Hubert Kah: Entwicklung statt Schemata



Vorwort von Christian Reder:
Im Juni 2005 wurden wir bei Music-Pleasuredome von der Plattenfirma DA Music mit dem neuen Studioalbum "Seelentaucher" von HUBERT KAH bemustert. Das war ungewöhnlich, da Music-Pleasuredome eigentlich keine Plattform war, die neue Alben oder Tourneen beworben hat. Da HUBERT KAH in den 80ern aber einer meiner musikalischen Helden war, entschied ich mich ohne langes Nachzudenken dafür, doch ein bisschen die Werbetrommel für ihn zu rühren. Ich bat um ein Interview und bekam promt einen Termin für ein "Phoner" (Telefongespräch). Bis dahin hatte ich ausschließlich Interviews mit der Gruppe KARAT in meiner Funktion als deren Webmaster geführt. Diese liefen aber - man kannte sich eben - in einem familiären Rahmen und ganz locker ab. Mit anderen Künstlern hatte ich bis dahin keinerlei Erfahrung. Ich bereitete mich auf meine Premiere also sorgfältig vor. Als der Tag gekommen war und ich Hubert am Telefon hatte, wies ich ihn gleich darauf hin, dass ich sowas bis dahin noch nie gemacht hatte. Die Reaktion war klasse, denn er nahm mir gleich den Druck vom Kessel. Das wäre nicht weiter schlimm und das bekämen wir schon hin, meinte er. Und schon waren wir mitten im Gespräch. Interessantes Detail am Rande: Heute schneide ich Gespräche mit einem Diktiergerät mit, damit sie hinterher übertragen werden können. Im Juni 2005 schrieb ich alles noch mit der Hand mit - in einer Mischung aus Stenographie und Langschrift! Das war etwas stressig, aber ansonsten verlief meine Premiere in Sachen Interview ganz entspannt und war gleichzeitig der Startschuss für weitere solcher Projekte. Bis 2007 und meinem Einstieg bei Deutsche Mugge führte und veröffentlichte ich für Music-Pleasuredome noch einige weitere Interviews, z.B. mit Nick Beggs und Limahl (Kajagoogoo), Midge Ure (Ultravox), Inker & Hamilton, Gazebo, Joesi Prokopetz (DÖF), Per Gessle (Roxette), Nik Kershaw, Desireless, Doro Pesch, David Sterry (Real Life), Marian Gold (Alphaville), Nick van Eede (Cutting Crew), Jack Hues (Wang Chung) und viele anderen Künstlern mehr. Teilweise sind diese - so sie denn hierher passen - auch von Deutsche Mugge übernommen worden. Und nun übernehmen wir auch das eben erwähnte Interview mit Hubert Kemmler alias HUBERT KAH, das am 28. Juni 2005 entstand. Viel Spaß beim Lesen ...






Schön, dass Du Dich meinen Fragen stellst. Es heißt überall, Du seiest jetzt 10 Jahre nicht aktiv gewesen. Im Jahre 1997 erschien aber doch die Single "Love Chain". Ein Fehler der Medien oder hast Du für die Single nur Deinen Namen hergegeben?
Diese genannten 10 Jahre beziehen sich auf die Veröffentlichung des letzten Studioalbums. Als 1997 die Single "Love Chain" erschienen ist, war sie eine Auskopplung aus dem ebenfalls in diesem Jahr erschienenen "Best of"-Album. Das war also kein reines Studioalbum und auf ihm war ja nur "Love Chain" als einziger neuer Song mit drauf.

Deine Fans haben jahrelang nur die alten Sachen von Dir hören können. Jetzt bist Du wieder da und bringst gleich ein neues Album mit. Wie lange hast Du daran gearbeitet?
Die Aufnahmen für das Album haben nur vier Monate gedauert. Die Songs hatte ich über all die Jahre schon gesammelt und fertig. Ich musste sie nur noch singen und aufnehmen.

Das neue Album habe ich mir angehört und es fällt auf, dass sich die "lauten" mit den "leisen" Tönen abwechseln. Zwischen härteren ("Raketen") und poppigen Nummern ("No Rain"), tummeln sich auch wieder viele eher klassisch angelegte Songs. Wo bist Du wirklich "zu Hause"?
Eigentlich in allen Bereichen irgendwo ... Ich unterscheide selbst nur zwischen guter und schlechter Musik; auch bei neuer Musik. Was mich betrifft, so denke ich auch, dass ich die Neigung zu verschiedenen Richtungen von Musik habe, weil ich auch verschiedene Stimmungen habe. Diese Elemente kommen auf dem neuen Album eigentlich auch zur Geltung.

Du bist außerdem auf dem Album mit teilweise sehr eigenen und neuen Elementen musikalisch aktiv. Du gehst mit einigen Songs, wie z.B. "Fels in der Brandung", völlig vom Weg des heutigen Mainstream ab. Was willst Du Deinen Fans, die Dich aus den 80ern noch mit reinen Pop Nummern kennen, sagen?
Das ist bei mir wirklich so, dass ich nicht bereit bin, mich in irgendein Schema pressen zu lassen. Ich will wirklich das zu Wort kommen lassen, was ich in mir spüre. Musikalisch und gefühlsmäßig. Es gibt nun mal verschiedene Aspekte von Musik und Gefühlen. Daher auch der Name des neuen Albums, "Seelentaucher". Eintauchen und in sich feststellen, dass es verschiedene Gefühle gibt, dass es ganz verschiedene Aspekte gibt. Das ist eigentlich auch das Anliegen bei meinem neuen Album.

Der Song "Ich bleib bei dir" bekommt eine völlig eindeutige Aussage, wenn man Deine Geschichte der letzten Jahre verfolgt hat, die jetzt über die Medien öffentlich gemacht worden ist. Spielt der Text direkt auf Deine Depressionen an oder hat er eine andere Bedeutung?
Ja, der Text spielt schon auf meine Krankheit an. Das ist so! Damit versuche ich das auch ein Stück weit zu verarbeiten.

Der Text ist nicht von dir. Wer hat ihn geschrieben?
Den Text zu dem Lied hat Kathrin Schröder geschrieben. Sie ist die Sängerin der Gruppe WUNDER.

Du machst auch einen Ausflug in die Vergangenheit. So hast Du den '87er Hit "Military Drums" neu eingespielt, ebenso wie "Lass mich träumen" vom '83er Album "Ich komme". Willst Du eines dieser Songs im neuen Gewand als Single nochmals ins Rennen schicken?
Auf jeden Fall, ja ... "Military Drums" ganz sicher. Der Song hat das Zeug dazu.

Die heutige Musik ist inzwischen leider zu einem Wegwerfartikel geworden. Neue Songs, die als Single vorgestellt werden, sind überwiegen schlecht und billig produziert, irgendwo "geklaut" und neu aufgenommen, oder einfach nur sinnlos. Deine Sachen sind eher zeitlos, die Hits der 80er werden im Radio nach wie vor gespielt und auf 80er Parties bist Du stets über die Lautsprecher zu Gast. Macht Dich das stolz?
Ja, schon. Das ist auch so, dass die Musik heute eine andere Bedeutung hat. In den 70ern z.B. waren die Alben der großen Rockgruppen richtige Testamente. Heute geht es nicht mehr darum, etwas Bleibendes zu hinterlassen, sondern nur einen kurzen Gefühlsabdruck abzuliefern. Es ist nicht mehr tiefschichtig, sondern oberflächlicher geworden. Das ist jedenfalls nicht mein Anliegen.

Du kommst jetzt mit einem sehr anspruchsvollen Werk wieder. Welche Chancen rechnest Du Dir aus, mit dieser doch sehr speziellen Musik, neue Fans zu gewinnen?
Ich habe auf dem Album ein Lied mit drauf, das heißt "Psycho Radio". Das eignet sich ganz gut für den Zeitgeschmack. Mit dem Lied bringe ich hoffentlich die Leute dazu, sich auch auf die anderen und teilweise schwierigen Titel des Albums einzulassen. Ich glaube schon, dass mir das gelingen wird.

Welche Musik bevorzugst du privat? Was findet man in deinem CD-Ständer wieder?
Eigentlich alles. Alles was mir gefällt. Das kann ich aber nicht beschränken auf ein paar Beispiele. Das sind die unterschiedlichsten Sachen, die ich selbst gerne höre. Ich bin da auch ziemlich offen.

Deine Zusammenarbeit mit Michael Cretu war in den 80ern sehr erfolgreich. Hast du noch Kontakt zu Michael Cretu und wenn ja, wird es noch mal eine neue Zusammenarbeit geben?
Ich glaube es eher nicht, aber man weiß ja nie. Wir telefonieren hin und wieder noch mal zusammen. Aber der Kontakt zwischen uns ist nicht mehr so intensiv wie früher. Wir haben uns auch beide weiterentwickelt. Jeder für sich.

Verfolgst du die Arbeit von ihm? Wie findest Du das, was er jetzt macht?
Ich finde es eigentlich gut. Die Alben von ENIGMA gefallen mir schon ganz gut.

Du hast damals sehr viele Sachen für andere geschrieben. Maggie Reilly, Sandra oder Münchener Freiheit, um nur einige zu nennen. Außerdem hast du mit TWO OF US ein eigenes Projekt gehabt, für das Du geschrieben und das du produziert hast. Wirst du das in Zukunft wieder machen?
Für TWO OF US habe ich nichts geschrieben. Die Gruppe habe ich nur produziert. Ob ich noch mal etwas für andere Künstler schreiben werde, weiß ich noch nicht genau. Ich möchte mich jetzt erstmal auf mich selber als Sänger konzentrieren.

Dein alter Bandkollege Marcus Löhr war an deinem neuen Album ja auch beteiligt. Welche Funktion hat er dort übernommen?
Er war als Produzent tätig und bei einigen Songs auch als Gitarrist. Außerdem hat er auch einige Stücke programmiert.

Was macht Dein anderer ehemaliger Bandkollege, Klaus Hirschburger, denn jetzt?
Ich habe keine Ahnung und keinen Kontakt mehr zu ihm.

Bist Du auf Tour? Kann man Dich irgendwo live sehen?
Wir versuchen eine Tournee im Winter zu machen. Jetzt ist noch nichts geplant. Wir müssen die neuen Sachen auch erstmal einstudieren und alles vorbereiten.

Ich danke dir für dieses Interview. Auf unserem Portal besuchen uns viele Fans der Musik aus den 80ern, u.a. auch viele deiner Fans. Möchtest du noch einige Worte an sie richten?
Ich finde es gut, dass ihr euch für die 80er noch so interessiert. Gebt den Künstlern, die in den 80ern schon aktiv waren, aber bitte auch die Chance, sich weiter zu entwickeln. Oft wird der Fehler gemacht, von den Interpreten zu verlangen, sich nicht zu verändern und immer die gleiche Musik zu machen.


Interview: Christian Reder
(Juni 2005)




   
   
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