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Interview vom 28. Juli 2019



001 20190731 1312698463Deutschlands Antwort auf Pink Floyds David Gilmour wohnt auf Usedom. Er heißt Hardy Krischkowsky und er ist einigen von Euch sicher noch als ein Teil des Duo REPORT in bester Erinnerung. Zwischen 1979 und der Wende im Jahre 1989 bildete er zusammen mit Mario Hempel die Gruppe REPORT. Auch wenn diese Band nicht zur Speerspitze der DDR-Rockszene gehörte, war Hardy Krischkowsky aber trotzdem einer der genialsten Gitarristen des Landes und seine Kapelle gut beschäftigt. Seine Biographie liest sich außerdem wie ein spannender Roman, den schon längst mal jemand hätte schreiben sollen. Nach der Wende dauerte es eine Weile, bis Krischkowsky wieder auf einer Bühne zu sehen war. Heute ist er mit dem GILMOUR PROJECT unterwegs, bei dem möglichst nah am Original die Musik der britischen Kult-Band Pink Floyd weiter in die Welt getragen wird. Und weil Hardy die Gilmour-Klampfe nicht nur genauso genial zupft wie Gilmour selbst, sondern weil er auch eins der limitierten Exemplare der Gilmour-Stratocaster NOS sein eigen nennen kann, haben wir ihm kurzerhand mal eben die Bezeichnung verliehen, die dieses Vorwort auch einleitet. Da es bisher noch keinen spannenden Roman über die Biographie von "Deutschlands Antwort auf Mr. Gilmour" gibt, leisten wir mit diesem Beitrag ein wenig Abhilfe. Wir haben Hardy zu einem Interview eingeladen und unser Kollege Christian hat dem Saiten-Hexer vor ein paar Tagen mal auf den Zahn gefühlt...






Über ein soziales Netzwerk, mit dem wir ja beide verknüpft sind, habe ich gesehen, dass Du eine neue Gitarre hast. Die hast Du ganz stolz präsentiert. Was ist das für ein Apparat, warum hat er diese spezielle Farbe und was hat es überhaupt damit auf sich?
Es gibt von David Gilmour ein Unplugged-Programm aus dem Jahr 2002. Da spielt er also akustisch. Und mit meiner PINK FLOYD-Band steht nun die Idee im Raum, dieses als konzertante Variante für Konzerthäuser zu machen. Wir sind ja inzwischen auch etwas größer geworden, zählen nämlich derzeit schon zehn Musiker und betreiben einen tierischen Aufwand mit Licht und Sound. In diesem Unplugged-Programm von Gilmour gibt es ein paar Gitarrenstücke, die er mit einer Jazz-ähnlichen Gitarre bedient, weil das mit der Art einfach besser rüberzubringen ist, wie er spielt. Ich überlegte nun fieberhaft, wie ich diese Lücke für mich schließen kann. Eigentlich wollte ich mir so eine Art Gitarre ja niemals zulegen, aber je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr verfestigte sich der Entschluss, doch eines Tages eine Jazzgitarre zu kaufen. Es wurde eine von der Firma Höfner. Nun wollte ich aber kein Modell von der Stange haben, denn ich mag immer solche Sachen gerne, die sich in irgendeiner Form von den anderen abheben. Dann sah ich diese eine Gitarre und sagte mir: Ja, die möchte ich haben. Ich gebe zu, dass ich lange überlegt habe, ob ich das Teil wirklich behalten soll. Aber mittlerweile bin ich total verliebt in das gute Stück, denn diese Gitarre musst Du erobern.002 20190731 1720631622 Die spielt sich nämlich nicht einfach mal so leicht dahin. Es ist doch so, dass ich bei David Gilmour nicht mit einer x-beliebigen Heavy Metal-Klampfe auftauchen kann, sondern da muss es schon vom Stil her absolut passen. Und da ist diese Gitarre genau richtig, denn ich spiele ja zur Zeit überwiegend schwarz gekleidet. Da hat der geneigte Zuschauer also richtig was fürs Auge. Zumal wir ja auch immer eine Menge Gitarristen im Publikum sitzen haben.

Du hast einige besondere Klampfen in Deinem Fuhrpark. Über die Geschichte zu Deiner David Gilmour-Stratocaster NOS werden wir uns später noch genauer unterhalten. Hast Du mit Gitarren das gleiche Problem wie Frauen mit Schuhen?
Ich weiß nicht, ob man es vergleichen kann, aber es liegt wahrscheinlich nahe. Bei Gitarren ist es ja so, dass ich meine Modelle über längere Zeit spiele. Hin und wieder entdecke ich dann mal etwas Neues. Es ist zwar nicht so, dass ich unbedingt zum Sammler mutiere, aber es werden halt immer mehr. Doch das halte ich für völlig normal, denn es ist ja letztlich für mich eine Art Werkzeug. Und diese Werkzeuge sind halt mehr als nur ein totes Stück Holz. Jede Gitarre hat ihre eigene Philosophie. Mein Gott, ich spiele jetzt weit über vierzig Jahre Gitarre, da kommt eben zwangsläufig das eine oder andere Modell dazu. Ich habe auch Gitarren dabei, auf denen ich zwanzig Jahre nicht gespielt habe. Wenn ich die dann mal wieder raushole, merke ich, was da für eine Schönheit drin steckt. Du musst wissen, meine Instrumente sind sehr gepflegt, da lege ich großen Wert drauf. Also ich wollte mir eigentlich keine mehr kaufen, aber na ja ... Letztens hatte ich ein Gespräch mit Quaster von den PUHDYS und stellte fest, auch der brennt immer noch für Gitarren. Der ist schon Mitte 70 und kommt immer noch an keiner Gitarre vorbei. Aber warum auch nicht, wir haben doch nur dieses eine Leben und da ist keine Zeit für schlechte Gitarren. Also immer volles Rohr rein ins Leben!

Wie Du eben sagtest, hast Du vor über vierzig Jahren angefangen mit dem Gitarre spielen.
Ganz genau angefangen hatte ich 1976, da war ich zarte fünfzehn Jahre alt. Aber man kann ja sagen, in den ersten fünfzehn bis zwanzig Jahren bist Du noch auf dem Weg des Lernens und der Entwicklung. Erst dann geht es richtig los, wie ich finde. Es ist vergleichbar mit einem Handwerker. Wenn der seinen Beruf erlernt hat, ist er ja noch lange nicht da, wo erfahrene Handwerker stehen. Das braucht eben einige Jahre, bis man seine eigene Geschichte, seinen eigenen Weg gefunden hat.

Vor ein paar Tagen sprachen wir ja schon miteinander über das Portrait Deiner Band. Dabei hast Du mir eine spannende Geschichte erzählt, denn Dein Weg verlief eben nicht wie bei so vielen anderen von Ost nach West, sondern Du bist als Kind mit Deinen Eltern von der BRD in die DDR gezogen. Fangen wir mal ganz vorne an. Wo bist Du geboren und wann?
Ich bin ein typisches Märzkind des Jahres 1961. Geboren wurde ich im Krankenhaus Köpenick und war dann kurzzeitig in Westberlin in der Ansbacher Straße. Kurz vor Beginn meiner Schulzeit war dann meine Mama der Meinung, sie müsse mit mir zu ihrer Mutter ziehen, weil es mit meinem Papa Stress gab. Und so sind wir halt zurück nach Köpenick gezogen. Dabei blieb es dann auch.

003 20190731 1799816505Die Einschulung ist ja nun auch schon eine ganze Weile her. Kannst Du Dich noch an diese Wiedereinreise in die DDR erinnern? Oder warst Du damals noch zu klein?
Man hat ja immer bestimmte Kindheitserinnerungen. Ich weiß zum Beispiel noch, wie wir an den Checkpoint gekommen sind. Da war so ein Russen-Jeep mit einem Stern drauf und ich durfte in diesem Auto vorne sitzen. Darüber freut man sich als kleiner Junge natürlich. Wir sind mit dem Jeep nach Köpenick gefahren worden, das weiß ich auch heute noch ganz genau.

Kläre unsere Leser bitte mal über Deinen Vornamen auf. Hardy ist zwar Dein Vorname, aber im Pass steht auch Hartmut. Was hat es damit auf sich?
Das ist eine interessante Geschichte. In meiner ersten Geburtsurkunde stand Hardy, weil meine Oma Lucie darauf bestanden hat. Da steckt nämlich eine bestimmte Familiengeschichte dahinter. Als ich dann in die DDR zurückkam, wurde das aber nicht akzeptiert, so dass man sich entschied, aus Hardy mal schnell Hartmut zu machen. Und so steht es heute auch überall geschrieben. Aber als Kind habe ich nur selten auf Hartmut reagiert, stattdessen setzte sich Hardy als sogenannter Spitzname durch. Interessant sind auch die Auswirkungen auf die AWA, was dann nach dem Mauerfall in die GEMA überging. So hatte mir nach der Wende ein Mitarbeiter der AWA nahegelegt mich umzubenennen, denn die GEMA hatte einen finanziellen Anspruch auf den Künstlernamen, der ja bei mir offiziell Hardy war. Dabei war Hardy ja eigentlich mein richtiger Name. Und so ging ich nach der Wiedervereinigung im Rathaus Köpenick in die Juristenabteilung, wo man innerhalb kürzester Zeit alles wieder in den Originalzustand versetzte und ich nun also wieder ganz regulär Hardy hieß.

Hast Du denn als Kind bzw. Jugendlicher in der DDR irgendetwas vermisst? Dir fehlte ja der direkte Vergleich, wie es gewesen wäre, wenn Du auf der anderen Seite der Grenze aufgewachsen wärst. Das gilt gerade in Sachen Musik, denn Du bist ja schon recht früh mit der Musik in Berührung gekommen.
Ich hatte das große Glück, in einem Kreis aufzuwachsen, wo sehr viel Musik gehört wurde. Da gab es auch die ersten riesengroßen Kisten mit kleinen Bildschirmen, also Schwarz-Weiß-Fernseher, wo man z.B. den "Musikladen" mit Manfred Sexauer sehen konnte. Ich war natürlich wahnsinnig begeistert, wenn ich so etwas sehen durfte. Ich kann mich noch ganz genau erinnern, dass ich 1969 im Alter von acht Jahren im "Musikladen" das erste Mal DEEP PURPLE mit "Highway Star" gesehen habe. Ich war von diesen Typen mit den langen Haaren einfach nur fasziniert. Musik war also für mich schon immer das Hauptmedium. Mein Onkel Hermann rauchte immer Zigarren und hatte auch entsprechende Zigarrenkisten. Diese Zigarrenkisten wirkten auf mich kleinen Jungen natürlich riesig. Und ich versuchte immer, an die Kisten einen Stock ran zubauen und Gummis draufzuziehen, mir also meine ersten eigenen Gitarren zu bauen.

004 20190731 1579361829Ich stelle den Musikern die folgende Frage immer und mache bei Dir damit auch keine Ausnahme. Wann fing Deine Leidenschaft für die Musik bei Dir konkret an und wann stand für Dich fest, dass Du später mal in diesen Beruf abbiegen möchtest?
Am 31.12.1972 lief abends im ZDF PINK FLOYD live in Pompeji. An diesem Abend hatte meine Mama eine Silvesterparty mit mehreren Gästen geplant. Wir hatten für die damalige Zeit bereits einen recht großen Schwarz-Weiß-Fernseher und ich wollte genau dieses Konzert von PINK FLOYD im Fernsehen sehen. Nun musst Du Dir vorstellen, im Wohnzimmer saßen ungefähr fünfzehn Leute, verkleidet mit Pappnasen und lustigen Papphütchen auf dem Kopf, auf dem Tisch standen Sektflaschen und diverse Knabbereien. Und der kleine Hardy saß vor dem Fernseher und guckte sich das Konzert von PINK FLOYD an. Meine Mama wurde immer saurer, denn ich machte natürlich immer lauter, um etwas zu verstehen. Zum Glück nahm mich mein Onkel Günther in Schutz, der war damals so um die Dreißig. Der sagte zu meiner Mutter: "Lass den Jungen doch PINK FLOYD gucken, das ist doch schön!" Aber die anderen waren in seliger Silvesterstimmung und wollten Schlager hören. Gegen halb zehn war PINK FLOYD zu Ende und meine Mama meinte, ich solle den Quatsch endlich ausmachen. Daraufhin sagte ich zu ihr: "Mama, von Musik hast Du keine Ahnung". Ich kassierte dafür eine Backpfeife, was zum Glück nur sehr selten vorkam, aber in dem Moment stand für mich fest, ich wollte Musiker werden. Ich konnte zwar mit dem Namen PINK FLOYD oder David Gilmour und auch mit Gitarren im Allgemeinen noch nicht viel anfangen, aber die Musik hatte mich so emotional angesprochen, dass für mich klar war, wo die Reise hingeht.

Hast Du zu dem Zeitpunkt schon ein Instrument gespielt oder hast Du das erst später erlernt?
Leider nein, denn es gab ja nichts in der DDR. Und unsere Beziehungen reichten nicht aus, um eine Gitarre zu besorgen. Das kam erst etwas später. Nun trieb ich aber schon als Kind viel Sport und war in einem Sportverein. Und eine Klasse über mir gab es einen Jungen, der wollte unbedingt in diesen Sportverein eintreten. Die wollten den aber nicht haben. Dieser Junge hatte aber wiederum eine Gitarre an der Wand hängen. Eine einfache Wandergitarre, eine akustische Stahlsaitengitarre. Wie das so ist, fragte ich ihn einfach mal, ob er mir die Gitarre leihen würde, wenn ich ihn im Gegenzug in den Sportverein reinholen würde. Er war einverstanden und gab mir die Gitarre. Ich sprach dann mit meinem Trainer und erklärte ihm die Situation. Der sagte auch tatsächlich "Ja" und der Junge wurde im Verein aufgenommen. So kam ich zu der Gitarre, die ich ganze zwei Jahre nutzen konnte, bis ich endlich meine eigene hatte.

Bist Du denn Autodidakt oder hast Du mit der Gitarre auch Unterricht genommen?
Gitarrenunterricht zu nehmen war damals finanziell nicht möglich. Es gab ohnehin kaum Notenmaterial, das für einen Einsteiger wie mich brauchbar war. Es gab auch keine Tabellaturen für Grifftabellen, das kam alles erst viel später. Also half man sich im Freundeskreis, so gut es ging. Zum Glück hatte ich einige ältere Freunde, die schon den einen oder anderen Akkord spielen konnten.005 20190731 2067965981 Ich bin je eher der audiovisuelle Typ. Wenn ich also sehe, was jemand macht, kann ich das relativ lange für mich speichern und irgendwann reproduzieren. Genauso habe ich es dann nach und nach gemacht. Für die Musikschule hatte ich mich zwar mehrfach beworben, war aber lange Zeit zu jung dafür. Als ich dann 18 Jahre alt wurde, klappte es auch endlich und ich konnte nach Friedrichshain an die Musikschule. Das war übrigens gleichzeitig die beliebteste ihrer Art in der DDR und alle bekannten Rockgrößen des Landes waren auch dort vertreten.

Als Du mit Mario Hempel 1979 die Gruppe REPORT gegründet hast, wart Ihr beide ja noch ziemlich jung. War das Deine erste Band oder hast Du vorher schon woanders gespielt?
Es gab da eine Begegnung mit einer anderen Amateurband, aber das hatte nicht wirklich eine tiefere Bedeutung. Das war mehr so ein kurzzeitiges Ausprobieren. Mit REPORT ging es los, als ich gerade 18 wurde. Meinen Mario kenne ich bereits seit der Schulzeit, wir wurden sogar zusammen eingeschult. Mit ihm gründete ich REPORT und die Sache ging dann auch relativ zügig los.

Wie entstand REPORT, welche Idee steckte dahinter?
Die Idee dahinter war, als Duo akustische Musik zu machen. In dieser Zeit waren ja Neil Young, CROSBY, STILLS, NASH & YOUNG, James Taylor, AMERICA und wie all die anderen Akustikplayer der damaligen Zeit hießen, unheimlich gefragt. Uns war eben danach, genau diese Art Musik zu machen. Mario war schon immer sehr umtriebig. Er war auch jemand, der unheimlich viel Druck aufbauen konnte und der die Kraft hatte, das Management zu übernehmen, während ich den musikalischen Part bediente. So fingen wir wie geplant akustisch an, bis es mir nach einem dreiviertel Jahr zu langweilig wurde, denn ich wollte auch mit einer E-Gitarre arbeiten. Daraus wurde dann zum Glück auch mehr. Kurz darauf hatte ich meinen ersten Drum-Computer und ich konnte gelichzeitig Mario dazu überreden, den Bass zu übernehmen. So entstand das Ganze.

Wer hatte denn die Idee zur Gründung der Band und warum hieß die Kapelle DUO REPORT?
Die Frage wurde oft gestellt. Das Wort "Duo" haben wir eigentlich selber nie benutzt, wir wurden nur immer als Duo erwähnt und vorgestellt. Eben weil wir viele Jahre lang nur zu zweit gespielt hatten.006 20190731 1100331969 Und der Name "Report" gefiel mir persönlich am Anfang überhaupt nicht. Aber mein Mario legte da richtig großen Wert drauf und ich dachte mir, wenn es ihn glücklich macht, nehmen wir eben den Namen.

Bands in der DDR fingen ja fast immer als Amateurband an. Als solche sollt Ihr ja bereits relativ früh in den Genuss gekommen sein, eigene Lieder wie "Alkohol Blues" und "Vermischungen" im Studio produzieren zu können. Stimmt das? Und wenn ja, wie kam es dazu?
Wir hatten das große Glück, Wolfgang Martin kennengelernt zu haben. Wolfgang Martin war nämlich einer der besten Radioleute in der DDR und ist heute immer noch als Journalist aktiv. Er hatte uns damals geholfen und die Möglichkeiten überhaupt erst geschaffen. Beim Rundfunk gab es damals einige junge Leute, die ihren Abschluss als Tonmeister gemacht hatten und die brauchten Opfer, also Bands, die sie aufnehmen konnten. Wolfgang Martin brachte uns mit diesen Leuten zusammen und dadurch entstanden relativ schnell unsere ersten Studioaufnahmen.

"Alkohol Blues" und "Vermischungen" sind ja leider niemals irgendwo erschienen. Zumindest kann ich mich nicht erinnern, die Songs mal irgendwo gefunden zu haben. Gibt es die Nummern vielleicht doch irgendwo?
Ja, die gibt es definitiv im DDR-Archiv. Ich muss aber auch sagen, das waren unsere ersten Sachen, die damals im Radio liefen und es klang alles noch sehr experimentell. Der "Alkohol Blues" war ein Lied von Mario, während "Vermischungen" eigentlich ein Gedicht von Heinz Kahlau war. Dieses Gedicht hatte mir gefallen und so machte ich dieses Lied daraus.

Wann seid Ihr dann Profis geworden? Musste Eure Zeit an der Musikschule Friedrichshain erst mit einem erfolgreichen Abschluss beendet sein oder passierte das schon eher?
So weit ich mich erinnere, gab es eine politische Entscheidung über die höchsten Instanzen in der Kulturbranche beim Magistrat von Berlin. Man gründete an der Musikschule Friedrichshain eine sogenannte Spezialklasse, in der Größen wie die Musiker von ROCKHAUS, Dirk Michaelis und viele andere waren. Diesen Leuten gab man die Möglichkeit,007 20190731 1545447688 ihren Profiabschluss zu machen. Das bedeutete leider auch zweieinhalb Jahre lang Marxismus/Leninismus im Marstall neben dem ehemaligen Palast der Republik. Wir mussten da zweimal pro Woche hin, was äußerst anstrengend war, weil ich von all dem nichts verstanden hatte, was die da erzählten. Und so hatten wir eben schon am 23. Oktober 1983 den sogenannten Berufsmusikerausweis der DDR in der Tasche.

Habt Ihr in Euerm Liveprogramm zur damaligen Zeit nur eigene Lieder gespielt oder befanden sich auch noch Coversongs auf der Setliste?
Wir hatten schon ganz viele eigene Songs, die ab 1981 auch produziert wurden, und zwar im Studio von Martin Schreier in Wilhelmshagen bei Berlin. Der hatte damals eines der ersten und wenigen Privatstudios, noch dazu in einer gigantischen Qualität. Außerdem wurden wir in der DDR durch den FDJ-Zentralrat gefördert, was relativ normal war. Deshalb konnten wir zu der Zeit auch unsere ersten Studioproduktionen in ziemlich hoher Qualität abliefern. Da hatten wir also schon eine ganze Menge Material fertig.

Wart Ihr in dem Studio von Martin Schreier oder war es das von Klaus Schmidt?
Das ist eine gute Frage. Ich glaube, das Studio gehörte beiden. Zumindest waren sie beide die Betreiber. Wie nun genau die geschäftlichen Verhältnisse geregelt waren, weiß ich nicht.

Ich frage deshalb, weil Klaus Schmidt der erste in der DDR mit einem eigenen Studio war und Martin Schreier dort meines Wissens produziert hat.
Das mag sein. Zumindest befand sich das Studio auf dem Grundstück von Martin Schreier. Da gab es dann auch noch einen Herren namens Lothar Kramer. Ein absoluter Experte, der auch heute noch viele TV-Sachen für den MDR macht. Bei Lothar habe ich sehr, sehr viel lernen können.

Im Jahr 1985 brachte AMIGA in der Reihe "Quartett" eine EP mit dem Titel "Rock für den Frieden" heraus. Darauf enthalten ist der Titel "Noch nicht gebor'n" von REPORT. Das war eure erste Plattenveröffentlichung. Wurdet Ihr darüber von AMIGA in Kenntnis gesetzt oder haben die das einfach rausgehauen?
AMIGA hatte vor, für die Veranstaltungsreihe "Rock für den Frieden" eine Quartett-Single zu machen. Das war ohnehin das größte Glück für uns Musiker, mal bei AMIGA etwas veröffentlichen zu dürfen, denn das war meistens nur den drei obersten Rockbands gestattet. Es war ja damals noch nicht möglich, einfach so und permanent Alben zu produzieren. Das ging eben noch nicht. Wir hatten jedenfalls eine Anfrage von AMIGA und sagten auch sofort zu. Und dieses Lied "Noch nicht gebor'n" entstand deshalb extra für AMIGA. Das Thema war, ein Lied über den Frieden zu machen. Die Sterne standen also günstig für uns, der Text von Mario Hempel passte auch wunderbar.009 20190731 1095325196 Das Arrangement dazu stammte übrigens von Lothar Kramer. AMIGA fand das Lied gut und so kam es auf die EP. Ich ließ mich damals breitschlagen, einen solchen Song abzuliefern, weil wir natürlich geschäftlich bei AMIGA Fuß fassen wollten.

Du sagtest ja eben, Ihr habt ganz viele Songs bei Klaus Schmidt und Martin Schreier produziert. Weißt Du noch, wie viele Lieder Ihr in den Achtzigern als REPORT aufgenommen habt? Wären das genug gewesen, um beispielsweise ein Album zu füllen?
Bedauerlicherweise mussten wir ja dann auch irgendwann den bitteren Weg zur NVA nehmen. Bei uns war es im Mai 1985 soweit, da wurden wir einberufen. Für mich war und ist das eine sinnlos vergeudete Lebenszeit. Ich war nun nicht gerade das klassische Vorbild als DDR-Soldat. Und so gab es in dieser Zeit einen politischen Vorfall, der mich leider in den Militärknast führte. Und zwar war ich unfreiwillig für drei Monate im Militärknast Schwedt. Das war eine ziemlich harte Schule fürs Leben. Damit waren unsere musikalischen Aktivitäten natürlich auf Eis gelegt und unterbrochen. Und so kam es, dass Mario und ich nur den einen Gedanken hatten, so wie wir aus diesem Verein raus sind, machen wir beide den Abflug in Richtung Westen. Es gab ja auch keinerlei Weiterentwicklung zu verzeichnen. Aber man hat mir diesen einen Irrläufer als junger Mensch verziehen. Und so konnten wir tatsächlich noch mit AMIGA verhandeln und über unsere Absicht reden, ein Album zu machen. Material hatten wir ja genug. Doch dann kam die Wende und vieles löste sich auf.

Darf ich fragen, warum Du während der Armeezeit in Ungnade gefallen bist?
Weil ich eine andere politische Einstellung zum System hatte als es bei der Armee gefordert wurde. Warum? Ich lernte dort Leute kennen, die ich einfach nicht ernst nehmen konnte. Außer eine einzige echte Persönlichkeit, mit der ich auch später noch viele Jahre eng befreundet war. Man muss sich das so vorstellen, dass bei der NVA Leute in Entscheidungspositionen waren, die man im normalen Leben überhaupt nicht wahrgenommen hätte. Mehr will ich dazu gar nicht sagen.

Ihr kamt von der NVA zurück, aber aus dem Album wurde ja nichts, wie Du eben schon erzählt hast. Aber immerhin hat AMIGA dann wenigstens eine Quartett-Single mit vier Liedern von REPORT veröffentlicht. Wieder die gleiche Frage: Seid Ihr darüber in Kenntnis gesetzt worden? Wie kam es dazu, dass Ihr diese Platte dann doch noch machen konntet?
Es stand die Entscheidung: entweder - oder. Für mich war es eine Art Good Will. Man genehmigte uns wenigstens eine Quartett-Single.

008 20190731 1292193439Hast Du denn öffentlich mit einer eventuellen Ausreise kokettiert?
Nein, nach der Zeit bei der NVA waren für mich sämtliche Aussagen in Sachen Politik vorbei. Dieses gesamte heuchlerische System war mir einfach zuwider. Da ich in dieser Zeit auch Vater geworden bin, wollte ich natürlich auch meine Familie nicht in Gefahr bringen. Wir wollten zunächst in Ruhe beobachten, wie sich alles entwickelt. Als Künstler bekam man ja ohnehin die sich entwickelnden Unruhen der damaligen Zeit zu spüren. Es war übrigens eine ähnliche Situation, wie wir sie heute haben. Alle Leute reden über das gleiche Thema, aber in der Öffentlichkeit wird völlig anders darüber gesprochen, um es mal höflich zu formulieren.

Ab 1987 haben Mario und Du aus dem Duo REPORT ein Trio Report gemacht. Zuerst kam Simon Stalter dazu und ab 1988 Erik Enseleit. Beide Jungs waren Keyboarder. Warum habt Ihr die Besetzung erweitert?
Weil es mein Wunsch war, endlich mal mit mehreren Leuten auf der Bühne zu stehen. Ich wollte auch wahnsinnig gerne einen Schlagzeuger haben, aber da Mario Hempel der Manager war und oftmals sehr schnell operative Dinge entscheiden musste und wir ganz oft bei größeren Bands im Vorband spielten, war ein Schlagzeug meistens eher hinderlich, wenn es um den Aufbau desselben ging. Aber zur damaligen Zeit hatten ja Drumcomputer eine hohe Beliebtheit zu verzeichnen, vor allem wegen ihres Sounds. Wir hatten die schönsten und besten Drumcomputer, die Drums wurden programmiert und fertig war es. Es gefiel den Leuten ja auch. Also sagten wir uns, dann machen wir es eben auf diese Art. Dadurch bekamen wir aber auch immer wieder die Gelegenheit, als Support für viele andere DDR-Rockbands aufzutreten, denn der technische Aufwand, den wir benötigten, war relativ gering im Verhältnis zu einer kompletten Vorband mit vollem Instrumentarium. Das waren kluge technische und vor allem geschäftliche Entscheidungen.

In dieser Besetzung gab es 1987 auch einen Auftritt in der BRD. Du hast mir ein Foto zukommen lassen (das nächste Bild links), welches die Situation kurz vor diesem Auftritt im Westberliner Hardrock-Café zeigt. War das Eure einzige Westmugge oder gab es noch weitere?
Hin und wieder wurden uns ein paar Reisen genehmigt. Unter anderem haben wir in Hamburg im "Bierdorf" gespielt, wo wir dann zufällig noch Besuch von HELLOWEEN bekamen. Sehr nette Musikerkollegen übrigens. Die Läden waren immer brechend voll, weil auf den Plakaten unter dem Bandnamen natürlich immer "DDR" stand. Die wollten wissen, ob man im Osten auch Musik machen kann.

010 20190731 1748847316Wie kam es denn überhaupt dazu, dass Ihr mit REPORT in der BRD spielen durftet. Andere Kollegen haben vergeblich gehofft, mal einem Engagement im Westen folgen zu dürfen.
Das ist eine sehr gute Frage. Vieles dabei wird immer unter dem Deckmantel der Verschwörung gehalten. Die Antwort ist eine ganz einfache: mein Mario war als Manager immer bestrebt, uns in die Welt hinauszutragen und entsprechende Kontakte haben das glücklicherweise auch zugelassen. Das war durchaus eine spannende Geschichte, mit dem Kulturministerium klarzukommen. Und mit Vertrauen hatte es selbstverständlich auch zu tun. Für uns als junge Musiker war das jedenfalls eine superschöne Erfahrung.

Gab es noch andere Konzertreisen, die Ihr mit REPORT unternommen habt? Musstest Ihr zum Beispiel auch an der Trasse spielen wie fast jede Kapelle aus der DDR?
Ja, wir waren sogar sehr oft an der Trasse. Und das sogar zu unterschiedlichen Jahreszeiten. Das erste Mal habe ich dort 1983 gespielt. Ich weiß noch, dass wir einen Winter mit über minus 26 Grad hatten. Das war schon ein Erlebnis für uns. Grundsätzlich haben wir nicht nur oft, sondern vor allem auch gerne an der Trasse gespielt, denn es wurde finanziell hervorragend vergütet. Die Auftritte selber waren an der Trasse jedoch meistens katastrophal. Die Männer dort erledigten sehr, sehr schwere Jobs, was man ihnen auch angemerkt hat, unter anderem am Alkoholkonsum. Die Veranstaltungen waren also wirklich extrem, wenn ich ehrlich bin. Manche Auftritte gingen morgens um 6 Uhr los, abends musste man doch noch einmal spielen und es gab sogar Tage, da standen gleich drei Shows auf dem Programm, um die gesamten Schichtdienste abzudecken. Spaß ist jedenfalls etwas anderes. Trotzdem denke ich, wenn man jung ist und erstmals so weit reisen darf, ist das natürlich ein Abenteuer. Russland selber war sehr interessant, zumal wir ja bis runter zum Ural unterwegs waren.

REPORT war knapp zehn Jahre aktiv. Was waren für Dich die schönsten Augenblicke in dieser Zeit und gab es auch Momente, die Du lieber nicht erlebt hättest?
Eigentlich waren all die Jahre sehr schön. Ein großer Vorteil war, dass man finanziell unabhängig war. Dadurch konnte man sich auf das Wesentliche konzentrieren, nämlich auf die Musik. Wir hatten keine Geldsorgen, waren unabhängig und konnten uns ungestört erfinden und entwickeln, auf unsere eigene Art. Ich hatte z.B. das große Glück, mir schon relativ zeitig mein erstes Demo-Studio aufbauen zu können. Anfang der 80er Jahre habe ich mit Vierspurtechnik gearbeitet. Für mich waren es immer schöne Zeiten, weil bei allem, was wir getan haben, die Musik im Vordergrund stand.

011 20190731 1547066588In diesem Jahr jährt sich zum dreißigsten Mal der Fall der Mauer. Wie und wo hast Du diesen Moment erlebt, als die Schlagbäume hochgingen und die Mauerspechte in Berlin begannen, den Beton wegzupicken?
An dem Tag kam ich aus Westberlin. Alle haben mir auf die Schulter geklopft und ich bin nach Hause gefahren. Und ich wusste sofort, dass diese Art des Lebens jetzt erst einmal vorbei sein wird.

Für viele Menschen war das ja eine große Chance auf positive Veränderung, während die Wendezeit für fast alle DDR-Musiker das vorläufige Ende der Karriere bedeutete. Auch REPORT löste sich auf. Wann haben Mario und Du diese Entscheidung getroffen? Gab es keine Alternative zur Auflösung?
Wir haben noch bis ein Jahr nach der Wende weiter gemacht und mussten dann ernüchtert feststellen, dass das Interesse vorbei war. Und zwar an allem. Deshalb fassten wir den Entschluss, die Sache erst mal ruhen zu lassen und neue Wege zu gehen.

Also das, was allen passiert ist, wie z.B. das Wegbrechen von Auftrittsmöglichkeiten, traf auch Euch und das war für REPORT das Todesurteil ...
Ja, das kann man so sagen.

Was wurde denn aus Simon Stalter, der schon 1988 wieder ausstieg, und was macht Erik Enseleit heute?
Simon hat in der Nähe von Potsdam einen sehr schönen Pop-Chor aufgebaut. Da wirken ganz viele Sänger mit und der Simon macht das hervorragend. Er ist sozusagen Chorleiter geworden. Und Erik hat eine Musikschule aufgemacht. Ich glaube, in Reinickendorf, aber da will ich mich nicht festlegen. Also beide sind noch mit der Musik verbunden.

Und dann gab es noch einen Techniker, den Ihr alle nur Alpen-Toni nanntet. Was ist denn aus dem geworden?
Du wirst es nicht glauben, aber ich habe vorgestern hier auf der Insel (Usedom, Anm. d. Red.) gespielt und plötzlich stand ein junger Mann vor mir, der mich anguckte und fragte: "Na, erkennst Du mich wieder?" Ich musste kurz überlegen und erkannte dann ihm den Dirk wieder, der einer unserer Techniker war und den ich ganz viele Jahre schon nicht mehr gesehen hatte. Mit dem unterhielt ich mich auch darüber, was wohl aus Alpen-Toni geworden ist. Und keiner weiß Genaueres. Wir werden jetzt mal versuchen, den irgendwo zu finden.

012 20190731 1765843018Vielleicht meldet er sich ja auf dieses Interview.
Das wäre natürlich sehr schön, da würde ich mich riesig freuen.

Von Mario wissen wir ja, dass er über eine Catering-Firma aus Frankfurt/Main zum selbstständigen Betreiber einer PR-Agentur aufgestiegen ist. Was hast Du direkt nach der Wende gemacht? Kam sofort Deine Promotion-Firma oder hast Du erst mal eine Kneipe eröffnet, wie viele andere Kollegen auch?
Nach der Wende habe ich eine ganze Weile überlegt, wie es weitergeht und was ich nun Neues machen könnte. Da ich im Zwang stand, meine Familie zu ernähren, kam ich über ein paar Freunde und eigenes Überlegenen auf die Idee, noch mal einen Schulabschluss zu machen. Und so habe ich an der Harzburger Management-Akademie meinen BWL-Schein gemacht. Das dauerte knapp drei Jahre. Zwei Monate vor dem Abschluss hatte ich aber schon das Angebot, als Promoter für ein Label in Frankfurt/Main zu arbeiten. Ich hatte überhaupt keine Ahnung, was die von mir wollten, aber mein Freund Wolfgang Martin, der damals gerade Chef von Antenne Brandenburg war, sagte mir, ich solle das unbedingt machen. Und so fing ich an als ganz normaler Radio- und TV-Promoter. Das war eine tolle Zeit und hat irre Spaß gemacht. Meine Aufgabe war es, die Künstler des Labels im Radio und Fernsehen zu platzieren. Nach ein paar Jahren dachte ich mir, daraus kann man doch mehr machen, denn ich war bislang immer selbstständig und unabhängig im Leben unterwegs und das wollte ich auch bleiben. Also begann ich, meine eigene Promotion-Firma zu gründen.

Diese Firma hast Du eine ganze Weile ziemlich erfolgreich betrieben und hattest viele Künstler, die Du betreut hast. Woher kamen die nötigen Kontakte? Vielleicht noch aus Deiner bisherigen Firma, wo immerhin Bands wie die STRAY CATS oder ELO II ansässig waren?
Diese Kontakte waren natürlich nur von kurzer Dauer, denn die kamen durch die jeweiligen Plattenfirmen zustande. Man war eine Zeitlang mit denen in Kontakt, hat für die diese Jobs erledigt und dann ließ der Kontakt auch wieder nach. Aber das ist normal.

Du hast auch mal für den Friedrichstadtpalast gearbeitet. Witzigerweise findet sich diese Stelle auch in der Vita Deines Kumpels Mario Hempel wieder. Seid Ihr dort zusammen tätig gewesen oder ist das nur reiner Zufall?
Mario hat mit seiner Firma ja viel für den Friedrichstadtpalast gearbeitet, was übrigens auch dem Erhalt des Hauses zugutekam, denn der Friedrichstadtpalast stand ja lange Zeit auf sehr wackligen Füßen. Mario fragte mich eines Tages, ob wir nicht mal wieder etwas zusammen machen wollen. Und da mein Job genau das war, was er brauchte, habe ich natürlich sofort zugesagt. Dadurch kam unsere Kooperation zustande. Er war sozusagen mein Auftraggeber.

013 20190731 1231512440Es war also kein Zufall, sondern basierte auf Freundschaft.
Ja sicher, aber ich hatte eben genau das, was er damals brauchte. Deshalb hat das Ganze auch wunderbar funktioniert und war für mich eine sehr schöne Erfahrung.

Wann trat denn für Dich als Musiker die Musik wieder in den Vordergrund? Na gut, sie war natürlich immer da. Aber wann kam das Comeback von Hardy Krischowsky? War es das GILMOUR PROJECT oder gab es vorher schon einen anderen Auslöser?
Ich war ja sehr viel in ganz Europa unterwegs. Und auf diesen Reisen hatte ich hinten im Auto immer eine Gitarre auf dem Rücksitz liegen. Ich wohnte in den schönsten Hotels und saß abends meistens in meinem Hotelzimmer mit meiner Gitarre und fragte mich, was tue ich hier eigentlich? Irgendwie hat mir das alles sehr gefehlt. Dazu kam, dass ab einer gewissen Zeit die Auftragslage auch immer schwieriger wurde. Folgerichtig stellte ich fest, das ist nicht wirklich das Leben, welches ich haben will. Ich wollte zurück zur Musik und wollte dafür mein Leben neu strukturieren und einen Neuanfang wagen. Leider gehörte dazu auch eine Scheidung. Ich bin richtig reingeschlittert in dieses Tal und kümmerte mich nur noch um meine Gitarre und meine Musik. Diese Phase brachte mir aber die Liebe zur Musik zurück. Ich war dann acht Jahre lang unterwegs und habe Tanzmusik gemacht, was ich übrigens jedem Musiker nur empfehlen kann, denn das ist ein echt hoher Erfahrungswert. Man lernt nämlich, sich mit anderen, fremden Kompositionen auseinanderzusetzen. Mit Tanzmusik hatte ich bis dahin kaum Erfahrungen, weil ich ja immer eher der Kreative war.

Du sagst gerade Tanzmusik. Stelle ich mir das richtig vor, dass Du so, wie es früher üblich war, die Charts rauf und runter gespielt hast?
Genau. Top 40 nennt man das heute. Zuerst waren wir eine richtige Band, später dann nur noch ein Duo, weil das finanziell einfach günstiger war. Mit der Band spielten wir beispielsweise auf den großen Radioveranstaltungen vor 30.000 Menschen. Das war schon geil.

014 20190731 1624158556Und wann ging es mit diesem PINK FLOYD-Projekt los?
2008 lernte ich Usedom kennen und lieben und nahm mir dort auch gleich eine Wohnung. Mario Hempel war und ist übrigens immer noch mein bester Freund und der sorgte um diese Zeit für eine Begegnung der dritten Art. Er rief mich eines Tages an und sagte, ich müsse morgen unbedingt nach Berlin kommen. Ich fuhr also nach Berlin, wo Mario es organsiert hatte, dass ich Roger Waters kennenlerne. Das ist ein ganz entscheidender Fakt gewesen. Für mich war das ein phänomenales Erlebnis. Ich hatte also Roger Waters drei Tage lang in meiner Nähe und führte mit ihm das eine oder andere Gespräch. Er ist ein ganz bescheidener Mensch, völlig nett und natürlich. Nun gab es da ein paar wichtige Leute aus der Filmbranche, die Roger Waters mehrfach zu erklären versuchten, dass Hardy ein totaler David Gilmour-Fan ist und das auch recht gut spielen kann. Ich hatte mich selber gar nicht getraut, darüber zu reden, denn just in diese Phase fiel ja auch der große Streit innerhalb der Band. Aber eines Tages sagte Roger dann einfach nur zu mir: "Do it!" Ich hatte ihm vorher erzählt, dass ich schon immer eine PINK FLOYD-Coverband aufmachen wollte, aber ich traute es mich nicht, weil die Messlatte so hoch lag. Roger meinte daraufhin, ich solle doch einfach mein eigenes Ding spielen. Mir reichte das aber nicht, denn ich bin der Meinung, wenn man eine Band covert, dann wollen die Leute das ja so nah wie möglich am Original hören und nicht irgendwelche Eigeninterpretationen. Das kann ja jeder. Die Qualität dieser Coverbands unterscheidet sich meines Erachtens darin, wie weit man es schafft, an das Original heranzukommen.

Dieses GILMOUR PROJECT ist ja sehr speziell. Wie Du schon sagst, ss geht darum, den besonderen Sound von PINK FLOYD so originalgetreu wie möglich zu reproduzieren. Dies lässt natürlich für einen Musiker nur wenig Spielraum, eigene Ideen einzubringen. Fehlt Dir dieser Prozess, eigene Lieder zu schreiben und den Leuten zu präsentieren, gar nicht?
Es gab einige Jahre, da fehlte es mir überhaupt nicht. Für mich war nämlich die Aufmerksamkeit der Leute nicht mehr vorhanden, sie war nicht mehr spürbar. Und das, was in den Medien lief, war nicht meins. Wahrscheinlich lebe ich in einer anderen Zeitepoche. Bei diesem GILMOUR PROJECT machte es mich dann jedenfalls sehr glücklich, jeden Ton der Gilmour-Sachen vernünftig spielen zu können. 

Ich hatte vorhin schon einmal diese Gilmour-Stratocaster NOS erwähnt. Diese Stratocaster war seinerzeit limitiert und in Deutschland gab es davon ganze elf Exemplare, die man kaufen konnte, wie man ja in unserem Bericht über Dein Konzert (Bericht siehe HIER) lesen kann. Bei insgesamt vierundvierzig Vorbestellungen wurde Dir eine Fender zugeteilt, die Du Dir dann im Customer-Shop in Köln abholen konntest. Wie hast Du es geschafft, einer von diesen elf Glückspilzen zu werden?
Diese Gitarre wurde 2009 verkauft. Die Gitarre selber wurde ein halbes Jahr vorher in den einschlägigen Fachmagazinen angekündigt. Ich habe lange hin und her überlegt, ob ich sie mir kaufen soll oder lieber nicht. Brauche ich sie, brauche ich sie nicht?016 20190731 1041443310 Viele Freunde und David Gilmour-Fans bestürmten mich immer wieder mit der Frage, wieso ich dieses Stück denn noch nicht habe. Ein guter Freund hat dann für mich diese Gitarre bestellt, auf der stand "Hardy" drauf und ich habe sie mir dann kurzerhand in Köln abgeholt.

Zurück zum GILMOUR PROJECT. Wie holt man neues und vor allem junges Publikum zu dieser Band und deren zwar zeitloser, aber doch recht alten Musik in die Konzertsäle? Es muss ja auch im Publikum für Nachwuchs gesorgt werden. Gelingt Dir das?
Da staune ich immer wieder selber. Mittlerweile haben wir vier Generationen im Publikum. Die jungen Leute, die zu uns kommen, hören wahrscheinlich die Musik ihrer Eltern oder Großeltern, denn die Großeltern, die heute um die siebzig sind, waren damals dreißig und jünger. Irgendwie scheint das Interesse bei den jungen Menschen ja da zu sein. Gerade bei jungen Gitarristen. Ich frage ja auf den Konzerten immer, wie viele Gitarristen da sind. Und jedes Mal gehen ganz, ganz viele Hände hoch. Das halte ich für ein echtes Phänomen. Also selbst junge Leute gucken mittlerweile zurück in die Musikgeschichte. Anders kann ich mir das nicht erklären.

Außer dem 30. Jahrestag des Mauerfalls haben wir im Jahr 2019 auch den 40. Geburtstag von REPORT im Kalender stehen. Gab es keine Überlegungen, zum 20. oder 30. oder jetzt zum 40. Geburtstag die Gruppe REPORT wiederzubeleben oder ein Comeback zu starten? Der Anlass wäre ja durchaus gegeben.
Das ist vollkommen richtig. Ich denke mal, dieses Jubiläum ist einfach untergegangen. Bei mir deshalb, weil ich mit den Vorbereitungen für das PINK FLOYD-Konzert vollkommen beschäftigt war. Und Mario war total eingespannt in die Vorbereitung des Klassik Open Air auf dem Berliner Gendarmenmarkt. Außerdem glaube ich kaum, dass ein Comeback von REPORT irgendjemanden ernsthaft interessiert hätte.

Du bist ein begnadeter Gitarrist, Deine Fans loben Dich in den höchsten Tönen. Es müssten doch in den 80er Jahren andere Bands ohne Ende an Dir rumgebaggert haben, wenn dort eine Stelle als Gitarrist frei wurde oder man den eigenen Gitarristen loswerden wollte, weil mit Dir ein besserer verfügbar war. Gab es solche Angebote damals?
Ja, die gab es. Aber Mario und ich hatten beide unser ganzes Herzblut in REPORT gesteckt. Und ich hätte Mario, der wie ein Halbbruder für mich ist, niemals wehtun können. Verstehst Du, was ich meine? Es gab wirklich schöne, tolle Angebote, doch wie gesagt, ich wollte und konnte meinen Mario nicht hängen lassen. Zumal Mario für mich und meine musikalische Entwicklung sehr viel getan hat. Ich konnte das Projekt einfach nicht wegen eines anderen Angebotes hinschmeißen, denn da hing ganz viel Herzblut dran. Ich war auch niemals ein Vorteilsdenker, so dass mich die Angebote nicht wirklich locken konnten. Dabei wäre mir unter Umständen sogar die Armeezeit erspart geblieben, denn bevor Dirk Michaelis bei KARUSSELL landete, wurde ich angefragt mit dem Hinweis: "Wenn Du zu KARUSSELL kommst, brauchst Du nicht zur NVA."

Nächstes Jahr geht es also weiter mit dem GILMOUR PROJECT?
Für das GILMOUR PROJECT fange ich dieses Jahr an die Partituren für die akustische Variante zu schreiben. Es werden wieder mindestens zehn Musiker eingebunden sein.017 20190731 1862545803 Es ist geplant, dass wir ab Herbst 2020 damit in echte Konzertsäle gehen und das Ganze unplugged darbieten. Ach ja, "unplugged" darf man ja nicht mehr verwenden, das hat sich MTV schützen lassen. Also verbessere ich mich und sage, wir spielen akustisch. Weiterhin wird an der großen Show "Gilmour Project Plays a Vision of Pink Floyd" gefeilt. Hiermit geht es Ende Mai 2020 weiter.

Ihr geht damit also richtig auf Tour?
Genau, und zwar als GILMOUR PROJECT akustisch sowie als große Pink Floyd Show. Beide Shows werden ab 2020 zu erleben sein. Akustisch heißt auch ca. 10 Musiker mit akustischen Instrumenten. Dafür wird eine sehr intimere Licht-Show konzipiert. Das ist spannend, da es um die maximale Konzentration auf das musikalische Material von Pink Floyd geht. Wer unsere große Show erlebt hat, dem wird der Aufwand in Bezug auf Ton und Licht hoffentlich nicht entgangen sein. Das ist bekanntermaßen bei Pink Floyd nicht ganz trivial und bedeutet ein hohes Maß an Präzision. Dafür haben wir Profis an unserer Seite, die sich seit Jahren mit der Entwicklung und Umsetzung professioneller Ton und Licht Regie für Fernsehshows auskennen. Die Visualisierung der Live- Show war immer ein ganz zentraler Punkt der Dramaturgie bei Pink Floyd und hat dann definitiv Maßstäbe gesetzt. Darauf legen auch wir großen Wert. Mein Part ist der musikalische Teil. Seit diesem Jahr sind aber auch eine Menge Leute mit an Bord, die sich auch um das Booking, Ton und Licht usw. kümmern. Die Aufgaben in der Band haben wir aufgeteilt. Dabei kümmert sich unser Drummer Thomas Brunke um das klassische Management.

Abschließende Frage: was sagt denn David Gilmour zu Deinem Projekt?
Ich glaube, dass ihm das sehr gut gefällt. Es gibt eine Menge Coverbands, die sehr gut sind und ihre Hausaufgaben richtig toll gemacht haben. Entscheidend ist dabei auf jeden Fall, dass man das Gefühl rüber bringt.

Meine Frage zielte dahin, ob ihr euch schon mal gesehen habt oder es einen Kontakt zwischen euch gibt.
Einen persönlichen Kontakt gibt es nicht, aber wir schicken noch in diesem Jahr unser Videomaterial an das Büro von David Gilmour mit der Bitte um Benutzung der originalen Bühnen-Videos. Das muss urheberrechtlich geklärt werden. Im Moment nutzen wir unsere eigenen Video-Animationen.

Ich drücke Dir für Deine Projekte die Daumen und hoffe, dass sie sich weit verbreiten.
Und ich danke Dir von Herzen für dieses nette Interview.



Interview: Christian Reder
Bearbeitung: tormey, cr
Fotos: Herbert Schulze, Ronny Pabst, Privatarchiv Hardy Krischkowsky




   
   
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