Plötzlich standen diese Typen hinter der Bühne. Polizei mit Hunden und Staatssicherheit, Abteilung Kultur. Die fingen dann an zu fragen, was wir hier für Negermusik spielen würden und da habe ich geantwortet: "Das ist ja hier wie im Dritten Reich". Damals war ich gerade 16, aber ich merkte sofort, jetzt hatte ich etwas Dummes gemacht. Die Typen zogen sich daraufhin zurück. Vierzehn Tage später erhielten wir eine Einladung. Oder besser gesagt, eine Vorladung. Zwischenzeitlich hatte ich aber gegrübelt, was ich machen könne, um da wieder raus zu kommen. Als ich eines Tages auf dem Weg von der Lehrstelle nach Hause war, schrieb ich einen Zettel mit der Bitte, meine Äußerungen von dann und dann zu entschuldigen, denn ich sei aufgrund meines Alters gar nicht in der Lage, die Situation im Dritten Reich realistisch einschätzen zu können. Das Schreiben warf ich direkt beim Rat der Kultur in den Briefkasten. Als wir dann kurz darauf den Termin hatten, holte einer von denen so eine schlüpferrote Mappe raus und meinte: "Wir ermitteln gegen Sie und hatten die Absicht, Sie zwei Jahre in Jugendhaft zu stecken. Doch weil Sie sich entschuldigt haben, wollen wir davon noch mal absehen. ABER: Solche Typen wie Sie wollen wir nie wieder auf den Bühnen der DDR sehen. Und der Name der Band sowie auch die Band als solche sind für alle Zeit verboten!" Damit wurden wir aus dem Gespräch entlassen und waren froh, dass alles so glimpflich für uns ausgegangen ist.

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Dieses Auftrittsverbot galt aber scheinbar nur für Gotha, denn in Erfurt hast Du ja munter weiter gespielt. Oder hast Du es einfach mal darauf ankommen lassen?
Das war so eine Sache, die ich überhaupt nicht begriffen habe. Übrigens ist das auch so eine Geschichte, die ich immer wieder raushole, weil ich nachhaltig beeindruckt bin, wie feige meine Kollegen waren. Ich habe in Gotha und Umland bei allen machbaren Bands versucht, unter zu kommen. Nichts. Ich war ja noch jung, ich wollte Musik machen oder auch irgendwo hin gehen, wo Musik läuft, doch da ging es sogar so weit, dass man mich am liebsten gar nicht rein gelassen hätte in die Klubs. Und wenn ich mal irgendwo fragte, ob ich mal für eine Nummer mitspielen darf, dann wurde mir gesagt: "Nee, WALDI, dann geht es uns genauso, wie Euch". So hing ich dann ein ganzes Jahr total in der Luft. Bis zu dem Tag, als in Gotha eine Erfurter Band namens DIE DREI auftrat. Ich dachte, DIE DREI - das klingt so nach Blues oder Jimi Hendrix. Die begannen zu spielen, ich fand es geil, - genau mein Ding. So bin ich in der Pause backstage gegangen und sprach den Chef an, ob ich mal für ein Lied mitspielen dürfe. Der hatte nichts dagegen. Ich ging also auf die Bühne und der ganze Saal tobte, weil alle genau wussten, worauf DIE DREI sich da gerade eingelassen haben. Während ich spielte, tobten die Leute immer noch, was den Bandchef sehr beeindruckte und er lud mich daraufhin ein, mal nach Erfurt zu einer Probe zu kommen. Die Probe verlief gut und ich bekam sofort das Angebot, als Gitarrist einzusteigen. Die hatten zwar schon einen, so dass wir anfangs zu zweit spielten, doch der andere ging dann kurz darauf, was mir sehr leid tat. Aber die Band wollte nur einen Gitarristen Wir spielten in der Folgezeit sehr erfolgreich und irgendwann lernte ich meine spätere Frau ANGELIKA kennen, die ich einfach mal zum Vorsingen bei uns einlud und die danach auch zur Band gehörte. Wir nannten uns nun MODERN BLUES. Die Band spielte sehr erfolgreich - nicht zuletzt, weil ANGELIKA eine super Frontfrau war. Gar nicht so nebenbei ist dann auch unser bezauberndes Töchterchen Jana geboren worden und ANGELIKA und ich heirateten. So weit, so gut!

War die Gründung von ERGO der nächste Schritt zum Erfolg für Dich?
War eigentlich nicht geplant. Mit der Zeit wurden wir immer besser, es kamen die ersten Muggen in Berlin, aber kurz darauf kam bei mir der Zeitpunkt, mich jetzt entscheiden zu müssen. Ich sagte mir, ich müsse irgendeinen Beruf haben, mit dem ich relativ sicher über die Runden komme. Mir bot sich die Möglichkeit, in Berlin an der Fachschule für Werbung und Gestaltung zu studieren. Mich machte es froh und glücklich, dass ich es geschafft hatte, an dieser Schule studieren zu können. Meine Kollegen bei MODERN BLUES waren allerdings richtig sauer. Ich habe dann alles abgebrochen, sogar mit der Absicht, die Musik ganz sausen zu lassen. Als das Studium vorbei war, ging ich wieder nach Gotha zurück. Und schon kam jemand an und fragte, ob ich nicht wieder einsteigen wolle. Er hatte sogar die Idee, eine Band mit Bläsern aufzumachen. So gingen wir nach Erfurt und gründeten dort ERGO. Da wir alle noch in Gotha lebten, verlegten wir das Domizil der Band schnell dorthin und kauften überwiegend Leute aus der Region für die Band ein, die vor allem eine Liebe zur schwarzen Musik mit uns verband. Das war in der Provinz natürlich sehr schwer. Man musste vermeiden, sich zu streiten, sonst war man eventuell den einzigen bluesspielfähigen Bassisten weit und breit los.

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ERGO war ja keine reine Bluesband. Wie würdest Du den Stil beschreiben, den Ihr bei ERGO entwickelt habt? Was war das Besondere daran?
Das ist eines der Themen, die mich immer wieder heimsuchen. Wenn ich behaupte, Blues steckt in jeder Art afroamerikanischer Musik, dann war es für mich naheliegend, dass ich mein Publikum nicht den ganzen Abend mit langsamen Bluesnummern belästige. Damit hätte ich mich selber belästigt. Weißt Du, ich habe unzählige Festivals gespielt, Irgendwann denkst Du dann, das kann es doch wohl nicht sein! In solchen Momenten fiel mir auf, es gibt so viel schöne schwarze Musik und auch sogenannte Zwischenhändler zwischen den Fronten wie z. B. FREDDI KING. Viele von denen spielten mit Bläsern, was für mich ein Anreiz war, bei ERGO ebenfalls Bläser in die Band zu holen. Es gibt da eine geile Scheibe von FREDDIE KING, die heißt "Burglar", da geht dermaßen die Post ab... Ich spiele eine blanke Bluesgitarre und wenn die Rhythmusgruppe da eine Samba oder einen Funk drunter setzt, spiele ich immer noch dieselbe Bluesgitarre. So gehe ich da ran. Und damit schaffe ich es, meine Zuhörer ständig in neue Welten zu führen, denn es darf nie langweilig werden. Ich habe mal eine Mugge von ERIC CLAPTON gehört. Der muss da gerade in Trauer gelebt haben, denn er hat auf dieser Mugge keinen einzigen seiner Hits gespielt, sondern einen Blues nach dem anderen. Ich dachte nur "Oh Gott..." und bin aufgestanden und gegangen, obwohl er wohl der Gitarrist ist, der mich am meisten geprägt hat. Es nützt niemandem, wenn ich dieselbe Musik unentwegt wiederhole und nur andere Texte oben drüber setze. Mir geht es ohnehin mehr um die Musik, als um das Verbreiten großer, weltnichtbewegender Worte.

Gibt es von und mit ERGO irgendwelche Veröffentlichungen auf Platte?
Wir haben beim Sender Weimar eine ganze Menge Titel aufgenommen, wohl fünfzehn oder sechzehn Stück. Das war halt anfangs noch mit der alten Zweispurtechnik, wo alles sofort klappen musste, denn wenn sich auch nur einer verspielt hatte, musste alles andere auch neu eingespielt werden. Wir hatten viele Eigenkompositionen, sogar auf Deutsch gesungen. Ich habe mir das kürzlich alles mal besorgt. Ein einziger Titel ist während so einer "Werkstattwoche der Tanzmusik" mit auf eine Platte gerutscht, der heißt "Knickerbocker". Und wir waren in der 50. Rund-Sendung des DDR-Jugendfernsehens. Heutzutage finde ich den Sound gruselig und was da gelabert wurde...

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Ich muss ehrlicherweise sagen, dass ich seinerzeit als Jugendlicher kaum Notiz von ERGO genommen habe, obwohl ich eigentlich sehr musikinteressiert war. Wie würdest Du selbst Euer Standing innerhalb der DDR-Musikszene beschreiben?
Wir waren eine Band für Musiker. Du guckst so ungläubig? Also pass auf. Wir wurden von den staatlichen Organen ständig abgelehnt. Später dann waren wir plötzlich eine Art Lieblingsband der FDJ-Bezirksleitung, weil es da einen gab, der Fan von uns war. Der hat uns dann natürlich rein geholt zu bestimmten Veranstaltungen. Zunächst haben wir bei solchen Dingern, wie den "Werkstattwochen der Tanzmusik" in Suhl mitgemacht, wo wir auch den Titel "Hervorragendes Jugendtanzorchester" bekommen haben. Später waren wir die Band, die prinzipiell 24 Uhr bei den Werkstattwochen den sogenannten Musikantenklub als Opener bespielt hat. Da wir alle Profis werden wollten, mussten wir auch alle noch mal die Musikschule besuchen. Für mich war das aber fast unmöglich, da ich inzwischen schon mit dem Daumen die Saiten anschlug und überhaupt eine sehr unorthodoxe Art zu spielen hatte. Außerdem sagte man uns eines Tages: "In Eurer Band sind: ein Zahntechniker (Bernd Saewe), ein Architekt (Thomas Ludwig), ein Grafiker (meine Wenigkeit), ein Uhrmacher (Olaf Schulz), ein Gärtner (Dave Degel) und ein Technischer Leiter einer Poliklinik (Bernd Fränzel). Wir werden einen Teufel tun, Euch Profis werden zu lassen." Also konnten wir weiterhin schön amateurmäßig zusammen spielen, aber Profis durften wir nicht mehr werden. Lediglich GELI studierte Gesang in Weimar. Trotzdem war ERGO im DDR-Maßstab eine ziemlich bekannte Band. Ich machte schon immer Musik, die ICH wollte, ohne Rücksicht auf irgendwelche Trends zu nehmen. Irgendwann schienen wir dann geeignet genug, von der FDJ zum "Festival des politischen Liedes" geschickt zu werden. Aber nicht etwa, um da aufzutreten, sondern um nachts für die Musiker und die ausländische Gäste auf der "After Show Party" zu spielen. Das dauerte keine fünf Minuten und die Bühne war voll mit Kubanern und Amerikanern und Spitzenmusikern aus aller Welt und die waren total begeistert. Und die Sessions, die wir um Mitternacht spielten, wenn die anderen fertig waren mit ihren Shows, waren auch wieder nur für die Musiker. Da kamen dann Leute wie REINHARD LAKOMY mit der Feststellung "Das ist ja tolle Musik, die möchte ich mir mal zuhause auf Scheibe legen." Ich sagte dann zu ihm: "Das kannst Du doch auch, warum machst Du es dann nicht?" Seine Antwort war: "Da kann man doch nix mit verdienen". Und er hatte Recht.

Bei ERGO wirkte auch Deine damalige Frau ANGELIKA mit. Ich finde solche Konstellationen immer sehr spannend, denn eine Beziehung muss schon sehr belastbar sein, wenn man nicht nur privat, sondern auch beruflich ständig miteinander zu tun hat. Wie wirkt sich sowas auf das Klima innerhalb der Band aus, wenn es zwischen Euch mal zu Spannungen oder Streitereien kam?
Irgendjemand sagte mal, ich würde niemals meine eigene Frau als Sängerin in die Band nehmen und auf die Bühne stellen. Schon gar nicht vor den Schlagzeuger, der sich den ganzen Abend ihren schönen Arsch angucken darf und dabei Begierden entwickelt... Nein, das war Spaß. Eines war bei uns aber auf jeden Fall vorhanden, was nur wenige Ehepaar haben: Das gemeinsame Agieren an einer Sache. Vor allem wissen wir dann auch, wovon wir reden, wenn wir am Abend den abgelaufenen Tag voreinander ausbreiten. Wir sind immer gemeinsam los gefahren, und auch gemeinsam zurückgekommen.

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Warum verließ ANGELIKA dann eines Tages die Band?
Ich habe mich erfolgreich um die Armee gedrückt, bevor sie mich dann doch noch erwischt haben. Ich musste ein Vierteljahr Reservedienst machen und in dieser Zeit ist die Band auseinander gefallen. Wie ich hinterher feststellte, haben die alle ein bisschen zu sehr unter meinem Direktorat gelitten. Ich hatte der Band empfohlen, den Gitarristen Lehnhard aus Weimar zu nehmen, der früher bei BAYON gespielt hat. Die haben dann zusammen ein lockeres Vierteljahr gehabt, was gereicht hat, um zu sagen: "WALDI, wir machen zwar weiter, aber ohne Dich". Sie wollten also ERGO weiterführen, aber nicht mehr mit mir. GELI (Angelika Weiz) hat gesagt, dann hört sie auch auf. Die Band wurde jedoch ohne uns beide nie gebucht. Allerdings war es bei GELI ohnehin so, dass sie inzwischen von GÜNTHER FISCHER gecastet worden war. Er hatte gerade eine CD mit einer Sängerin geplant, die dann aber im Westen blieb. Nun stand FISCHER also da mit seinem Material, deshalb bat er GELI, ob sie nicht die Songs einsingen könne. Er holte sie zu sich und sie blieb gleich da. Das ging ruck zuck, eine Tournee nach Österreich folgte und viel Konzerte auch im Ausland. Sie ist eine großartige Sängerin und hatte das wohl auch verdient. Aber wir sahen uns kaum noch und, um unsere Ehe zu retten, zog ich dann von Thüringen nach Berlin, obwohl ich das gar nicht wollte. Na ja, es half aber nichts, denn kurz darauf trennten wir uns. Ich hatte mir zwischenzeitlich neue Interessenten für eine ERGO2-Variante gesucht und spielte weiter ohne GELI. Dann löste ich ERGO2 endgültig auf und ging zur Erfurter Band COLLAGE und hatte sehr bald in dieser Band eine Art ERGO-Ersatz mit der großartigen Sängerin ANKE SCHENKER, wo ich auch auf Kollegen von ERGO1 und 2 traf. In dieser, von UWE LESSMANN gegründeten Band, spielte ich auch noch eine ganze Zeit mit, als ich schon in Berlin wohnte.

Wie gestaltete sich während Deiner Zeit bei ERGO das Verhältnis zu den Kulturbossen der DDR? Gab es weiteren Ärger?
Das wird mir jetzt sicher manch einer übel nehmen, aber der Typ von der FDJ-Bezirksleitung, der uns gemocht hat, der hat uns unterstützt und geholfen. Dadurch hatte ich ihm gegenüber natürlich auch ein freundliches Gefühl, was ich auch heute noch habe. Der Ärger, den ich vorhin beschrieben habe, und der schon viele Jahre zurück lag, den hatten wir in der Band dann nicht mehr. Wir waren ein "Hervorragendes Amateurtanzorchester" und haben unser Ding durchgezogen, ohne groß aufzufallen. Hin und wieder hörte man uns in der "Notenbude" oder wir waren auch mal in "rund". Das war halt eine Art "dabei sein", das kann ich überhaupt nicht bestreiten. Auch die PUHDYS sind da im FDJ-Hemd aufgetreten und haben später dann von der anderen Seite aus die Mauer eingerissen. Haha - oder war das 'ne andere Band?

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Meines Wissens ging es für Dich dann bei ENGERLING weiter. Wie kam man auf Dich?
Nachdem GELI und ich uns getrennt hatten, saß ich da in meiner schönen Wohnung am Gendarmenmarkt und hatte keine Aufträge mehr, weil ich mit dem Umzug nach Berlin auch meinen Auftragspartner in Sachen Grafik verlassen hatte. Ich hatte bei COLLAGE aufgehört, wegen der Entfernung und weil die Band sich verjüngen wollte. Gott sei Dank erinnerte sich der ENGERLING-Manager GERD LEISER daran, dass ich Anfang der 80er Jahre schon mal HEINER WITTE vertreten hatte. Er wollte mit der Band reden, ob ich da nicht einsteigen könne, bevor ich hier versauere. Die Jungs haben lange diskutiert, ob es Sinn macht, mich aufzunehmen. Auch die Fans waren total geschockt. Die liebten ihren HEINER und dachten wohl, ich will ihn aus der Band vertreiben. Dann hatte sich aber alles geglättet, wir hatten zusammen eine wunderbare Zeit. Glücklicherweise erwischte ich genau die Zeit, als ENGERLING Gastspiele in Hamburg und in der Schweiz hatte. Das habe ich natürlich sehr genossen. Aber ich muss auch immer wieder feststellen, dass wir künstlerisch nicht 100% auf einer Wellenlänge lagen.

Wie schwer ist es, sich wieder in eine Band einzugliedern, in dem Falle also bei ENGERLING, wenn man jahrelang selbst Bandchef war?
Überhaupt nicht schwer. Erstens war ich sehr überzeugt von der Band und zweitens waren wir sehr lange miteinander befreundet. Ich hatte mir fest vorgenommen, nur Nützliches beizutragen.

Warum ging es dann trotzdem schief mit Euch?
In der Zeit, als ich HEINER WITTE vertrat, hatte ich das Gefühl, die Band leidet unter einer gewissen Eingefahrenheit, die teilweise nicht mal selbst verschuldet war, sondern publikumsabhängig ist. Das merkte ich aber erst, als ich selber mit denen auf der Bühne stand. Das ging soweit, dass nach einem Konzert jemand sagte: "Heiner, heute hast Du aber im Titel XY einen anderen Ton gespielt". Ich dachte, hat der 'ne Meise? Ich hatte, wie gesagt, eine hohe Meinung von ENGERLING, war sehr beeindruckt von BODDIs Texten und fand viele Stellen, wo ich mich einbringen konnte. Deshalb fiel mir das "Mitspielen" nicht sonderlich schwer. Aber es entwickelte sich wie in mancher langjährigen Ehe. Der Umgangston des Bandleaders wurde rauer und ich sah die Grenze überschritten, wie ich mit mir umgehen lasse.

Eine weitere Station neben Engerling war Deine Beteiligung an diesem phantastischen MAMA BLUES PROJEKT. Was weißt Du darüber zu erzählen?
Das wird immer so mächtig groß raus geschrien, aber eigentlich war es nichts weiter, als ein paar Studioaufnahmen, was wir da gemacht hatten. Wir hatten ja nicht einen einzigen öffentlichen Auftritt damit. Klar, die Platte war ein Erfolg. Aber ich selbst zum Beispiel war nur bei einigen Titeln dabei. Die Leute wurden ständig gewechselt. Ich weiß noch, dass ich immer von Thüringen aus nach Berlin gefahren bin und ein paar Mal im Studio war. Am Ende hat PITTI dann sogar noch einen alten Song von mir neu eingespielt. Der Titel hieß: "1970" - ohne dass ich daran beteiligt war, aber er hat es gut und unerwartet anders gemacht.

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Weißt Du noch, wer damals die Idee zum MAMA BLUES PROJEKT hatte?
Schwierige Frage. Als ich da mit reingezogen wurde, war es wie eine Art Fortführung der BLANKENFELDER BOOGIE BAND. Soweit ich mich erinnere, steckte GEORGI GOGOW dahinter. Ich habe das nie so richtig ernst genommen und auch nicht registriert, wie das alles zustande kam. Da wurden auch noch richtige Verträge aufgesetzt, aber auch das ging völlig an mir vorbei.

Im Gegensatz zur AMIGA BLUES BAND habt Ihr mit dem MAMA BLUES PROJEKT ausschließlich Eigenkompositionen gespielt und hattet damit großen Erfolg. Glaubst Du, dass ein Wiederaufleben dieser Geschichte in der heutigen Zeit noch einmal Erfolg haben könnte?
Was meinst Du jetzt? Ein Projekt nur mit Ostmusikern und der alten Ostmusik? Ach so, Du meinst jetzt so etwas wie das MAMA BLUES PROJEKT. Dazu kann ich nicht viel sagen. Im Grunde hat ja jeder mit sich zu tun, hat seine eigenen Termine. Aber wenn man mich fragen würde, würde ich sofort Ja! sagen. Es ist doch immer interessant und hilfreich, wenn man mal aus dem eigenen Brei raus kommt und was Neues startet. Ich habe z. B. erst beim MAMA BLUES PROJEKT festgestellt, was GOGOW für ein großartiger Musiker ist. Man hört es sicher auch schon bei "Am Fenster". Aber in den Pausen während der Studioarbeit zur Einspielung der Platte, damals haben GOGOW und PJOTR MICHAILOW (u.a. Schlagzeuger bei Lift), der ja auch ein Bulgare ist, uns mal vorgeführt, was die an bulgarischen Heimatrhythmen drauf haben. Da ist mir echt der Kopf weggeflogen. Ich dachte mir, das gibt es doch gar nicht! GOGOW am Bass, MICHAILOW am Schlagwerk. Leider wurde MICHAILOW dann die DDR zu klein und er wollte sich mit internationalen Größen messen, weshalb er die DDR verließ.

Konntest Du in der DDR überhaupt von Deinen Einnahmen als Amateurmusiker leben?
Nein! Auf keinen Fall! Die technische Seite der Musiziererei verschlang mehr Geld, als rein kam. Ständig musste die eigene Anlage aufgebaut und verbessert werden und es gab nix außer Eigeninitiative. Auch beim Transport war man auf andere Leute angewiesen, die gut verdient haben. Hätte ich mir damals eine echte Fender Strat-Gitarre besorgen wollen, hätte ich zwischen 8.000 und 12.000 Ostmark hinlegen müssen. Eine Zeitlang habe ich als Grafiker sehr gut verdient. Da hat mich das Geld, was ich mit der Band bekam, überhaupt nicht interessiert. Deshalb habe ich auch nie zusammengerechnet, welchen Anteil die Musik an meinen Einnahmen hatte. Da meine Frau und ich ja beide aktiv waren, hatten wir immer zwei Einkommen und kamen gut hin. Aber wie der Begriff AMATEURMUSIKER schon sagt: Ausschließlich davon leben konnte man in der Regel nicht.

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Führte Dein zweigleisiges Dasein als Grafiker und Musiker niemals zu Kollisionen zwischen den beiden Tätigkeiten?
Natürlich geht immer das Niveau des einen auf Kosten des anderen. Ich hatte dazu eine besondere Sichtweise entwickelt. Eigentlich hätte ich ja beides studieren können, also Grafik oder Musik. Da habe ich mich gefragt, was ich lieber mache und da kam ich zu dem Schluss, dass ich lieber Musik mache. Also werde ich mich so entscheiden, dass ich mich absichere und in der Musik niemals etwas machen muss, was ich selber nicht will - wie z. B. "Polenmädel" spielen. Also niemals in eine so professionelle Abhängigkeit gerate, dass ich mir sage: Okay, für die und die Kohle mache ich alles. Durch mein Grafikstudium habe ich mir ein zweites Standbein geschaffen und mir all so was vom Hals gehalten, inklusive der Notwendigkeiten, irgendwelchen musikalischen Trends folgen zu müssen. Und das wiederum rief auch eine Menge Neid bei denen hervor, die wirklich gerne Musik gemacht haben, aber immer unter dem Aspekt: Kommt das auch an, kann ich damit überleben?

Du hast ja im Laufe der Jahre sowohl die Thüringer als auch die Berliner Bluesszene hautnah erlebt. In Berlin galt unterschwellig die Meinung, die gehen auf die Bühne, schreiben "Blues" auf das Veranstaltungsplakat und verschwinden nach der Mugge wortlos, während man in Thüringen den Blues wirklich gelebt hat. Welche dieser beiden Szenen war für Dich aus heutiger Sicht die authentischere, ehrlichere?
Du hast ja sicher gemerkt, ich versuche gar nicht erst, irgendwelche Mythen aufkommen zu lassen, die nicht wirklich existierten. Ich denke, man muss das am Publikum fest machen. Das Publikum, welches sich die Bluesmuggen rein zog, hat das für sein eigenes Lebensgefühl gebraucht. Ich selber hatte auch öfter mal den Blues in mir, wenn ich z. B. mit einem Mädel auseinander ging. Und wenn ich mal längere Zeit dieses Gefühl nicht hatte, habe ich dafür gesorgt, dass es krachte und ich wieder den Blues haben konnte (lacht dabei). So hat sicher jeder von den Bluesfans im Land auch seine eigenen Erlebnisse damit verbunden. Aber das, was da immer als Überschrift drüber stand, wie in etwa "Der Blues ist die Musik der unterdrückten Masse", das fand ich schon immer sehr zweifelhaft. Ich fragte mich dann immer: "Verstehen die die Musik überhaupt? Oder brauchen die wirklich nur irgendwelche Klänge, um ihre Anschauung auszuleben?" Ich habe diese Tendenz jedenfalls nie gehabt, zu sagen, ich reise jetzt da und da hin, trage eine Kutte und schlafe unter Bäumen. Das habe ich sowohl bei den Berliner als auch bei den Thüringer Bands niemals anders erfahren. Kennst Du das "Kundenblues"-Buch? Da werden ja gewisse Dinge angeführt, die früher so auf den Dörfern passiert sind. Aber ich für meinen Teil konnte und wollte das nie mitmachen. Das ging bis zum Urinieren im Saal. Das war überhaupt nicht meins. Unter den richtig harten Kunden waren doch auch einige, die überhaupt keinen Bock mehr auf irgendwas hatten. Die wollten nur noch saufen und rumvögeln, was erleben. Natürlich gab es auch welche, die es ehrlich meinten und die Bluesszene als eine Art Uniform trugen, um dem Staat zu zeigen: Mit mir könnt Ihr das nicht machen! Meistens die, die nach den Muggen tatsächlich Kontakte mit der Stasi hatten, die die Nacht im Stasi-Keller verbringen mussten und morgens entsprechend gezeichnet raus gelassen wurden. Und da muss ich sagen, wäre mir das passiert, wäre ich wahrscheinlich auch Staatsfeind Nr. 1 geworden.

1989 gab es dann den großen Umbruch, als sich in Ost-Berlin die Mauern öffneten. Wie hast Du diesen Tag erlebt?
Das weiß ich noch sehr gut. Da war ich mit ENGERLING in Worbis. Wir kamen dort an und der Veranstalter sagte: "Hier habt Ihr die Schlüssel für Euer Hotel. Da könnt Ihr gleich hingehen, weil heute mit Sicherheit kein Mensch zum Konzert kommen wird". Es kam auch wirklich keiner. Wir erfuhren, was passiert war, konnten es gar nicht richtig glauben. Also fuhren wir am nächsten Tag wieder in aller Ruhe nach Hause. Jedenfalls, soweit das möglich war, denn ich habe noch niemals vorher so viele Trabis auf einen Haufen gesehen. Die fuhren alle in Richtung Nordhausen, bogen dort ab und dann war plötzlich alles wieder frei. Ich kam dann in meiner Wohnung in Berlin an und dachte mir, warum gehst Du nicht auch mal rüber? Ich bin zu Fuß am Checkpoint Charly rüber und fühlte mich seltsam. Das war so eine verdreckte Straße, die Kochstraße. Keine Sau war zu sehen. THE DAY AFTER. So sieht also der Westen aus, dachte ich. Obwohl ich ja schon drüben war mit ENGERLING und den Westen kannte.

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Das musst Du kurz erklären. Was war so furchtbar am Westen?
Na ja, wir hatten ein unschönes Erlebnis. Wir spielten in Hamburg auf dem Rathausplatz zusammen mit den EINSTÜRZENDEN NEUBAUTEN. Im Backstage-Bereich hat man uns dann plötzlich mit großen Backsteinen beschmissen. Das waren Rechte. Natürlich ging das in erster Linie gegen die Linken. Aber indirekt waren auch wir gemeint, denn wir waren eine Ostband. Und ansonsten wurde ich mehrmals herablassend angemacht.

Der Zeit nach der Maueröffnung sahen damals viele Künstler mit ganz unterschiedlichen Emotionen entgegen. Ich könnte mir vorstellen, für Dich war es eher eine Art Befreiung. Oder hast Du gesagt: Oh Gott, wie soll das jetzt weitergehen?
Eher letzteres. Befreiung ja, aber als denkender Mensch hat man ja die ganze Zeit gehofft, dass sich nun irgendwie das Beste aus beiden Republiken zusammenfügt. Es hätte ja durchaus was Neues, viel Schöneres daraus werden können. Stattdessen ist dieser Freiheitsgedanke heute gerade für arme Menschen nur schwer umsetzbar. MANFRED KRUG hat mal gesagt: "Für mich ist entscheidend, dass ich könnte". Dagegen sage ich: Für mich ist entscheidend, dass ich kann. Und wenn ich nicht kann, weil ich kein Geld habe, nützt mir diese Freiheit auch nichts. Als unten auf der Straße die Demonstranten lang liefen und riefen: "Helmut, kommt die D-Mark nicht zu uns, kommen wir zu Dir!", brüllte ich aus dem Fenster: "Ihr Arschlöcher! Ihr seid die Ersten, die merken werden, was auf uns zukommt!" Ich weiß nicht genau, warum ich die Wende mit so viel Vorsicht aufgenommen habe. Für andere mag es ein Hoffnungsschimmer gewesen sein. Für mich bedeutete das aber: Keine Aufträge mehr, meine Wohnungsmiete stieg auf einen Schlag von 165 Mark auf über 900 Mark - nur hatte ich ja kein Einkommen mehr! Mein ganzes Leben stand auf dem Kopf. Wenn einem so etwas passiert, dann kann man dem Ganzen eigentlich noch so wohlwollend gegenüberstehen und fragt sich trotzdem: Was ist hier los? Glücklicherweise besorgte mir GELI dann einen Job. Sie war in der Geschäftsleitung der Kulturbrauerei und verschaffte mir für zwei Jahre eine ABM-Stelle im Grafikbereich. Da habe ich pro Tag fünf bis sechs Plakate gemacht, allerdings für einen Nasenpopel.

1992 hattest Du wieder eine Band, nämlich die WIE WALDI BAND. Wen konntest Du dafür als Mitspieler gewinnen?
Die WIE WALDI BAND war ja eigentlich ENGERLING. Das war u. a. auch ein Grund, weshalb BODDI ein bisschen sauer war. Ich sagte immer, ich werde nie etwas tun, das ENGERLING schadet. Aber die anderen Bandmitglieder hatten Bedarf angemeldet und gesagt, sie wollen auch mal was anderes spielen. Vielleicht ein bisschen Jazz oder sowas in der Art. Da schlug ich vor, dass wir nebenbei eine Parallelband gründen, uns hin und wieder treffen und proben. Diese Band nannte ich anfangs WIE WALDI. Der einzige, der nicht dabei war, war BODDI. Das ging auch nicht, sonst hätten wir uns ja wieder ENGERLING nennen können. In der Folgezeit fing BODDI aber an, zu eifersüchteln. Er war irgendwie sauer, dass seine Jungs jetzt bei mir spielen und so begann ich, mir nach und nach andere Musiker zu suchen. Ich fand tolle Leute. Beispielsweise ANKE SCHENKER, mit der ich schon bei COLLAGE zusammen gearbeitet hatte. Oder JENS BRÜSSOW, ein großartiger Bassist. RENE DECKER, ANDY WIECZOREK waren dabei, ANDRÉ GENSICKE, ANDRÉ JOLIG, HENNING SCHMIED oder auch PETER MICHAILOW, HASI HASS und MICHA BEHM am Schlagzeug. Um nur einen Teil zu nennen.

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Wie läuft das Geschäft derzeit?
Sehr gut. Man wird älter. Jetzt komme ich langsam an einen Punkt, wo ich mich auf meine Erfahrung verlasse. Ich habe richtig gute Leute in meiner Band. Zur Zeit spiele ich mit SIMON PAULI (Bass), SIMON ANKE (Keyboards, Keybass), SEBASTIAN TRUPART (Schlagzeug), MATTHIAS STOLPE (Mundharmonika, Slide-Guitar, Gesang).
Und seit langem bin ich aus keiner Veranstaltung rausgegangen, ohne dass mir die Leute gesagt haben, wie geil es war. Günstige Voraussetzungen für eine erfolgreiche Arbeit als Booker, als der ich für das Produkt stehe, was ich anbiete.

Immer wieder gerne bucht man WALDI WEIZ als Studiomusiker. So hast Du beispielsweise bei zwei MITCH RYDER-Alben (auf den CDs "A Dark Caucasian Blue" und "The Acquitted Idiot") mitgewirkt. Schmeichelt Dir das?
Ja natürlich. Aber letztendlich bewerte ich das nicht über, denn er kannte mich ja eigentlich vorher gar nicht. Er kommt aus den USA, ich aus Catterfeld. Dass wir uns kennen gelernt haben, ist MANNE POKRANDT zu verdanken. Den wird jeder kennen. Er ist nicht nur ein toller Bassist bei ENGERLING, sondern auch ein sehr reger Mensch, der gerade seine eigene Firma aufzieht. Und er hat großen Anteil an den Songs, die MITCH hier mit ENGERLING zusammen spielt. Irgendwann merkten MITCH und MANNE, dass in einem Song eine JOHN LEE HOOKER-Gitarre toll klingen würde. Also riefen sie mich um Mitternacht an. MITCH RYDER rief mir dann immer zu: "Jetzt spielen, jetzt aufhören".

Welche bekannten Bands oder Musiker haben noch auf Deine Dienste zurückgegriffen?
So schlimm war das gar nicht. Beispielsweise ANGELIKA WEIZ. Oder MANNE POKRANDT, in dessen Studio ich oft war für Dokfilmmusiken. Desweiteren BLUES AND LOOSE sowie JAZZI'N THE BLUES and Dr. T.

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Jetzt hast Du uns aber einen großen Namen unterschlagen. In Deiner Bücherwand sehe ich nämlich ein Foto, welches Dich und Chaka Khan gemeinsam auf einer Bühne zeigt.
Das war ein großer Zufall. Ich hatte am 9. Juli 1994 eine Geburtstagssession im Café der Kulturbrauerei, wo sehr viel Musiker und Künstler der DDR-Szene erschienen. Mein Gitarrist, UDO WEIDEMÜLLER, kannte den musikalischen Leiter der Band von Chaka Khan. Sie hatte an diesem Abend ein Konzert am Gendarmenmarkt. Udo hatte ein paar vorwiegend deutsche Musiker der Band eingeladen, nach dem Konzert zu kommen - aber stattdessen kam sie mit ihrem deutschen Mann, ich war total geflasht - sagt man wohl heute. Hab' sie angesprochen, mit ihr etwas geplaudert -auch über Zeichnen und Illustrieren, was sie auch gut kann - und dann sagte sie, dass sie einen Blues für mich singen wolle. Dann haben wir eine Band gemacht, auch Hassbecker und Jazzer waren dabei, und dann ging's los.

2004 hast Du beim "Jazz & Blues Award Berlin" in der Jurywertung einen 1. Platz belegt und in der Publikumswertung kamst Du auf einen achtbaren 3. Rang. Welchen Stellenwert haben diese Ehrungen für Dich?
Das ist doch schön, wenn man mal so eine dicke Frau auf dem Schrank stehen hat (der Award ist gemeint...). Es kitzelt einen schon ziemlich an der Ehre. In diesem Fall bin ich sogar richtig stolz auf den Preis, denn die Konkurrenz war groß. Zum Beispiel ENGERLING, EB DAVIS, PETER SCHMIDT, EASTBLUES EXPERIENCE, KAT BALOUN... Der eigentliche Gag war aber der, dass ich nur dabei war, weil ich vorher meine Teilnahme zugesagt hatte. Ich hatte nämlich gar keine richtige Band für den Abend! Da habe ich dann bei einer Session ein paar Leute angehauen, ob sie nicht Lust hätten, beim Award mit mir zu spielen. Jedenfalls spielten wir dann ohne jede Vorbereitung einfach los und hatten Spaß. Dabei waren z. B. BARBARA JUNGFER, TOM BLACKSMITH und CARLOS DALELANE.

Wie wichtig ist Dir heute Erfolg? Oder anders gefragt: Du weißt, dass Du - wie viele andere hochkarätige Bands - trotz aller Qualität Deiner Musik niemals in den Medien präsent sein wirst.
Doch, Erfolg ist mir schon wichtig. Es ist ja auch eine Art Lohn, der einen immer wieder auf die Bühne treibt. Und wer weiß, vielleicht passiert irgendwann mal ein großes Wunder, mir fällt etwas Großartiges ein und das wird durch ganz viel Zufall auch noch an die Öffentlichkeit gebracht. So was gibt es. Aber im Grunde genommen gibt es heute keine Chance mehr, durch die Türen der Musikindustrie zu gehen, ohne dass einem jemand von innen dieses Türchen aufmacht. Und auf ein solches Türchen habe ich nun überhaupt nicht zu hoffen.

Warum machst Du trotzdem unbeirrt weiter?
Weil ich Musik über alles liebe. Weil ich den Beifall brauche für mein Ego und für meine Gesundheit, für meine Freunde. Ich fühle mich schweinisch wohl dabei.

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Schreibst Du auch heute noch eigene Songs?
Ja, ich würde es gerne. Ich will es, ich muss es sogar. Für dieses Jahr habe ich mir nämlich ganz fest vorgenommen, eine neue CD raus zu bringen. Da werde ich mich auf Songs berufen, die schon da sind, aber ich will auch unbedingt ein paar neue Titel dafür schreiben. Guck mal, ich bin 63 Jahre, es wird höchste Zeit für eine solche CD. Aber es soll kein Live-Mitschnitt werden, sondern ein Studioalbum. Da kann ich wenigstens gezielt eingreifen bei der Produktion. Ich träume sogar davon, fast alle Instrumente selbst einzuspielen und nur im Ausnahmefall Leute ran zu holen, die genau dieses Instrument viel besser beherrschen, als ich.

Dann kann ich mir also die Frage nach Gastmusikern auf der CD sparen.
Also eins würde ich mit Sicherheit nicht machen: Mir einen anderen Gitarristen buchen (lacht). Das ist auch wieder so eine seltsame Sache. Die Leute brauchen immer irgendwelche großen Namen. Im Moment habe ich zwar die für mich absolut beste Band im Rücken. Aber ich habe mir trotzdem all die Jahre bei Live-Auftritten immer wieder vorgestellt, wie es wäre, wenn ich jetzt am Bass oder Keyboard stehen würde, oder Schlagzeug spielen könnte, mich also selber begleiten könnte - wegen der inneren Metrik.

Kannst Du denn all diese Instrumente auch wirklich spielen?
Bis auf das Schlagzeug würde ich mir das schon zutrauen. Ich kann ganz gut den Blues auch auf Keyboard und Bass spielen. Schlagzeug habe bei den BLACKIES ab und zu gespielt und eigentlich ist das mein Lieblingsinstrument, aber das müsste man vor allem auch physisch üben können.

Es gibt bei Dir auf der Bühne keine Setlist. Spielt Ihr ein festes Programm oder variiert das von Show zu Show?
Wir haben tatsächlich keine Setlist, sondern wir spielen jeden Abend anders. Kein Song klingt heute so, wie morgen. Jede Nummer existiert zwar auf dem Papier, aber letztlich existiert sie so, wie derjenige, der sie spielt, sie auch empfindet. Ansonsten haben wir einen festen Anfang, das ist in der Regel eine Nummer von den ALLMANN BROTHERS. Der geht ja im Original über in einen Slowblues, aber da nehme ich einen, den ich sehr mag, nämlich "Need your love so bad". Bis dahin steht es fest, und ab hier reagiere ich auf die Reaktion der Leute im Saal. Ich spiele ein paar Töne an und dadurch, dass ich meine Band schon lange kenne, wissen die auch, was kommt und es geht nahtlos weiter.

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Du bist jemand, der gerne mal covert. Das ist ja im Blues- und Jazzbereich durchaus üblich. Aber bei Dir wird nicht einfach nur nachgespielt, sondern die Songs erhalten oftmals ein ganz eigenes Gesicht durch Deine Arrangements. Gibt es Bands, die Du besonders gern und/oder oft coverst?
Meine Lieblingsbands kann ich nicht covern, denn die sind so viel besser als meine. Auch HENDRIX habe ich niemals auch nur ansatzweise versucht, zu spielen. Natürlich könnte ich mich hinsetzen und "Hey Joe" spielen, aber ich mach' es nicht. Zumindest nicht in der Öffentlichkeit. Denn das Publikum ist so geartet, dass es denkt: "Der versucht, HENDRIX nachzuspielen. Damit versucht er, uns zu sagen, dass er selbst auch kein Schlechter ist." Aber HENDRIX ist nicht zu toppen, von niemandem. Der war eine so eigene Persönlichkeit und hatte eine so eigene Art, Gitarre zu spielen, dass sich das Covern seiner Titel für mich verbietet. Das ist auch sonst überhaupt nicht meine Art. Was habe ich davon, mich hinzustellen und zu sagen: Ich bin wie…? Dann bin ich ja am Ende nicht mehr ich, sondern ich bin wie… Also finde ich es viel gescheiter, etwas zu machen, von dem die Leute sagen: "Eh, das ist Klasse, das ist doch WALDI WEIZ!" Und nicht: "Der spielt doch, wie…". Es sei denn, man verwendet den Spruch, den MICHA MAAS jetzt erfunden hat: "Wie WALDI spielt keiner". Das ist das Beste, was einem passieren kann. Das soll nicht bedeuten, dass ich übermäßig gut bin und mich total überschätze, sondern das heißt einfach nur: So wie ich, kann kein anderer spielen, weil die Art und Weise, wie ich Gitarre spiele, so unorthodox und weit ab von irgendwelchen Gitarren-Lehrbüchern ist, dass diesen Stil wirklich niemand imitieren kann. Darüber bin ich glücklich.

Das bringt mich zu der Frage, ob auch ein WALDI WEIZ musikalische Vorbilder hatte oder immer noch hat?
Ja natürlich. Aber das sind dann auch Leute, die wie ich den Blues über alles lieben und raus lassen, aber weit weg sind von diesem sturen Stube-Kammer-Küche- Gespiele. So sind ROBBEN FORD, CORNELL DUPRÉ ein solches Beispiel. Oder JOHNNY "GUITAR" WATSON, den habe ich sehr geschätzt und der hat mich auch sehr beeinflusst. Dazu gehören weiter die ganzen KINGs, also B. B. KING oder vor allem auch FREDDIE KING. Wenn Du deren Platten hörst, wirst Du begeistert sein von den vielen Rhythmen, die man da angeboten bekommt. "Riding with the king" von B. B.KING und ERIC CLAPTON z. B. und auch J. J. CALE gehört in diese Schublade. Alle diese Leute haben bestimmte Sachen angestoßen. Wichtig ist am Ende der Gesamtbeitrag, den diese Leute für die Musik geleistet haben. Auch stand ich immer auf der Seite der schwarzen Funk- und Soulmusiker. Beispielsweise bin ich großer Fan von SLY & THE FAMILY STONE. Ganz oben standen bei mir aber immer RAY CHARLES und ARETHA FRANKLIN, dann kam eine ganze Weile nichts, ehe es mit Stevie Wonder weiterging. Da sitze ich davor und bin hin und weg - so wie bei meiner absolute Lieblingsband seit vierzig Jahren: THE TOWER OF POWER! Kennst Du nicht? Musst Du Dir unbedingt anhören. Das ist die schärfste Band der Welt!

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Warum gibt es von WALDI WEIZ eigentlich kaum gepresstes Material in Form von CDs oder LPs? Ich kenne eigentlich nur die wunderbare Live-CD "Live im Yorckschlösschen" aus dem Jahr 2007.
Das weiß ich nicht, ich habe mich nie darum gekümmert. Das tut mir heute unwahrscheinlich leid. Auch die "Yorckschlösschen"-CD hätte es niemals gegeben, wenn MANNE POKRANDT nicht gesagt hätte: "Komm, wir machen einfach mal einen Live-Mitschnitt". Und ein Freund von mir, ein Gärtner, hat mir die Kosten dafür auch noch gesponsert, sonst hätte ich das niemals machen können. Es war also schon immer eine Geldfrage. Ist es auch heute noch. Wenn Du ein Studio mieten willst und der Inhaber ruft 500 Euro pro Tag auf, wer soll denn das bezahlen? Ich bin nicht der Typ, der da nach einem Tag alles fertig hat, sondern ich muss da in Ruhe arbeiten können, muss verfeinern und verwerfen können, brauche also Zeit. Und aus demselben Grund, also wegen der Finanzen, habe ich es auch immer versäumt, mir mal selbst so ein kleines Studio aufzubauen. Heute kann man das auf seinem Apple alles selber machen, nur habe ich es da verpasst, mich mit dem reinen Umgang mit dieser Sache zu beschäftigen. Aber wenn man dann so ein paar hundert CDs herumliegen hat, fängt die eigentliche Arbeit erst an.
Übrigens gibt es noch zwei Privat-CDs, nämlich "TO BE ALL THUMBS" und "TOOLS" mit vorwiegend bei MANNE POKRANDT im Studio eingespielten instrumentalen Eigenkomposition, wo ich auch die meisten Instrumente eingespielt habe.
Die hab' ich immer selbst vervielfältigt für Interessenten. Die Scheibchen waren auch in der sogenannten Rotation im Radio zwischen Wortbeiträgen eingesetzt, andere wiederum als Untermusik zu kurzen Dokumentarfilmen.

Kann man irgendwann auf neues Material in CD-Form von Dir hoffen?
Ich will unbedingt versuchen, noch in diesem Jahr etwas zu machen. Es werden auch nicht nur oder sogar keine Coversongs drauf sein. Es kann doch nicht so schwer sein, etwas Neues zu entwerfen. Und nicht nur das. Meine Wahnvorstellung ist ja die, dass ich tatsächlich versuchen will, deutsch zu singen! Es ist an der Zeit dafür. Mein Leben lang habe ich mich geweigert, das zu tun. Ich habe mir immer gesagt, es kann überhaupt nicht sein, dass man Blues mit deutschen Worten singen kann! Mittlerweile gibt es aber ausreichend Beispiele, die diese Theorie widerlegen. Nimm als Beispiel mal Stefan Gwildis. Der hat mich letztlich überzeugt, dass es doch geht! Die Sprache ist aber nicht ausschlaggebend, sondern auch Musikalität und Ausstrahlung müssen dazu passen. Und wenn das alles stimmt... Wenn ich es also schaffen sollte, auf meine Musik deutsche Texte zu schreiben, wäre ich sehr, sehr froh. Dazu kommt ja noch, dass man damit zwangsläufig auch näher an sein Publikum rückt.

Wie viel Konzerte spielst Du im Jahr?
Das weiß ich nicht. Manches geht nur auf Zuruf. Ich mache ja jetzt mein Booking und Management selber, da habe ich vielleicht irgendwann auch mehr Überblick.

Managest Du Dich selber, um unabhängig von anderen zu werden, um Geld zu sparen oder warum sonst?
Ich habe festgestellt, wenn es andere versuchen, geht das schief. Ich hatte sogar mal einen von RTL, der das studiert hatte. Der legte mir sogar ein richtiges Konzept vor. Und ich dachte: Wow, jetzt geht die Sonne auf! Aber der hat es geschafft, in einem Jahr nicht eine einzige Mugge für mich aufzureißen. Das war ein richtig Guter (lacht).

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Waldi, stell Dir vor, es kommt ein großes Plattenlabel auf Dich zu und bietet Dir an, Deine geplante neue CD zu produzieren und alles zu finanzieren. Allerdings möchten die dann auch ein gewisses Mitspracherecht bei der Musik haben, die da drauf ist. Wie weit würdest Du gehen, um die Herren zufriedenzustellen?
Gibt's denn AMIGA noch und das Komitee für Unterhaltungskunst???? (lacht)
Ich würde gar nicht darauf eingehen, denn ich kann nur das, was ich mache. Ich wüsste nicht, was ich da begradigen oder glätten sollte. Die müssten mir sagen, was sie meinen, dann kann ich immer noch entscheiden, ob ich mich darauf einlasse. Schließlich wollen beide Seiten mit der Platte auch Erfolg haben und warum sollten sie mir das anbieten, wenn sie nicht wüssten, was ich so mache?

Du sagst es, man will Erfolg haben. Was ist für Dich Erfolg?
Das ist eine gute Frage. Wenn ich meinen bisherigen Erfolg mal eingrenze, dann stelle ich fest, es gibt eine Menge Menschen, die mich schätzen, die meine Musik gerne hören, die mich auch als Mensch sehr mögen, die mich als gänzlich unarroganten und freundlichen Menschen kennen, der nichts weiter machen will, als seine Musik. Damit sind praktische alle Voraussetzungen, berühmt zu werden, im Eimer. Das heißt, ich müsste mich gänzlich verändern. Erfolg wäre weiterhin für mich: Eine angenehme Reihe gut bezahlter Muggen, ab und zu auch mal im Ausland aufzutreten, eine CD zu machen, auf der vielleicht ein paar Songs drauf sind, die gelungen sind und die dann auch von mehreren Leuten gemocht wird. Und bei der nächsten CD mal jede Menge Freunde einladen, die ihre jeweilig Lieblingsnummer mitbringen und vortragen.

Zu Deiner aktuellen Band gehört seit kurzem mit MATTHIAS "MATZE" STOLPE einer sehr guter Bluesharp-Spieler. Wie hast Du ihn bewegen können, faktisch bei Dir fest einzusteigen?
Ja, wir sind immer ein bisschen umeinander herumgeschlichen und haben uns beliebäugelt. Als Bandleader muss man sich ja fragen, kann man so einem Typen, der so wenig an seinem Instrument zu schleppen hat, die gleiche Gage geben, wie z. B. dem Keyboarder? Kann man! Meine Musik braucht ihn. Er ist das Tüpfelchen auf dem "i". Er hat mitunter mehr zu tragen, als die anderen, was die Instrumente angeht. Eigentlich war ich ja "mundharmonikageschädigt", weil ich über die Jahre so viele Leute erleben musste, die mit dem Teil auf die Bühne kamen, aber oft die falsche Mundi dabei hatten und obendrein noch jegliches Gefühl für dieses Instrument vermissen ließen. Mittlerweile haben sich meine Zweifel ins blanke Gegenteil verwandelt. Erstens entdecke ich, dass MATZE hervorragend singt. Zweitens entdecke ich, dass MATZE auf dem besten Wege ist, ein geiler Slide-Gitarrist zu werden. Und drittens ist er natürlich ein wahnsinnig guter Harp-Spieler, der bei Konzerten immer noch einen drauf setzt, wo es eigentlich gar nicht zu gehen scheint. Nicht vergessen sollte man seine menschlichen Qualitäten, er ist supernett, höflich und verlässlich. Das alles kann ich aber auch über die anderen Kollegen berichten.
Überhaupt ist das Beste in der Band, dass sich jedes Mal alle aufeinander freuen.

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Eröffnen sich für Euch dadurch neue Perspektiven für das Liveprogramm?
Ja natürlich. Was mir gefiel, war sein unbedingter Wille, sein Instrument über das normale Maß hinaus bei uns einzubringen, also nicht nur diese üblichen Soli an der Mundharmonika zu machen. Das kam mir sehr entgegen, da bei uns auf der Bühne ohnehin sehr viel spontan und unerwartet abläuft, aber auch festgelegte Läufe gespielt werden müssen. Damit muss man sich beschäftigen Er setzte sich also hin, hörte sich unser Material an und überrascht uns jetzt auf jeder Mugge. MATZE braucht sich wirklich vor niemand anderem zu verstecken.

An welche Konzerte erinnerst Du Dich heute noch besonders, im Guten wie auch in negativer Hinsicht?
Die großen Konzerte habe ich seinerzeit mit ENGERLING erlebt. Unter anderem war ich mit denen zum ersten Mal in meinem Leben in der Schweiz. Wir hatten da eine richtige Tournee, haben auf großen Open Air-Bühnen vor steinreichen, gelangweilten Jugendlichen gespielt. Das sind natürlich Erlebnisse, die man nicht vergisst. Auch unser Konzert mit CANNED HEAT, noch zu DDR-Zeiten, war schon etwas Besonderes. Es gab an dem Abend noch eine Band aus den USA, die waren richtig nett, mit denen haben wir backstage geplaudert und Spaß gehabt. Die schenkten uns sogar noch ihre Platte. CANNED HEAT waren das ganze Gegenteil. Zehn Minuten vor dem Konzert ging die Tür auf, die gingen auf die Bühne, nach dem Konzert waren sie sofort wieder weg. Wir durften nicht mal in die Nähe ihrer Garderobe kommen, geschweige denn, sie selbst ansprechen. Das Schöne daran war aber, dass wir mal vor sechstausend Leuten spielen konnten. Und ich hatte zum ersten Mal so einen Sender am Hintern und konnte mich frei bewegen. Da machte ich mal etwas, was ich sonst kaum mache: Ich habe einen Schritt nach vorn gemacht. Und alles raus gelassen, was für mich spielmäßig möglich war. Das war irre.
Als negative Konzerte wertet man natürlich die, wo kaum jemand erschienen ist. Ich hab' dann die Ansage immer mit "Grüß Dich" eröffnet.

2011 hast Du ein besonderes Austauschprogramm mit einer tschechischen Bluesband gestartet. Erzähle uns bitte ein bisschen mehr darüber.
2012 haben wir im Quasimodo beim European Blues Festival gespielt. An diesem Tag spielten wir mit einer tschechischen Band, die heißt STIFF TRIGGER. Eine sehr gute Band übrigens. Uns wurde gesagt, wir müssen auch in Prag spielen. Dann bekamen wir die Termine und Simon Anke, unser Keyboarder, konnte in dieser Zeit nicht, weil er da mit so einem DSDS-Abkömmling unterwegs wäre. Ausgerechnet jetzt! Ich hatte mich teuflisch darauf gefreut, in Prag spielen zu können. Da fiel mir ein, dass STIFF TRIGGER ja zwei exzellente Keyboarder hatte. Also schrieb ich den Chef der Band an und fragte ihn, ob er uns nicht in Chemnitz und Prag mit einem Keyboarder aushelfen könne. Die Idee kam großartig an, auch bei den beiden Organisatoren: BIRGIT BOGENER und dem großen Saxspieler JOE KUCERA sowie der tschechischen Botschaft. Ich schickte dem Mann dann unser Songmaterial und beim ersten Konzert in Chemnitz spielte der, wie erwartet, großartig. In Prag kam dann noch der zweite Keyboarder dazu und der hatte eine echte Hammond-Orgel, eine schöne Hammond B3, verglast. Man konnte förmlich das Feeling durchfließen sehen. So haben wir also an dem Abend mit zwei tschechischen Keyboardern auf der Bühne der JAZZ DOCK PRAG gestanden. Und diese Hammond-Orgel…! Ich liebe diesen Sound über alles. Wir sind so verblieben, dass wir das Ganze gerne mal wiederholen können.

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Wie viel Gitarren besitzt Du eigentlich und wie viel davon spielst Du im Konzert?
Also, ich bin kein Gitarrensammler. Mein Plan war immer, mal die übliche Grundausstattung zu besitzen, also eine Strat, eine Telecaster, eine 345er, vielleicht auch noch eine Gibson Les Paul und vor allem eine ordentliche Akustik-Klampfe.
Aber das alles ist ein teures Vergnügen, was sich nur über Jahre realisieren ließ. Das habe ich in etwa geschafft. Nur habe ich z. B. bei der Les Paul festgestellt, dass das nicht meine Gitarre ist, weil die immer so einen brassigen Ton hat. Da ich mit dem Daumen anschlage, habe ich irgendwann entdeckt, dass die Fender für mich ideal passt. Die Fender-Gitarre ist halt so ein bisschen DIRE STRAITS-mäßig und genau das, was ich mag. Ich habe auch lange Zeit ohne jedes Effektgerät gespielt, sondern immer schön in den Verstärker rein. Andersherum passiert es aber manchmal, dass ich auf Sessions Gitarren anderer Leute spiele und wenn die ein Effektgerät dran haben, nutze ich das auch. Die Gibson 345 habe ich zuletzt bei einer Boogie Woogie-Show mit PIANO-SCHULZE gespielt, weil die wie eine Jazz-Gitarre zu handhaben ist und auch so klingt. Ansonsten habe ich mich in letzter Zeit auf der Bühne an die Telecaster gewöhnt. Eine ganze Zeit war ich allerdings mit dieser nicht zufrieden, weil mir bei der Telecaster die Schaltung von der Strat gefehlt hat (große Fragezeichen auf der Stirn des Verfassers). Die Telecaster wird ja von den Amis so hoch gelobt, weil sie in ihrer Einfachheit überzeugt. Das Ding ist wie ein VW Käfer, den man noch selber reparieren kann. Die hat nur drei Klangmöglichkeiten. Und da habe ich mir gedacht, es muss doch möglich sein, sowohl den typischen Klang der Telecaster als auch die Umschaltmöglichkeit der Strat in einer Gitarre zu vereinen. Da habe ich mir einfach noch einen Tonabnehmer rein bauen lassen und jetzt habe ich, was ich will. Als Amp benutze ich den Fender Blues de Luxe oder den Super ChampXD für kleinere Räume.

WALDI, die letzte große Frage, die mich interessiert, ist Deine Sicht auf die derzeitige Bluesszene in Deutschland. Ist das mehr lokal begrenzt, oder sind wir da durchaus international konkurrenzfähig?
Ich denke, wir sind sehr wohl international konkurrenzfähig. Ich lebe ja in Berlin und erlebe da des Öfteren schwarze Bluesmusiker, oder überhaupt Musiker aus dem Ausland und da sehe ich deutlich, dass wir absolut mithalten können. Manche betreiben das ganz anders, als ich, die sind richtige Puristen und versuchen, die alten, bekannten Blueser hochzuhalten. Da wird jeder einzelne Ton imitiert, was ich nun überhaupt nicht mag. Zumal die alten Originale aus Amerika ja eigentlich nur ihr Leid geklagt haben, in dem sie sich eine Gitarre griffen und zu minimalistischen Riffs ihre Texte raufgesungen haben und jammerten, wie Scheiße es ihnen ging. Das ist ja der eigentliche Ursprung der Bluesmusik. Das nachzumachen, halte ich für genauso unsinnig wie den Versuch, JIMI HENDRIX nachzuspielen. Also wir haben hier, um zum Kern der Frage zurückzukommen, schon richtig gute Bluesmusiker und das in allen Spielarten. Wobei ich mich da eigentlich nur im Osten auskenne und erstaunlich selten Gelegenheit bekomme, von Westseite eingeladen zu werden, wenngleich ich mehrfach Interesse angekündigt habe. Meine Band ist eine gesunde Mischung und ständig lernen wir voneinander. Es wird jedenfalls niemals passieren, dass es keinen Blues mehr gibt, genauso wie es nie passieren wird, dass es keine Fans für diese Musik mehr gibt.

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Eins muss ich Dich jetzt doch noch fragen. Du bist bekannt als einer, der eher die nicht so laute Mugge bevorzugt, also ohrenfreundlich spielt. Das finde ich ja sehr sympathisch, aber Du schwimmst damit ziemlich gegen den Trend. Warum?
Ich glaube, das ist musikstilbedingt. Manche Musik verlangt das regelrecht. Es gibt Gitarristen, die können gar nicht anders, als bis zum Anschlag aufzudrehen. Ich liebe es auch schon mal laut, aber genau so kann ich leise spielen. Das nennt man Dynamik. Wenn man das beherrscht, ist alles gut. Du musst also einerseits so spielen können, dass man eine Nadel fallen hört. Aber dann muss man auch mal powern und sagen: Jetzt aber raus mit dem Rüssel! Letztlich ist Lautstärke aber immer relativ. Mir ist aufgefallen, dass mich bei sehr guter Musik die Lautstärke nicht so stört, wie bei irgend so 'nem monotonen Diskokram. Bei mir kommt noch dazu, dass ich herzkrank bin und mich auch aus Altersgründen davor drücke, dort aufzutauchen, wo es zu laut wird. Aber natürlich übertreibe ich es auch mal hin und wieder, ohne dass ich es selber wahrnehme.

Abschließend mache ich mit meinen Interviewpartnern immer gern eine kleine Schnellfrage-Runde. Kurze Frage, kurze Antwort. Bist Du bereit?
Gerne doch, sofern es mir gelingt, kurze Antworten zu geben.

Mit welchem Musiker oder welcher Band möchtest Du unbedingt mal auf einer Bühne stehen?
Meine Überband ist TOWER OF POWER. LARRY CARLTON, CLAPTON und B. B. KING wären auch noch welche. Aber die sind alle so gut, dass ich mir höchstens wünschen könnte, denen mal persönlich zu begegnen und ein paar Töne mit ihnen zusammen zu spielen.

Bist Du ein typischer Session-Musiker?
Eigentlich ja. Ich staune manchmal über mich selber. Da stehe ich zum ersten Mal inmitten mir völlig fremder Musiker und ich rassele meinen Part runter, als wäre ich schon jahrelang dabei. Das ist aber bestimmt Erfahrungssache und reduziert sich voll auf die Bereiche der schwarzen Musik.

Möchtest Du gerne mal in den USA auftreten?
Ich würde gerne dem Bush mal eine auf die Fresse hauen! Die USA ist mir sehr suspekt geworden. Früher habe ich natürlich davon geträumt, mal in Amerika zu spielen, da bin ehrlich. Aber heute brauche ich wahrscheinlich Stützstrümpfe, um dahin zu kommen. Ich traue meiner eigenen Gesundheit nicht über den Weg. Andererseits kann es ja gar nicht so schwer sein, in so einem Club da drüben aufzutreten, denn der JÜRGEN KERTH hat es ja auch geschafft. Ich hätte durchaus genügend Resonanz aus Amerika. Ich habe auch im Berliner Yorckschlösschen die Meinung gehört: "WALDI, in Amerika wärst Du eine große Nummer. Aber hier verstehen die Leute nichts von dieser Musik. Oder Du musst Deinen Mund und Dein Gesicht noch weiter verzerren, dass die Leute glauben, Blues tut richtig weh. Ansonsten hast Du hier keine Chance". Da habe ich zu ihm gesagt: "Du kannst mich mal..."

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Was hörst Du privat für Musik?
Im Moment ist DEREK TRUCKS mein Lieblingsgitarrist. Das ist für mich der derzeit gefühlsmäßig beste Bluesmusiker. Ansonsten liebe ich LARRY CARLTON, der eine elegante Mischung aus Jazz und Smooth Jazz spielt. Ich bin auch totaler Fan von guten Keyboardern, z. B. von JOHN CLEARY. Ansonsten fällt mir noch FRANK McCOMB ein. Du musst wissen, ich bin ein Fan von DONNY HATHAWAY, der ja schon lange tot ist. Aber dieser junge Kerl FRANK McCOMB ist die Reinkarnation von DONNY HATHAWAY. Ein großartiger Musiker!

Hörst Du Dir auch Deine eigene Musik an?
Nur wenn ich muss.

Wir sitzen ja gerade hier bei Dir zu Hause. Da Du alleine lebst, bringt mich das auf die Frage: Bist Du ein guter Hausmann, kannst Du z. B. kochen?
Wie man sieht, kann ich wohl ganz gut kochen (zeigt lachend auf sein Bäuchlein). Ich lebe allein und koche tatsächlich jeden Tag für mich. Aber nicht nur irgendwie, sondern richtig mit Stil. Du siehst, ich habe Blumen auf dem Tisch stehen, ich habe Servietten dabei liegen und ich decke mir immer richtig den Tisch zum Essen. Ich mag das halt. Natürlich koche ich mir das, was mir schmeckt. Nur leider artet das immer mehr aus. Ich esse zu viel Fleisch und trinke super gerne Bier.

Wer wärst Du gerne?
Da fällt mir nur eine Antwort ein: Ich als kleiner Mann wäre gerne ein großer Mann. Es gab in meinem Leben so viele schöne große Frauen, um die ich so herumkam.

Was erhoffst Du Dir in musikalischer Hinsicht vom neuen Jahr?
Ich hoffe, dass ich die guten Ansätze und Momente von 2012 festigen und ausbauen kann. Dadurch, dass ich jetzt selber booke, habe ich eine Menge neuer Kontakte geknüpft. Ich möchte mit ganz vielen guten und unkomplizierten Muggen durch das neue Jahr kommen.

Damit sind wir am Ende unseres sehr ausführlichen Interviews. Hast Du abschließend noch ein paar Worte für unsere Leser übrig?
Ich wünsche allen Lesern, dass sich ihre Wünsche erfüllen, dass sie Erfolge zu verzeichnen haben und vor allem, dass man sich mal sieht bei unseren Auftritten. Auch weil mich ihre Meinung sehr interessiert.

Vielen Dank für Deine Zeit und alles Gute!

 

 

Interview: Torsten Meyer
Datum: 15.01.2013
Bearbeitung: mb, cr
Fotos: Archiv Waldi Weiz, Deutsche Mugge

 

 


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