steh01 20121118 1150547724Manchmal hat man es als Musikliebhaber und Fan schon nicht einfach... Kennt ihr das auch? Man hat über Jahrzehnte von einer Band eine ganz bestimmte Lieblingsplatte, die man immer wieder gerne hört und die man einfach für die beste hält. Und plötzlich stellt man fest, daß es gerade diese Platte ist, die den Urhebern (oder einem von ihnen) am wenigsten gelungen dünkt. Das beschäftigt einen dann schon, oder? Im schlimmsten Fall nimmt die Band das Album ein zweites mal auf, preist das Ergebnis als "So hätte das eigentlich klingen sollen!" an und wenn man es dann hört, erfaßt einen das kalte Grausen... Zumindest letzteres dürfte uns im Falle von "Der Steher" erspart bleiben, denn wer unser aktuelles "Rauchzeichen" gelesen hat weiß, daß Jürgen Matkowitz zum Glück keine Zeit hat, auf solche Gedanken zu kommen. Trotzdem grübeln wir, warum er ausgerechnet auf "Der Steher" am liebsten alles anders gemacht hätte und sind gleichzeitig froh darüber, daß die Umstände es 1980 nicht zugelassen haben. Wer weiß, ob uns das Album dann auch so gut gefallen hätte... Aber das ist letztendlich müßig. "Der Steher" ist so, wie er ist und das ist auch gut so. Angefangen mit einem mystischen "Vorspiel" steigert sich die Platte über die hardrockigen "Die Geige" und "He, Stop" zu einem ebenso kurzen wie knackigen "Zwischenspiel", das gekonnt in die majestätische "Sonnensage" mündet, die mit ihrem Gitarreninferno und dem geheimnisvollen Chorus ein echtes Highlight des DDR-Rocks zur damaligen Zeit darstellt.

VÖ:
Label:

Titel:

 

 

 

 

 

 

 

Line up:

 

1980
AMIGA

Vorspiel
Die Geige
He, Stop
Zwischenspiel
Sonnensage
Das ist gewesen
Der Steher
Liebesfilm in Farbe
Preßlufthammer Conny
Schlag auf Schlag
So kann's nicht weitergehn
Abschied des Musikanten

Jürgen Matkowitz (g, voc)
Rainer Kirchmann (keyb, voc)
Frank Czerny (bg, voc)
Bernd Haucke (dr)
Klaus Scharfschwerdt (dr)

Daß sich das anschließende "Das ist gewesen" dagegen ein bißchen langatmig ausnimmt, ist zwar Tatsache, fällt aber nicht sonderlich ins Gewicht. Mit einem Paukenschlag ganz besonderer Art beginnt dann Seite 2. "Der Steher" dürfte so ziemlich der erste reinrassige Heavy Metal-Song gewesen sein, der je in der DDR auf Platte gepreßt wurde. Was für ein fetter Gitarrensound, was für rasante Baß- und Schlagzeug-Grooves! Wie zur Erholung folgt mit "Liebesfilm in Farbe" eine wunderschöne Ballade mit ausladendem Keyboard-Thema, bevor bei "Peßlufthammer Conny" erneut das Gitarrenbrett in Vorschlaghammer-Manier zuschlägt. "Schlag auf Schlag" könnte als Motto der Platte verstanden werden, der gleichnamige Song ist allerdings ein wenig unförmig geraten. Doch immerhin enthält er lässige Gitarrenläufe und ein cooles Solo. Danach wird in "So kann's nicht weitergehn" nochmal herzhaft gerockt, bis ein augenzwinkernder "Abschied des Musikanten" in Minnesänger-Art das Tüpfelchen aufs "i" setzt. Die Platte hat uns seinerzeit mit ihrem konzeptionellen Aufbau und ihrer Dynamik unheimlich verblüfft und mitgerissen, von ihrem ungewöhnlich fetten Sound ganz zu schweigen. Und das ist heute noch so!
Einen Schwachpunkt hat die Scheibe aber doch, einen nicht ganz unerheblichen, wie man zugeben muß. Die Songtexte sind teilweise wirklich indiskutabel, platt und einfach mies. Die Worte sind oft so extrem unmelodisch aneinandergereiht, daß man sich wundert, wie die Sänger es geschafft haben, sie ohne Knoten in der Zunge zu interpretieren. Daß die Platte trotzdem bestens funktioniert ist umso bemerkenswerter und spricht überdeutlich für ihre musikalische Klasse. Und die sollte eigentlich Grund genug sein, "Der Steher" endlich auch zu CD-Ehren kommen zu lassen. AMIGA, bitte übernehmen Sie! (kf)
 


   
   
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