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Ein Beitrag von Christian Reder mit Fotos
von Bernd Maywald und Bodo Kubatzki

 

Fast wäre das Konzert am 30. November 2019 im Mülsener "Amorsaal" geplatzt. Dietrich Kessler wollte es schon absagen, doch kurz vorher zogen die dunklen Wolken doch noch ab. Mit Frank Nicolovius sprang ein Kollege ein, womit eine wichtige personelle Lücke geschlossen wurde, und ein Fan erklärte sich kurzfristig bereit,001 20200217 1930538681 Frontmann Hans-Joachim "Achim" Kneis aus seinem Wohnort Köln abzuholen und ihn zum Veranstaltungsort nach Sachsen zu fahren (und auch wieder zurück). Das Konzert wurde ein Erfolg, die Fans waren aus dem Häuschen und es war gut, dass es stattfinden konnte. Gut auch deshalb, weil man die KLOSTERBRÜDER noch einmal mit ihrem Sänger Achim Kneis erleben konnte. Knapp zwei Monate danach müssen die verbliebenen Musiker der Band leider mitteilen, dass ihr Kollege, Band-Gründer, die Stimme und die Seele der KLOSTERBRÜDER nach längerer Krankheit am 16. Februar 2020 gestorben ist.

Hans-Joachim Kneis, geboren am Nikolaustag des Jahres 1944 als Sohn eines Opernsängers, gehörte von Anbeginn an zur Magdeburger Rock- und Beat-Szene - quasi seit dem Moment, als diese das "Laufen" lernte. Größere Bekanntheit erlangte er als Sänger der KLOSTERBRÜDER und, nachdem diese verboten wurden, als Frontmann der Gruppe MAGDEBURG. Etwa 10 intensive Jahre erlebte er damals als Rockmusiker in der DDR, doch dann gab es Probleme mit dem Staat. Maßregelungen und Eingriffe in die eigene Arbeit führten am Ende zu Ausreiseanträgen aller Bandmitglieder, diese zu weiteren Repressalien gegenüber den abwanderungswilligen Musikern. Er und sein bester Kumpel Dietrich Kessler mussten deshalb sogar für 18 Monate in den Knast, danach folgte die Ausbürgerung in die BRD. Dort ließ sich Achim Kneis in Köln nieder und baute sich dort ein neues Zuhause auf.

Als es nach der Wende zur Vereinigung von DDR und BRD kam, wuchs irgendwann auch das Interesse des Publikums an der Musik ihres inzwischen nicht mehr existenten Heimatlandes. Im Jahre 1992 stellte man deshalb auch die Gruppe MAGDEBURG und knapp 10 Jahre später die KLOSTERBRÜDER wieder auf die Beine.002 20200217 1616471487 Wo man früher dauernd live spielte und das kleine Land DDR auf und ab bereiste, setzte man nun Akzente und trat nur noch punktuell und mit größeren Abständen zwischen den einzelnen Muggen auf. Auch für dieses Jahr gab es Optionen und Anfragen für Auftritte in Torgau, Leipzig und Berlin, denn das Interesse der Leute an dieser Band und ihren Liedern war ungebrochen. Leider werden diese Konzerte nun nicht wie geplant stattfinden.

"Es ging ihm schon länger nicht gut", erzählt mir Dietrich Kessler. Die beiden waren über 50 Jahre lang enge Freunde und teilten sich auf Konzertreisen sogar das Doppelbett im Hotelzimmer. "Auch beim Konzert in Mülsen war Achim gesundheitlich schlecht drauf", fügte er noch an. Diabetes und das Herz machten ihm zu schaffen. Aber wenn Achim als Klosterbruder auf der Bühne stehen konnte, waren Schmerzen und andere Beeinträchtigungen für mindestens 90 Minuten zwar nicht vergessen, aber sie verschwanden im Hintergrund. Die Band und ihre Musik waren seine Medizin und seine Antriebsfeder, auch mit angeknockter Gesundheit auf die Bühne zu gehen und den Menschen davor ein paar schöne und rockige Stunden zu bereiten. Vor drei Wochen etwa war Achim ständig schwindelig und er verlor seinen Appetit. Es ging ihm immer schlechter. Schließlich kam er ins Krankenhaus und dort direkt auf die Intensivstation. Es sah nicht gut aus, auch mit der Lunge war was nicht in Ordnung. Gestern verließen ihn die Kräfte und der Mann, der bei den KLOSTERBRÜDERN immer mit so energiegeladener Stimme "Lieder einer alten Stadt", Songs über "Papas alten Hut" oder darüber, was morgen sein wird sang, schloss die Augen für immer.

Die Fans der KLOSTERBRÜDER liebten ihren "Achim", das zeigten sie gerade zuletzt erst wieder bei dem eingangs erwähnten Konzert in Mülsen. Dass dieser Auftritt der letzte mit ihm sein würde, hätte wohl niemand gedacht und sie werden ihn schmerzlich vermissen. Nicht nur sie … "Wir telefonierten fast täglich", erzählte mir Dietrich Kessler, "das wird mir jetzt unheimlich fehlen". Richtig angekommen ist die traurige Nachricht bei ihm noch nicht - zu frisch sind die Eindrücke von gestern noch, als gegen Mittag die Frau von Achim bei Kessler anrief und er schon beim Klingeln wusste, welche Nachricht ihn jetzt erreichen würde.003 20200217 1733343442 Von Köln aus hielten die beiden Kontakt, sie waren die besten Kumpel, die weit mehr verband als nur ein gemeinschaftliches Musikprojekt. Zwischen den beiden muss eine besondere Magie und Kraft geherrscht haben, denn wer kann schon behaupten, über 50 Jahre eng und dick mit jemandem befreundet zu sein? Noch dazu, wenn man viel zusammen gearbeitet hat und auf Reisen war?

Auch zu den anderen Freunden und Kollegen aus seiner Ostrocker-Zeit blieb der Kontakt von Köln aus bestehen oder wurde wieder aufgebaut. Kneis galt als toller Kollege, erstklassiger Sänger, guter Freund und einmaliger Mensch. Seine positive Art, mit der er u.a. die Band immer wieder zusammenhielt, stellte Dietrich Kessler in seinem eigenen Nachruf in den Vordergrund. Und von dieser besonderen und menschlichen Art werden auch Achims Frau, seine beiden Kinder und das Enkelkind erzählen können, die er hinterlässt und bei denen er ebenfalls eine nicht zu schließende Lücke hinterlässt. Auch wir von Deutsche Mugge verabschieden uns heute von einem der angenehmsten Protagonisten dieser von uns begleiteten Rockszene. Von Typen wie ihm wünscht man sich mehr. Von solchen Originalen, denen man das Gesungene sofort abkauft, ihnen glaubt, worüber sie sprechen und die nur eins im Sinn haben: Dass die Leute nach dem Auftritt alle zufrieden und gut unterhalten nach Hause gehen können. Mach's gut, Achim!






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