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Interview vom 4. Mai 2020

 

001 20200505 1393212801Wolf Maahn ist einer der Musiker, die unheimlich viele Spuren in der deutschen Musikszene hinterlassen haben. Kreativ, engagiert und mit Weitblick setzt er seit über 40 Jahren nicht nur seine eigenen Lieder gut in Szene, sondern saß als Produzent auch schon für Kollegen wie Klaus Lage, Thommie Bayer, Wolfgang Niedecken (BAP) oder Anne Haigis am Mischpult und schrieb Songs für Marianne Rosenberg, Schroeder Roadshow, Nino de Angelo oder Mark Gillespie. Auch Klaus Lages Hit "Monopoli" stammt aus seiner Feder. Er selbst feierte als Musiker Erfolge mit Liedern wie "Fieber", "Rosen im Asphalt", "Hokuspokus" und natürlich "Tschernobyl". Im Februar veröffentlichte der Musiker mit "Break Out Of Babylon" sein dreizehntes Studioalbum und gleichzeitig ein beeindruckendes Konzeptalbum, auf dem es um aktuelle und uns alle bewegende Themen geht. Noch bevor das Corona-Virus in unser aller Leben so einiges über den Haufen warf, hatte unser Kollege Christian die Gelegenheit, mit Wolf über dieses Album und ein paar Dinge mehr zu sprechen. Der aktuellen Lage ist es auch zu verdanken, dass das Interview erst jetzt erscheinen kann ...




Zuerst einmal mein Kompliment für dieses ausgesprochen gelungene Album. In Zeiten, in denen die Leute dazu erzogen werden, alles über 3:30 Minuten Laufzeit als unzumutbare Herausforderung zu empfinden, kommst Du mit einem Konzeptalbum daher. Welche Idee steckt dahinter, ein solches Album mit Leitplanken aufzunehmen?
Die Songs sind der Boss. Die Songs leiten mich. Musikalisch hatte sich seit "Sensible Daten" einiges angesammelt, auch einige Ausflüge zu neuen Ufern, unterschiedliche Styles für die ich erst keine Klammer sah. Dann kam die Idee zu der Geschichte. Bevor es losgeht, erfahren die Hörer meine gedankliche Reise und meine Sicht auf den desolaten Zustand des Planeten.002 20200505 1806795488 Der Startschuss zu der dann einsetzenden Story kam bei einer Schlüsselbegegnung in New York mit einem schwerreichen Zeitgenossen, offensichtlich depressiv. In diesem Typ schien eine Lösung zu schlummern. Es war wie eine Eingebung. Wenn einige Superreiche Einsicht zeigen würden, könnten sie mit ihrer astronomischen Finanzmacht die Welt leicht zum Besseren wenden und wären dabei womöglich auch selbst glücklicher. So mündet "Break Out Of Babylon" in die Story eines zum Wohltäter gewandelten Superreichen. All meine musikalischen Teile machten auf einmal Sinn und hatten ihren Platz.

Die 12 Lieder nebst Bonus-Mix verlangen ja höchste Aufmerksamkeit des Hörers, denn es gibt eine alles umschließende, thematische Klammer.
Man kann es auch sehr gut nebenbei hören. Es war mir schon immer wichtig, dass Musik auch ganz für sich wirkt. Ein Song ist gut, wenn er dich einfängt, auch wenn er unverständlich aus dem Nebenraum rüber schallt.

Ist das Album aus einer Wut heraus entstanden? Ist es möglicherweise gar Angst, die Dich dazu gebracht hat? Oder füllen die Lieder die Lücken, die Greta & Co noch nicht geschlossen haben?
Ein Album aus Zorn und Liebe. Gleichzeitig verspielt und sehr tanzbar. Angst sollte uns nicht leiten. Sie kann zur Falle werden und am Ende gefährlicher als die Gefahr. Alle schauen Glotze oder stundenlang auf ihr Handy. Man erlebt Dinge nicht mehr aus erster Hand. So kann die Fantasie wie ein Pferd durchgehen. Wir kennen das alle, wenn du nicht gut siehst und ein unbekanntes Geräusch hörst, geht das Kopfkino los. Dabei leben wir in einem der sichersten Länder der Welt. Aber die Meinungsfreiheit wird von immer mehr Vollpfosten verschärft missbraucht um gezielt zu desinformieren. Sie schüren Ängste bis die Verunsicherten ihnen hinterherlaufen.

003 20200505 1382898254Klimawandel, Dieselskandal, Armut, verfehlte Politik ... dazu ist in letzter Zeit schon viel gesagt, geschrieben und gesungen worden. Hast Du keine Angst, dass die Leute zu diesen Themen nichts mehr hören wollen und Dein Album deshalb wegen einer Reizüberflutung achtlos liegen gelassen wird?
Stimmt, in dem ganzen News-Gewitter ist das Thema nicht einfach. Die Klimakrise nervt viele, oft genug auch mich. Nur, das hilft uns ja leider nicht weiter. Es kommt sehr darauf an wie man etwas umsetzt. Ich wollte, dass das Album beim Hören Spaß macht. Dass es fett klingt und groovt. Ich wollte kein wütendes Anschrei-Album oder ein zweites "Apocalypse Now" vertonen. Unterm Strich erzähle ich einfach wieder sehr menschliche Geschichten - garniert mit wütenden Schlaglichtern auf ein krankes System.

Eine andere Gefahr ist auch, dass die Medien Deine Platte nicht beachten, weil Du die heile Radio- und Fernsehwelt mit Deinem Anliegen nur stören würdest. Könnte das passieren und gibt es für Dich überhaupt noch eine mediale Plattform, Deine Musik zu präsentieren?
Das musste ich riskieren. Da bin ich Aktivist. Ich wollte Position beziehen und gleichzeitig unterhalten, eine positive Aufbruchstimmung erzeugen. Ja, es gibt einige heftige Tracks, aber bei der Geschichte kann ich musikalisch auch spielerisch sein. Ich singe über seine Beziehungsprobleme oder schlüpfe in die Rolle seiner Frau, die ihm den Kopf wäscht. Seine Erleuchtung groovt dann funky und charmant.

Das von Dir so exzellent ins Licht gerückte "Hamsterrad" greift unser aller Leben auf. Eigentlich stecken wir ja fast alle in so einem Ding. Du eigentlich auch, oder beschreibst Du das aus der Sicht eines der Menschen, die sich daraus schon befreit haben?
Ja, die sogenannte Mittelschicht. Immer mehr Leute müssen hier zwei Jobs machen um über die Runden zu kommen - zusätzlich zu dem ganz normalen Alltagsmanagement. Und nebenbei sollen wir im Unterdeck die CO2 Suppe auslöffeln, während die Kapitäne neue Bohrlöcher suchen. Glücklicherweise gibt es noch andere Phasen, aber ich komme mir auch zeitweise vor als hätte ich zehn Jobs.

004 20200505 1703264643Du gehst die Themen verschieden an. Der erhobene Zeigefinger ist bei Dir aber nirgendwo zu sehen bzw. zu hören. "In der Gegenwart von Schönheit" geht das Thema von innen heraus an, es wird die Zerrissenheit des "Entscheiders" und reichen Industriellen nämlich aus Sicht eben dieser Person erzählt. Die "Ich-Form" macht die Nummer so intim und nah dran. Zwei Lieder weiter gibt's den "Star Investor", der zum Wohltäter wird. Kennst Du solche Personen bzw. einen solche Geschichte, oder sind das Wunschträume, die Du da in Lieder verwandelt hast?
Ich habe einige sehr Reiche getroffen und spürte bei allen eine gewisse Leere. Einer stand angetrunken auf einer Spendengala und wirkte geradezu abgefuckt.

Wo wir gerade bei "viel Geld" sind … Du hast zum Album ja sogar einen Aufruf gestartet, wenn ich das richtig mitbekommen habe. Jemand von den oberen Zehntausend möge Dir 1 Million Euro für den guten Zweck zur Verfügung stellen, er bekommt dafür im Gegenzug was Besonderes von Dir. Kannst Du diese Aktion mal näher beschreiben?
Es geht um eine sehr besondere Charity-Edition des Albums. Eine signierte Geschenkbox plus Privatkonzert, einen maßgeschneiderten, persönlichen Song von mir und weitere Specials. Alles zu finden auf meiner Website. Bedingung zum Erwerb des einzigen Exemplars ist, dass eine Million Euro an zwei gemeinnützige NGOs gespendet werden, je zur Hälfte für Naturschutz und soziale Projekte.

Hat sich da schon was getan?
Bis jetzt vor allem Briefe von Fans die es unbedingt haben wollen, aber gerade nicht das nötige Kleingeld haben. Man wird sehen. Ich rechne damit auch nicht unbedingt. Mein Bild ist folgendes: Wir alle können einzelne wichtige Tropfen in das Fass geben, aber da stehen ein paar Leute mit Eimern. Es geht mir besonders um den Appell und eine Sensibilisierung der Öffentlichkeit für das viel zu wenig beachtete Potential der Megareichen zur Heilung des Planeten. Einige haben mich für naiv erklärt. Dann haben mehr als 300 Medien über meine Millionen Euro Box berichtet und verrückterweise gab Jeff Bezos einige Tage später bekannt 10 Milliarden Dollar für Naturschutz zu spenden. Bei aller berechtigten Kritik an ihm ist das eine enorm hohe Summe.005 20200505 1013272663 Auch seine Ankündigung ging jetzt international durch sämtliche Medien. Das ist gut. Es muss ansteckend werden und regelrecht in Mode kommen! Vielleicht ist es ja über 10 Ecken bei ihm gelandet? Songs nehmen manchmal geheimnisvolle Wege. Ich glaube, wenn wir uns bewegen, sind Wunder nicht auszuschließen.

Im Titelstück ist von einem Ausbrechen die Rede. Was bedeutet "Break Out Of Babylon"? Leben wir alle in einem wie in der Bibel beschriebenen Babylon? Wie das geendet hat, wissen wir ja alle ...
"Babylon" steht für mich für die gewinnorientierte Ausbeutung von Mensch und Natur. Aber natürlich sind auch wir alle Teil des Problems und nicht nur die rasenden Finanzmärkte. Eine gesunde Genügsamkeit in dem, wo Genuss anfängt, geht verloren. Als ich klein war, erlebten wir es als ein grandioses Abenteuer zu fünft im Käfer zum Urlaub auf den Bauernhof zu fahren. Seit ich denken kann hat sich die Komfortzone kontinuierlich verschoben. Jetzt schippern Millionen über die Ozeane oder fliegen rudelartig um die halbe Welt. Selbst, wenn wir klimaneutrale Antriebe hätten, wäre das eine Verarmung der Erlebnisfähigkeit. Elon Musk will uns ja bald massenweise zum Mars bringen. Es wäre vielleicht die einzige Steigerung. Ich glaube allerdings kaum, dass das Spaß macht.

Auch fiel mir besonders das Lied "Aktivist" auf, das eine Art Hymne für die Menschen werden könnte, die unermüdlich gegen all das Kämpfen, was uns zerstört und uns die Grundlagen zum Leben nimmt. Hast Du Dich mit dem Thema und diesen Menschen, von denen man in letzter Zeit ja immer wieder mal was hört, intensiver beschäftigt?
Ich kenne verschiedenste Typen von Aktivisten. Viele können Aktivist sein. Leute, die hinterfragen und recherchieren was stimmt und was nicht, und die dann für den besten Weg streiten auch ohne in Baumhäusern auszuharren, wie es die wahren Helden tun. In dieser verzwickten Lage braucht es Aktivisten. Die Politiker reagieren immer noch viel zu langsam auf die seit Jahrzehnten prognostizierte Erderwärmung. Sie befürchten sie könnten Wähler verlieren. Und dann sind da noch Populisten und Lobbyisten, die das Thema weglachen. Kommt ja gut an. Wer will sich denn schon Sorgen machen und umdenken?

006 20200505 1490565296Wo glaubst Du, liegen die Unterschiede zwischen den Aktivisten aus den 80ern und denen von heute? Viele halten die derzeitigen Aktivitäten ja als "Trendsportart" und hippen Zeitvertreib, also eine temporäre Erscheinung ...
Wir haben heutzutage Social Media und die werden, wie wir wissen, über weite Strecken manipuliert, mit hunderttausenden Bots und Trollen. So können kleine Interessensgruppen tierisch laut werden, desinformieren und die öffentliche Meinung beeinflussen. Und plötzlich bekommen Videos vom Klima-Märchenonkel hunderttausende Views. Dahinter stecken clevere Lobbyisten der fossilen Industrie mit sehr viel Budget. Das wurde gerade von einem 1A Rechercheteam genial aufgedeckt. Googelt mal "Heartland Lobby".

Mal ganz ehrlich: Du siehst, was auf der Welt los ist, wie sich die Menschen benehmen, wie sie miteinander umgehen und dass Kohle immer noch verlockender als eine gesunde Natur ist. Es scheint, es wird immer schlimmer. Woher nimmst Du die Hoffnung, dass sich da noch was ändert. Vor allem, dass sich da noch rechtzeitig was ändert?
Im Gegensatz zu Verschwörungstheorien ist das Besondere bei der Klimafrage, dass eine anerkannte und übergroße Mehrheit ausgewiesener Experten klare Fakten vorlegen. Sie sind nicht parteiisch. Wer das behauptet, weiß nicht wie Wissenschaft funktioniert, wie sehr die sich gegenseitig auf die Finger gucken. Aber auch ohne Wissenschaft erleben wir ja vor unserer Haustür, dass Wetter extremer werden. Aber ok, wenn wir kleine Wesen schon das große Weltklima erwärmen können, dann können wir das auch stoppen. Dazu gehört die Dringlichkeit es zu kapieren und zu handeln. Sollte sich diese Einsicht breit gesellschaftlich durchsetzen, könnte aus der Krise im besten Fall neue Solidarität und bessere Zusammenarbeit erwachsen. Es verbindet uns, ob wir wollen oder nicht, und kann uns zusammenschweißen. Das sind das Ziel und die Chance. Dazu gehört auch die Einsicht, dass die Bestie im Kapitalismus gebändigt gehört.

Neben den Inhalten lieferst Du auch musikalisch interessante Dinge ab. Es gibt auffallend viele Reggae-angehauchte und Reggae-durchflutete Songs auf dem Album. Dabei verbindet man Deinen Namen ja eigentlich weniger mit diesem Genre. Warum ist der Anteil dieser Musik auf der neuen Platte so hoch ausgefallen?
Reggae ist seit Jahrzehnten mein treuer Begleiter. Wir hören als sonntägliches Ritual oft "David Rodigan" auf BBC. Da bleibt man gut dran. Seit zwei, drei Jahren explodiert die Kreativität auf Jamaica. Sie mischen auf geniale Art alle möglichen Styles.007 20200505 1322529389 Das ist teilweise ähnlich abgefahren wie das, was hier Ende der 60er nach "Sgt. Pepper" abging. Reggae rebelliert und kann auch einfach nur Freude feiern, und Reggae hat bis heute diesen starken "Unite" Spirit. Das passt ja auch zu meiner sonstigen Mischung.

Und dann stolpert man über "William's Daughter", einer Chill-Out-Nummer, die so gar nicht auf dieses Album und schon gar nicht in Deine musikalische Vita passen will. Wo kommt dieser Anflug her und wie bist Du zu dieser Art von Musik gekommen?
Einer meiner Tour-Begleiter ist ein Trip Hop-Gourmet, er baut zu Hause selber Beats. Wir hörten einige auf der Autobahn, ich tauchte ein und fand einen sehr inspirierend. Darauf jammte ich und entwickelte den Song.

Der Sound der Songs klingt satt, es ist eine Menge Tiefe in der Musik und trotz Verwendung von "neuartigen" Techniken ist das Album rund und kommt ehrlich rüber. Was war Dir bei der Produktion und beim Klang Deiner neuen Stücke besonders wichtig?
Den Zauber zu schüren.

Herausstechend in den Arrangements ist immer wieder das Gitarrenspiel - egal ob akustisch oder stromverstärkt. Kann man sagen, dass dies eins der Merkmale Deiner Musik ist, die Du über all die Jahre bewahrt, verfeinert und gepflegt hast? Ein typisches Maahn-Mal?
Gitarren haben für mich - elektrisch oder akustisch - eine besondere Power. Sie können aufbauen, durchpeitschen, können ermutigen und küssen.

Wie hast Du mit Deinen Mitmusikanten das Album aufgenommen, und wie lange habt Ihr dafür gebraucht?
Ein paar Tracks haben wir live eingespielt. Die meisten Sachen aber habe ich erst mal alleine vorproduziert, um die Beats und Songstrukturen zu checken und erste Lyrics auszuprobieren. Auch Tempi und Tonarten sind dann schon gut ausgelotet, bevor alle kommen und darauf spielen.008 20200505 1884423325 Das passierte in einer relativ späten Phase und war dann genau die Energiespritze, die noch fehlte. Das programmierte Zeug alleine klingt ja oft nicht lebendig genug. So wurde viel durch echte Player ersetzt.

"Break Out Of Babylon" wird auch auf einer Tour live vorgestellt. Was hast Du für das Publikum vorbereitet? Auf was kann sich der Konzertgänger freuen?
Wir spielen eine längere Strecke vom neuen Album und dazu "Radio Wolf Maahn", das Beste der 80er, 90er und von heute!
(Die neuen Termine der Tour stehen fest. Bitte schaut dazu auf Wolfs Homepage oder in unserem Veranstaltungskalender nach, Anm. d. Red.)

Es ist zu lesen, und wenn man Dir auf der Bühne genau zusieht, dass Du als Linkshänder die Gitarre verkehrt herum spielst. Die Saiten sind also so aufgezogen, als würde sie ein Rechtshänder spielen. Hast Du Dir das selbst so beigebracht oder hattest Du einen Lehrer?
Ich habe mir das selbst so beigebracht, wie ein Eingeborener.

Kennst Du noch jemanden, der Linkshänder ist und die Klampfe so spielt?
Kaum, nur Doyle Bramhall von der Eric Clapton Band.

In Deinen Anfängen war immer von Wolf Maahn & die Deserteure die Rede. Irgendwann ist dieser "Zusatz" für mein Empfinden einfach so verschwunden. Was ist aus dieser Band, die ja ursprünglich mal Deine erste Gruppe Food Band war, geworden?
Richtig, da waren viele Foodband-Mitglieder dabei. Es gab einige Konflikte, auch innerhalb der Band. Irgendwann habe ich beschlossen in anderer Besetzung weiter zu spielen, das war so Anfang 87. Ich suchte neue Inspiration,009 20200505 1468909737 musikalische Veränderungen, wollte mal eher minimalistisch rangehen. Ich hatte Lust auf zwei Gitarren, Bass und Drums. Axel Heilhecker, der Gitarrist, blieb dabei. Einige der anderen sind bei BAP eingestiegen oder haben eigene Pläne weiterverfolgt.

Wenn man die Geschichte so liest, klingt es so, als sei die Foodband Ende der 70er speziell in England ziemlich erfolgreich gewesen. Wieso habt Ihr das damals nicht weiter verfolgt und wieso hast Du stattdessen eine Solokarriere in Deutschland gestartet?
Wir waren zuerst nur in UK released. Nach vielen Jahren und noch mehr Demotapes waren wir verrückterweise bei einem Londoner Label, Cube Records, gelandet. Da waren immerhin schon Joe Cocker, Procol Harum oder Rupert Hine. Sie schickten uns mit Peter Ker, einem angesagten und sehr liebevollen Producer, in diverse Londoner Top Studios, und wir lieferten gut ab. Es gab dann sehr gute Kritiken im "Melody Maker", "Record Mirror" und anderen Magazinen, und zu unserer Albumpräsentation in der "Music Machine" kamen einige wichtige Presseleute. Kurz darauf war eine vierwöchige Tour im Vorprogramm von CARAVAN eingetütet und die BBC lud uns in ein Produktionsstudio ein, um eine exklusive Live-Session einzuspielen. Man kann sagen, wir hatten einen guten Start. Aber dann ging überraschend das Label pleite, und das war´s mit UK und der Tour. Wir suchten eine neue Plattenfirma mit dem erklärten Ziel, endlich auch in Deutschland veröffentlicht zu werden. Es dauerte ein Jahr bis es schließlich klappte, aber ein gewisses Momentum war vorbei - auch bandintern. Es kam zu musikalischen Differenzen und Umbesetzungen. Immerhin hatten wir schöne Gigs in Holland und der Schweiz, und durften im Vorprogramm von Bob Marley und Fleetwood Mac spielen. Schließlich, Ende 81, reifte meine Idee eine Solo-Karriere zu starten und auch mal deutsche Songs zu schreiben, die grooven. Sowas gab es damals irgendwie kaum.

Parallel dazu gab es die Neue Heimat, die mit "Ich bau Dir ein Schloss" aktiv in die NDW eingriff. Was war das für eine Band und stimmt es, dass sie nur für diesen Song als Testballon gestartet wurde?
Ach, es war ein spontaner Joke, eine Satire über einen Skandal beim Wohnungsbaukonzern des DGB. Einige von BAP und Schroeder Roadshow und ich als Lead Sänger haben das so nachmittags eingespielt und dann wieder vergessen. Plötzlich ging es in die Charts, und wir performten einen durchgeknallten Punkschlager in einer großen Samstagabend-Show der ARD.010 20200505 1804656205 Es gab keinerlei weitere Pläne, aber die Plattenfirma wollte ein Album. Zeitgleich suchte Purple Schulz mit seiner damaligen Band dringend einen Album Deal, also nannten sie sich "Neue Heimat", und konnten sofort ihr erstes Album aufnehmen. Einzige Bedingung war, dass dieser verrückte Song drauf kommt.

Ebenfalls in dieser Zeit gab es den Song "Sonne statt Reagan" von Joseph Beuys. Du hast die Nummer damals produziert. Wie kam es dazu, dass der eigentlich als Aktionskünstler und Bildhauer bekannte Mann plötzlich ein Lied aufnahm, und wie wurdest Du dessen Produzent?
Eine weitere Spontanaktion, aber anders. Keine Satire, sondern ein klares Protestlied gegen den NATO Doppelbeschluss. Joseph Beuys wollte ein volksnahes und deutliches Zeichen setzen. Ich glaube für ihn als Aktionskünstler war es einfach eine weitere Aktion, nur woanders und nicht im Elfenbeinturm der Kunstszene. Also wandte er sich an Schmal Boecker, einen seiner ehemaligen Schüler und jetzt Percussion-Spieler bei BAP. Er fragte ihn, ob er ihm helfen könne einen Song aufzunehmen. Schmal trommelte dann die Session zusammen. Die Musik kam von Major Heuser, der Text von einem Werbetexter und ich durfte das ganze produzieren. Es war mir eine Ehre Beuys kennenzulernen und mit ihm zu arbeiten. Ich durfte unmittelbar seine Arbeitsweise erleben. Sehr powerful, sehr zielgerichtet und sehr freundschaftlich. Den Text schrieb er sich auf einen riesigen Zettel und malte sich hieroglyphenartige Zeichen, wo die Betonungen liegen. Er übte es immer wieder, immer wieder. Später haben wir das auf einer Demo vor 300.000 Leuten aufgeführt und danach noch gemeinsam "Deserteure" gesungen.

Ich danke Dir für die Antworten auf meine Fragen. Hast Du abschließend noch ein paar Worte, die Du an unsere Leser richten möchtest?
Vergesst nicht zu tanzen!



Interview: Christian Reder
Fotos: Pressematerial (u.a. Angelika Maahn, Oliver Krings, Andreas Hornoff, Anna Schwarz)





   
   
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