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Interview vom 28. Juni 2017 + Videoclip zu "Keinen Bock" am Ende der Seite

 

Das Aus nach einem Vierteljahrhundert harter Arbeit, einer Menge Spaß und vielen tollen Momenten: Die Gruppe SIX wird im November ein letztes Konzert geben, dann ist Schluss. Die Fans, von denen SIX bekanntlich ja nicht wenige hat, traf die Meldung wie ein Schlag in die Magengrube.001 20170701 1760729940 Doch wie wird es für die fünf Herren aus Brandenburg und Berlin weitergehen? Sänger Stefan Krähe hat bereits ein Eisen im Feuer, das er schon fleißig schmiedet. Auch Bassist Robert Gläser hat sicher kein Problem, eine Beschäftigung nach SIX zu finden. Er überraschte ja bereits im Frühjahr 2016 mit einem beeindruckenden Solo-Album, so dass einem um seine Zukunft nicht Angst und Bange sein muss. Zum Thema "SIX und was danach kommt" hatte Christian in dieser Woche Gelegenheit, mit Bandchef Stefan Krähe zu sprechen. Dabei gab es Antworten auf viele offene Fragen. Das komplette Gespräch könnt Ihr hier nun nachlesen ...




Sei gegrüßt, Stefan. Im letzten Jahr habt Ihr eine Bombe platzen lassen, als Ihr verkündet habt, SIX hört nach 25 Jahren auf. Warum?
Die Band hat sich in diesen 25 Jahren ständig weiterentwickelt. Wir waren ja keine stillstehende Band, die stets und ständig das gleiche gemacht hat. Zum Ende hin wurden es nicht nur immer mehr eigene Songs, sondern auch noch drei Alben. Die logische Konsequenz dieser Weiterentwicklung ist die, dass unser Name sich ändern muss. Wir könnten nämlich unter dem Namen SIX noch zehn weitere Alben aufnehmen, würden aber trotzdem immer als Party- und Coverband dastehen. In diesem Moment steht uns unser Bandname also im Weg.

Ihr habt doch aber ziemlich geile Alben abgeliefert. "Gefallene Engel" (2009), "Narben und Souvenirs" (2011) und "Gebrannte Kinder" (2014) waren richtige Bretter, wie ich finde.
Genau das ist ja das Schlimme. Es waren wirklich gute Alben, die aber auf dem Markt nie eine Chance hatten. Die Industrie nimmt uns nicht für voll und kein gutes Festival wird jemals eine Coverband einladen.

002 20170701 1949326736Gerade diese drei Alben dokumentieren doch hervorragend, dass Ihr keine Coverband seid, sondern auch total gute eigene Songs geschrieben habt.
Richtig. Aber nimm nur mal unsere Heimat Brandenburg. In den 25 Jahren unseres Bestehens haben wir dort mit SIX bestimmt vor einer Million Menschen gespielt. Und von dieser Million wissen höchstens zweihunderttausend, dass wir keine Coverband sind. Für alle anderen sind wir immer noch die Band, die covert. Das hat eben zur Folge, dass uns kein Festival, nicht einmal das Helene Beach Festival, einkaufen kann, weil es nicht förderlich ist, wenn im Line Up eine Coverband auftaucht. Das ist für den Veranstalter ziemlich uncool. Mit den Radiosendern wie z.B. MDR oder Antenne Brandenburg ist es ähnlich. Die suchen immer nur nach einer Partyband, wenn sie mit uns Kontakt aufnehmen, obwohl sie uns nun schon viele Jahre lang kennen. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Das heißt im Umkehrschluss auch, dass die Leute, die sich für gute, eigene Songs interessieren, natürlich nicht zu uns kommen, weil wir für die eine Coverband sind. Dass wir das eigentlich gar nicht sind, wissen sie aber nicht, weil sie gar nicht erst auf unseren Konzerten erscheinen. Klar, es ist mit unserem Namen einfach, Geld zu verdienen, wenn wir auf Stadtfesten spielen. Aber die eigenen Songs an den Mann zu bringen ist wirklich schwer. Im Moment kommt es oft vor, dass Leute, die seit zehn Jahren nicht mehr bei SIX waren, sich plötzlich wieder für unsere Musik interessieren, in die Konzerte kommen und sich fragen, warum wir denn aufhören. Übrigens interessieren sich derzeit alle für unser neues Album. Das ist gut, denn solche Aufmerksamkeit wie jetzt gerade werden wir nie wieder bekommen. Meine neue Band nach SIX heißt dann übrigens KRÄHE.

Das bedeutet also, Du führst die bisherige Band SIX weiter, aber unter einem neuen Namen?
Nein, denn so eine Veränderung bringt noch andere Konsequenzen mit sich. Zum Beispiel wird Robert Gläser die Band verlassen und sich künftig auf seine eigenen Projekte konzentrieren. Unser Gitarrist Frank Engelmann,003 20170701 1539612354 der seit sechs Jahren bei SIX spielt, ist im Herzen Blueser und möchte jetzt unbedingt in einer Bluesband spielen. Nach jetzigem Stand gehen aus der aktuellen SIX-Besetzung also nur unser Schlagzeuger Jürgen Schötz und Keyboarder Andreas Giersch mit in die neue Band.

Ich habe gelesen, dass Euer neuer Gitarrist Freddy Hau von LUXUSLÄRM sein wird.
Genau. Freddy spielt sogar schon bei uns mit, weil Frank Engelmann derzeit krankheitsbedingt ausfällt und Freddy für ihn eingesprungen ist. Zukünftig wird Freddy Hau dann immer die Gitarre bei KRÄHE bedienen. Er wurde mir als guter Gitarrist empfohlen und suchte passenderweise gerade einen neuen Job, da LUXUSLÄRM sich ja bekanntlich aufgelöst hat. Freddy wohnt zufällig auch in Berlin und menschlich passte ebenfalls alles. Musikalisch bringt er genau das mit, was ich gesucht habe, somit ist alles perfekt.

Hast Du sein Wirken bei LUXUSLÄRM vorher bereits verfolgt oder kanntest Du ihn bis dahin gar nicht?
Nein, ich kannte ihn nicht.

Und wer wird der neue Mann am Bass?
Alexander Semrow, der kommt ebenfalls aus Berlin. Der war mir vorher auch nicht bekannt, weil er bislang vorwiegend im Studio gearbeitet hat und dadurch wenig mit irgendwelchen Bandzugehörigkeiten zu tun hatte.

004 20170701 1806669433Ihr seid mit SIX ja jetzt auf Abschiedstour. Wie ist denn das Feedback der Fans? Unterstützen die Dich in Deinen Plänen oder sind die eher der Meinung, Ihr solltet als SIX weitermachen?
Die Reaktionen sind gemischt. Natürlich gibt es viele, die traurig sind, weil wir uns auflösen. Aber man sollte wissen, wir haben uns immer weiter entwickelt und die jetzige Band SIX hat überhaupt nichts mehr mit der Band SIX von vor zehn oder fünfundzwanzig Jahren zu tun. Deshalb wundern sich ja die Leute, die uns letztmals vor zehn Jahren gesehen haben, dass hier eine komplett andere Band auf der Bühne steht. Die fragen sich, was da passiert ist! Inzwischen spielen wir ja ein zweigeteiltes Programm, also neunzig Minuten Cover und neunzig Minuten mit eigenen Nummern. Mit dem neuen Album würde es noch weniger Covermusik werden, so dass wir irgendwann mit dem Status als Coverband gar nichts mehr gemein hätten. Aber der Name SIX würde uns dennoch immer wieder daran hindern, anderes zu erreichen.

Kurze Frage: Du redest immer von einem neuen Album. Meinst Du damit das "Best Of"-Album oder gibt es da noch etwas, wovon ich nichts weiß?
Ich rede von dem Album, welches in Kürze unter dem Namen KRÄHE erscheint.

Darauf sind dann also Lieder, die ursprünglich für SIX gedacht waren, aber nun als KRÄHE veröffentlicht werden.
Genauso ist es.

Was wird sich ändern in der Arbeit als KRÄHE im Vergleich zur Arbeit als SIX?
Wir werden uns völlig neu aufstellen, womit auch ich Neuland betrete. In Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt kennen wir inzwischen jeden Stein, jeden Veranstalter, jede Agentur. Aber diese ganzen Kontakte nutzen mir nicht sehr viel, denn um uns und unsere Musik bekannter zu machen, zielen wir nicht mehr auf Stadtfeste oder Dorffeten, sondern wir müssen zukünftig Festivals bespielen,005 20170701 1786542974 auf Tattoo-Conventions und Biker-Partys präsent sein und auch Supporte für größere Bands spielen. Das sind völlig neue Aufgaben für uns, die wir aber zwingend angehen müssen, um voran zu kommen. Deshalb werden Stadtfeste nicht mehr diese Priorität für uns haben. Damit erreichen wir zwar viele Menschen, aber leider nicht die Richtigen. Auf Festivals hingegen findet man ein wirklich musikinteressiertes Publikum vor.

Das heißt für Dich, dass Du quasi im gestandenen Alter nochmal völlig neu anfangen musst.
Da hast Du Recht. Aber es gibt eben Bands, die nach 25 Jahren aufhören, wir dagegen fangen in diesem Alter neu an. Aber ich kann es nur immer wiederholen: was jetzt passiert, ist nach 25 Jahren SIX einfach die logische Konsequenz unserer fortlaufenden Weiterentwicklung. Wir mussten uns halt irgendwann die Frage stellen, wollen wir weiterhin covern oder endlich und ausschließlich eigene Musik machen? Ich würde keine Sekunde zögern zu sagen, lass uns weiter covern, wenn wir nicht in der Lage wären, gute eigene Songs zu schreiben. Aber wir können nun mal Eigenes machen, und das recht gut, wie ich denke. Wir haben mittlerweile auch genügend Material zusammen, um nur noch mit eigenen Titeln zu arbeiten, was dann aber natürlich die jetzigen Konsequenzen wie z.B. die Änderung des Bandnamens zur Folge hat.

Am 4. November 2017 wird es das Abschlusskonzert von SIX geben. Werfen wir mal einen Blick voraus auf dieses Konzert. Wird es da die eine oder andere Überraschung geben? Was wollt Ihr machen?
So viel haben wir da gar nicht geplant. Zumal es auch noch lange hin ist. Wir wollen auf jeden Fall an diesem Abend in der Metropolis-Halle in Potsdam die neue Band KRÄHE vorstellen und auch das neue Projekt von Robert Gläser wird vorgestellt. Von jeder dieser beiden neuen Bands werden wir drei bis vier Songs spielen, damit die Fans ungefähre Vorstellungen davon haben,006 20170701 1284216034 was sie in Zukunft erwartet. Wir werden auch wieder ein kleines Orchester dabei haben und gemeinsam in alte Zeiten abschweifen. Und natürlich spielen wir auch wieder und letztmalig die Klassiker unserer Coversongs. Was sich drum herum noch ergeben wird, ob es spezielle Gäste gibt und so weiter, das kann ich alles noch nicht sagen. Es kann auch durchaus passieren, dass unser neuer Gitarrist Freddy Hau am 4.11. gar nicht dabei sein kann, weil seine Frau in dieser Zeit gerade ein Kind erwartet. Wir machen uns also noch nicht unnötig heiß, die echten Planungen dafür beginnen erst im August.

Wir lassen uns also überraschen. Du bist ja das letzte verbliebene Gründungsmitglied von SIX. Wie fühlt es sich an, wenn man die letzten Konzerte vor sich hat und quasi sein eigenes Baby zu Grabe trägt?
Ich bin nicht nur ein Gründungsmitglied, sondern der eigentliche Gründer von SIX! Ich hatte schon einige Male schwere Entscheidungen zu treffen auf dem bisherigen Weg. Beispielsweise musste ich ziemlich am Anfang von SIX meinem besten Freund, was er auch immer noch ist, sagen, dass er nicht für die Rolle des Bassisten taugt. Das war richtig hart. Ich musste mich immer wieder entscheiden, ob ich das Ganze konsequent und professionell betreiben oder irgendwie nur Spaß haben will. Ich will schon etwas erreichen, möchte eine Entwicklung sehen. Genauso wie es in einem unserer Songs heißt: "Wir haben Spuren hinterlassen und Zeichen gesetzt". Und das funktioniert eben nur mit Konsequenz. Das habe ich erkannt und deshalb fällt es mir auch überhaupt nicht schwer, fünfundzwanzig Jahre an den Nagel zu hängen.007 20170701 1337714809 Es war eine geile Zeit, aber letztlich ist es der richtige Schritt. Außerdem, das habe ich vorhin bereits gesagt, sind wir schon längst nicht mehr die Band SIX von vor zehn oder fünfzehn Jahren. Das müssen wir nun durch den Wechsel des Namens und den Schritt, nicht mehr zu covern, auch nach außen deutlich machen. Die fünfundzwanzig Jahre SIX waren ja auch erst der Grundstock dafür, dass es jetzt KRÄHE geben kann. Natürlich wird es jetzt Leute geben, die sagen, wenn wir in Hamburg oder Münster spielen, können wir ruhig weiter als SIX auftreten, weil wir da eh kein Image haben. Aber auch das stimmt ja nicht. Geht man unvoreingenommen an die Sache ran, stellt man sich unter SIX eine Metalband aus den 80er Jahren mit langen Haaren vor, kommt aber keinesfalls darauf, dass es sich hier um eine Deutschrockband handelt. Man könnte SIX auch irgendwie anders schreiben, doch es wäre immer ein englisches Wort. Der Name ist also für eine Band, die Deutschrock macht, überhaupt nicht tauglich.

Ich höre aus Deinen Worten heraus, Du bist mit Dir und dieser Entscheidung im Reinen und ruhst innerlich in Dir.
Ja, absolut.

Lass uns über KRÄHE sprechen. Es gibt schon einen Titel, der als Clip bei youtube zu finden ist (siehe auch am Ende dieser Seite). Der Song heißt "Keinen Bock". Das ist ja schon eine deutliche Botschaft, die Du da raushaust. Wird es in diesem Stil weitere Lieder geben, wird es Statements geben, die ein wenig unbequem sind?
Na klar. Es ist zwar kein komplett politisches Album geworden, aber sobald man Themen aufgreift, die sich im zwischenmenschlichen Rahmen bewegen oder soziale Schiefstände betreffen, dann ist das ja eigentlich immer Politik. Ich habe genau diesen Song als erste Auskopplung gewählt, weil viele Menschen wahrscheinlich vom Sänger einer Coverband eher Schmusesongs oder Partyhits erwarten. Ich wollte also klipp und klar sagen, so ist es nicht. Das Album habe ich schon mehreren Leuten vorgespielt und deren Tenor ist fast einhellig, dass die Texte extrem geil und gut geworden sind. Das einzige Liebeslied unter den zwölf Songs ist das Lied für meinen Sohn. Das wird auch das nächste Video und wird wahrscheinlich in vierzehn Tagen rauskommen. Für mich ist es immer wichtig, dass sowohl die Musik als auch die Texte bewegen. Wenn mich die Musik nämlich nicht erreicht und bewegt, ist es für mich nichts anderes als Fahrstuhlmusik. Solche belanglose Musik gibt es leider viel zu viel. Ich fand kürzlich den Böhmermann toll, der den Max Giesinger auf's Korn genommen hat.008 20170701 1666597405 Er und andere wollen einfach nicht zugeben, dass sie Schlager singen. Dabei ist es überhaupt nicht schlimm, Schlager oder Unterhaltungsmusik zu machen. Stattdessen stellen sie sich hin und nennen sich Singer/Songwriter, hängen aber voll in der Industrie drin… Mich persönlich haben selbst die TOTEN HOSEN mit ihrem letzten Album nicht mehr erreicht, weil die Texte einfach zu wischiwaschi und zu unkonkret waren. Da fehlen mir die Themen, zu denen ich sagen kann: Ja, das ist es! Meine großen Vorbilder waren mal WESTERNHAGEN in seinen Urzeiten. UDO LINDENBERG in der Anfangszeit ebenso. Das waren große Musiker mit großartigen deutschen Texten, mit Aussagen und Inhalten. Also das ganze Gegenteil von Fahrstuhlmusik. Genauso möchte ich mit meinem Album rüberkommen, das habe ich mir auf die Fahne geschrieben.

Erscheint das neue Album noch zu SIX-Lebzeiten oder erst nach dem letzten Konzert?
Unbedingt vorher! Eigentlich soll es Ende Juli kommen. Das Ganze hat ja auch einen bestimmten Hintergrund. Ich möchte Werbung für die Kapelle KRÄHE machen, die auf SIX folgt. Der Idealzustand wäre der, dass zu unserem Abschlusskonzert am 4. November jeder, der SIX kennt, auch schon KRÄHE kennt. Das wird wahrscheinlich nicht zu erreichen sein, da wir einfach zu viele Fans haben, aber man muss ja ein Ziel vor Augen haben.

Dann lass uns doch noch mal über das kommende Album sprechen. Du hast ja eben bereits gesagt, wo Du inhaltlich hin willst. Es darf auch gerne mal konkret werden und Du willst Botschaften vermitteln, nicht nur über Liebe singen. Wie wird es musikalisch sein? Gibt es wieder voll auf die Zwölf wie bei den letzten SIX-Nummern oder gibt es auch ruhige Momente?
Natürlich wird es auch ruhigere Phasen geben. Beispielsweise ist da ein Song über Kindesmisshandlung drauf, der klingt natürlich etwas anders. Auch habe ich einen sehr intimen Song über meine Schwester geschrieben, die gestorben ist. Das ist keine harte Nummer, sondern die spiele ich allein am Klavier. Und es gibt einen Song, der etwas deftiger klingt und die Religionen zum Thema hat. Es gibt so viele Themen, die man besingen kann, wenn man nur mal darüber nachdenkt. Wenn ich Songs schreibe, denke ich mir zuerst ein Thema aus, über das ich singen will. Das wird dann eben umgesetzt.

009 20170701 1254990314Wie entstehen die Lieder bei und für KRÄHE? Bist Du der alleinige Schöpfer dieser Kompositionen und Texte oder sind Deine Bandkollegen auch daran beteiligt?
Ich mache die Songs mit Stefan Klämbt zusammen. Das ist ein guter Freund, der gleich bei mir um die Ecke wohnt. Durch die Entscheidung, SIX aufzugeben, gerieten wir etwas in Zeitnot, weshalb wir uns auch ein paar Leute ins Boot holten, die uns helfen sollten. Die Themen für drei Songs habe ich vorgegeben und hatte auch schon Textzeilen da, die unbedingt drin sein müssen, weil sie mich bewegen. Als die Texte fertig waren, dauerte es aber immer noch Monate, bis der Endstatus erreicht war, weil ich mich mit bestimmten textlichen Begrifflichkeiten schwer tue und nicht zufrieden gebe. Bei deutschen Texten ist das Problem, dass sie schnell in eine gewisse Bagatelle abrutschen, wenn man die falschen Vokabeln benutzt. Diesbezüglich ist UDO LINDENBERG mein großes Vorbild. Der sitzt quasi immer auf meiner Schulter, während ich die Texte schreibe und nickt mir dann zu, wenn der Text okay ist oder schüttelt den Kopf, wenn es Mist ist. Ich überlege mir immer, könnte UDO den Text singen? Klingt es cool oder eher nach Bagatelle und Schlager?

Du redest aber von dem ganz jungen UDO ...
Ja genau. Aber auch heutzutage kann man ihn sich wieder anhören. Mit seinem letzten Album war nämlich wieder alles easy. Doch die Zwischendurch-Phase mit Liedern wie "Ein Herz kann man nicht reparieren" ... Oh weh ...

Du sagtest eben, Du hast Dir für die Texte Hilfe geholt. Waren namhafte Leute darunter?
Nö. Es waren Leute, die uns schon früher bei den SIX-Alben geholfen haben. Es ist auch überhaupt nicht so, dass die Lieder alle von mir sein müssen. Wenn ein Song geil ist und zu mir passt, dann nehme ich den auch. Aber den Moment, dass ein Song so fertig war, dass ich ihn komplett übernehmen konnte, gab es noch nicht. Da musste also immer noch dran gearbeitet werde. Und bei Songs, die ich nicht selber geschrieben habe, ist es auch so, dass ich völlig dahinter stehen muss, erst dann ist es meiner.012 20170701 1084648528 Letztendlich hat sich meine Pingeligkeit aber total ausgezahlt, denn jeder, der das Album hört, zieht den Hut vor den Texten. Es war mir wirklich wichtig, Musik mit Inhalten zu machen, denn davon gibt es einfach viel zu wenig. Ob es nun SILBERMOND ist, JULI oder wie sie alle heißen, die stehen für nichts. Die klingen immer irgendwie pseudopolitisch, trauen sich aber nicht, irgendwem weh zu tun. Klar, die wollen ja auch Platten verkaufen, die wollen gefallen und bloß nicht irgendwo anecken. Mir persönlich ist das hingegen völlig egal, ob ich anecke oder jemandem auf die Füße trete. Im Song "Keinen Bock" beschimpfe ich ja zum Beispiel ganz viele Leute. Es kann aber sein, dass manch einer den Song überhaupt nicht versteht, der ihn falsch interpretiert. Ich habe einfach etwas gegen die Leute, die es möglich machen, dass gewisse Dinge erst passieren, weil sie sich nicht für Politik interessieren oder Nichtwähler sind. Somit spreche ich also sehr viele Menschen an, denn die wenigsten interessieren sich ja heutzutage tatsächlich für politische Zusammenhänge. Ich glaube, so einen Song würde es bei JULI nie geben, wo erstmal siebzig Prozent aller Menschen beleidigt werden.

JULI und SILBERMOND wollen also Platten verkaufen, Du willst das aber nicht ... (grinst)
Natürlich will ich, dass meine Musik bekannt wird und die Leute es kaufen. Wie groß das Projekt KRÄHE am Ende wird, weiß ich nicht, deshalb freue ich mich zunächst auch über zwei- bis dreihundert Leute, die in die Konzerte kommen. Aber dann weiß ich, dass diese Leute die Musik und die Texte auch wirklich mögen und geil finden. Auf dieser Substanz wird sich die Sache dann aufbauen, da bin ich sicher. Auch will ich nichts mit einem Major Label zu tun haben, sondern ich mache alles alleine in Eigenverantwortung. Ich habe so viele schlechte Erfahrungen mit Managements, Booking Agenturen und Plattenfirmen gemacht, dass ich künftig die Finger davon lasse. Da gibt es unzählige Leute, die nur quatschen, aber nicht wirklich etwas für Dich tun … Das kann ich auch selber, dafür brauche ich niemand anderes. Die Musik von KRÄHE wird so gut sein, dass sie sich selbstständig verbreitet. In welcher Größenordnung das passiert, ist mir nicht ganz so wichtig.011 20170701 1561994173 Ich möchte nur weiterhin von der Musik leben können und meine Konzerte machen. Reich werden muss ich damit nicht, aber ich möchte weiter geile Musik machen und die Menschen erreichen. Ich freue mich riesig auf die neue Zeit nach SIX, denn ich brauche immer mal wieder neue Herausforderungen. Wenn es nämlich auf Dauer gleichmäßig und eintönig läuft, ist es nicht meins. Der jetzt eingeschlagene Weg ist deshalb genau der richtige für mich und auch für die Band SIX. Sicherlich könnten wir noch zehn Jahre lang so weitermachen. Aber dann kann es sein, dass viele Leute "Gefällt mir" klicken, wenn wir unser Ende bekannt geben. Ich weiß nämlich nicht, ob ich mit 65 Jahren noch LINKIN PARK singen könnte. Aber ich weiß, dass ich mit 75 auf der Bühne stehen und eigene Songs singen kann.

Wenn man ein neues Album macht, schließt sich ja in der Regel eine Tour an, um die Platte bekannt zu machen. Wird es bei KRÄHE genauso sein, werdet Ihr gleich auf Tour gehen oder wird sich das noch hinziehen?
Ich habe einen guten Freund, der gleichzeitig auch Manager ist. Der kümmert sich jetzt um Festivalauftritte für uns von Hamburg bis Zürich. Ich selber habe ja auch ganz viele Kontakte, die ich nutzen werde, um die Band KRÄHE anzubieten. Zwischen Weihnachten und Neujahr werden wir dann anfangen zu spielen. Erstmal werden wir in den Regionen auftreten, wo auch SIX bekannt war. Aber wichtig ist für mich vor allem, dass wir so schnell wie möglich Festivalauftritte bekommen und auch als Support für bekanntere Bands wie WIRTZ oder die BROILERS gebucht werden. Der Hammer wäre natürlich ein Auftritt als Vorband von UDO LINDENBERG, aber das sind wohl im Moment noch Träume.

010 20170701 1540656416Abschließend noch eine Frage. Als im letzten Jahr die Meldung die Runde machte, SIX würde sich auflösen, schossen natürlich auch die Gerüchte hoch. Unter anderem hieß es, die Musiker verstehen sich untereinander nicht mehr. Speziell ging es dabei um Dich und Robert - Ihr beiden seid ja schon die Alfatiere. Ist an dem Gerücht ein bisschen Wahrheit dran oder ist und war das Quatsch?
Natürlich gefällt Robert meine Entscheidung nicht so richtig, aber für mich ist diese Entscheidung konsequent und alternativlos. Trotzdem verstehen wir uns noch genauso gut wie all die Jahre zuvor.

Ich wünsche Dir alles Gute für Deine Vorhaben. Wir werden Dich und Deine Band dabei nach besten Kräften begleiten und unterstützen. Auch drücke ich Dir für den Rest des Jahres die Daumen, denn das ist ja noch einiges, was da ansteht an Aufgaben.
Ich danke Dir.



Interview: Christian Reder
Bearbeitung: tormey
Fotos: Pressematerial, Archiv Deutsche Mugge






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