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Interview vom 10. Januar 2020



001 20200116 1333530501Sie sind die, die in besonderen Momenten die Zeit einfach stehen lassen und einen einzigen Augenblick für immer festhalten können: Fotografen. Jim Rakete ist so ein Künstler, der die Leidenschaft des Fotografierens schon als Kind für sich entdeckt hat. Bereits als Jugendlicher war er als Profi für Magazine und Zeitungen unterwegs, und ist bis heute einer der bekanntesten Fotografen unseres Landes. Inzwischen zieren und zierten unzählige seiner Fotografien Plattencover, Frontseiten von Magazinen und andere Publikationen. In den 70ern gründete er die berühmte "Fabrik" in Berlin und wurde zeitgleich Manager für Rockbands. Die Nina Hagen Band, später SPLIFF, Interzone, Nena, Die Ärzte, Prima Klima und viele andere Kapellen brachte Jim Rakete als organisatorischer Leiter voran. Ganze 10 Jahre dauerte sein Ausflug in die Welt des Künstlermanagements und in dieser Zeit hat er viel erlebt. Er reiste mit seinen Bands durch Europa, zog die richtigen Fäden und für einen seiner "Schützlinge" ging er sogar ins Gefängnis. Zuletzt sorgte er 40 Jahre nach einer fehlenden Freigabe dafür, dass das Album der Gruppe Interzone, das 1979 das Debüt der Band werden sollte, doch noch veröffentlicht werden konnte. Es ist nicht bekannt, ob es sowas schon einmal gegeben hat. Vermutlich nicht. Dies nahmen wir zum Anlass, nun endlich auch mal mit dem Mann ein Interview zu führen, der uns in den 70ern und 80ern große Bands und auch großartige Musik beschert hat, der viele Fotos geschossen hat, die jeder Rockmusik-Fan kennt, und dessen Name zwar sehr bekannt ist, sein Gesicht dagegen aber weniger ...

 


 

Wenn man heute über die Musikszene der 80er spricht, fallen immer zuerst auch die Namen Spliff, Nina Hagen, Nena oder Die Ärzte. Du hast sie nicht nur alle fotografiert, sondern warst auch deren Manager. Bist Du vielleicht sogar selbst ein "Popstar" dieser Dekade?
Auf keinen Fall. Mein Platz war hinter der Kamera. Für ein Jahrzehnt habe ich die Fotografie ganz in den Dienst der Musik gestellt, und das war ganz richtig so.

Ich finde die Frage durchaus berechtigt, denn gerade was die Fotos betrifft, fällt Dein Name immer wieder. Ich hoffe, dass es mir mit meinen Fragen in diesem Interview gelingen wird zu zeigen, wie ich auf diesen Gedanken gekommen bin. Bereit für eine Zeitreise?
Go.

Ich habe gelesen, Du seist als Kind schon sehr früh mit einem Fotoapparat in Berührung gekommen. Stimmt das? Wann und wie fing es bei Dir mit dem Fotografieren an?
Ich stellte einen Stuhl auf den Tisch, und fand auf dem Schrank eine ganz einfache Box. Dann habe ich so lange meine Familie genervt, bis es einen Film dazu gab. Die Kamera war zwar einfach, aber sie brachte mir bei, die Dinge im Ausschnitt zu sehen. Ich konnte die Zeit anhalten, zwölfmal pro Film.

002 20200116 1380129801Was war die erste Kamera, die Du Dein Eigen nennen durftest?
Die erste Kleinbildkamera mit allen Schikanen war eine Praktika. Sie hat mich lange begleitet.

Hast Du Dir die Kniffe und den Umgang mit der Kamera selbst beigebracht oder hattest Du einen Lehrmeister zu der Zeit? Immerhin reden wir ja noch von der analogen Fotografie und nicht der Digitalen mit all seinen Hilfsmitteln ...
Ich fürchte, insgesamt habe ich das Beste aus meinen Fehlern gemacht - die guten habe ich verstärkt, die schlechten vermieden.

In Deiner Biographie steht, dass Dich die "Erotik des Auslösens" von Anfang an fasziniert hat. Kannst Du dieses besondere Gefühl mal beschreiben? Was ist dieser besondere Reiz und wie fühlt er sich an?
Du hast die Zeit auf der Fingerspitze, wenn Du auslöst. Schon den Druckpunkt genau zu kennen, erfordert ein gutes Gefühl. Erst ist da die Ahnung eines richtigen Moments. Und dann spürt man den Ablauf in der Kamera: wie der Spiegel hochklappt gegen die Mattscheibe, wie die beiden Verschlussvorhänge an der Filmebene vorbeirasen, und die Belichtung ermöglichen. Jedes dieser feinmechanisch bedingten Geräusche, buchstäblich jeder Handgriff, der sie verursacht, machte Vergnügen. Nicht zu vergessen aber: mit jedem Foto kam ich Personen näher, die ich kennen lernen wollte. Was damals anders war, die ganze Dunkelkammerarbeit war einerseits lästig, aber heute erscheint es mir wie ein unglaublicher Luxus, dass ein Fotograf alles zweimal erlebt: erst als Realität, und dann noch mal Stunden später, als Bild.

Hast Du nach Deiner Schulzeit gleich den Beruf des Fotografen ergriffen oder gab es noch einen anderen, den Du nach der schulischen Ausbildung erlernt hast?
Zur Schule hatte ich da bereits einen Wackelkontakt. Für meine Lehrer und mich war es eine Erleichterung, dass wir uns trennten. Meine Ausbildung war das Machen.

003 20200116 1329595206Du sollst bereits mit 17 Jahren als professioneller Fotograf für Zeitungen unterwegs gewesen sein. In dem Zusammenhang fallen Namen wie Jimi Hendrix, David Bowie und Mick Jagger, die Du abgelichtet haben sollst. Stimmt das, und wie kommt man als so junger Bursche an so große Aufträge?
Erst habe ich für eine Agentur gearbeitet, noch zur Schulzeit, und dann gleich frei für Tageszeitungen. Traditionell habe ich Unfälle und Großfeuer nicht ganz so spannend fotografiert, wie beispielsweise Filmleute, Autoren oder Rockmusiker. Diese Schlagseite konnte ich nicht verbergen. Ich fand ja selbst, dass ich besser in die Kultur passte. Obwohl ich mich deutlich erinnere, dass mein erstes Pressefoto Willy Brandt war. Ich war dreizehn, kletterte bei den Mai-Demos ein Gerüst hoch, und knipste ihn mit meiner 18cm Optik. Das Bild hängt heute bei unserem Bundespräsidenten.

Bestimmte die Fotografie Deine ganze Jugendzeit, oder konnte man Dich auch mal auf dem Bolzplatz oder in der Tanzschule antreffen?
Leider nein. Dazu fehlte die Zeit. Ich musste abends immer Filme entwickeln, oder Konzerte knipsen.

In unserer Leserschaft gibt es große Jagger- und Bowie-Fans. Kannst Du Dich noch an die Momente erinnern, wo Du die beiden vor der Linse hattest? Zu welcher Gelegenheit war das und vor allen Dingen, WIE war das?
Bowie traf ich auf der Rückreise aus Japan auf dem Bahnhof Zoo in Berlin. Er hatte aus Flugangst die Trans-Sibirien-Eisenbahn nach Paris genommen, und hatte einen kurzen Aufenthalt in Berlin. Ich war völlig umgehauen von seiner freundlichen Höflichkeit. Er tauschte Vitamintabletten gegen ein paar Zigaretten, plauderte mit den Fans auf dem Bahnsteig, die mitten in der Nacht dort rätselhafterweise aufgetaucht waren. Die Leute in seinem Abteil hatten keine Ahnung, wer er war. Zwei Wochen später hat er dann in London seine Band aufgelöst, mitten auf der Bühne. Den Musikern sind fast die Instrumente aus der Hand gefallen. Er kam dann als Thin White Duke zurück auf die Szene, und es gab diesen tollen Moment , ganz am Ende vom schier endlosen Finale von GOLDEN YEARS, als er diesen unglaublich hohen Kick machte. Der Augenblick, in dem seine Fußspitze fast die Scheinwerfer berührten, war ein so exakter Blackout, dass es dieses Bowie Bild von ihm nie gegeben hätte, wenn ich auch nur eine Zehntelsekunde später abgedrückt hätte. Nebenbei bemerkt war das jenes Konzert, in dem Christiane F direkt vor der Bühne stand. Die Stones durfte ich immer mal wieder fotografieren, aber die allererste Begegnung werde ich so schnell nicht vergessen - die Teldec hatte zu einer Pressebegegnung Ende der 60iger mit ihnen in Hamburg eingeladen, und sie auf eine Hafenbarkasse gebracht. Kaum hatten die Fünf sich hingesetzt, legte das Boot ab, und nun mussten sie stundenlang Interviews geben. Die Stimmung war dementsprechend.

004 20200116 1254189926Wann überhaupt ist es passiert, dass Du Deine Leidenschaft für das Fotografieren mit der für die Musik verbunden hast? Und auch hier die Frage: Was war für Dich der zündende Moment, in dem Dich die Musik nicht mehr losgelassen hat?
Ich war von beidem sehr begeistert, aber deutlich talentierter an der Kamera. Es mag auch eine Rolle gespielt haben, dass die 68er Bewegung in Wirklichkeit 1967 begann. Ich hatte schon das Gefühl, dass man das dokumentieren sollte. Vor einem guten Jahr, zum fünfzigjährigen Jubiläum, gab es dann eine Ausstellung im Haus der Geschichte, mit den Bildern der damaligen Fotoagentur von Ludwig Binder, für die ich arbeitete, und mit den Porträts der 68er Protagonisten, die ich für diese Ausstellung gemacht hatte - von Uschi Obermeier bis zu Otto Schily.

Mit der "Fabrik" hast Du 1977 nicht nur eine Fotoagentur gegründet, sondern bist selbst als Manager für Musiker tätig geworden. Wie wird man als Fotograf Manager von Bands, und wer war Dein erster "Klient"?
Ich wollte damals unbedingt so einen ungestümen Laden aufmachen, in dem sich möglichst alles überschneiden sollte. Plattencover, Illustriertenstrecken, Werbeaufträge. Dann traf ich aber, unmittelbar vor der Eröffnung, auf diese irre begabte Nina Hagen Band. Die haben dann beim Opening im Fotostudio gespielt - genau so lange, bis die Polizei kam.

Für eine solche Aufgabe braucht es doch sicher auch Kontakte. Hattest Du diese damals schon oder hast Du sie Dir erst mühsam selbst erarbeiten müssen?
Durch viele Tourneen und Fotosession zu Plattenfirmen hatte ich zwar sehr gute Kontakte. Entscheidend aber war die damalige Mannschaft bei der CBS, die unglaublich ehrgeizig war. Für die Band und mich ein perfect match. Nie hat es mehr Spaß gemacht, als in diesen frühen Tagen mit Jochen Leuschner, Heinz Canibol, Christa Zentgraf und Hubert Wandjo. Und für die Tourneen gab es die Legende Fritz Rau, den ich schon Jahre kannte, und später Marek Lieberberg. Dann kam recht bald der kürzlich verstorbene Edo Zanki in unser Künstler-Roster, und dann natürlich auch Interzone.

005 20200116 1344655734Ich hatte anfangs ja schon ein paar Namen genannt, und wenn da nun auch noch Annette Humpe dazu gekommen wäre, wäre die erste Reihe der 80er Rock- und Popmusik aus West-Deutschland nahezu komplett gewesen. Du hast all Deine Schützlinge selbst entdeckt, ist das richtig?
No way! Nina Hagen hatte bereits ein Vorleben in der DDR, das ich aber überhaupt nicht kannte. Nena hatte bereits eine Band namens THE STRIPES in Hagen gehabt. Ich hatte lediglich einen guten Instinkt dafür, wie das funktionieren könnte - sonst hätte das vorher schon gezündet.

Auch DIE ÄRZTE? Wie bist Du auf sie gekommen und wie kam es zur Zusammenarbeit mit den drei Jungs?
Ich fand sie unglaublich. Und das finde ich noch immer. Wir haben zusammen gefunden, weil sie ihren Act auf professionellere Füße stellen wollten. Die Ärzte wollten lernen, lernen, lernen. Und das erwarteten sie auch von allen Anderen. Ich muss heute noch darüber lachen, wie sie damals einen Computer bei mir einrichteten - den ersten, wohlgemerkt- und ihn gleich mal Herbert Grönemeyer nannten. Sie hätten jede Tür aufgekriegt, da bin ich mir sicher.

Ich hatte im Laufe der Jahre bis auf Manne alle Musiker von SPLIFF schon zu Interviews bei mir. Mit allen wurde natürlich auch das Thema Nina Hagen und die schwierige Zusammenarbeit besprochen. Jetzt interessiert mich natürlich auch Deine Sicht und wie man als Manager damit umgeht, wenn die Frontfrau mit der genialen Band nicht mehr kann. Hat Dich das die ersten grauen Haare gekostet?
Grau war ich schon. Aber es hat mich den letzten Nerv gekostet. Letztlich biege ich mir die Geschichte heute ein bisschen zurecht, wenn ich sage: enttäuschen kann man sich nur selber. Damals war ich so abgrundtief traurig, dass es nicht hielt. Es hat zwei Jahre gedauert, bis alles gut auseinander dividiert war. Da wird das Arbeiten ja zum Abenteuer. Wie ging das Ganze überhaupt los und wie stellte sich die Situation damals dar? Wir hatten damals eine Deutschland-Tournee hinter uns und auch ein paar Europa-Konzerte gespielt. Danach stand noch ein zusätzlicher Fernseh-Termin in Brüssel an, interessanterweise ein gemeinsamer Gig mit BLONDIE. Wir sind auf Ninas Wunsch immer mit der Bahn gefahren, weil sie damals nicht fliegen wollte, und haben uns für die Reise nach Brüssel nachts am Bahnhof Zoo getroffen, um dort den Nachtzug zu besteigen. Nina hatte sich vor der Abfahrt mit einem Schlafwagenschaffner auf Russisch überworfen und ist deshalb aus dem Zug gesprungen.006 20200116 1213828731 Ich lief ihr dann nach aber sie hatte sich auf dem Damenklo im Bahnhof Zoo vor mir versteckt. Ich bin dann mit der Band und ohne sie trotzdem Richtung Brüssel losgefahren und wir mussten den Leuten dort vor Ort eröffnen, dass Nina nicht mit dabei war. Am nächsten Morgen stellte sich dann heraus, dass sie nur noch alleine oder unter völlig anderen Bedingungen weitermachen wollte. Die geänderten Bedingungen waren die, dass sie die Hälfte von allem haben wollte, und wir sollten uns mit dem Rest begnügen. Das haben wir abgelehnt, denn so waren unsere Verträge nicht ausgehandelt. Wir saßen dann zwischen Baum und Borke, denn wir hatten einen Vertrag mit der CBS, Tournee-Verpflichtungen mit Fritz Rau zu erfüllen usw. Eine lange, lange, lange Story. Als klar war, dass sie nicht zurückkommen würde, haben wir uns zusammengesetzt um zu gucken, wie es weitergehen kann, während Nina sich schon auf den Weg nach Amsterdam zu Herman Brood machte. In der Folge hatte sie mit Herman Broods Gitarristen ein Verhältnis, aus dem ihre Tochter Cosma Shiva hervorging. Sie war jedenfalls erstmal aus unserem Blickfeld verschwunden und hat u.a. Levis-Werbespots gemacht - Dinge, die wir damals so nie gemacht hätten. Die Band wollte weitermachen und suchte nach einer anderen Stimme, die genauso gut singen konnte wie Nina. Ich sagte darauf nur, "Das könnt Ihr gerne machen, aber es gibt keine andere Stimme wie Nina! Da könnt Ihr jetzt ganz Europa rauf und runter casten ... Ihr werdet keine finden."

Stattdessen ging die Band ja bekanntlich andere Wege ...
Wir haben daraufhin die "Spliff Radio Show" geschrieben und die Jungs haben sich auf ihre Stärken konzentriert. Statt einer neuen Sängerin kamen andere Gast-Stars, wie z.B. mein Lieblings Radio-DJ Rick De Lisle, dazu. In der Zeit bin ich auch noch rumgefahren, um die Scherben wieder zusammenzukitten und zu sehen, wie man mit Nina vernünftig auseinander kommt. Als Nina Hagen Band konnte die Band schließlich nicht mehr auftreten, denn es fehlte Nina Hagen. Trotzdem hatten Nina und die Band einen Vertrag mit der Plattenfirma der besagte, dass noch ein Album gemacht werden muss. Irgendwann gab es dann auf dem Lorelei-Felsen ein Treffen mit Nina, ihrer Mutter, Fritz Rau und mir, bei dem wir beschlossen, dass wir diese ausstehende Platte noch machen würden. Das ganze Material für das Album "Unbehagen" war ja schon geschrieben und Nina sagte, sie komme dann zum Singen ins Studio. Die Band hat daraufhin alle Tracks eingespielt, dann kam Nina mit ihrem frisch geborenen Kind ins Studio, hat ihren Part eingesungen und ist dann wieder verschwunden.007 20200116 1556964974 Anschließend kam die Band wieder zurück und hat alles gemischt. Nachdem die Platte im Kasten war, kam die CBS auf uns zu und hat separate Verträge mit beiden Parteien gemacht. Die Band bekam einen eigenen Künstlervertrag, und Nina auch. Damit war die Nina Hagen Band Geschichte und die Spliff-Zeit fing an.

Ging mit der Trennung von SPLIFF und Nina eigentlich auch Deine Zusammenarbeit mit ihr auseinander? Die Band haben die Jungs und Du ja ziemlich weit nach vorn gebracht, aber was wurde aus Nina danach?
Nina war über einen kleinen Umweg über Herman Brood irgendwann bei Zappas Management in LA unter Vertrag. Dann folgte wohl noch eine lange Phase auf Ibiza, und nun ist sie schon lange wieder hier in Berlin. Ich glaube, sie singt Brecht Songs im Berliner Ensemble.

SPLIFF waren ihrer Zeit immer sehr weit voraus, und das hast Du ja auch so erkannt. Ich erinnere mich an ein Interview, in dem Du das selbst so ähnlich formuliertest. Wäre die Band nicht auch reif für den internationalen Markt gewesen? Sound, Auftreten und Inhalt hätten doch durchaus auch im Ausland für Erfolg sorgen können, oder?
Stimmt, Spliff wäre ausgeschnitten gewesen dazu. Speziell nach der Spliff Radio Show, die ja eine kleine Rockoper war. Nur war Anfang der 80er gerade die Zeit der deutschen Texte angebrochen. Spliff hatte eine seltsame Mystik und eine scharfe Ironie in den Texten. Es wäre nicht ganz leicht gewesen, das zu übersetzen. Ich kann es selbst kaum glauben, aber die größten Erfolge von Spliff waren - deutsch. Was sie so international machte, hatte viel mehr mit ihren Produktionen, und mit ihrem musikalischen Level zu tun.

Stattdessen machten sich Teile der Kapelle selbstständig. Reinhold mit Rosa Precht und Herwig mit sich selbst. Wie hast Du die Ausflüge in die eigenen Projekte der Junge damals wahrgenommen und ahntest Du da vielleicht schon, dass sich das Große und Ganze bald auflösen würde?
Ich war doch selbst die ganz große Freiheitskanone. Mit welchem Recht hätte ich da jemanden zurückpfeifen sollen? Es war eine seltsame Zeit, weil ganz Vieles davon, was sie einzeln produzierten, auch wirklich interessant war. Und doch merkte man, dass der gemeinsame Nenner ab da ihr Studio und ihr Verlag waren. Das kann keinen wundern, der den Hunger eines Künstler nach eigenen Produktionsmitteln kennt. Ich habe artig auf ein neues Spliff Album gewartet. Es kam jahrelang keins. Vor ein paar Tagen hörte ich, dass es bis letztes Jahr noch Versuche gab, dass Reinhold, Potsch und Herwig etwas zusammen machen, aber es ist nichts erschienen.

008 20200116 1250920652Eine englische Platte, nämlich die "85555", gab es aber doch. War das ein Versuch, international was zu reißen oder einfach nur ein nettes Experiment für den deutschen Markt?
Umgekehrt! Nach der "Spliff Radio Show" hatten die Jungs Lust, was auf Deutsch zu machen. Sie hatten dafür auch schon viele Ideen. Davon gab es dann eben auch eine englische Version, die aber eher das Experiment war. Die deutschen Inhalte der Songs ließen sich auch nur schwer ins Englische übersetzen. Dabei ging viel von der Ironie verloren. Letztlich ging das deutsche Album auch richtig durch die Decke. Ich glaube, es hat doppelt Platin bekommen ...

Der internationale Erfolg, der hier nicht zustande kam, gelang Dir dafür aber mit NENA und den "99 Luftballons". Kannst Du mal kurz erzählen, wie Du diesen Erfolg damals erlebt hast? Zeichnete sich das vorher schon ab, oder hat Dich das komplett überrascht?
Wie hätte mich das nicht überraschen können? - Der Song war ja schon so ein Unikum aus zwei Songs, wenn man ehrlich ist. Und nein, es zeichnete sich nicht ab, dass das in Amerika laufen würde - bis es dann auf den College Stations gespielt wurde, und Rodney Bingenheimer das ständig in L.A. spielte. Dann ging das Ding auf Eins, und die Amerikaner machten ein Album mit englischen Versionen. Alles wurde ein bisschen ... groß.

Wie sind Nena und Du eigentlich zusammen gekommen? Kanntest Du schon ihre Arbeit unter dem Namen STRIPES oder kam der Erstkontakt viel später?
Ich lernte sie kennen, als sie noch bei den Stripes war. Bei einer Silvestersendung im Rias. Ein klitzekleiner Moment zwischen Tür und Angel, unauslöschlich.

Auch hier ist SPLIFF ja nicht ganz unbeteiligt, kam der Sound der Nena Band letztlich ja aus dem SPLIFF-Studio. Würdest Du die freche Behauptung, ohne SPLIFF gäbe es Nena heute in der Form und mit der Wahrnehmung, die sie ja hat, gar nicht, teilen oder ihr vehement widersprechen?
Wenn ich dazu eine Meinung hätte, wie könnte ich sie belegen? - Fest steht, dass die Nena Musiker, Nena und Rolf, und die beiden Spliffer für diese beiden Platten eine unschlagbare Kombi waren. Vielleicht hätte es ohne Spliff ein bisschen länger gedauert. Und Zeit ist ein Faktor.

009 20200116 1113012972Eine weitere großartige Band mit einem Sänger, den es so vorher und nachher kein zweites Mal gab, war INTERZONE mit Heiner Pudelko. Wie und wo hast Du diese Kapelle entdeckt?
Er hat mich entdeckt, nicht umgekehrt. Heiner kam mit seinem Keyboarder in mein Studio, steckte ein Tape in meine Anlage, und sie haben unentwegt auf mich eingeredet, bis ich sagte: "Ich würde jetzt wirklich gern das Band hören." Und ab da haben wir geackert wie die Brauereipferde. Die erste Platte ist dann daran gescheitert, dass wir die schönen Texte von Wondratschek nicht verwenden durften.

Das wäre meine nächste Frage gewesen ... Das erste Album, das diese Band aufgenommen hat, ist damals nicht veröffentlicht worden. Der Dichter Wolf Wondratschek, dessen Texte die Band vertont hatte, verweigerte damals seine Zustimmung für eine Verwendung auf Platte. Kannst Du Dich daran noch erinnern? Sowas kann für eine Band ja auch den Todesstoß bedeuten, wenn sowas passiert ...
Und ob. Es war auch ein schreckliches Telefonat zwischen Wolf und mir, an das er sich gar nicht mehr erinnert. Wie merkwürdig - heute, da wir einander so gut kennen, kann ich mir unsere Unhöflichkeiten nicht einmal vorstellen, aber damals war es so, er hatte der Band die Tür vor einer Interessanten Zukunft zugeschlagen, und für mich kam das völlig aus heiterem Himmel. Es war aber kein heiterer Himmel - er saß in NY, und er hatte eine schlechte Zeit.

Letztlich ist die Platte im vorletzten Jahr auf Vinyl und im letzten auf CD erschienen. Wir haben sie bei uns mit einer ausführlichen Rezension vorgestellt. Wie kam es denn jetzt dazu, dass das Album nun doch - 40 Jahre später - erscheinen konnte?
Was schuldet man seiner Geschichte? Es gab diesen Zufall - dass wir mit dem WERKBUND Museum eine Fotoausstellung über die Begegnung Interzone & Rakete gemacht hatten. Es war ein gelungener Eröffnungsabend, klein und fein, zwei der Interzone Musiker waren da, und auch Heiners Frau. Am Ende dieses Abend sagte mein Freund Micha völlig unvermittelt zu mir: "Jetzt musst Du aber auch die Platte rausbringen." Nun, nun. Ich habe lange überlegt, und zunächst schien es unmöglich, auch nur Bänder aufzutreiben. Das Verrückte war, dass in dieser Band so irre viel geprobt wurde, dass jeder Musiker bei den Durchläufen seinen eigenen Kassettenrecorder hatte mitlaufen lassen, um sich die Änderungen zu merken. Angela und ich fanden zunächst ganz viele Bänder, aber keine Tascam Bandmaschine mehr, auf der wir sie hätten abhören können. Nach und nach kamen dann von den anderen Interzone Musikern noch ein paar Bänder, teils auf Kassette. Als wir sie endlich digitalisiert hatten - teils im Ethnologischen Museum, teils in der Akademie der Künste, gab es ja immer noch die Frage, ob man es wagen sollte, solche abgerockten Aufnahmen überhaupt zu veröffentlichen. Ich schickte die Dateien an Udo Arndt - den früheren Co-Produzenten und Toningenieur von Interzone - nach Spanien, wo er heute lebt, und sich tunlichst solchen Unternehmungen verwehrt. Dann sagte Udo, das sei zu machen.010 20200116 1949008924 WAS er gemacht hat, WIE er's geschafft hat, wird ein Rätsel für die Welt bleiben. Ich hatte ihn immer für ein Genie gehalten, aber nun muss ich ihn unter Soundgott im Telefonregister führen. Dann haben wir die Platte auf dickem Vinyl pressen lassen, und sie zum Release in einen Plattenladen gegeben, in einer völlig minimalen Auflage. Wondratschek kam zur Premierensendung auf Radio Eins, und angereist waren auch Bibi, Hans und Trotter für die Live-Sendung. Zwei Tage später war die durchpaganierte Auflage vergriffen. Dann haben wir sie noch einmal als CD veröffentlicht bei REPERTOIRE in London.

Von der Band leben heute ja ein paar der Musiker nicht mehr. War das letztlich auch Dein Wunsch, den bereits vorausgegangenen Jungs damit posthum nochmal die Ehre zukommen zu lassen, die sie sich damit und mit all den anderen Sachen, die sie gemacht haben, verdient haben?
Wie gesagt: vier der Musiker der ersten Stunde sind da, und das war wohl einer der tollsten Momente, dass sie sich alle getroffen haben. Axel Fuhrmann, Trotter Schmidt, Hans Wallbaum und Bibi Schulz. Und alle zusammen werden wir immer vermissen den charismatischen Heiner Pudelko, den gnadenlosen Leo Lehr, den auf Trotter Schmidt gefolgten Kurt Herkenberg, und seit letztem Jahr leider auch den auf Axel Fuhrmann gefolgten Ingo Bischof am Keyboard.

Um die Band und Dich rankt sich ja eine Geschichte, die ich mal kurz hier zum Thema machen möchte. Stimmt es, dass Ihr damals im Jahre 1980 in einer Nacht- und Nebelaktion die Berliner Mauer mit dem INTERZONE-Logo bemalt habt und dafür verhaftet wurdet?
Nachts haben wir die dreissig Meter schwarz gemalt. Am kommenden Morgen habe ich mit Riesenschablonen in Schreibmaschinenschrift INTERZONE draufgeschrieben. Und dann bin ich verhaftet worden. Die Fotos hatte ich aber noch schnell gemacht, bevor man mich wegbrachte.

011 20200116 1093535685War dies damals so geplant um entsprechend eine große Aufmerksamkeit für Band und Album zu bekommen, oder ging das einfach nur gehörig schief?
Wir wollten genau das. Die Rückseite der Mauer. Staunende Miltärpolizisten. Viele Polizeiautos, und schöne Fotos. Das kleine Kunstwerk an der Mauer hat dann Jahre überdauert, direkt bei Rene Mössinger und ihrem TEMPODROM. Es ist erst von der NVA übermalt worden, als der damalig US Präsident zu Besuch kam.

Hast Du Heiner bei seinen Solo-Sachen eigentlich auch "vertreten"? Viel ist über ihn ja nicht bekannt. Was war er für ein Mensch?
Er war ein stilbewusster, gebildeter Kerl, zuweilen recht exzentrisch, und schwer von etwas abzubringen, das er sich einmal in den Kopf gesetzt hatte. Sagen wir es so: wir haben uns unentwegt gestritten, aber mit allergrößtem Respekt voreinander. Er hatte ein feines Gespür für das Echte, und einen schäferhundartigen Instinkt gegen das Aufgesetzte. Ich habe nie wieder jemanden getroffen, der so scharf unterscheiden konnte zwischen dem, was nur gut gemeint war, und dem, was dann wirklich in Kunstverdacht stand. Schon seine Sprache war nicht einfach originell, sondern wirklich erlesen. Bis zum heutigen Tag höre ich seine Stimme, und damit meine ich nicht: auf Platte, sondern immer dann, wenn er einen seiner Kommentare abgegeben hätte. Dazu kam sein etwas bösartiger Humor, der dann wechselstromartig in völligen Ernst übergehen konnte. Ja, er konnte nerven - aber er war so zuverlässig, wie eine Schweizer Uhr. Mir fiel erst in den letzten Jahren auf, dass wir eigentlich selten etwas privat zusammen machten. Es gab dann diese scheinprivaten Momente. "Nehmen wir unsere Räder", sagte er dann, "wir fahren um den See." Und nach ein paar Kilometern war er völlig ausgelaugt, weil er mir eigentlich nur ungestört eine neue Idee verklickern wollte. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass er mit seinem gewagten Gesangstil viele Bands beeinflusst hat - es gibt sogar eine Band in Berlin, die Interzone bis auf die einzelne Note nachspielt. Und nein, ich habe ihn dann später in seiner Solokarriere nicht mehr vertreten. Für mich war Interzone ein wichtiges Kapitel.

Es gab noch andere Namen in Deiner "Kartei", z.B. Sternhagel, Morgenrot und ich glaube auch Prima Klima. Wieviele Bands hast Du insgesamt als Manager betreut?
Es wird ein Dutzend gewesen sein.

012 20200116 1402563557Ich hatte Dich vorhin nach Deinem ersten "Klienten" gefragt. Darum auch die Frage, wer die letzte Kapelle war, die in Deine Agentur kam ...
Last but not least waren das die ÄRZTE.

Es ist zu lesen, dass die "Fabrik" bis 1987 existierte. Hast Du das Unternehmen aufgegeben, an einen anderen Fotografen verkauft oder einfach nur umbenannt, weil Du Dein Angebot "umgestellt" hattest?
Ich habe damals die Büroräume in der Leibnitzstraße dem Musikanwalt Axel Schwarzberg überlassen, und mich voll auf das Fotostudio am Oranienplatz konzentriert. Annette Humpe, Siggi Loch und ich haben dann ACT gegründet, ein Plattenlabel, das in Hamburg und Berlin operierte. Loch hat es später sehr erfolgreich zu einem Jazz Label ausgebaut, und sich damit einen stolzen Wunsch erfüllt. Annettes immense Glückssträhne als Produzentin hatte begonnen, und ich war dann ohnehin die Neunziger über sehr viel in Amerika und Hamburg unterwegs.

Für Dich ging es dann rein nur noch um die Fotografie, das Managen hast Du danach sein lassen, richtig? Warum hast Du da nicht weitergemacht? Immerhin hast Du mit Deinem Gespür für große Talente der Deutschen Musikszene richtig gute Künstler verschafft ...
Darauf gibt es zwei Antworten. Die FABRIK hatte sich deutschen Künstlern verschrieben, und mit den besten von ihnen haben wir gearbeitet, und wenn wir nicht mit ihnen verbunden waren, doch mindestens freundschaftlich kooperiert. Dasselbe galt auch für die Plattenfirmen. In der Fabrik haben wir diese Leute und diese Platten gemocht. Danach kamen andere Sachen in der Musik. Vielleicht nicht besser, vielleicht nicht schlechter. Aber eben nicht der Stoff, der mich begeisterte. Diese Management-Sache wollte ich nie für immer machen. Ich kann von Glück sagen, dass wir nur Künstler hatten, die wir wirklich mochten. Der zweite Grund ist, dass ich nie einen deutschen Musikgeschmack hatte. Bei mir lief's umgekehrt: erst Elvis, und dann den Rest. Erst AFN, und dann SFB. Die großen Veränderungen kündigen sich auch in der Sprache an. Als man hierzulande auch mal etwas Anderes als den Schlager hören wollte, kam ein anderes Deutsch auf den Tisch (im jungen deutschen Film war es zuvor schon ebenso).

013 20200116 1211412915Aber auch danach konnte man Deinen Namen in vielen Fotocredits von verschiedenen Musikern lesen. Unser Freund Stefan Waggershausen z.B. hat sich zuletzt von Dir fotografieren lassen. Die Nachfrage nach Dir und Deiner Kunst ist in der Musikszene demnach also nicht abgerissen ...
... da, wo Fotografie gefragt ist, mag das stimmen.

Worauf achtest Du beim Fotografieren besonders? Es heißt ja immer, es komme auf den "besonderen Moment" an, den es einzufangen gilt und die Sekunde, "in der die Zeit angehalten werden muss". Woran erkennst Du so einen Moment bzw. was löst in Dir den Impuls zum "Abdrücken" aus?
Erst fängt man mal so an, dann wartet man auf das Unerwartbare. Der Rest ist Instinkt.

Ich glaube, es war 2000 als Du Dich nicht als Fan der digitalen Fotografie geoutet hast. Hast Du Dich inzwischen mit dieser Art des Fotografierens angefreundet, oder stehst Du damit noch immer auf Kriegsfuß?
Wir halten einen Burgfrieden, die Digies und ich.

Bist Du der Meinung, dass man inzwischen auch mit digitalen Kameras Bilder machen kann, die künstlerischen Ansprüchen genügen, oder kann man diese Qualität tatsächlich nur mit analogen Geräten erzielen?
Für Andere leichter, als für mich. Ich suche ja auch in der digitalen Fotografie eher nach analogen Elementen.

Für die Fotografen unter unseren Lesern: Mit welcher Kamera arbeitest Du hauptsächlich und welchen Objektiven vertraust Du?
Arbeiten: mit allem, das ich in die Hand bekomme. Vertrauen: ein wenig in die Leica.

014 20200116 1463611028Hast Du einen Tipp für junge Menschen oder überhaupt für Leute, die mit dem Fotografieren anfangen möchten? Vielleicht nicht, was die Technik betrifft, sondern eher auf was man besonders achten sollte ...
Man sollte die Geschichten der Anderen erzählen, nicht seine eigenen.

Nun gibt es von Dir ja schon zahlreiche Bücher, in denen Fotos von Dir abgedruckt wurden. Ein Buch über Dich und Deinen Werdegang gibt es aber noch nicht. Im nächsten Jahr wirst Du 70. Ist dann die Zeit gekommen, dass diese Lücke geschlossen wird?
Ich bin nicht so der Lückenschließer. In diesem Jahr habe ich stattdessen einen Film über die Klimaaktivisten gedreht, das schien mir dringender. Von Zahlen habe ich mich nie terrorisieren lassen. Sollte ich jetzt damit anfangen? - Eher nicht.

Wie kam es eigentlich dazu, dass Du das Bundesverdienstkreuz vor knapp zwei Jahren bekommen hast? Ist Herr Steinmeier ein Fan Deiner Arbeit oder wie wurde Dir diese besondere Ehre zuteil?
Vielleicht hat es mehr mit den vielen Projekten zu tun, in denen ich mich im Laufe der Jahrzehnte engagiert habe, als mit den Bildern selbst. Ich bin mir sehr bewusst, dass ich diesen Orden für mindestens zehn andere bekommen habe, die ihn verdient hätten.

Ich danke Dir für die Antworten auf meine zahlreichen Fragen.



Interview: Christian Reder
Fotos: Jim Rakete, Lutz Müller-Bohlen, Katrin Schmidt




   
   
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