Reinhold Heil über Cosa Rosa


Cosa Rosa hieß mit bürgerlichem Namen Rosemarie Precht und war gelernte Architektin. Nach ihrer Ausbildung arbeitete sie jedoch nur kurz in einem Architekturbüro in Berlin, ehe sie sich auf ihre Leidenschaft, die Musik, konzentrierte. Ihre ersten Sporen als Musikerin verdiente sie sich bei der Mädchenband INSISTERS, mit der sie im Jahre 1981 die LP "Moderne Zeiten" veröffentlichte. Kurz nach Erscheinen der LP trennte sie sich von der Band, um ein Angebot von Ulla Meinecke anzunehmen, die damals eine neue Keyboarderin für ihre Tournee suchte. Spliff-Schlagzeuger Herwig Mitteregger, der 1980 als Ulla Meineke Produzent fungierte, schlug Rosa für Ullas Band vor. Zusammen mit dem Spliff-Keyboarder und Lebensgefährten, Reinhold Heil, gründete sie etwas später das musikalische Projekt COSA ROSA. Mit dem Debüt-Album "Traumstation" und der daraus ausgekoppelten Single "Rosa auf Hawaii" begeisterte das Duo die Musikfans und Journalisten gleichermaßen. Trotz des Erfolges arbeiteten Cosa Rosa weiterhin für Ulla Meinecke und Reinhold Heil für Spliff. Als 1985 dann die LP "Kein Zufall" und die Single "Millionenmal" veröffentlicht wurden, war das der größte Erfolg für die beiden. Die Single landete prompt in den Top 10 der Deutschen Single Charts, das Album kam bis auf Platz 40 der LP Charts. "Millionenmal" lief im Radio rauf und runter - noch Jahre nach seiner Veröffentlichung. Im Jahre 1986 folgte das dritte und letzte Album der Berlinerin mit dem schlichten Titel "Cosa Rosa". Auch die Single "Puppe kaputt" aus dieser LP platzierte sich in den Top 100. Ende der 80er Jahre vermeldete die Presse, dass es Cosa Rosa gesundheitlich nicht sehr gut gehen würde. Sie und ihr Lebensgefährte zogen sich aus der Öffentlichtkeit zurück. Den Krebs, an dem die Künstlerin erkrankt war, hat Rosa Precht nicht besiegen können; sie starb am 31. Januar 1991 an den Folgen dieser Krankheit. Zurück blieb ihr Schaffen - drei LPs mit großartigen Deutschen Pop-Songs. Fast 15 Jahre nach ihrem Tod, als dieses Interview entstand, gab es immer noch viele Fans. Darum hatten sich Christian und Reinhold Heil, Musikerkollege und Lebensgefährte von Cosa Rosa, für ein Interview verabredet, das ihr Leben, ihre Musik und den Menschen Rosemarie Precht zum Thema hatte. Es entstand am 5. September 2006 und wurde bei Music-Pleasuredome veröffentlicht ...

 
 

Rosa war in den frühen 80ern zuerst bei der Band INSISTERS und dann später bei Ulla Meinecke als Keyboarderin aktiv. Beide Projekte waren aber nur kurze Stationen in ihrer Laufbahn. War die Arbeit in einer Band, zusammen mit anderen Musikern, ein zu enges Korsett für Rosa, um sich musikalisch zu verwirklichen?
Nein. Rosa liebte das Gefühl, mit einer Band auf der Bühne zu stehen. Sie hatte ein zwiespältiges Verhältnis zum Scheinwerferlicht. Als Solokünstlerin hatte sie zuviel davon, als Highlight der Ulla-Meineke Band war's genau richtig. Dann wurde sie 1984 auf einer Tournee mit Ulla sehr krank und musste die Tour abbrechen. Sie wurde dann durch George Kochbek ersetzt. Das war ein ziemlicher Tiefschlag für sie. Immerhin hatte sie 3 Jahre in dieser Band gespielt und fühlte sich dort wirklich zu Hause. Das Soloprojekt Cosa Rosa war ja gerade erst im Entstehen. Wir fingen mit dem zweiten Album an, als es ihr wieder besser ging. Wir hatten gerade ein Dachgeschoss in Schöneberg mit eigenem Studio bezogen. Das wurde dann das kreative Nest, oder auch - wie sie fand - unser Elfenbeinturm, aus dem sie dann nur noch für TV Shows herauskam.
 
 

Wie und wo habt ihr euch kennen gelernt?
Das war 1976 in der Eierschale, einem Live Club in Berlin. Dort spielte regelmäßig eine Band mit zwei hängengebliebenen GIs als Sängern, die die beste Soulmusik in der Stadt machte. Ich war damals noch eine lokale Größe und spielte mit meiner Fusion Band "Bakmak" oft im Quasimodo. Irgendwo zwischen Soulmusik und dem Fusionjazz hat es dann gefunkt.

 

Das Vorhaben, ein eigenes musikalisches Projekt zu starten, kam nicht von Rosa alleine, sondern auch von dir, oder? Was war der Auslöser dafür und welche Idee steckte hinter Cosa Rosa? Kann man sagen, dass Cosa Rosa ein Duo war oder war sie die Solokünstlerin und du der Mann im Hintergrund und an den Keyboards?
Rosa und ich waren beide noch Studenten, als wir uns kennenlernten. Ich studierte Musik, sie Architektur. Als sie ihr Diplom hatte, begann sie als Architektin zu arbeiten. Inzwischen spielte ich in der Nina Hagen Band und machte zwischendurch auch noch Studiojobs, um das Equipment aufzuforsten, was damals ja noch sündhaft teuer war. Einer dieser Jobs war ein Album mit den besten Songs von Billy Joel. Das mögen viele belächeln, aber das Zeug ist wirklich super geschrieben und nicht einfach zu lesen, bzw. zu spielen. Ich brachte die Leadsheets mit nach Hause und zeigte Rosa, wie man sie liest und ins Spielen umsetzt. Das ging ziemlich flockig und ich war erstaunt über ihr Talent. Sie hatte zwar oft davon geredet, dass sie Klavierstunden genommen hatte und mit ein paar Leuten in der Lüneburger Heide zaghafte Versuche unternommen hatte, eine Band zu gründen, aber ich hatte das nie wirklich Ernst genommen. Nun war es 1980 und wir konzipierten gerade die Spliff Radio Show, als die Insisters bei Rosa anfragten, ob sie nicht Keyboards spielen will. Die waren mehr wild als begabt, aber irgendwie hatten sie ne Menge Spass und wurden auch sehr schnell immer besser. Ich half Rosa mit Equipment aus, und sie hatte dann die ersten Gigs in Berlin. Herwig Mitteregger (Reinholds Kollege von der Gruppe SPLIFF, Anm. d. Red.) war dann derjenige, der sie für Ullas Band rekrutierte. Da wäre ich - typisch Boyfriend - nie drauf gekommen. Um jetzt endlich die Frage zu beantworten: irgendwann, bevor ich auf Tour mit Spliff ging, zeigte ich ihr, wie man die 4-Spur bedient. Sie überraschte mich dann auf Tour mit einer Cassette voll Songs, die sie allein geschrieben, gespielt, gesungen und gemixt hatte, und die einfach unwerfend atmosphärisch waren. Ich hatte mich wirklich lange genug dagegen gewehrt, meine Freundin (die Architektin und Hobbymusikerin) als Kollegin zu akzeptieren. Aber das waren einfach zu erdrückende Beweise für ihr überbordendes Talent. Da ich bei Spliff immer wieder mal einen Song schrieb, der nicht ins Bandkonzept passte, kam mir die Idee, diese Songs mit Rosas Werken für ein doppeltes Soloprojekt zu verwenden. Zu hören auf dem Album "Traumstation". Eine bizarre Mischung, aber kein in sich stimmiges Album. Rosa musste hier einfach mit der Zeit die Hauptfigur werden. Bei den weiteren Cosa Rosa Alben kam Rosa dann mehr und mehr zum Zug und ich war nur noch gelegentlicher Musiklieferant und Produzent.

 

Mit den Worten "Nach Nena kommt jetzt Cosa Rosa" beginnt das Kapitel über Cosa Rosa in dem Buch "Neue Deutsche Welle - Kunst oder Mode". Konnte man aus deiner Sicht Cosa Rosa überhaupt mit Nena vergleichen?
Die armen Journalisten. Was die sich immer aus den Fingern saugen müssen, damit sie ein paar Teuro Zeilenhonorar kriegen.

 

War Cosa Rosa eine musikalische Erscheinung der NDW oder hatte sie damit gar nichts zu tun?
Ich weiss ganz genau, dass sie sich nicht als Teil der NDW verstand, aber so, wie das heute interpretiert wird, war sie natürlich in dieser Schublade.

 

Wie definierst Du persönlich die Neue Deutsche Welle? Was hat sie ausgezeichnet, woran konnte man sie festmachen und wo lag der Reiz dieser "Bewegung"?
Für mich fing die NDW mit ein paar Gruppen an, die ein modernes Pendant zur Schlagermusik der 50er machten und dabei ne Menge Spaß hatten (nein, nicht Markus, der kam später...). Ich habe vergessen, wie die Spex- oder ME-Journis hießen, die den Begriff ursprünglich prägten. Spliff hatte damit nichts zu tun oder auch nur am Hut. Aber als das ganze zur vermarktbaren Welle wurde, kam jeder, der Deutsche Texte machte, in diese Schublade. Und da sind wir jetzt alle zusammen, solange die Deutsche Pop Geschichte noch von irgendjemandem verfolgt wird. Aus irgendeinem Grund blieb mein Freund Rio Reiser von diesem Phänomen verschont. Er war ja sicher DER Pionier Deutschsprachiger Rockmusik, nicht Udo Lindenberg, wie viele glauben. Die Abfolge war ungefähr so: "Ton Steine Scherben" (Mit Rio Reiser als Sänger, Anm. d. Red.), zur selben Zeit vielleicht noch "Ihre Kinder", dann Lindenberg, dann Nina Hagen, die dermaßen viele andere Menschen im Lande inspirierte, dass es richtig losging. NDW hiess es ab dem Zeitpunkt, als eben jene Journalisten den Begriff prägten. Der Rest sind zahllose Musiker, die auf diesen vielversprechenden Zug aufsprangen. Am Ende war die Spliff'sche Entscheidung, nach der Radio Show wieder Deutsch zu singen, auch eine opportunistische. Als Teil einer "Bewegung" haben wir uns allerdings nie verstanden, obwohl wir ja einen zentralen Anteil an ihrem entstehen hatten (durch unsere Zusammenarbeit mit Nina Hagen). Demzufolge hatte die Bewegung auch keinen Reiz für uns, Rosa eingeschlossen. Frag alle anderen, die damals rumschwirrten und NDW toll fanden.
Meine erklärte Lieblingsband aus dieser Zeit ist Interzone, die nun wirklich nicht mit dem Spaßgedönse mitdröhnten. Und einfach klassisch gut ist alles, was Annette Humpe in ihrem Leben so getrieben hat. Die ragt einsam aus der NDW-Schublade hervor. Damals gab es eine lokalberliner Rivalität zwischen Spliff und Ideal, aber inzwischen ist Annette eine gute Freundin, die ich nicht mehr missen möchte, obwohl wir uns nur selten sehen.

 

Das erste Album mit seiner Singleauskopplung "Rosa auf Hawaii" bescherte euch gleich den ersten Erfolg. Eine Chartplatzierung und TV-Auftritte waren der Lohn für die Arbeit. Erinnerst du dich noch an diese Zeit, als sich die ersten Erfolge abzeichneten?
Zuerst gab es einfache SFB-produzierte Musikvideos für "Im Freien Fall" und "Fahrstuhl", wenn ich mich recht erinnere. Als CBS dann "Rosa Auf Hawaii" auskoppelte, folgte ein weiteres Pre-MTV Video von "Formel Eins", damals die einzige Sendung im Deutschen Fernsehen, die sowas bundesweit anbot. Das Video war extrem albern, aber unser Freund Eisi Gulp war dabei, und das war ja immerhin etwas. Die Zeit war hektisch, Nena beanspruchte mich zunehmend mehr, und Cosa Rosa war eher ein entspannendes Nebenprojekt, bei dem man sich wenigstens ein wenig mit Befriedigung einbringen konnte. Jim Rakete fungierte auch für Rosa als Manager, Fotograf und Berater. Das war für alle damals ein Glücksgriff, weil er wirklich ein guter und kreativer Marketingmann war. Allerdings hatte er dann in 1986 das Gefühl, dass ich ihn mit meinem Ausstieg als Nena Produzent hängen gelassen hatte. So richtig klar wurde mir das allerdings erst, als der Pressetext zum Album "Cosa Rosa" ausschliesslich die Informationen und Formulierungen enthielt, die Rosa und ich NICHT an die Presse weitergeben wollten. Das werde ich ihm nie verzeihen.


Stimmt es, dass sämtliche Instrumente, die gerade in den Songs des ersten Albums zu hören sind, synthetisch, also mit Synthesizer erzeugt worden sind?
Nicht ganz. Das Saxophon auf "Die Frau Is'n Kerl" ist live, von Wilson De Oliveira gespielt. Und meine Handclaps sind zum Teil live. Ansonsten: alles elektronisch, da wir es ja alles alleine einspielten. Zwei Keyboarder mit Zugang zu ner Menge Keyboards und Computern.

 

Mit "Millionenmal" gelang zwei Jahre später ein noch größerer Erfolg. Die Single landete in den Top 10, das Album "Kein Zufall" kam bei Fans und Musikjournalisten gleichermaßen gut an. Wie sind dieses Album und der Hit entstanden?
Die ersten Layouts entstanden noch in unserer Altbauwohnung nahe der Gedächtniskirche. Nach unserem Umzug im Februar 1984 wurde dann im eigenen Studio in Schöneberg richtig produziert.

 

Gab es damals auch eine Tour?
Rosa wurde in der Meinecke Band eine Art herausragende Nebenfigur. Sie war nicht nur lecker anzuschauen, sondern spielte einfach genauso gut wie ihre männlichen Kollegen. Das war damals noch höchst selten.
Es gab nie eine Cosa Rosa Tour. Mitten in der Arbeit an "Kein Zufall", außerdem mitten in einer Ulla Meinecke Tour, wurde sie ja sterbenskrank. Danach hatte sie einfach zu viel Angst, um eine Tour zu starten. Schon die Fernsheauftritte waren eine Tortur für sie.

 

Nur ein Jahr später erschien das Album "Cosa Rosa" mit dem Singlehit "Puppe kaputt". Danach wurde es still um Cosa Rosa. Was war der Grund, warum nach dem 1986er Album keine weitere Produktion mehr veröffentlicht wurde?
Sie war so krank, dass Arbeit nur noch sporadisch möglich war.

 

Gibt es noch unveröffentlichtes Material, was den Weg in die Plattenläden nicht mehr gefunden hat?
Es gibt noch ein paar sehr schöne, unveröffentlichte Songs, die aber nie produziert wurden. Sonst hätte ich die schon veröffentlicht. Aber ich hab leider keinen "Cosa Rosa Stimmsynthesizer". Ganz zu schweigen von der Persönlichkeit hinter den Stücken, die uns mit Sicherheit fehlen würde.

 

Ende der 80er konnte man der Presse entnehmen, dass es Rosa gesundheitlich nicht sehr gut ging. Wie machte sich ihre Krankheit bemerkbar?
Rosa wollte das nie öffentlich machen. Daran werde ich mich selbstverständlich halten. Ich habe nur gerade ihre Wikipedia Seite korrigiert, die ein paar falsche Informationen enthielt. Das Ergebnis ist nicht sehr umfangreich, aber zumindest faktisch korrekt.

 

Leider verstarb Rosa Anfang der 90er an den Folgen ihrer Erkrankung. Du bist bis zuletzt ihr Lebensgefährte gewesen. Was war Rosa privat für ein Mensch?
Wir haben nie geheiratet. Jeden Tag hätte einer von uns seine Sachen packen, und ohne großen Aufwand ausziehen können. Ich glaube, das war ein stabilisierender Faktor. Ich lasse mich gerade nach 12 Jahren von meiner Frau scheiden. Der Glaube an die Institution Ehe will sich einfach nicht einstellen, und alle Erfahrungen geben mir recht.
Rosa war eine eher stille, introvertierte Frau. Allerdings hatte sie einen unglaublich schlagfertigen und trockenen Humor und eine ansteckende Lache, wie niemand sonst in meinem Freundeskreis. Sie war eine unglaublich gute und kreative Köchin, nach ihrer Erkrankung mehr und mehr in Richtung Vollwertkost, ohne dass es je langweilig oder geschmacksarm zuging. Sie hatte ein wunderbares Gefühl für Design und Harmonie im Wohnraum, war romantisch, ohne in Kitsch abzudriften und voller menschlicher Wärme. Unsere Beziehung war sicher nicht ohne Probleme, aber ich kam nie auf die Idee, den Möbelwagen zu bestellen.

 

Danach war auch von dir als Musiker auf der Bühne oder auf Platte nichts mehr zu hören. Was hast du seit Anfang der 90er gemacht?
Was die Bühne angeht, habe mich in meinen Zwanzigern ausgelebt. Nachdem ich dann im Studio Jahre damit zubrachte, anderer Leute Musik zu polieren, wollte ich einfach selbst wieder schreiben. Die Liebe zu Film und Theater habe ich dann damit kombiniert und seit 1996 mit Johnny Klimek und gelegentlich mit Tom Tykwer Filmmusiken geschrieben, eingespielt und produziert. Ich bin heute produktiver denn je, und man kann eine Menge Filmprojekte auch als CD kaufen (z.B. "Lola Rennt" oder "Der Krieger Und Die Kaiserin", aber auch "Land Of The Dead" oder "The Cave"). Seit Anfang September gibt es zum Beispiel den Originalsoundtrack zu "Das Parfum", an dem wir zwei Jahre lang gearbeitet haben. Eingespielt größtenteils von Sir Simon Rattle und den Berliner Philharmonikern. Mit dieser Entwicklung meiner Zweitkarriere bin ich wirklich sehr zufrieden. Da wird noch einiges kommen.

 
 
Interview: Christian Reder
(September 2006)
 
 

   
   
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