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001 20160120 1869144432Christian Hentschel ist Musikjournalist, Buchautor, Manager und Labelbetreiber. Eher selten ist er auf allen Gebieten gleichzeitig aktiv, aber bei jeder Aufgabe - egal in welchem Bereich - stets mit vollem Einsatz. Im Jahre 2004 belebte er das 1957 gegründete und nach der Wende eingestellte Musikmagazin melodie & rhythmus wieder, das es vorher 13 Jahre lang nicht mehr gab. Als Autor schrieb er Biographien für Bands wie KEIMZEIT, CITY und PUHDYS, die als Bücher erschienen. Ein Ostrock-Lexikon ("Als ich fortging") und einen Ratgeber für Musiker brachte er ebenfalls heraus. Als Manager ist er seit den 90ern aktiv, und hatte eine Zeit lang z.B. die Gruppe muSix unter seinen Fittichen. Über das Label dunefish, das er ebenfalls ins Leben rief, haben einige Oststars wie z.B. André Herzberg und Dirk Zöllner Platten veröffentlicht. Ganz aktuell ist sein neues Projekt, das Musikmagazin SCHALL., das seit dem letzten Jahr erscheint und in diesem Jahr einmal im Quartal neu in den Zeitschriftenhandel kommen soll. Damit will er - wie die Überschrift schon verrät - eine Lücke füllen, die in der deutschen Zeitschriftenlandschaft klaffte. Themen für ein interessantes Gespräch mit Christian Hentschel gibt es also genug. Unser Kollege Christian hatte zuletzt Gelegenheit, mit seinem Namensvetter über all das und einiges mehr zu plaudern ...

 

Mit SCHALL. hast Du ein neues Musikmagazin an den Start gebracht. Inzwischen gibt es schon die dritte Ausgabe. Welche Idee steckt hinter SCHALL., was waren die Beweggründe, ein neues Printmagazin zum Thema Musik in den Handel zu bringen?
In den letzten Jahren ist in der hiesigen Musiklandschaft Unglaubliches passiert, schon 2014 waren 50% der Albumcharts von einheimischen Künstlern, 2015 sind es noch mehr, bei der letzten mir bekannten Hochrechnung schon über 70%. Es gibt jedoch kein Printmedium, das diesen Trend aufgreift, also haben wir - mit "Wir" meine ich das SCHALL.-Team - genau das gemacht: ein Musikmagazin über die Szene im deutschsprachigen Raum. Wenn du erfolgreich Musik machst, aber eben nicht einer ganz bestimmten Szene angehörst, hast du keine Chance, über dich in einem Musikmagazin zu lesen. Das ist schade und diese Lücke wollen wir schließen.

Die Kollegen der Printmedien klagen über Leserschwund und darüber, dass alles ins Internet abwandern würde. Auch die Werbepartner würden nicht mehr so fleißig in gedruckte Publikationen investieren. Beobachtest Du diese Probleme nicht oder siehst Du sie nicht als so gravierend, dass man nicht mit einer neuen Zeitschrift starten kann?
Schaut man sich diese Statistiken genauer an, sieht man schnell, dass das Printsterben vor allem Tageszeitungen betrifft. Den sogenannten Special Interest-Magazinen geht es nicht so schlecht. Natürlich ist das alles nicht vergleichbar mit den Zeiten, als es das Internet noch nicht gab, aber wir sind ja auch kein Konzern, der Millionen scheffeln muss. Wir sind freie Journalisten, die davon leben möchten, was sie von früh bis spät machen, das ist ein realistisches Ziel, das sollte zu schaffen sein. Wir setzen auf Leser, denen Haptik wichtig ist, die ein Magazin auch mal auf dem Klo oder in der Bahn lesen wollen. Es gibt ja auch noch CDs und LPs - trotz Downloads und Streamings. Richtig beobachtet ist, dass die Werbepartner weniger spendabler sind als meinetwegen vor zehn Jahren, doch zum Glück wissen auch Partner in der Musikindustrie ein Magazin wie SCHALL. zu schätzen. Zumindest bis jetzt ... :-)

003 20160120 1109134555Warum gerade SCHALL. als Name für das Magazin?
Da ging es uns vielleicht wie einer Band, die einen Namen sucht. Wir wollten keine englische Floskel und es sollte im weitesten Sinne auch mit Musik in Verbindung gebracht werden. Nach 585 Namensideen wurde es schließlich SCHALL.

Ein solches Projekt setzt man ja nicht allein in die Tat um. Wer stand Dir bei der "Gründung" zur Seite und wer hat bei SCHALL. sozusagen alles den Hut auf?
Momentan sind wir ein dreiköpfiges Team, das auch die finanzielle Verantwortung trägt. Neben mir sind es meine langjährigen Kollegen und Freunde Christian Fischer und Thomas König. Eigentlich waren wir ein Viererteam, aber unser vierter Mann Franz X.A. Zipperer ist Ende August 2015 plötzlich und unerwartet verstorben. Wir werden SCHALL. auch in seinem Namen fortführen. Er hinterlässt jedoch eine riesengroße Lücke, die nicht ohne weiteres zu schließen ist. Nicht unerwähnt dürfen unsere Grafikerin Saskia Funke sowie unsere Fotografen Chris Gonz und Ron Marzok bleiben. Saskia steuert ein großartiges Layout bei, ihr können wir nicht oft genug Danke sagen. Chris Gonz macht die Fotoshootings für den Titel. Saskia und Chris sorgen mit ihrer Arbeit für den Ersteindruck. Würde das nicht gefallen, bräuchte der Rest des Teams erst gar nicht anfangen. Im Grunde müsste ich jeden von uns aufzählen.

Gibt es eine feste Redaktion oder greift Ihr auch auf sogenannte "externe" Redakteure zurück, die Beiträge nach Auftrag liefern?
Wir haben keine Festangestellten oder so. Aber wir haben einen Stamm an freien Journalisten, mit denen wir regelmäßig arbeiten. Die meisten kennen wir aus früheren Projekten, das vereinfacht jetzt vieles. Wenn Deine Frage darauf zielt, ob sich auch neue Kollegen melden können, kann ich sagen, dass sie das können. Manchmal dauert aber eine Antwort. Es ist doch mehr Arbeit, als man sich das vorher ausgemalt hatte. Aber ich will nicht klagen, es ist auch ein großer Spaß.

SCHALL. ist von seinem Umfang her recht beachtlich. Heft 1 hatte beispielsweise 196 Seiten und kostete nur 5,90 Euro. Wird dieses großzügige Angebot so bleiben oder wird sich das ändern, wenn das Magazin im nächsten Jahr alle zwei Monate erscheinen soll?
SCHALL 2 hat sogar 228 Seiten. Ich finde, Euro 5,90 sind viel Geld. Eben fast sechs Euro mehr als bei einer Gratiszeitschrift oder einem Internetangebot. Deshalb wollen wir dafür was bieten. Aber natürlich kann es auch mal passieren, dass wir eine Ausgabe mit nicht ganz so vielen Seiten haben wie bei SCHALL 3 mit 164 Seiten. Im dreistelligen Bereich bleibt die Seitenanzahl in jedem Fall.

004 20160120 1037429119Bleibt es dabei, dass es ab 2016 sechs Hefte im Jahr geben wird?
Das war die anfängliche Idee, wir werden 2016 jedoch nur quartalsweise ein Heft veröffentlichen. Wie wir uns für 2017 entscheiden, lassen wir noch offen. Zunächst sind wir aber mit vier sehr umfangreichen Ausgaben zufrieden. Hin und wieder wollen wir auch noch andere Dinge tun, Christian Fischer ist zum Beispiel auch Schriftsteller, im Frühling letzten Jahres ist sein letzter Roman bei einem großen Verlag erschienen.

Im Gegensatz zu Deutsche Mugge scheint SCHALL. in Sachen Musikrichtungen über alles zu berichten. Selbst Hip Hop und Volksmusik hat dort seinen Platz. Ist das ein Zugeständnis an die Industrie oder ist das tatsächlich die Überzeugung der Redaktion, alles bunt zu mischen und dem Leser auch anzubieten?
Hip Hop ist ein ganz wesentlicher Bestandteil der Musikszene, da kommen wir definitiv nicht dran vorbei. Wollen wir auch nicht, wir machen einfach das, was uns gefällt. Ein Musikmagazin, das wir uns auch selbst kaufen würden. Um Beispiele zu nennen: Sido ist ein spannender Gesprächspartner und wenn eine mir bis dato unbekannte Hip Hop-Band wie Genetikk von Null auf Eins in den Charts geht, interessiert mich, wer das ist. Und nicht zuletzt pfeife ich ständig irgendwelche Lieder von Marteria. Aber wo hast Du bei uns denn Volksmusik gesehen? Ich hoffe, Du meinst nicht Hubert von Goisern (Nö, den meinte ich nicht, Anm. d. Verf.). Denn der gehört sehr wohl bei uns rein, er hat ja nichts mit den Stadl-Affen gemein. Er paart Rock, Singer/Songwriter und vieles andere mit dem authentischen Sound seiner Heimat, sozusagen österreichische Weltmusik. Ich kann ihn nur empfehlen. Es gibt auch eine Kinodoku über ihn, sie ist gerade auf DVD erschienen. Und von wegen Industriezugeständnis: Wir hatten noch keine Hip Hop- und Volksmusikanzeigen drin. Schade eigentlich ...

Auffallend ist auch die hohe Auflage für ein neues Magazin. Stimmt es, dass Ihr mit 30.000 Heften gestartet seid?
Im Vergleich zu vielen Mitbewerbern ist die Auflage gar nicht so hoch. Aber um Deine Frage zu beantworten: Ja, es stimmt. Unser Ziel war es, dass der komplette Bahnhofsbuch- und Flughafenhandel sowie die Grossisten in Großstädten wie Berlin oder Hamburg einen Stapel auslegen. Und wir wiederum haben als Marketingaktion bei Konzerten und Festivals Gratisleseproben verteilt, d.h. mit anderen Worten die 30.000 waren ganz schön knapp.

002 20160120 1604142902Wie haben sich die ersten beiden Hefte denn verkauft? Seid Ihr zufrieden mit dem bisherigen Ergebnis?
Wir sind noch ganz am Anfang und als kleiner Indie-Verlag kommt man schnell an seine Grenzen, was das Marketing betrifft. Der Weg zum Leser bleibt schwer, wenn man z.B. im Bahnhofsbuchhandel vor dem Zeitschriftenregal steht, wird man vom Angebot regelrecht erschlagen. Nichtsdestotrotz sind wir dort trotzdem zu finden. Wir haben aber von Anfang an auch über den Vertrieb auf unserer Website sowie an den Merch-Ständen einiger Bands gesetzt. Zudem verteilen wir etwa die Hälfte der Auflage als Leseproben auf Konzerten und Festivals. Es sind auch schöne Dinge passiert, als z.B. Sarah Connor ihren SCHALL.-Artikel postete, hatten wir in wenigen Stunden 250 Bestellungen. Es gibt viele Bands mit einer großen Fanschar, die alles haben muss. Beispielsweise macht es sich sehr bemerkbar, dass wir in beiden Ausgaben einen Mehrseiter über Rammstein drin haben. Wir sollten in jedem Heft etwas über sie bringen.

Du selbst bist ja kein Neuling auf dem Gebiet. Du hast immerhin dafür gesorgt, dass das traditionsreiche Blatt "melodie & rhythmus" im Jahre 2004 nach 13 Jahren wiederbelebt wurde. Ist dieses Wiederbeleben von damals vergleichbar mit der Neugründung von SCHALL. oder bist Du das bei Deinem zweiten Einstieg in das Verlagswesen anders angegangen?
Als ich 2004 die "melodie & rhythmus" wieder belebte, war ich auch schon kein Neuling mehr. Mein allererstes Musikmagazin, das ich im Eigenverlag veröffentlichte, war gaffa. Das gab es gratis in Clubs und CD-Shops, die erste Ausgabe erschien 1996. Irgendwann hatte ich das verkauft und wurde zu Cab Nightflight. Cab ist ein Colamixbier von Krombacher, das bescherte mir hohe Auflagen und regelmäßiges Honorar. M&R entstand aus einem Stammtischwitz heraus. Ich hatte immer gesagt, irgendwann mach ich m&r. Hintergrund war, dass ostdeutsche Bands in den größten Locations spielten und Gold oder Platin erhielten, aber das nirgends stand. In der SuperIllu steht, wenn einer stirbt oder eine neue Freundin hat. Was diese Bands über ihre Arbeit denken, das ist im Printbereich inzwischen wieder ein Manko. Im Netz findet man das bei Euch. Ich habe großen Respekt vor Eurer umfangreichen Arbeit.

Die "melodie & rhythmus" hatte damals ja den Vorteil, dass man sie - zumindest im Osten des Landes - vom Namen her schon kannte. SCHALL. ist ein ganz neuer Name am Markt. Wie geht Ihr das an, diesen Namen schnell bekannt zu machen und auch so zu platzieren, dass er möglichst bald in einem Atemzug mit Größen wie z.B. "Rolling Stone" oder "Spex" genannt wird?
Na ja, man muss leider sagen, dass die Leute echt träge sind. Wenn ich heute jemanden sage, dass ich bei m&r war, kriege ich als Antwort: Was, die gibt's noch? Und die wirklich Interessierten kriegen auch mit, dass es jetzt SCHALL. gibt. Die Herausforderung ist natürlich, auch nicht so aktive Leser zu erreichen. Das ist bei jedem Produkt so. Ein kleiner Vorteil ist, dass wir eben kein altes Ostprodukt sind. SCHALL. ist frisch und neu.

005 20160120 1989217418Bleiben wir mal kurz bei der M&R: Du hast den Job des Chefredakteurs bis 2008 gemacht, hast die Redaktion dann verlassen und den Job an Nicole Kirchner abgegeben. Was waren die Gründe für Deinen Ausstieg damals?
Chefredakteur sein ist nicht immer nur spannend. Man muss auch tagelang Texte redigieren, Autoren anmahnen, wenn sie die Deadlines verschlafen. Das ist sehr zeitintensiv. Aber ich wollte auch noch weitere Bücher schreiben, Labelarbeit betreiben usw. Also habe ich den vermeintlich attraktiven Job aufgegeben.

Das Blatt hat sich in den Jahren danach immer wieder gehäutet und inhaltlich neu aufgestellt. Verfolgst Du das Geschehen um die M&R noch und wenn ja, wie siehst Du die Entwicklung dort?
Nein, ich verfolge es nicht mehr. Die M&R versteht sich als kulturpolitisches Magazin, das kann sehr spannend sein, es ist aber auch sehr unmusikalisch.

Hältst Du das ständige Wechseln der Strategie und der Aufmachung eines Musikmagazins für sinnvoll und gut?
Ausprobieren ist grundsätzlich besser als aufgeben. Das geht in Ordnung und machen mehr oder weniger alle. Ich habe auf dem Rolling Stone schon Britney Spears und die Backstreet Boys gesehen und lesen müssen, dass man das mindestens heimlich hört. Oder nimm den Musikexpress, die fanden plötzlich Jake Bugg gut und machten ihn zur Titelstory. Sorry, das nehme ich denen nicht ab. Vermutlich wurde gerade eine Verjüngung von Verlagsseite gefordert. Ich finde, dass sich viele Musikjournalisten zu wichtig nehmen, und sich nicht trauen, zu zugeben, dass sie auch mal was gut finden, was außerhalb ihres Szene-Klüngels liegt. "Ich hab dich bei Nana Mouskouri weinen gesehen", sangen Funny van Dannen und später Udo Lindenberg. Genau, das meine ich, offen sein, sich auch außerhalb bestimmter Szenen umschauen und dazu stehen, falls was gefällt. Das ist eine große Chance für SCHALL., denn wir machen das so.

Wenn man nach Christian Hentschel googelt, findet man die ersten Informationen über Dich erst im Jahre 1999 mit dem "Musiker-Guide: Tips für Musiker vom ersten Konzert bis zum Plattenvertrag" (Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin). Kannst Du kurz etwas über Deinen Werdegang erzählen? Wie bist Du zur Musik gekommen und wie kam es dazu, dass die Musik Dein Beruf wurde?
Ältere Sachen findet man nicht mehr? Da staune ich, es heißt doch immer, das Internet vergisst nichts. Wie sag ich es in wenigen Sätzen? Ich bin musikbegeistert und schreibe auch sehr gern. Ich habe als 18-jähriger angefangen für eine Band zu texten. Die einzige Chance, dass man meine Texte auch mal hört, waren Livekonzerte, aber sie hatten nicht so viele. Also habe ich mich gekümmert. Und irgendwann rief ich eine Zeitschrift an, ob sie nicht mal "meine" Band vorstellen wollen. Machen wir, sagten sie, musst du aber selber schreiben. Das war kurz nach der Wende. Und dann bleib es beim Schreiben, zuerst für Stadtmagazine. Geärgert habe ich mich immer, weil die Texte gekürzt wurden, gar nicht kamen und oft schlecht bis gar nicht bezahlt wurden. 1996 hatte ich die Schnauze voll und gründete kurzerhand ein eigenes Musikmagazin. Aus heutiger Sicht völlig verrückt, aber dafür lief es ausgesprochen gut.

006 20160120 1399073653Du bist 1967 geboren und demnach mit der Musik aus den 70ern und 80ern groß geworden. Was hast Du als Jugendlicher selbst gehört? War das überwiegend die Musik Deiner Heimat DDR oder hast Du auch über den Tellerrand hinaus "gehört"?
Als kleines Kind habe ich Abba, Boney M und im Osten die Gruppe Kreis gehört. Außerdem konnte ich sämtliche Frank Zander-Songs auswendig und den Gottlieb-Wendehals-Schritt. Musikalisch sozialisiert wurde ich aber erst Anfang der Achtziger - Ende 1981 bin ich 14 geworden - mit Spliff, Ideal und Silly. Das sind drei Lieben, die bis heute halten. Natürlich gibt es noch viel mehr, was mir gefällt. Ich muss aber mal mit dem Ostrockding aufräumen: Ich bin in Berlin-Friedrichshain aufgewachsen und in meiner Ecke gab es kaum jemanden, der Ostrock schätzte. Nicht, weil die Bands schlecht waren, aber es war grundsätzlich alles doof, was DDR war. Heute haben viele ihren Frieden gemacht und einige, die mich auslachten, weil ich ins Puhdys-Konzert ging, fragen mich heute, ob ich ihnen ein Autogramm von Maschine besorgen könnte.

Warst Du selbst als Musiker aktiv?
Nein, ich war nie Musiker. Ich gehöre nicht zu den verbitterten Bassisten, deren Karrieren im Sande verliefen und heute gefrustet über andere Bands urteilen müssen.

Von Dir stammen auch einige Bücher, u.a. das tolle DDR-Rock-Buch "Als ich fortging" und die Biographien über die Gruppen CITY und KEIMZEIT. Sind diese Bücher aus eigenem Antrieb entstanden oder bist Du von den Bands darum gebeten worden, ihre Biographien zu schreiben?
Es sind von mir 13 Bücher veröffentlicht worden, und wenn es Bandbiografien waren, habe ich meistens die Bands angesprochen. Glücklicherweise musste ich nie lang betteln. Meine erfolgreichsten Bücher waren "Popstar in 100 Tagen" - ein Ratgeber für Musiker - , "Du hast den Farbfilm vergessen" - ein großes Ostrockbuch mit vielen Interviews - und die Puhdys-Biografie "Abenteuer" zum 40. Jubiläum der Band. Vor wenigen Wochen, im November 2015, erschien von mir ein komplettes Magazin über die Puhdys. Das gibt es auf ihren Konzerten zu kaufen.

Gerade wenn man ein Rock-Lexikon verfasst, muss man sich ja schon intensiv in der Szene auskennen. Wie tief bist Du in der Musikszene Ost bzw. der DDR-Musikszene verwurzelt?
Ich denke, es wäre anmaßend, zu sagen, dass ich in der DDR-Musikszene verwurzelt war. Es gab Berührungspunkte, weil ich mit 14 den ersten Silly-Fanclub der DDR gegründet habe und mit 19 eine "Amateurband der Sonderstufe" managte. Die meisten Musiker aus dem Osten habe ich erst Ende der Neunzigerjahre kennengelernt, während meiner Arbeit für das gaffa-Magazin und mein Buch "Du hast den Farbfilm vergessen".

008 20160120 1241527137Mit dunefish gibt es auch ein Musiklabel, das von Dir betrieben wird. Wie wird man denn Chef einer Plattenfirma?
Noch vor zehn Jahren gab es nicht so viele Möglichkeiten. Wenn man als nur im Osten bekannter Künstler für Amiga, damals im Hause BMG ansässig und heute bei Sony, nicht relevant war, und wenn man mit BuschFunk nicht wollte bzw. die nicht wollten, war es nicht unbedingt einfach, ein Label mit funktionierendem Vertrieb zu finden. Hier sah ich mal wieder eine Lücke. Ich kannte Künstler, die auf der Suche nach einem Label waren, und ich kannte CD-Vertriebe, die engagierte Labels vertreiben wollten. Es ergab sich sozusagen, dass ich plötzlich auch ein Label hatte.

Neben KEIMZEIT und ZÖLLNER findet man dort u.a. auch Veröffentlichungen von der Kultband OMEGA aus Ungarn. Wann genau und für welchen Zweck (oder Band) wurde dunefish gegründet?
Ich hatte in der ersten Hälfte der Neunziger eine Band namens Dune gemanagt, davon abgeleitet entstand dunefish. Zuerst nutzte ich das Wort für das Management, später für das Label. Die erste Platte war "Losgelöst" von Pankow-Sänger André Herzberg. Das war 2004. Neben den hier genannten Acts haben wir auch Alben mit Newcomern gemacht: Lament, Barbara Cuesta ...

Nach welchen Kriterien wird bei dunefish entschieden, was und wen man veröffentlicht, und was nicht?
Im Moment veröffentliche ich keine Tonträger mehr. Es war immer so, dass man, wenn mal ein Album funktionierte, den Gewinn sofort in das nächste Projekt steckte. Ich habe also in zehn Jahren Label kaum Geld damit verdient. Es geht nicht immer ums Geld, manche Sachen müssen einfach gemacht werden. Doch zum Schluss waren oft alle Beteiligten unglücklich. Der Künstler, der sich den Misserfolg nur erklären konnte, weil Label und Vertrieb zu wenig gemacht hätten. Der Vertrieb, der nicht jede Veröffentlichung für gut befand usw. Als der Vertriebsdeal mit SPV auslief, dachte ich mir, es ist ein Zeichen, das Label erst einmal ruhen zu lassen.

Auch die Gruppe muSix hat dort Platten veröffentlicht. Eine Gruppe, deren Manager Du eine Zeit lang warst. Das war ja nicht Dein erster Manager-Job ...
Ich habe in den Neunzigern Dune, Nevis und Green Street Green gemanagt. Der große Wurf blieb jeweils aus, aber es fühlte sich oft so an, als wäre man kurz davor. Dune arbeitete mit dem Die Ärzte-Produzenten Hoffmann, Nevis mit Ritchie Barton und Uwe Haßbecker. In Erinnerung bleiben viele schöne Tourneen. Das ganze Programm, an einem Abend ein Festival mit Beck und Placebo, am nächsten ein kleiner Clubgig mit Übernachten auf der Bühne. Diese Zeit möchte ich nicht missen.

Ich habe gelesen, dass muSix nicht mehr von Dir betreut wird. Stimmt das? Warum habt Ihr die Zusammenarbeit beendet?
Die A cappella-Gruppe muSix gibt es nicht mehr. Es gab irgendwann eine Stagnation, die ich aber für normal halte, also haben sich die Musiker nach einem anderen Management umgesehen. Das war für mich sehr bitter, weil es in einer für mich schwierigen Zeit war. Aber ich bin ja wieder auf die Füße gefallen.

007 20160120 2000471963Das Magazin SCHALL. wird jetzt sicher den Großteil Deiner Zeit in Anspruch nehmen. Familie hast Du auch, die wird auch was von Dir haben wollen. Bleibt da noch Zeit für andere Projekte? Liegt abseits der Redaktionsarbeit noch was anderes an, womit Du in naher Zukunft von Dir Hören/Lesen lassen wirst?
Die Arbeit mit SCHALL. ist wirklich sehr viel, weshalb ich mit Zeit und Kraft etwas haushalten muss. Es ist auch so, dass wir bei SCHALL. alle Gewinne investieren, um den Bekanntheitsgrad zu erweitern. So arbeite ich für einige Künstler im Promotionbereich, im Moment z.B. für den Club der toten Dichter und Uschi Brüning, und schreibe für Labels Pressetexte, etwa für Silly, Puhdys, Karat, Milow und Santiano. Und in der nächsten Woche muss ich mit Elaiza, Luxuslärm und Patricia Kelly fertig werden. Ich plage mich auch mit ein paar Buchideen, aber ich habe noch keinen Plan, wann ich das realisiere.

Du kennst uns ja auch schon, seit es uns gibt. Hast Du als Profi für Deine in ihrer Freizeit tätigen Kollegen von Deutsche Mugge ein paar Tipps, was wir noch verbessern können?
Eigentlich möchte ich keine Tipps geben. Ich denke, wir kochen alle mit Wasser ... Ich finde bei Euch viele interessante Artikel und Interviews.

Letzte Frage zu SCHALL.: Die Hefte der melodie & rhythmus konnte man unter Deiner Regie auch noch Jahre später kaufen. Werden für die Leute, die das Magazin z.B. erst 2017 für sich entdecken, auch die ersten Ausgaben von SCHALL. dann noch erhältlich sein?
Ja, auf www.schallmagazin.de kann man alle Ausgaben noch erwerben, wobei SCHALL Nr. 1 bald knapp wird.

Ich danke Dir für die Zeit und die Antworten. Möchtest Du als letzten Satz noch etwas an unsere Leser loswerden?
Ja, bleibt der Deutschen Mugge treu, erzählt jedem davon, unterstützt sie. Und falls dann noch Zeit ist: Schaut mal ins SCHALL.!


Interview: Christian Reder
Bearbeitung: cr
Fotos: SCHALL. Musikmagazin




   
   
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