Annett Louisan: "Kleine große Liebe" (Doppel-Album)

louisan2019 20190422 1861865695VÖ: 29.03.2019; Label: SONY Music/Ariola; Katalognummer: 19075917342; Musiker: Diverse; Bemerkung: Dieses Album ist auch als Doppel-LP (Vinyl) und als limitierte Fan-Auflage mit Bonus CD erschienen. Jeder Publikation liegt ein Booklet mit Abdruck der Songtexte bei;

Titel:
CD 1: Kleine große Liebe • Wir sind verwandt • Zweites erstes Mal • Ich tu nur weh wenn ich liebe • Ein besserer Mensch • Klein • Eine Frage der Ehre • Two shades of Torsten • Saboteur • Die schönsten Wege sind aus Holz
CD 2: Belmondo • Borderline • Traumpaar aus der Gosse • Meine Kleine • Haie • Herz gebrochen • Vielleicht • 24 Stunden • Straße der Millionäre • Traum


Rezension:
Auch wenn Annett Louisan in den letzten fünf "studioalbumlosen" Jahren kaum bis gar nicht sichtbar gewesen zu sein scheint, war sie nicht untätig. Ein Album mit Coverversionen im Jahre 2016 und eine Tournee im Jahre 2017 hat sie gemacht, und so ganz nebenbei eine Tochter bekommen. In der Babypause war die bei Stendal geborene und aufgewachsene Künstlerin ziemlich kreativ, denn am 29. März 2019 ist mit "Kleine große Liebe" ein waschechtes Doppel-Album erschienen, auf dem thematisch so manches zum Thema Liebe in seinen verschiedenen Formen auf- und abgearbeitet wird ...

Beim genauen Hinsehen (bzw. Hinhören) stellt man aber schnell fest, dass es sich hier eigentlich nicht um ein Doppel-Album handelt. Beide CDs heben sich gegenseitig schon von der Aufmachung her voneinander ab. Während die "kleine Liebe" vom Cover und vom Label-Druck her zurückhaltend und zweifarbig (schwarz/weiß) gestaltet wurde, ist die "große Liebe" farbenfroh und hell ausgefallen. Auch musikalisch ist das "bunte" Werk wesentlich breiter aufgestellt als die "kleine Liebe", die eher schlicht, aber deshalb nicht mit weniger nuanciert gekleideten Arrangements ausgestattet wurde. Die "kleine Liebe" ist fast ausschließlich zurückhaltend und leise geworden, während Louisan die "große Liebe" richtig zu feiern scheint. Darum könnte man hier auch von zwei verschiedenen Alben sprechen, auch wenn sie dem Endverbraucher zusammen in einem Paket angeboten werden. Zum Inhalt ihrer Lieder hat sich Annett Louisan ganz offenbar richtig viele Gedanken über das Leben gemacht, wohlgemerkt über das eigene Leben. Diese Gedanken, die sie auf dem neuen Album laut ausspricht, möchte sie mit ihren Hörern teilen. So begegnen uns auf der ersten CD u.a. mit "Ein besserer Mensch" das Versprechen, für die gerade in ihr Leben getretene Tochter in Zukunft auf das Rauchen und Fluchen zu verzichten. Auch das Vorhaben, fortan die vielen kleinen Wunder des Lebens wieder bewusster wahrnehmen zu wollen, weil man dies in den Jahren zuvor scheinbar völlig verlernt zu haben scheint ("Der Himmel spielt Farbsinfonien | aber keiner von uns sieht mehr hin") entdeckt der Hörer in dem Titel "Zweites erstes Mal", wo hingegen "Wir sind verwandt" einen humorvollen aber gleichzeitig auch bösen Blick auf die liebe Verwandtschaft mit all ihren Ecken und Kanten wirft - inkl. der Beobachtung, dass der fleißig trinkende Cousin einen Blick zuviel auf den Busen seiner Base wirft. Eine weitere Geschichte ist die über die Freundin, die alle nur "Schnappy" nennen ("erst schnappt sie nach Luft | dann schnappt sie ein") in dem Stück "Eine Frage der Ehre". Es ist die Geschichte über diese unentspannte Diva, die wohl jeder in seinem Bekanntenkreis hat und die immer mit einer gehörigen Portion Theatralik Abgänge inszeniert und alte Streitthemen wieder hervor kramt. Dass Annett Louisan körperlich keine große Frau ist, ist ihren Fans bekannt. Dies wird im Song "Klein" dann auch thematisiert und die Feststellung gemacht, dass sie größer nicht sein könne, würde sie ihr Herz auf "endlosen Beinen" tragen. Treffender kann man es wohl nicht formulieren, dass es nicht auf die Körper- sondern die Herzensgröße ankommt.

Dass die Liebe nicht nur schöne Gefühle erzeugt, sondern manchmal auch schmerzhaft sein kann, erlebt man auf der zweien CD, auf der es musikalisch - wie schon erwähnt - etwas "zügiger" und poppiger zur Sache geht. Zwischen Pop, Groove und sogar 80er-Disco-Sounds geht es inhaltlich um die andere Seite der Liebe. Das Stück "Belmondo" hat die Sehnsüchte einer Frau zum Thema, die in einer langjährigen Beziehung steckt, und die aufgrund von Alltagsroutine kaum bis gar nicht mehr befriedigt werden. "Borderline" zeichnet die Situation einer Frau, die den Absprung von einer zerstörerischen Liebe wohl noch rechtzeitig geschafft hat ("Wenn das hier Liebe war, dann bipolar"), ummantelt mit einer 80er-Popmusik, die von der Art und in Verbindung mit Annetts Gesang stark an Vanessa Paradies erinnert. Auch das tieftraurige "Herz gebrochen" ist keins der Lieder auf dem Album, das gute Laune verbreiten soll. Es beschreibt vielmehr den Schmerz, den eine Liebe im Herzen und der Seele verursachen kann. In die gleiche Kerbe schlägt das "Traumpaar aus der Gosse", in der sich das Lied-Ich in der Phase zwischen den letzten Zuckungen und dem endgültigen Aus der Beziehung befindet. Getragen von dezent gespielten Instrumenten balanciert die Louisan mit ihrer Stimme und sorgt für reichlich Gänsehaut beim Hören.

Die musikalischen Unterschiede auf den beiden CDs wurden hier ja nun schon mehrfach erwähnt. Egal, welche der beiden CDs man gerade laufen hat, man trifft auf die für Annett Louisans Musik so typischen Chanson-Elemente und ihre fantastische, poetische und humorvolle Art der Erzählung. Auf der "kleinen Liebe" ist diese Erzählweise eher nachdenklich und ruhig, musikalisch hauptsächlich von Streichern und Klavier getragen, während die "große Liebe" mit allerlei Elektronik und viel Pepp recht farbenfroh daher kommt, auch wenn die Inhalte der Stücke oft gar nicht nach Farben schreien. Der rote Faden dieses Doppel-Albums ist nicht nur das Thema "Liebe", sondern insbesondere auch die zarte, unverwechselbare Stimme der Sängerin, die den Inhalten der Stücke noch viel mehr Gewicht verleiht und somit dick unterstreicht. Speziell die "kleine Liebe" scheint eher persönlicher geworden zu sein, denn hier liest man die eigenen Gedanken und Erfahrungen der Künstlerin mit der Liebe und dem Leben deutlich heraus, während auf der zweiten CD eher der Beobachtung des Lebens in Verbindung mit der eigenen Phantasie freien Lauf gelassen wurden. Wenn man sich das Album angehört hat, empfindet man eine tiefe Dankbarkeit, dass unsere Musikszene eine Annett Louisan hervorgebracht hat. Es macht einfach Spaß ihr zuzuhören und ihren Geschichten zu folgen. Mit diesem Doppel-Album hat man 20 Songs lang die Gelegenheit, diesen Spaß zu genießen. Nur zu ...
(Christian Reder)





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