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Interview vom 12. Januar 2018

 

Am 25.01.2018 kommt es in Berlin, besser im Russischen Haus Berlin zu "Musik statt Krieg". Lieder statt Knarren. Gemeinsam tanzen statt sich gegenseitig abschlachten. Tino Eisbrenner, ganz am Anfang seiner kulturellen Einspeisung noch Teenie-Idol und Frontmann von JESSICA, ist heute gereift und hat etwas zu sagen. Differenzierte Meinung, unterfüttert mit eigenen Erfahrungen. Deshalb sprach Volly Tanner mit ihm ...




001 20180117 1849918126Guten Tag, Tino Eisbrenner. Du bist Teil einer Veranstaltung am 25.01.2018, die da heißt: MUSIK STATT KRIEG. Was sind die Gründe nach 2016 wieder anzutreten?
Nun sagen wir mal so: Ich initiiere mein "Musik statt Krieg" immer wieder, um diejenigen mittels Musik zu versammeln, die Frieden gemeinsam leben und feiern wollen. Frieden darf nicht nur ein Wort sein, dem man Selbstverständlichkeit unterstellt - denn er ist alles andere als selbstverständlich. Die Ästhetik des Friedens muss man lernen, lehren, leben. Natürlich hat es über die Jahre immer wieder Brandthemen gegeben, denen ich mich mit dem Projekt zu widmen hatte. Nicht umsonst besteht das Logo seit der Geburtsstunde von MsK aus deutscher und arabischer Schrift, denn am Anfang ging es uns um die Teilnahme oder Nichtteilnahme Deutschlands am Irakkrieg 2002. Seit 2015 widmen wir uns dem Verhältnis Deutschlands/Europas zu Russland (dem größten Land Europas). 2016 gab es das erste große Friedenskonzert im Russischen Haus Berlin. Viele Künstler aus verschiedenen Ländern sind dem Ruf damals gefolgt. Zwei Jahre danach wollen wir es am selben Datum wieder tun - ein friedliches, harmonisches Miteinander zu demonstrieren und uns einander über die Kunst gegenseitig näher bringen.

Es treten unter anderem Menschen aus Chile auf, aus Bulgarien, Belarus, der BRD, der Ukraine und Russland. Wie ist das organisatorisch zu stemmen? Wer macht den ganzen Orgakram? Du bist ja sehr viel unterwegs; erfolgreich mit HAUSBOOT, Heine und Dir selber ... da braucht es doch fleißige Helferlinge.
Momentan ist es noch so, dass ich solche Konzerte selbst organisiere. Ich habe viel Erfahrung darin gewonnen und weiß, worauf es ankommt. Aber es gibt im Russischen Haus natürlich engagierte Mitarbeiterinnen, die sich für die Dinge vor Ort einsetzen. Außerdem Holger Schade, der die Technik stellt und somit einen wichtigen Teil abdeckt. Alle Musiker spielen unentgeltlich für die Sache. Auch das ist ein nicht zu unterschätzendes Engagement.

002 20180117 1844692680Ich bin völlig bei Dir, wenn Du sagst, dass wir (die Menschen) selber leben müssen, was wir wollen - dieses Miteinander - und dass wir nicht darauf vertrauen dürfen, dass wirtschaftlich Denkende wirklich unsere Interessen vertreten. Die vertreten ja meistens nur ihre Interessen und die Interessen ihrer Aktionäre. Und dass in einer LobbyDemokratie natürlich Entscheidungen herbeigeführt werden ...
Ja, das sage ich.

Wie erhälst Du Dir Deinen Optimismus?
Ich weiß gar nicht, ob das Wort Optimismus in dem Fall zutrifft - auch wenn ich grundsätzlich Optimist bin. Was mich antreibt, ist das Wissen darum, dass man etwas tun muss und vor allem, dass man es auch kann, wenn man schon das (von mir aus, erarbeitete) Privileg hat, Menschen versammeln zu können, ihnen auch Sprachrohr sein zu dürfen. Denn viele kommen auf mich zu und sagen Danke dafür, dass ich für sie laut werde und ihnen gleichsam die Möglichkeit biete, mit mir/mit uns selbst laut zu werden. Oft heißt es: "Na wenn ich in meinen Kreisen meine Meinung sage, werde ich schief angesehen und stehe als Putin-Versteher da." Viele Leute haben Angst, "aus der Reihe zu tanzen" in unserer viel gepriesenen Meinungsfreiheit. Wer weiß schon, ob sich eine prorussische Haltung nicht vielleicht bei den Chefs oder bei Geschäftspartnern rumspricht und dem Mutigen irgendwelche Perspektiven verbaut. Da kommen manchmal ganz merkwürdige Schlussfolgerungen, die ich natürlich auch selbst schon abbekommen habe. O-Ton: "Was? Der ist für Putin? Ist wohl auch so'n alter Kommunist und hängt an der alten DDR?" Alles völlig falsch verstanden. Denn erstens sollte man Putin nicht immer gleich Russland setzen. Zweitens ist Putins Politik weit weg von der Idee des Kommunismus. Drittens war auch die DDR noch weit weg von der Idee des Kommunismus, obwohl sie genausoweit weg war von einer Politik, wie Putin sie macht. Viertens helfen uns Verallgemeinerungen schon lange nicht mehr. Unser Auftrag ist es, genau und differenziert hinzusehen. Und Fakt ist, dass unsere Politik heute keine klugen Entscheidungen trifft, was den Umgang mit Russland betrifft. Bevormundungen, Sanktionen, mediale Hetze. Abgesehen davon, dass wir uns damit eigentlich von den Rohstoffen abschneiden, an die wir so gerne rankämen und uns den stärksten Wirtschafts/Handelspartner wegnehmen, den Europa sich wünschen könnte, entfesseln wir durch unsere Töne bei den Russen natürlich ein altes Trauma. Seit Jahrhunderten greift Westeuropa immer wieder nach den russischen Ressourcen.003 20180117 2094206776 Nicht erst seit Napoleon oder den zwei Weltkriegen. Die NATO-Osterweiterung hat ihren Beitrag dazu geleistet, dass Russland wieder misstrauisch auf jeden Unterton aus unserer Richtung lauert. Und natürlich werden unsere Töne von russischer Seite nicht mehr freundlich interpretiert. Die deutlichste Interpretation haben wir gesehen, als Putin die Krim gesichert hat. Ja, ich nenne es so, denn ich war dort vor einem Jahr und habe gesehen und gehört, was die Menschen sagen. Selbst die, die sich nicht als Freunde der Politik aus Moskau verstehen. Über 90% der Krimianer sind Putins Interpretation der westeuropäischen Politik gefolgt und begrüßen heute, dass sein Schachzug ihnen das Chaos erspart hat. Gerade wir Deutschen, bzw. die, die angeblich in unserem Namen Politik machen, haben uns in Sachen Ukraine nicht mit Ruhm bekleckert. Haben Kräften zur Macht verholfen, von denen klar war, dass sie einen antirussischen Kurs fahren werden. Dann brannten in Kiew der Maidan und das Gewerkschaftshaus mit über 300 russischen Bürgern, die in der Ukraine lebten ... Das wollte auf der Krim keiner erleben. Und auf dem Schwarzen Meer kreuzten schon amerikanische Flugzeugträger. Nur sind die Russen eben nachweislich auch geübte Schachspieler. Es gibt noch ein anderes Beispiel: Bulgarien. Seit der Befreiung von fünfhundert Jahren türkischem Joch durch die Russen diesen so zugewandt, dass man in Russland sagte, Bulgarien sei eine "zusätzliche Sowjetrepublik". Was macht die Nato? Ach ihr Bulgaren wollt in die EU? Na dann kommt mal auch in die Nato und wir bauen bei Euch eine Raketenbasis mit Blick auf Russland. Die Regierung Bulgariens hats geschluckt und die Bulgaren baden es aus, denn natürlich kommen die Russen seither nicht mehr nach Bulgarien, das aber vor allem vom Tourismus lebt. Plötzlich ist das ganze Land ein Sozialfall aber uns interessiert das nicht und schon gar nicht interessiert uns, warum eigentlich. Wir haben ein weiteres Störfeuer gelegt und die Flammen züngeln gen Russland. Deshalb ist es großartig, dass "Musik statt Krieg" am 25.01. Russen, Ukrainer, Bulgaren und uns Deutsche zusammenbringt.

Menschen, die sich prinzipiell Schubladen verwehren - auch politisch organisierten - und die den Gleichheitsgedanken des Humanismus vor politische Ausgrenzungsmechanismen stellen, werden gerne angegriffen. So geistert das abwertende "Putin-Versteher" durch die Gazetten, es wird verurteilt und gebrandmarkt, in verschiedenen Randpolitiksekten gar entmenscht (so gesehen in Leipzig, wo Amtsträger nicht mehr als Menschen wahrgenommen werden, sondern nur noch mit dem Begriff "Schwein" humaner Rechte entledigt werden - denn darauf zielt ja verbale Entmenschung hin). Wie gehst Du mit Verwerfungen um, mit inhumaner Radikalität vom Rande her, egal ob rechts, links, oben oder unten?
Bis jetzt konnte ich der Tat immer auch das Argument vorausschicken. Auch Du gibst mir mit diesem Interview diese Möglichkeit. Ich glaube die meisten Menschen verstehen instinktiv, dass Entspannungsbestrebungen etwas Gutes für unser kurzes Leben bedeuten. Und deshalb stehen sie allzu dummer Hetze gegen andere Völker oder Menschengruppen instinktiv skeptisch gegenüber.004 20180117 1899343970 Was wir miteinander lernen müssen ist, uns von der Politik kein X für'n U vormachen zu lassen. Genau hinzusehen, nachzufragen und dann auch aufzustehen und zu den richtigen Dingen NEIN zu sagen. Beispiel: Wir haben nicht gegen ausländische Flüchtlinge zu protestieren, sondern gegen die Politik, die sie hierher treibt. Natürlich haben wir Probleme mit der Überflutung unserer "Ordnung". Aber erst wenn wir begreifen, wo alles seinen Ursprung hat, werden wir erreichen, dass wir unseren Frieden zurückbekommen. Warum z.B. ist es in Deutschland (und anderswo) von den Völkern nicht durchzusetzen, dass im Namen der Völker gigantische Waffengeschäfte laufen? Wo es doch eine Frage der Zeit ist, wann sich genau diese Waffen indirekt oder sogar direkt gegen uns richten? Die Antwort ist einfach: Weil wir nicht gemeinsam aufstehen und sagen: Stop! Keine einzige Flinte mehr! Bertolt Brecht hat mal gesagt: Krieg wird es geben, solange auch nur ein Mensch am Krieg verdient. Also was hindert uns, zusammen aufzustehen und Halt zu sagen? Unsere Trägheit. Unsere stille Hoffnung, dass alles gut wird auch ohne dass wir uns kümmern. Und dann fragen wir uns, wie ein ganzes Volk 1933 zulassen konnte, dass Hitler an die Macht kam und wenig später einen zweiten Weltkrieg entfesseln konnte? Genau so ist das passiert - mit der Trägheit und der stillen Hoffnung. Darum ist jeder einzelne Künstler oder Gast hoch zu schätzen, der zu Veranstaltungen wie unserer am 25.01. hingeht, Zeichen setzt und dabei sogar Spaß hat, weil er Kultur genießt.

Unsere wundervolle Ulrike Gastmann aus Leipzig ist ja am 25.01.2018 auch mit im Boot. Wie bist Du denn an Ulrike gekommen?
Ganz einfach. Ich habe ihre Glossen auf Facebook gelesen. Immer wieder mit Freude.

Wie muss ich mir denn den Ablauf von MUSIK STATT KRIEG vorstellen?
Künstler gehen nach- und miteinander auf die Bühne und widmen ihre Kunst dem Motto des Abends. Ich werde als Gastgeber nicht nur selbst singen, sondern auch moderieren. Meine Frau Sofia, die ja muttersprachlich Russisch spricht, wird für mich, aber auch für die Künstler, Dolmetscherin sein, so dass auch Russen oder Deutsche, die die jeweils andere Sprache nicht gut verstehen, dem gesprochenen Wort folgen können. Wichtiger Bestandteil meines eigenen Repertoires sind meine Nachdichtungen russischer Barden- und Rocksongs, die ich deutsch singe. Das war auch 2016 schon ein wichtiges verbindendes Element. Inzwischen gibt es ja sogar ein Album dazu. Es heißt nicht ohne Grund "November".

005 20180117 1053519814Du warst vor Kurzem in Russland auf Tour. Erzähl doch mal ein bisschen. Wie wars? Und was ist das für eine Geschichte mit dem Mann, der Dich da erkannte?
Nun, ich war seit 2016 insgesamt 6 Mal in Russland und Weissrussland (Belarus), Polen, Tschechien, der Slowakai auf Tour, einschließlich Krim. Und im April steht die nächste Tour nach Russland an. Die Reaktion der Russen und all jener, die für eine friedliche Welt plädieren und sich noch nicht haben medial verblenden lassen, ist immer dieselbe. Man staunt und jubelt, dass da einer aus Deutschland kommt, ihre Lieder auf Deutsch singt, mit ihnen redet, ihnen zuhört ... viele Zeichen dieser Art gibt es nicht, obwohl ich von Leuten aus Kultur und Wirtschaft weiß, die solche Zeichen setzen. Noch sind das alles Tropfen auf den heißen Stein aber wir können uns zusammenfinden und lauter werden. Dafür mache ich das. Eine Geschäftsidee ist das nicht - auch wenn ich inzwischen erreicht habe, dass ich nicht noch Geld mitbringen muss. Aber es ist eine Idee, die Liebe sät und erntet. Und das ist unendlich viel mehr Reichtum, als man je durch einen Vertrag erzielen kann. Und bei der letzten Tour in einem großen Moskauer Buchladen schleicht plötzlich ein Sicherheitsmann um uns herum und fragt dann heimlich meine russischen Begleiter: "Ist das nicht ein Sänger? Ist das nicht Tino Eisbrenner?" Die Verblüffung war groß, auch die meiner Begleiter. Und es stellte sich heraus, dass jener Sicherheitsmann 1985/86 in Luckenwalde gelebt und im Theater ein Konzert von JESSICA erlebt hatte, wo er hinging, weil wir ihm im DDR-Fernsehen aufgefallen waren, obwohl er kein Deutsch verstand. Das Konzert muss ihn doch irgendwie beeindruckt haben. Über 30 Jahre später erkennt der mich und kann sogar meinen vollständigen Namen sagen. Meine russischen Freunde haben das noch zwei Tage später gefeiert und überall rumerzählt. Stolz auf ihren Freund Tino.

Am 25.01.2018 jährt sich zum 80sten mal der Geburtstag von Wladimir Wissozki und zum 120sten mal der von Brecht. Brecht kennt nun wirklich jedermensch hier (hoffentlich). Was verbindet Dich jedoch mit Wissozki?
Brecht hat am 10.02. Geburtstag aber genau zwischen diesen beiden Geburtstagen zweier wirklich unangepasster Künstler mache ich eine Tour mit meiner weißrussischen Kollegin Olga Zalesskaya. Die Tour heißt "Wyssozki Waits Brecht", womit noch ein dritter Unangepasster ins Spiel kommt. Am 25.01. zeigen wir daraus nur einen kurzen Ausschnitt aber dann folgen sieben Konzerte in Deutschland und im Frühjahr soll es nach Polen, Tschechien und Russland gehen. Und zu Deiner Frage: Wyssozki bezeichne ich immer als den sowjetischen Dylan, obwohl das ein hinkendes Beispiel ist, ihn zu erklären. Aber von seinem Wert für die Gesellschaft, in der er lebte und arbeitete, ist es doch vergleichbar. Unangepasst in seiner Themenwahl, einzigartig in seiner Sprache und ganz einfach in seinen musikalischen Strukturen. Und sein "Lied vom Freund" war der erste russische Song, den ich übersetzt und nachgedichtet habe. Ein Song, der sowohl in Deutschland, als eben auch auf den Russlandkonzerten ein ganz wichtiger geworden ist.

006 20180117 1664223792Du selber lebst auf einem Hof in Meck-Pomm. Braucht es die Stille zur Einkehr? Den Abstand, um zu denken? Ich persönlich habe immer mehr das Gefühl, dass Städte und ihre Bewegungen, ihre Hektik uns auffressen, auslaugen ... unsere Leben verbrauchen. Wie siehst Du das?
Ja, das war vor 17 Jahren eine Lebensentscheidung. Hier habe ich ein Reich, in dem ich selbst auch Kultur anbiete (unser Festival im Sommer oder die kleinen Konzerte und Lesungen das Jahr über) und ich habe Raum und Zurückgezogenheit zum kreativ arbeiten, bevor ich meine Instrumente wieder ins Auto lade und rausfahre zu den Leuten. Ich brauche es, so zu leben.

Vor einiger Zeit schrieben wir auf Facebook hin und her zum Thema linke Zukunftsutopien. Welche ist Deine? Hat die Linke in ihrer Stöckchenspring-Menthalität und ihrem neuerdings immer weiter ausuferndem populistischen Gebahren überhaupt noch eine Idee vom Zusammenleben? Oder geht's nur um Gegen-Den-Feind - um die Wähler-Herde zusammenzuhalten?
Da machst Du ein großes Thema auf. Ich bin ja ganz grundsätzlich der Meinung, dass wir unser System von Parteien mal sanieren müssten. Irgendwas ist daran nicht mehr zeitgemäß. Zum Beispiel das, dass Du in Deutschland auf Bundesebene kaum sagen kannst, ich will die Partei nicht wählen aber ich will diesen Politiker in der Regierung - oder auch umgekehrt. Übrigens macht Putin in Russland grad so einen Schritt. Er stellt sich unabhängig von seiner Partei zur Wahl. Da wird wieder große Kritik aus Deutschland kommen aber eigentlich ist das Zukunft. Wie oft kommen Politiker, die wir schätzen, nicht zum Politik machen in unserem Land, weil ihre Partei nicht stark genug war oder weil Koalitionen eben andere Politiker an die Macht bringen? Nun ja, Du fragtest nach Visionen. Was die LINKE betrifft, so ist das bei allen Schwächen, die sie zeigt (z.B. im sich einig sein, z.B. im sich erkennbar/verständlich machen), für mich die politische Kraft, die in den für mich entscheidenden Fragen (Sozialpolitik, Bildungspolitik, Friedenspolitik) die beste Politik anbietet. Auch wenn dies Angebot vielerorts nicht angenommen wird. Aber überall, wo linke Lokalpolitik zugelassen wird, kommt Vernünftiges zustande. Und dass sie auf Bundesebene immer wieder dafür taugt, der Regierung den Zweifel entgegenzuhalten, ist und bleibt wertvoll. Ich wünsche dieser Partei und ihren Sympathisanten insgesamt mehr Mut und Selbstbewusstsein. Wer denken kann, wird erkennen, dass das, wofür links heute steht und auch im Anfang stand, nicht gleichzusetzen ist mit den Fehlern, die in der Zeit des Sozialismus gemacht wurden. Schon deshalb nicht, weil diese Pauschalisierung immer auch das Gute, das der Versuch von Sozialismus schon in sich hatte, mit unter den Teppich kehrt. Kommunismus ist aber nicht gleichzusetzen mit dem Sozialismus, den wir erlebt haben. Absolut NEIN! Kommunismus ist eine alternative Idee, die nicht vom Tisch ist. Schon, weil es nur diese gibt. Er ist das Einfache, was schwer zu machen ist, sagt Brecht. Und Marx sagte, er hat wirtschaftlich keine Chance gegen den Kapitalismus, weil seine Grundlage eben nicht rücksichtsloses Wachstum ist.007 20180117 1134874878 Lenin hat versucht, eine Gesellschaftsordnung dazwischen zu schreiben, die einen sanften Übergang bildet - d a s ist schief gegangen. Gründlich. Nur will man uns heute einreden, der Kommunismus sei gescheitert, damit wir bloß nicht nochmal drüber nachdenken, was unsere Väter falsch gemacht haben und was wir besser machen könnten. Denn alle wissen eigentlich, dass wir nach Alternativen zu unserem Jetzt suchen müssen, bevor wir die nächste Apokalypse provozieren. Der Kommunismus ist noch nie gescheitert, weil es ihn schlicht und ergreifend noch nie gab! Wenn die Linke wieder den Mut findet, das laut zu sagen und die Menschen endlich bereit sind, diese historische Wahrheit anzuerkennen, kann links eine stärkere und respektable Kraft in unserer politischen Landschaft sein. Aber um nicht missverstanden zu werden, ich bin Künstler und Familienvater. Mir wäre genauso lieb, wenn die entscheidenden politischen Fragen (Sozialpolitik, Bildungspolitik, Friedenspolitik) von anderen Parteien richtig beantwortet werden würden. Darum ist mir auch lieb, wenn in die "Musik statt Krieg"-Konzerte Menschen aus allen Richtungen heranströmen und darauf pfeifen, welcher Partei sie angehören oder welche Partei sie gewählt haben. Unsere humanistischen Gefühle und Gedanken sind nämlich ganz unabhängig von parteipolitischen Doktrin und die Kunst hat immer die Aufgabe und auch die Möglichkeit, über alle Grenzen hinweg zu agieren und Herzen anzusprechen. Es ist nur schön, wenn sich Künstler und Publikum finden, die dafür den Verstand nicht an der Garderobe abgeben.

Danke, Tino, für Deine Gedanken. Es ist wichtig, dass etwas bleibt. Und dass wir uns gewiss bleiben. Frieden beginnt jetzt.
Oder wie John Lennon es formulierte: WAR IS OVER - If you want! Ich danke auch.



Interview: Volly Tanner
Bearbeitung: cr
Fotos: Pressematerial (u.a. von Elena Dimitrieva), Sandy Reichel, Reinhard Baer








   
   
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