"Mit dem Herzen dabei":

 

Eine Vorlage aus den 60ern für große Shows bis heute...

 

Autor Klaus Schmidt

 

Hallo allerseits,
nach meinem Rückblick auf das Louis-Armstrong-Konzert im alten Berliner Friedrichstadtpalast möchte ich wieder eine kleine Erinnerung dokumentieren:
So ein Übertragungswagen hat durch die freie Wahl des Aufnahmeortes viele Möglichkeiten. Da gab es im Funkhaus Berlin einen aufgeweckten Unterhaltungschef namens Hans-Georg Ponnesky. Der fiel mir schon einmal auf, weil er es als agiler Reporter schaffte, in eine MIG-15 uti, dem damal heissesten Ofen der NVA zu klettern, und einen Übungsflug mit zu erleben und zu beschreiben. Das war zur damaligen Zeit eine kleine Sensation, denn die stählernen Schwingen der Nationalen Volksarmee waren natürlich Top Secret. Also mit „Ponny“ saß ich so manche Stunde zusammen, und wir bastelten an Unterhaltungssendungen, die man damals als "Straßenfeger" bezeichnen konnte. Nach einigen Vorläufern wie "Auf Großer Fahrt" und "Kollege kommt gleich" entstand 1963 die Sendung "Mit dem Herzen dabei". Zunächst war das noch eine reine Rundfunksendung, also ohne Mitwirkung des Fernsehens. Zielstellung und Inhalt der Show war es, Menschen zu überraschen und teilweise auch zu schocken, die sich verdient gemacht hatten, nicht unbedingt politisch sondern einfach im Sinne aller Berufskreise. Das waren z.B. ehrenamtlich tätige Sportfunktionäre und Leute, die für ihre Mitmenschen einfach mehr gaben als nahmen. Das Interesse der Hörer, und später dann auch der Zuschauer, sollte neben geiler Musik natürlich durch die Spielrunden geweckt werden. 13 Folgen wurden produziert, dann wurde die Sendung auf höchste Weisung eingestellt, obwohl sie wohl das erfolgreichste Event war. Ich versuche nachfolgend einmal einige Spielrunden zu schildern:
Ein verdientes Ehepaar, ich nenne sie einmal Hilde und Peter, werden von Ponny auf die Bühne geholt. Nach einigem Geplänkel werden sie gefragt, ob sie zum Spielmeister uneingeschränktes Vertrauen hätten. "Na klar" ist die erwartete Antwort. Ihnen werden die Augen verbunden und sie werden an einem Ort geführt, zu einem damals nur schwer erreich- und erwerbbaren Gegenstand, einem "Trabant 601". Peter bekommt den Schlüssel ausgehändigt, natürlich immer noch mit verbundenen Augen. Ponny fordert beide auf in den Trabbi einzusteigen. Sie ertasten ziemlich schnell, dass es sich dabei nicht um einen Mercedes, sondern um das DDR-Traumziel, im Volksmund auch „Rennpappe“ genannt, handelt. Unter angstvollem Geschrei von Hilde soll nun Peter den Motor starten, und nur auf Anweisung von Ponny den Wagen in Bewegung setzen. Was beide aber nicht sehen und wissen können ist, dass der Trabi in einem Lastenhubschrauber steht. Nach Betätigung des Starters springt nun nicht der Trabimotor sondern das Hubschrauberaggregat an, und ohne Verzögerung hebt das ganze unter donnerndem Getöse mit den Fahrzeuginsassen ab. Der erste Schock ist nun überwunden. Ponny lässt die Augenbinden abnehmen und Hilde und Peter fliegen tatsächlich in nun ihrem eigenen Traumauto zu einem Urlaubsziel in der Nähe von Berlin. Selbstverständlich befindet sich im Kofferraum das nötige Gepäck, das Hotel ist gebucht und erwartet seine Gäste. Das Auto ist auch ordnungsgemäß auf den überglücklichen Gewinner Peter zugelassen. Das einmalige Gefährt verschwindet in den Wolken, und beinahe nahtlos beginnt der Musikblock. Udo Jürgens mit dem Orchester Jürgen Hermann erfreut das Publikum mit "Siebzehn Jahr, blondes Haar" . Ich glaube Hilde hatte eine blonde Mähne, auch wenn sie nicht mehr 17 war.
Ein ebenso zu würdigendes Ehepaar wird auf die Bühne geholt. Ponny hat einen großen Fetzen einer Tapete in der Hand. "Gert" und "Heidi" erkennen das Indiz schnell als Teil ihrer Wohnung, die sie erst vor wenigen Stunden verlassen hatten. "Also geht bitte doch einmal in Euer Wigwam und bringt als Beweis dafür einen Krug voll Wasser mit zurück". Gert und Heidi schließen die Wohnung auf und finden alles vom Feinsten neu renoviert vor. Sie erkennen ihre Wohnung kaum wieder. Ein im Ofen installierter Lautsprecher und diverse versteckte Mikrofone schaffen eine Verbindung zur Bühne. Ponny gurgelt aus dem Ofen: "Vergesst bitte nicht den Krug zu füllen". Gesagt getan, zur Überraschung fließt aber kein Wasser aus dem Hahn. Gut temperiertes "Radeberger Pilsner" läuft wie in der Eckkneipe in den Krug. Man hatte einfach den Wasserstrang gekappt und eine komplette Thekenanlage eine Etage tiefer installiert. Der Vorrat reichte dann sicher noch nach der Sendung für eine feuchtfröhliche Runde im Freundeskreis.
Der musikalische Background war immer vom Feinsten. In der Regel bestritten ein großes Unterhaltungsorchester und eine Bigband die Show. Die "Vier Brummers", damals allen Zuschauern bekannt, eröffneten die Sendung: "Mit dem Herzen dabei, so heißt die Sendung...".
Nicht unerwähnt möchte ich den technischen Aufwand benennen. Man bedenke, dass es in den sechziger Jahren noch keine sicheren Drahtlos-Verbindungen gab. Kilometerlange Kabelverbindungen zu mindestens zwei großen Übertragungswagen wurden installiert. Auf der Bühne standen immer über 50 Mikrofone. Für den guten Ton waren so mehr als 20 Techniker im vollen Einsatz.
Erwähnenswert ist die "Herzen dabei"-Show allein deshalb, weil fast alle späteren Sendungen, auch außerhalb der DDR, auf die Grundlagen der Spielideen zurückgriffen. Unerwartete Familienzusammenführungen, der verschollene Bruder oder die Schwester, arrangierte Ponny als Meister der Gefühle und auch der Tränen wirksam und ohne falschen Pathos.

(Bildmaterial folgt...)

 


   
   
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