000 20180701 1161981225



 
 


uesc0618 20180701 2076394919
Ein Konzertbericht mit Fotos von Christian Reder
 

a 20180701 1816826791Wer seine Kelle in den "Ruhrpott" hält und daraus schöpft, wird überrascht sein, was er da anschließend auf seinem Teller findet. Die Region hält für seine Bewohner und Gäste von außerhalb einiges bereit, was Kultur betrifft. Vorausgesetzt man nimmt die Angebote wahr, kann man einiges entdecken. Natürlich rennt die Masse auch hier eher zu den Mainstream-Angeboten und subventioniert hauptsächlich den Ballermann-Schlager, aber für den Rest der Leute gibt es reichlich Alternativen. Ein gut funktionierendes Konzept ist in dieser Region die "ExtraSchicht", ein eintägiges Kulturfest, das sich über mehrere Städte des Ruhrgebiets erstreckt. Dieses Fest ist auch als "Nacht der Industriekultur" bekannt. Zwischen Kamp-Lintfort und Unna, sowie zwischen Haltern am See und Hagen, fand in diesem Jahr an 50 Spielorten ein vielfältiges Programm aus Musik, Theater und Comedy statt. Dabei fanden diese Angebote wieder in alten Industrieanlagen und Museen, wie z.B. im Aquarius Wasserturm in Mülheim/Ruhr, im Brauerei-Museum in Dortmund, im Chemiepark Marl, im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund, im Eisenbahnmuseum in Bochum, im alten Gasometer in Oberhausen, in den Flottmannhallen in Herne, in der Kokerei-Hansa in Dortmund, in der Lindenbrauerei zu Unna, im Waltroper Schiffshebewerk oder eben auch im Parkbad-Süd von Castrop-Rauxel statt - um nur ein paar dieser interessanten Örtlichkeiten zu nennen. Selbst in einigen Shuttle-Bussen, die die Menschen zu den einzelnen Veranstaltungsorten brachten, fand Kultur statt. Wenn man Glück hatte, erwischte man einen Bus, in dem z.B. Irish Folk geboten wurde. In einem anderen Bus wurden einem die Hits der 68-er Bewegung präsentiert. Ein weiterer Bus hatte eine Comedy-Truppe im Angebot. Wohlgemerkt LIVE und nicht über die Lautsprecheranlage eingespielt. Aus all dem hatte ich mir aber einen ganz bestimmten Termin ausgewählt, für den ich keinen Shuttle-Bus brauchte und der direkt vor meiner Haustür lag, denn im hiesigen "Parkbad-Süd" spielte eine Band, die ich schon länger auf dem Zettel hatte und die ich bis gestern leider noch nicht habe live erleben können. Dies ist nun anders ...

Die ständige Vertretung Kubas im Ruhrgebiet befindet sich in Castrop-Rauxel und heißt SONADORES. Schon die Namen der in dieser Kapelle spielenden Musiker, die eigentlich nur durch ihren lokalen Zungenschlag von anderen "Kubanern" zu unterscheiden sind, verrät ihre karibische Herkunft: Felix Zimmer (Gesang, Gitarre), Gunnar Nesterov (Percussion), Maik Rosenkiewicz (Kontrabass, E-Bass),b 20180701 1364357490 Heiko Nitsch (Trompete) und Steven Wels (Gesang, Gitarre) heißen die Herren, die am Samstagabend ihren Auftritt im heimischen "Parkbad Süd", ihrem persönlichen Wohnzimmer, wie Sänger und Gitarrist Steven Wels in einer Ansage anmerkte, hatten. Dass es ihr Wohnzimmer ist, liegt daran, dass die SONADORES - was übrigens übersetzt ins Deutsche "Träumer" heißt - hier ihren allerersten Auftritt hatten. Das war - um ganz genau zu sein - am 28. Juni 2011, als an gleicher Stelle die Telekom Street-Gigs mit dem Sänger MILOW Station machten. Im Aftershow-Programm traten schließlich die SONADORES auf. Das kam so gut an, dass man danach weitermachte und auch in den Jahren danach hatte die Band weitere Auftritte hier. Auch darum bringt diese Wohnzimmer-Beschreibung die Sache voll auf den Punkt. Ein echtes Heimspiel eben, für das man weder Schuhe noch Pantoffeln braucht ... Die Band selbst tritt in verschiedenen Besetzungen auf. In Castrop-Rauxel war es gestern die Quintett-Besetzung, aber gelegentlich spielen sie auch nur zu dritt oder in der großen Besetzung als Septett. Kommt immer auf den Anlass an. Im Jahre 2015 wurde die gesamte Formation jedenfalls vom Sender WDR zum Sommertalent des Jahres ausgezeichnet. Die 47% aller, die damals für sie abgestimmt haben, hatten völlig recht mit ihrer Wahl, denn die SONADORES sind wirklich ein Highlight für den Sommer ...

Da bei der "ExtraSchicht" die Besucher ständig kommen und gehen, finden auf der Bühne die Programme in mehreren Folgen statt. Am Samstagabend teilten sich die SONADORES die Bühne mit einer Flamenco-Formation und einer Laien-Theater-Gruppe (Foto rechts unten). Da Theater nicht so zu unseren Themengebieten zählt, klammere ich die Auftritte des Ensembles in meinem Bericht über den Abend einfach mal aus. Und da ich persönlich mit dem Auftritt der Flamenco-Gruppe CATI & JOSÉ leider gar nichts anfangen konnte - das ganze klang teilweise, als würde eine Gruppe Zimmerer gerade einen Dachstuhl errichten und einer der Handwerker hätte sich dabei übel mit dem Hammer verletzt - lasse ich auch hier eine Beschreibung des Vortrags aus, auch wenn der Gitarrist richtig was auf der Pfanne hatte. Andere Besucher werden das sicher extrem gut gefunden haben, darum will ich Cati und José auch nicht Unrecht tun in dem ich hier meinen Senf zu ihrem Auftritt hinterlasse. Letztlich war ich auch nur wegen der Kuba-Mugge gekommen.c 20180701 1910843720 Zum Ablauf sei noch angemerkt: Immer wenn eine Band oder die Theater-Truppe einen Auftritt hatte, hatten die anderen Pause. In Blöcken zu 30 Minuten spielten die Musiker dann ihr Programm, und die SONADORES begeisterten die ersten Zuschauer schon beim Soundcheck. Dies verwunderte auch Steven Wels, als er den Leute nach einem ersten Applaus noch vor 18:00 Uhr erklären musste, dass man noch mit dem Soundcheck beschäftigt sei und das richtige Programm gleich erst käme.

Dies begann um 18:10 Uhr, denn genau um diese Zeit hatte die Band mit ihren kubanischen Rhythmen und Sounds ihre erste "ExtraSchicht" des Tages. Die sich selbst als "Straßenband" bezeichnende Kapelle legte flott mit dem THE CHAMPS-Klassiker "Tequila" aus dem Jahre 1958 los. Nun könnte der Leser, der ja nun nicht live dabei sein konnte, an dieser Stelle des Beitrags dem Irrglauben verfallen, die SONADORES seien eine Coverband. Nein! Das sind sie nicht, auch wenn in ihrer Setlist mit nur wenigen Ausnahmen Kompositionen anderer Musiker und Bands zu finden sind. Die Jungs drücken den Vorlagen nämlich ihren persönlichen und unüberhörbaren Stempel auf. Die Titel, die sie sich für ihr Programm ausgewählt haben, werden auf ihre ganz eigene, eben kubanische Art und Weise arrangiert und dem Publikum gereicht. Die Wurzeln dieser Art von Musik liegen in Spanien und Westafrika, und im Laufe der Jahre kamen noch andere Einflüsse dazu. Aus all diesen Einzelteilen formt sich ein ganz besonderer Stil, der sich eben der Karibikinsel KUBA zuordnen lässt. Natürlich erkennt man die Lieder, die sich die SONADORES vorgenommen haben, allesamt wieder, sie haben aber eine deutlich wahrnehmbare Überarbeitung erfahren. So klingen Hits wie "Bongo Boy" von MANU CHAO oder "I Can See Clearly Now" von Jimmy Cliff nur noch ansatzweise nach dem Original und hauptsächlich nach dem eigenen Sound dieses Castrop-Rauxeler Ablegers Kubanischer Volksmusik. Bestimmte Teile eines Songs sind geblieben, der Rest ist in der SONADORES-Bearbeitung erfrischend anders. Neben weiteren Titeln von MANU CHAO ("Si me das a elegir", "La vida Tombola", "Bienvenida Tijuana") und welchen vom Buena Vista Social Club ("El cuarto de Tula", "De camino a la vereda", "El cuarto de Tula", "Chan Chan"), Ritchy Valens ("La Bamba") und den Gipsy Kings ("La Fiesta Comenza") hat die Gruppe aber auch eigene Titel im Gepäck, die sich perfekt zwischen die anderen Stücke mischen. "Sonadores" ist z.B. so ein Lied, das inhaltlich die noch kurze Bandgeschichte beschreibt und in Lied-Form ans Ohr des Konzertbesuchers dringt. Dieses und auch das Stück "Dos Cumpaneros" sind sicher Anwärter für das erste Studioalbum der Band, das im kommenden Jahr in den Handel kommen soll. In der Live-Version passen sie sich perfekt den anderen adaptierten Nummern an und wirken mit ihnen zusammen wie aus einem Guss.d 20180701 1688157294 Ein musikalisches Wiedersehen gibt es u.a. auch mit Songs aus bekannten Filmen, z.B. mit dem Oliver Onions-Titel "Banana Joe" aus dem gleichnamigen und 1982 erschienenen Film sowie mit dem von der Gruppe Los Lobos zusammen mit Antonio Banderas für den gleichnamigen Film erschaffene Stück "Il Marihachi". Im Jahre 2018 werden sie von "den Träumern" aber mit viel kubanischer Lebensfreude versehen.

Bemerkenswert ist auch das Talent, die Leute vor der Bühne zu Muchachos y Muchachas zu machen. Es bedarf keiner langen Anlaufzeiten, um das Publikum abzuholen und in seinen Bann zu ziehen. Schon nach den ersten beiden gespielten Blöcken konnte man am Applaus des Publikums ablesen, wer hier im Parkbad-Süd heute die meisten Sympathien einfangen konnte. Die Stimmung, die die Musiker auf dem Areal verbreiteten, und dieses besondere Flair der Musik machten aus dem Parkbad-Süd mitten im Ruhrgebiet ein kleines karibisches Paradies - das Wetter sorgte für den Rest. Längst ist es auch bei anderen Konzerten ein wichtiger Programmteil geworden, zwischen den Liedern etwas Entertainment mit dem gesprochenen Wort zu bieten. Auch hier zeigen die SONADORES erstklassige Qualitäten. Wortführer der Combo war Steven Wels, der zu bestimmten Liedern Anmerkungen machte, die Band näher vorstellte und den einen oder anderen witzigen Kommentar einstreute. Mal im Monolog, mal im Zwiegespräch mit dem Publkum, mal im Dialog mit seinem Kollegen Felix Zimmer. So war die derzeit laufende Fußball-WM natürlich ein Thema und weil parallel zu ihrem Auftritt die Argentinier gegen die Franzosen spielten, gab es Zwischenstände und den Song "Guantanamera" mit einer Widmung für Maradonna, verbunden mit dem Wunsch, er möge im Stadion bei seiner Jubel-Choreographie des Jahres 2018 nicht vom Balkon fallen. Dass immer wieder Leute gingen, um zum nächsten Industriedenkmal oder Museum zu reisen, und andere neu dazu kamen, die von anderen Veranstaltungsorten gerade rein gekommen sind, merkte man der Stimmung im Schwimmbecken (und drum herum) nicht an. Auch die gesalzenen Preise für die spanischen Köstlichkeiten am Verpflegungsstand wurden Dank der Gute-Laune-Darbietung der SONADORES nicht zum Ärgernis. Während ihres Auftritts hatte man gar keine Zeit dafür und richtete das Hauptaugenmerk lieber auf die Bühne.

e 20180701 1223665568Wenn Du nicht nach Kuba kommst, kommt Kuba eben zu Dir. Die SONADORES sind hier in der Gegend immer wieder mal live zu erleben und sie bringen Dir tatsächlich dieses besondere Gefühl direkt vor Deine Haustür, für das Du sonst 8.000 Kilometer weit reisen müsstest. Am Samstag konnten die Besucher der "ExtraSchicht" zwischen 18:00 und 2:00 Uhr des anderen Tages die Fünfer-Besetzung der SONADORES mit mehreren kleinen Auftritten erleben. Die Umsetzung der Lieder mit zwei Akustik-Gitarren, einem Kontrabass, Percussion und Trompete spülte den vollen und satten Sound der Band in das ehemalige Schwimmbecken (und auch darüber hinaus). Die fünf Musiker verstanden es ausgezeichnet, ihre 30-minütigen Blöcke nicht nur mit Leben sondern vor allen Dingen auch mit Lebensfreude zu füllen. Es macht also absolut Sinn, von der Köstlichkeit, die im "Ruhrpott" steckt, zu kosten. Die Zutaten, die einem nicht schmecken, kann man aussortieren, aber der Rest, der dann übrig bleibt, ist an Vielfalt nicht zu übertreffen. Ich hoffe, die Leute hatten an den anderen Orten der "ExtraSchicht" auch nur ansatzweise so viel Spaß wie wir, die neuen Muchachos y Muchachas der SONADORES, im Parkbad-Süd.




Bitte beachtet auch:
• Off. Facebook-Auftritt von Sonadores: HIER entlang
• Homepage des Parkbad Süd in Castrop-Rauxel: www.parkbad-sued-castrop.de






 

 

 

 


   
   
© Deutsche Mugge (2007 - 2018)