sillyrot 20121216 1737703973 Titel:
Label:
VÖ:

Titel:

"Alles rot"
Universal / Island
19. März 2010

1. Alles rot
2. Ich sag nicht ja
3. Erinnert
4. Nackter als du
5. Findelkinder
6. Flieger
7. Mein Kapitän
8. Leg mich fest
9. Warum ich
10. Ich verlasse mich
11. Die Furcht der Fische
12. Höhle
13. Sonnenblumen (Für Tamara)


Rezension 1:
Was für ein sagenhaft gutes Album! Was für wunderschöne Texte! Was für kraftvolle und heiße Arrangements... Was für ein Comeback! SILLY ist wieder da. Ok, sie sind schon etwas länger wieder da... Bald aber auch zum Anfassen und zum Zu-Hause-hören, denn die neue CD "Alles rot" erscheint am 19. März. Endlich!!!
Es ist jetzt 14 Jahre her, dass SILLY-Fans in die Läden gehen konnten, um sich eine CD mit brandneuen Songs der Kultband zu kaufen. Das tragische vorläufige Ende der Gruppe um Uwe Hassbecker und Ritchie Barton kam mit dem Tod der Frontfrau Tamara Danz am 22. Juli 1996. Von sowas erholt man sich nie wieder, auch wenn viele Bands etwas anderes behaupten. Schon gar nicht, wenn eine so einmalige Stimme wie die der Danz plötzlich verstummt und unwiederbringlich fort ist. Die Band ruhte und musste neun Jahre später den nächsten Verlust hinnehmen, als Drummer Herbert Junck ebenfalls an der Seuche Krebs starb. Zaghafte Gehversuche machten die verbliebenen SILLYs Uwe Hassbecker, Rüdiger "Ritchie" Barton und Jäcki Reznicek kurze Zeit später. Welchen Geschmack hat die Rückkehr auf eine Bühne unter dem Namen SILLY? Wie fühlt sich das an? Der Herbst 2005 gab darauf Antworten. "Silly & Gäste" hieß das Comeback-Programm, mit dem die drei SILLY-Musiker, an weiteren Instrumenten verstärkt durch den eigenen Nachwuchs (die Söhne von Jäcki und Uwe) sowie mit prominenter Verstärkung am Mikrofon, u.a. durch Toni Krahl, Joachim Witt, IC Falkenberg und eben Anna Loos, auf Tournee gingen. Das Gefühl als SILLY wieder auf der Bühne zu stehen war ein angenehmes... vertrautes... liebgewonnenes. Der Geschmack machte Appetit auf mehr, zumal die Tour "Silly & Gäste" ein Riesenerfolg war (nachzuerleben mittels Live CD und DVD, Rezension: HIER). Das war der Grundstein für das Comeback als SILLY. Das Comeback nicht nur als Live-Band, sondern auch als Studioband mit neuen Songs und neuem Album. Aus dem einstigen Gast Anna Loos wurde kurze Zeit später die neue feste Sängerin. Und jetzt ist "Alles rot".
So heißt die Scheibe, die insgesamt 13 neue Songs bereit hält. Mit der neuen CD und der neuen Sängerin gibt es obendrein ein Wiedersehen mit einem alten Weggefährten: Werner Karma. Die Songs auf den letzten Alben "Paradies" und "Hurensöhne" waren komplett ohne Karma-Texte ausgekommen, auf "Alles rot" sind wieder ausschließlich seine Texte zu hören. Produziert wurde das neue Album von Hassbecker und Barton, aber auch von Ingo Politz und Uwe Wendlandt für Valicon. "Valicon"? Da war doch was? Genau! Valicon ist die Produktionsschmiede von Silbermond, und auch am letzten Rockhaus-Album "Positiv" haben die Männer an den Reglern gesessen. Und das ist zu hören...
Musikalisch werden sich die SILLY-Fans auf neue Töne einstellen müssen. SILLY ist weiter gewachsen, hat sich entwickelt. "Alles rot" ist zwar sehr balladesk ausgefallen, aber auch die SILLY-typischen lauten Töne ("Mein Kapitän", "Ich verlasse mich") fehlen nicht. Und doch ist der Sound ein neuer und ungewohnter. Rockmusik des inzwischen schon 10 Jahre alten neuen Jahrtausends, die bleibenden Eindruck hinterläßt. Der solide Deutsch-Rock mit den anspruchsvollen Texten ist ansprechend und frisch. Die vielfältigen Ideen, die die Musiker in den Songs zum Leben erweckt haben, unterstreichen die große Kreativität und Schaffenskraft der Band. Es fällt einem beim Hören der CD wie Schuppen von den Augen, was einem in den letzten Jahren gefehlt hat... SILLY! Beim letzten Titel, der "Sonnenblumen" heißt und Tamara Danz gewidmet ist, bekommt auch der härteste Charakter unter der Hörerschaft ganz bestimmt einen Klos im Hals: "Immer wenn ich Sonnenblumen seh', muss ich an Dich denken... Wo Du auch sein magst, ich hab Dich hier. Blume der Sonne, über mir." Der nur von Klavier und Streichern getragene Gesang von Anna Loos in Verbindung mit dem Text erzeugt Gänsehaut... Feuchtigkeitstreibend!
Die Band legt eine enorme Spielfreude an den Tag, die in den Feinheiten eines jeden einzelnen Songs deutlich herauszuhören ist. Dem eingefleischten SILLY-Fan wird die vertraute Stimme der Tamara Danz fehlen (mir geht es zumindest so), aber Anna Loos beweist hier sehr schnell, dass sie eine eigenständige und großartige Sängerin ist, die gar nicht erst versucht, ihrer überragenden Vorgängerin irgendwas nachzumachen. Und genau das wollten weder die Musiker noch die Sängerin. Eine Tamara ist nicht zu ersetzen, ich schrieb es bereits zu Anfang... sie wird von einer neuen Sängerin mit anderen Qualitäten und Stimmfarben vertreten. Und das macht sie einwandfrei! Sie ist Anna Loss mit einer eigenen Art, mit der man sich sehr schnell anfreunden kann. Eine glasklare Stimme, die auch mal schnell zur Röhre werden kann, unterstützt von großartigen Musikern, die ihr Handwerk wahrlich verstehen.
"Alles rot" ist ein generationsübergreifendes Album, das den Teenies von heute ganz bestimmt genauso gut gefallen wird, wie den in die Jahre gekommenen Fans um die 50 und 60. "Alles rot" ist ein Album ohne Schwächen, was bei den Perfektionisten Hassbecker und Barton auch nicht weiter verwunderlich ist. Die CD läßt den einen oder anderen Deutschrock-Act, der von der Industrie gepusht und künstlich hochgejubelt wird, ganz schön alt aussehen. Da wo SILLY draufsteht, ist auch im Jahre 2010, 14 Jahre nach der letzten Studio-Scheibe, wieder SILLY drin! Mein persönliches Lieblingslied habe ich auch schon gefunden: "Ich verlasse mich"... Prädikat: Besonders wertvoll!
(Christian Reder)

 


Rezension 2:
19. März 2010, also Silly-Tag!!! "So lange drauf gewartet - so lang davon geträumt" mit diesem Zitat von der neuen Rockhaus-CD beginne ich meine Gedanken.
Ja, es war eine wirklich lange Zeit, und entsprechend hoch waren meine Erwartungen an das neue Silly-Album. Ich habe die Band damals sehr geschätzt, habe wie viele von uns mit wachen Augen und Ohren den Weg aus den brutalen Tiefs verfolgt. Der persönliche Kontakt zu den Silly-"Veteranen" ist geblieben, die Musiker haben ja bekanntermaßen immer ein freundliches Wort für uns Musikbegeisterte übrig, sei es nach den Konzerten von Pankow und dem Geburtstagskonzert für Thomas Natschinski (Jäckie, Ritchie) oder wenn sie ebenfalls Zuschauer sind wie wir z.B. bei Rockhaus in Berlin (Jäckie, Uwe).
Nun also "Alles rot" - die fleißige Vorbereitung in allen elektronischen Medien ist beispielhaft und erweckte eine echte Vorfreude. zdf-neo kannte ich noch gar nicht ;-)) Dann das Konzert im ndr-Funkhaus in Schwerin nebst Live-Stream - und meine Stirn begann sich dann doch zu kräuseln.
Mich persönlich stört Annas Moderation ungemein, denn das hat überhaupt nix mit professionellem Entertainment zu tun. Anna ist nun gleichberechtigtes Mitglied einer geilen Band, dann sollte sie sich auch so zwischen den Titeln artikulieren. Sie wirkt auf mich unkonzentriert und fahrig, pendelt unbeholfen und unschlüssig zwischen Bewunderung und aufgesetzter Lässigkeit herum. Vor drei Jahren hab' ich das noch toleriert, weil ja alles neu war, aber nun will ich das so nicht mehr wahrhaben. Ich hab ihre Ansagen beim Umschnitt des ndr-Konzerts auf die Autoradio-Kassette komplett entfernt. Aber das nur nebenbei, ist ja auch alles subjektiv - und vor allem: das kann man ganz leicht ändern.

Musikalisch war ich nach dem Konzertmitschnitt ein wenig ratlos. Vorsichtig gesagt - man orientiert sich hörbar an anderen oder zitiert sich selbst, mir kamen deutliche Erinnerungen an "Instandbesetzt" oder "Asyl im Paradies". Wenn das so gewollt war - okay... auweia, jetzt liefere ich euch schon die Ausreden mit ;-))
Wie ein roter Faden zog sich für mich der Refrain von Joan Osborn "What if god was one of us" durch das Konzert. Ich hatte auch das Gefühl, dass "Alles rot" gleich dreimal vertreten ist: "Erinnert" und "Findelkinder" haben den gleichen Charakter und die Akkordfolgen ähneln sich sehr stark. "Ich sag nicht ja" wiederum ist echt klasse, im positiven Sinn ein echter Ohrwurm, auch der "Kapitän" bleibt hängen, aber sonst - ja also was nun, Begeisterung oder Enttäuschung?
Die Vorfreude auf ein komplettes Werk in Studioabmischung hat gesiegt - ich habe mir das Album geholt, und diese Entscheidung war richtig! Wieder und wieder läuft der Silberling im Player, mal unter den Studio-Kopfhörern, mal richtig kräftig über die PA - soo viel zu entdecken! Das Team von den Valicon-Studios in Berlin ist für mich schon seit langem maßstabgebend in der Musikproduktion, egal ob Silbermond, Thomas Godoj oder oder... da möchte ich gern mal ein Praktikum machen.

Die Edition (übrigens tagaktuell beim M'Markt Cottbus erhältlich und auffällig präsentiert) mit CD und DVD hat ein Super Artwork - tolle Fotos, die wunderbaren Karma-Texte leider viel zu klein gedruckt (Leute, wir werden doch auch älter und die Augen sind doch schon etwas müde). Ich unterstreiche ausdrücklich eine Zeile aus dem Booklet: gut und richtig so, dass ihr wieder zusammengefunden habt, Werner & Silly !
Danke für die ausführlichen Credits, wie das ja nun neudeutsch heißt. Brille aufsetzen, weiße Schrift auf rotem Grund zerfließt, die vielen kleinen Zeilchen lesen und auf Entdeckungsreise gehen, z.B. ist auch Carsten Görner (ehem. Gruppe Drei, wir lasen ja kürzlich darüber) als Gastsänger aufgeführt. Und Rainer "Ole" Oleak hat sich wie bei Ostrock in Klassik wieder viel Mühe mit den Orchestersachen gegeben.

Die CD ist exzellent gemischt, genaues Hinhören wird belohnt. Ich hatte auch kein Vintage erwartet - diese CD ist "der Beginn eines neuen Kapitels in der Bandgeschichte" - richtig, Uwe! Unbedingt zu erwähnen sind neben den gewohnt kräftigen E-Gitarren der Herren Hassbecker und Petereit die klangvollen Akustikgitarren, so voll und warm und rund. Sehr transparente Keyboardarrangements, keine Flächen mit Kleisterwirkung, dafür Ideenreichtum und Liebe zum Detail, zum Beispiel die Rahmenhandlung von "Findelkinder" mit den Rummelplatzkarussell-Halbtönen oder das Synthie-Flirren am Schluss von "Erinnert". Druckvolle Drums und faszinierende Bassläufe runden das stimmige Gesamtbild ab.
Anna ist Anna. Punkt. Jeder Vergleich ist Fehl am Platze und erübrigt sich von selbst. Silly geht mit Anna neue Wege, Sängerin und Band sind wieder eine Einheit - endlich ! Sie singt intonationssicher und klar, vielleicht ein wenig zu gleichförmig, aber lieber so als übertrieben maniriert. Der Gesang ist zeitgemäß ohne viel Schnickschnack, keine langen Reverb-Fahnen, sparsame Delays, die Mehrstimmigkeit weit hinten, manchmal kaum hörbar zugemischt.
Es gibt einige wirkliche Perlen zu entdecken. Einer meiner Favoriten (textlich UND musikalisch) ist "Warum ich". Ich mochte damals schon "Hijo de la Luna" - dies hier ist noch schöner geworden. Das kinderliedartige Finale der CD "Sonnenblumen" (für Tamara) ist in seiner Schlichtheit echt ergreifend, das orchestrale Nachspiel entlässt den Hörer mit einer Gänsehaut-Mollstimmung - durchatmen, und dann noch mal, noch mal!

Auch wenn mich nicht jeder Text vollends ereicht (z.B. "Die Furcht der Fische") ist dieses Album wieder ein typisches Silly-Album, was das Miteinander von Text und Musik angeht. Rockmusik für Erwachsene - sehr Gefühlseigenes steht neben Trotzigem ("Noch"), ohne wie bei Naidoo oder anderen mediengehypten Radiogrößen all zu plakativ zu wirken. Manches muss man erst einmal wirken lassen ("Leg mich fest", "Ich verlasse mich").
Über die beiden Kracher "Ich sag nicht ja" und "Mein Kapitän" habe ich mich ja schon geäußert - ab damit ins Tagesprogramm, meine Herren Musikredakteure! Und warum sollte Silly nicht gleichberechtigt z.B. neben einem blumigen Duo aus Berlin, einer Monats-Band oder einer glänzenden Planetenkapelle aus Bautzen laufen?

Alles in allem - und jetzt "leg ich mich fest" - Ziel erreicht! Keine überschäumende blinde Euphorie meinerseits, aber eine ganz große Freude und ein herzliches "Willkommen zurück, Silly!". Ihr habt wirklich "eurem Engel neue Flügel angeschraubt" - (das ist für mich gelungenste sprachliche Bild des Albums). Ich freu mich auf das nächste Live-Konzert! (Jens Kurze, 21.03.2010 / für www.deutsche-mugge.de)

 


   
   
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