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Interview vom 19. Juli 2017



Die "Piratenbräute" legten im Dezember 2011 an. Für die Gruppe UNBEKANNT VERZOGEN war das damals das Debüt in Sachen Album-Veröffentlichung. Inzwischen ist reichlich Wasser die Spree herunter geflossen und innerhalb der Band hat sich so einiges verändert. Einzig die Kapitänin Patricia "Patti" Heidrich und Drummer Gerry sind noch an Bord. Ansonsten ist die Besatzung komplett verändert. UNBEKANNT VERZOGEN und auch Patti selbst haben sich weiterentwickelt, sich gehäutet und an sich gearbeitet. In fünfeinhalb Jahren seit den "Piratenbräuten" kann eben viel passieren und es passierte auch viel. Nun will man ein "Probeleben" versuchen. Ach, was heißt versuchen ... man hat es gelebt und im Aufnahmestudio für die Nachwelt festgehalten. "Probeleben" ist der Name des neuen und zweiten Albums von UNBEKANNT VERZOGEN und ein Glückskeks hat der Band schon prophezeit, dass hier was Besonderes entstanden ist (siehe Foto oben). Knapp zwei Monate bevor das Album erscheint hatten wir die Gelegenheit, mit Patricia Heidrich und Karsten Schützler über das Werk und die vergangenen acht Jahre zu plaudern ...




001 20170722 2080627292Im Jahre 2009 hatten wir einen ziemlich umfangreichen Beitrag über UNBEKANNT VERZOGEN auf deutsche-mugge.de veröffentlicht. Seitdem sind acht Jahre vergangen, in denen sich eine Menge getan hat. Patti, Du bist ja eigentlich die Letzte, die von der damaligen Besetzung noch übrig geblieben ist. Was ist in diesen acht Jahren passiert?
Patti: Ende 2011 erschien unser erstes Album "Piratenbräute". In der Folge brach mir die Hälfte der Band weg, so dass ich für Nachschub sorgen musste. Aber in der aktuellen Besetzung spielen wir nun auch schon fünfeinhalb Jahre zusammen und ich hoffe, dass es noch eine Weile anhält.

Du sagst, Ihr spielt seit fünfeinhalb Jahren als Quartett zusammen, es gibt Euch aber auch noch in einer Zweier-Besetzung. Wie habt Ihr Euch gefunden?
Patti: Ich würde sagen, über Mundpropaganda. Die Kollegen kriegen halt mit, dass Du Musiker für Deine Band suchst. Und dann kennt eben einer jemanden, der jemanden kennt, der wiederum ebenfalls einen kennt. Man telefoniert sich irgendwie zusammen, beschnüffelt sich und wenn es letztlich alles passt, probiert man es miteinander und ist eines Tages fünfeinhalb Jahre zusammen.
Karsten: Interessant dabei ist ja auch, dass UNBEKANNT VERZOGEN ursprünglich mit einem Keyboarder gespielt hat. Inzwischen hat sich allerdings herauskristallisiert, dass wir in einer klassischen Rockbesetzung spielen, also ohne Keyboard. Das hat sich mit der Zeit bewährt. Das neue Album wurde auch von uns Vieren so eingespielt, dass wir ohne größere Keyboard-Anteile auskommen. Außer vielleicht mal, um für ein paar Momente eine bestimmte Atmosphäre zu schaffen. Eigentlich spielen wir jetzt aber in der Besetzung Bass, Gitarre, Schlagzeug und Gesang. Das Ganze klingt sehr sachlich und sparsam, wir schleppen also keinen unnötigen Ballast mit uns rum.

002 20170722 2089137785Wenn ich Dich schon direkt dabei habe, Karsten, gebe ich die vorherige Frage gleich mal an Dich weiter. Wie bist Du zu UNBEKANNT VERZOGEN gekommen?
Karsten: 2012 sprach mich ein Freund an, nämlich André Kemnitz-Voigt, der bekanntlich verschiedene Bands in Berlin managt. AKV fragte mich, ob ich die Band UNBEKANNT VERZOGEN kenne, die suchen nämlich gerade einen Bassisten. Ich kannte sie bis dahin nicht, aber Patti nahm dann Kontakt mit mir auf und schickte mir einige Aufnahmen ihrer gerade erschienen CD. Ich fand die Musik super, tolle Texte, Pattis Stimme gefiel mir richtig gut. Für mich stand fest, wenn die mich wollen, würde ich sofort in die Band einsteigen. Allerdings hatte ich ja an einem ziemlich schweren Erbe zu knabbern, denn mein Vorgänger als Bassgitarrist bei UNBEKANNT VERZOGEN war immerhin Marcus Schloussen, der ja heute noch bei RENFT den Bass zupft. Deshalb war ich auch etwas nervös und unsicher, als es ans Vorspielen ging, aber man war mit mir zufrieden und ich konnte bei UNBEKANNT VERZOGEN mitmachen.

Du hast gerade das erste Album von UNBEKANNT VERZOGEN angesprochen. Das ist ja nun schon ein Weilchen her. Jetzt gibt es eine neue CD, die den Titel "Probeleben" trägt. Da wird sich ja sicher gerade in Sachen Songwriting oder Liedgestaltung bis hin zum Sound einiges verändert haben. Wo seht Ihr auf den ersten Blick die größten Unterschiede zwischen dem ersten und dem neuen Album?
Karsten: Ich würde das damalige Debütalbum "Piratenbräute" als sehr liedhaft bezeichnen, getragen von einer sanften Begleitung. Auf "Probeleben" geht es dann doch eher etwas rockiger und geradeaus zur Sache. Ansonsten war vielleicht die größte Veränderung, dass Patti diesmal die meisten Texte selber geschrieben hat, während ja auf der ersten Platte noch verschiedene Texter vertreten waren. Ich würde sagen, Pattis Texte machen jetzt etwa Zweidrittel auf der CD aus. Drei Texte hat Andreas Hähle beigesteuert. Und dann ist noch eine Coverversion von SILLY dabei. Die Kompositionen sind alle von uns Jungs geschrieben worden, natürlich mit Ausnahme der Coverversion. Man kann also sagen, das neue Album ist wirklich ein Gesamtwerk der Band.

003 20170722 1134674273Patti, ich stelle fest, SILLY lässt Dich nach wie vor nicht los ...
Patti: So ist es. Live spielen wir ganz oft "So 'ne kleine Frau" und dachten uns, wir trauen uns einfach mal, die Nummer als Coverversion zu veröffentlichen. SONY Music erteilte uns die Erlaubnis dafür und auch Werner Karma hatte keine Einwände. Im Kontext zu dem eigenen Song, den wir für Tamara geschrieben und auf das Album gepackt haben, passt es ganz gut.

Du verfolgst das Thema ja schon etwas länger. Im Jahr 2012 gab es auch ein Konzert für Tamara Danz, auf dem Du zu meinem Leidwesen der einzige Vertreter warst, der es glaubhaft rübergebracht hat.
Patti: Na ja, die Musik von Tamara sind ja meine eigenen Wurzeln. Ich schreibe und singe natürlich am liebsten meine eigenen Songs, aber es gibt eben auch immer wieder Lieder und Bands, die einen geprägt haben. Da wäre es doch schade, wenn diese Dinge einfach wegsterben, nur weil die dazugehörigen Musiker nicht mehr leben. Deshalb spielen wir solche Sachen gerne live. Wir nehmen ja nicht nur SILLY ins Programm auf, sondern haben auch immer mal einen Song von Gundermann dabei. Es sollen Ausnahmen sein und bleiben, aber grundsätzlich finde ich es schön, ein paar musikalische Wurzeln im Gepäck zu haben.

Auf Eurer facebook-Seite steht unter "Einflüsse" geschrieben: "Wetter, Laune und die Geschichte vom Leben". Das klingt alles sehr locker-flockig, dabei hatten Eure Songs bisher doch immer sehr viel Tiefe und Inhalt.
Patti: Ich denke, das ist keinesfalls verlorengegangen, aber wir sind vermutlich inzwischen ein bisschen altersmilde geworden (lacht laut). Im Vergleich zu "Piratenbräute", wo die Songs ja eigentlich auch nicht besonders melancholisch klangen, finde ich trotzdem, dass wir jetzt etwas leichter daherkommen, die Tiefe zwar nicht verloren haben, aber uns dennoch auch mal ein gewisses Augenzwinkern gönnen.

004 20170722 1871169441Dann kommen wir mal zu den Inhalten des aktuellen Albums. Wie viel Songs habt Ihr drauf gepackt und worum geht es inhaltlich?
Karsten: Insgesamt sind es fünfzehn Songs. Das ist relativ viel, aber seit dem ersten Album ist ja auch schon eine Menge Zeit vergangen. Das Album heißt "Probeleben", wobei der Name des Albums aus dem Refrain des Titels "Die Suchende" stammt. Ich finde, dieser Song ist so eine Art Schlüsselsong für das ganze Album, deshalb haben wir uns dort auch dieses Wort für die Namensgebung des Albums geliehen. Wie der Song selber entstanden ist, kann Patti vielleicht besser erklären.
Patti: Das ist eine Geschichte für sich. Es gab mal einen Wettbewerb, wo es darum ging, Texte über Brigitte Reimann zu schreiben. Die Beteiligung war ziemlich hoch. Ich fing damals gerade an, an dem Text zu "Die Suchende" zu pinseln. Es passte in dem Moment gut, das mit der Biographie von Brigitte Reimann zu verbinden.
Karsten: Das Suchen nach dem Glück und der Liebe, das Finden und Verlassen sein, das ständige Auf und Ab im Leben spielen in dem Album eine Rolle, ziehen sich praktisch wie ein roter Faden durch die Platte.

Was erwartet uns sonst noch?
Karsten: Das Album beginnt mit einem Song, der "O.N.S. - Der Morgen danach" heißt, wobei das O.N.S. für "One night stand" steht. Da hat also jemand seinen "One night stand" hinter sich und leitet damit das Album ein. Der letzte Song heißt dann "Wiederkehr" und wurde von unserem Schlagzeuger Gerald Zaczyk komponiert. Hier schließt sich dann der Kreis. Jemand kommt zurück oder empfängt jemanden, der zurückkehrt. Weiterhin gibt es den Song "Reiner Wein", wo der eine den anderen auffordert,005 20170722 1885758083 ihm keinen reinen Wein einzuschenken, weil er die Wahrheit vielleicht nicht ertragen kann. Das Lied "Oskar und Ursula" ist mit einem Text von Andreas Hähle ausgestattet. Hier geht es um ein Paar, welches sich 1944 wahrscheinlich zum letzten Mal gesehen hat. Die Geschichte geht zurück auf eine Inschrift an einem Haus an der Ostsee, die Patti mal gelesen hat.
Patti: Das war bei Wiggi (Rene Wiggers, Anm. d. Red.), der den Reriker Liedersommer veranstaltet hat.

Ich erinnere mich, dass Du die Geschichte vor zwei oder drei Jahren mal erzählt hast.
Patti: Genau, das ist die Geschichte zum Song "Oskar und Ursula". Ich hab' damals bei Wiggi auf der Terrasse gesessen und mir die Backsteine angeguckt. Dabei habe ich die Inschrift mit "Sommer '44" entdeckt. Inzwischen ist das Haus nach seinem Tod komplett umgebaut worden - das ist eine total schicke Hütte geworden. Als ich das letzte Mal da war, lag da noch ein großer Stapel mit den alten Backsteinen rum, die dem Umbau vom Haus zum Opfer fielen. In dem Stapel habe ich dann nach diesem einen Stein mit der Inschrift gesucht und ihn dann auch tatsächlich gefunden. Ich habe ihn behalten und mit nach Hause genommen.

Das ist eine tolle Geschichte mit dem Backstein und dass daraus ein Lied wurde ...
Patti: Von Hähle sind dann noch zwei weitere Texte, nämlich "Schlaf ein", welches eine Art Märchenlied zu "Dornröschen" sein soll, und auch "Schwer wie Blei" ist von ihm getextet. Desweiteren haben wir uns von Peter Schulz noch einen Text ausgeborgt, der heißt "Janus". Hierbei geht es darum, wie schwer es sein kann, wenn man sich gleich in mehrere verliebt hat, die zu einem passen könnten. Das klingt dramatisch, ist aber dann doch eher lustig.

006 20170722 1104026546Thematisch seid Ihr also richtig breit aufgestellt. Habt Ihr eigentlich eine Plattenfirma oder erscheint das Album im Eigenvertrieb?
Patti: Wir haben inzwischen ein Label gefunden. Das erste, welches wir hatten, sagte leider ab. Uns ist dann Christian Haase über den Weg gelaufen, bei dessen Label hTMV wir jetzt untergekommen sind. Wir haben ohnehin keine riesengroße Auflage geplant und wollen auch die meisten Platten auf den Konzerten verkaufen.

Das Thema Platte ist gut und bringt mich zu der Frage: Kommt "Probeleben" auch als LP raus?
Patti: Nein, erst mal nicht. Für mich ist eine CD auch eine Scheibe ... (lacht). Der Gedanke an sich gefällt mir, aber das kommt dann vielleicht später mal in irgendeiner speziellen Form. Zunächst geht es darum, die CD an den Mann und die Frau zu bringen.

Wann genau erscheint das Album?
Karsten: Am 29. September 2017.

Das ist ja noch eine ganze Weile hin. Ich habe gehört, Ihr wollt den Verkaufsstart des Albums mit einem Record Release Konzertes verbinden?
Patti: Genau, deshalb findet dieses Konzert ebenfalls am 29. September statt. Und zwar in Berlin.

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Wie weit seid Ihr mit den Planungen für dieses Konzert?
Patti: Abgeschlossen sind die Planungen natürlich noch nicht. Sicher ist bisher nur, dass das Konzert an diesem Tag in der WABE stattfinden wird. Als Unterstützung konnten wir aber schon André Herzberg gewinnen, der vor uns ein paar Songs spielen wird, worüber wir uns natürlich riesig freuen.

Spielt André Herzberg auch mit Euch zusammen oder zieht er sein eigenes Programm auf?
Patti: Das kann ich noch nicht sagen, da ich noch ein paar Pfeile im Köcher habe und erst einmal abwarten will, wer letztlich alles dabei ist und wie wir was miteinander verbinden können.

Das klingt auf jeden Fall sehr spannend. Haben wir noch irgendetwas vergessen, was es zum neuen Album zu sagen gäbe?
Karsten: Nein, eigentlich ist alles gesagt.
Patti: Wichtig wäre noch zu erwähnen, dass es das Album ab dem offiziellen Verkaufsstart natürlich auch online zu kaufen geben wird.

008 20170722 1198542214Das Album ist ja eigentlich schon fertig und in Sack und Tüten. Wir haben jetzt Mitte Juli, bis Ende September sind es also noch über zwei Monate. Ist man da als Musiker nicht juckig und kann es kaum erwarten, die CD zu präsentieren?
Karsten: Wir haben den Termin absichtlich etwas nach hinten gelegt, weil ja immer noch etwas Unvorhergesehenes passieren kann. Es kann Hunde und Katzen regnen, die Pferde können vor die Apotheke kotzen ... Wir selber haben die Scheibe aber natürlich schon vorher in der Hand.
Patti: Außerdem will ich nicht noch einmal solchen Stress haben wie bei der ersten CD. Da wurde die Platte wirklich erst am Tag des Release-Konzertes geliefert. Wenn Du dann einen Tag vorher immer noch nicht weißt, ob Du Dein Release-Konzert mit Platte machen kannst oder ohne, ist das sehr nervig. Also haben wir diesmal den anderen Weg gewählt und gehen lieber auf Nummer sicher.

Patti, Du sagst es ja eben selber, Du hast das alles schon mal erlebt. Gibt es für Dich Unterschiede zwischen dem Erscheinen der beiden Platten? Oder bist Du einfach ganz relaxt und lässt die Sache auf Dich zukommen?
Patti: Es stimmt schon, ich lasse das meiste auf mich zukommen. Aber bis zur Veröffentlichung gibt es noch eine Menge Arbeit für uns. Wir müssen zum Beispiel ordentlich Werbung dafür machen. Richtig entspannt sein werde ich deshalb erst, wenn der 29. September vorbei ist und wir ein erfolgreiches Konzert abgeliefert haben. Ich hoffe sehr, dass wir uns dann auf der Bühne auch ein bisschen selber feiern können.
Karsten: Beim Konzert wird auch unser Produzent Peter Funke vom Marax Studio Berlin dabei sein. An ihn geht ein besonders großes Dankeschön, denn er hat hervorragende Arbeit geleistet, Geduld mit uns gehabt, uns immer wieder inspiriert. Es war eine super Zusammenarbeit.

009 20170722 1239834622Peter Funke hat jetzt aber nichts mit Euerm Gitarristen Hannes Funke zu tun, oder?
Patti: Doch, die haben durchaus was miteinander zu tun, denn Peter ist der große Bruder von Hannes. Peter wird uns übrigens am 29. September zum Release in der WABE auch selber mischen, das will er sich nicht nehmen lassen.

Gucke an, so schließt sich der Kreis. Patti, an Dich geht die letzte Frage. Du hast als Rechtsanwältin einen ziemlich interessanten Job an den Nagel gehängt, um professionelle Musikerin zu werden. Bereust Du diesen Schritt inzwischen oder bist Du mit Dir im Reinen?
Patti: Ich bin absolut mit mir im Reinen. Alles andere wäre der verkehrte Weg gewesen. Ich würde es also jederzeit wieder so machen.

Ich danke Euch für diese interessanten Einblicke und wünsche Euch viel Erfolg für das Album.
Herzlichen Dank.



Interview: Christian Reder
Bearbeitung: tormey
Fotos: Pressematerial, Archiv UV







   
   
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