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Wer erinnert sich nicht noch an diese gruseligen 90er des vergangenen Jahrhunderts zurück? Diese zehn Jahre, in denen gefühlt 90% aller veröffentlichten Lieder und Alben einfach nur Mist waren. Einfallslos, planlos, kraftlos und vor allem langweilig. Dancemusic und Techno mit unsagbar miesen Coverversionen von Klassikern der 70er und 80er regierten die Charts, Platz für Qualität war da scheinbar keine mehr. Wenn man nicht gerade Rammstein-Fan war oder abseits des Mainstream und der Hitparaden tief in die Materie eingetaucht ist, hatte man schlicht und ergreifend schlechte Karten und Tristesse pur. Ob sich das nun genau mit der Jahrtausendwende wieder in eine andere Richtung verändert hat, kann an dieser Stelle nicht genau gesagt werden. Fakt ist aber, dass wir seit etwa zehn oder zwölf Jahren wieder erstklassige neue Produktionen aus deutschen Landen haben. Zuerst nur ein paar, kurz darauf wieder regelmäßig und viel. E-Gitarren, handgemachte Musik und gute Vokalisten verdrängten langsam aber sicher "rülpsende Techno-Frösche" und nervende "Kuschelhasen". An diesem Aufschwung sind Bands wie MIA., Wir sind Helden, Luxuslärm, aber auch SILBERMOND kräftig beteiligt. Frischer Wind aus alten Proberäumen. Junge Kapellen aus Deutschland eroberten plötzlich wieder die Charts und hinterließen nicht nur One-Hit-Wonder, sondern richtige Klassiker. Die Gruppe SILBERMOND um die Sängerin Stefanie Kloß startete ihren Angriff auf die Single- und Album-Charts im Jahre 2004. Wer der Meinung ist, der Band sei alles nur so zugeflogen und der Erfolg hätte sich von selbst eingestellt, der irrt sich gewaltig. Hinter dem Erfolg von SILBERMOND stecken harte Arbeit, gute Song- und Textideen und großes Talent. Natürlich war auch etwas Glück dabei, aber hier hat sich letztlich die Qualität durchgesetzt. Seit ihrer ersten Nummer 1 Single ("Das Beste", 2006) ist SILBERMOND in der Oberliga des Deutschrock angekommen und darf sich zu recht zur Speerspitze der hiesigen Musikszene zählen. Im Frühjahr erschien mit "Himmel auf" das vierte Album der Berliner Band, die ihre Wurzeln im sächsischen Bautzen hat. Die Scheibe zeigt die Band deutlich gereift und erwachsener, und sie beinhaltet Songs mit einer unbeschreiblich guten Qualität. Doch wo kommt das alles her? Die Ideen, das Talent, der Erfolg und diese scheinbar unerschöpfliche Kreativität? Das wollten wir herausfinden und haben Sängerin Stefanie und Schlagzeuger Andreas für ein Interview zu uns eingeladen...
 
 
 
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Vorab die Frage zum Video zu Eurer ersten Single "Himmel auf": Dort habt Ihr unterschiedliche Leute erzählen lassen, was für sie Glück bedeutet. Wer hatte die Idee zu diesem Video und bekamt Ihr schon Feedbacks, wie das draußen im Land angekommen ist?
Andreas: Also, zum ersten Teil der Frage: Wir haben dieses Video mit Daniel Lwowski zusammen erarbeitet. Daniel ist fast schon unser Haus- und Hofregisseur, denn er hat bereits unsere letzten drei Videos zum Album "Nichts passiert" gemacht. Wir haben uns zusammengesetzt und überlegt, was für ein Video wir zu diesem Lied machen könnten. Wir wollten da schon etwas Eigenständiges haben. Im Laufe des Gesprächs kamen wir auf die Idee, dass wir das Glück sezieren wollen. Wir haben Glück dann hinterfragt und festgestellt, dass es etwas sehr Individuelles ist, dass jeder andere Prioritäten und Werte setzt. Diese Prioritäten und Werte wollten wir von verschiedenen Leuten darstellen lassen, indem jeder sagt, was für ihn Glück ist. Wir haben dann gemerkt, dass der Gesang in den Strophen ein bisschen gegen die eingespielten Statements läuft, und deswegen haben wir, während die Leute ihre Statements zum Thema Glück machen, den Gesang runtergefahren. Durch diese Mischung aus Gesang und den Einspielungen haben wir das Lied nochmals auf eine andere Ebene gehoben. Wir finden, dass es ein sehr gelungenes Video geworden ist und haben darauf ganz verschiedene Reaktionen bekommen, womit wir beim zweiten Teil Deiner Frage sind. Viele Leute haben gesagt, es sei überhaupt kein typisches Musikvideo, was wir schon allein deshalb schön finden, weil es sich dadurch auch von den anderen Videos abhebt. Wir haben auch sehr viele positive Reaktionen bekommen. Wir haben vorher noch nie eMails bekommen, in denen Leute geschrieben haben, dass sie wegen eines unserer Videos zu Tränen gerührt oder ganz besonderes berührt waren. Diese Reaktionen waren ziemlich gehäuft und viele halten es für das emotionalste Video, das sie bisher gesehen haben. Das sind natürlich Feedbacks, die für uns großartig sind. Unser Mut - denn wir wussten vorher ja nicht, was dabei herauskommt - wurde damit belohnt. Wir sind sehr sehr stolz darauf.
 

Zum Album möchte ich sagen, dass es eins der beeindruckendsten neuen Alben ist, welches ich in den letzten Jahren hörte. Neben den frischen und knackigen Arrangements fällt besonders die Tiefe der Texte sofort auf. Wie kam es dazu, dass diese Themenvielfalt und -tiefe plötzlich bei Euch Einzug gehalten hat?
Stefanie: Nun ja, man kann diese Dinge nicht erzwingen, sie kommen eben einfach so. Bei der letzten Platte "Nichts passiert" haben wir uns beispielsweise mit den Texten sehr schwer getan. Wir hatten eine Phase, in der wir im Kopf regelrecht blockiert waren. Nichts war uns gut genug, wir kamen irgendwie auf keinen grünen Zweig. Wir fanden keine Sprache, die auf unsere Melodien gepasst hätte. Als wir da den Weg heraus fanden und uns sagten: "Hey, wir dürfen keine Angst haben vor der deutschen Sprache", hat es auch ganz gut funktioniert. Und so sind dann Songs wie "Irgendwas bleibt" und "Krieger des Lichts" entstanden. Mit dem Wissen von der letzten Platte und diesen Songs sind wir jetzt an die aktuelle, vierte Platte herangegangen. Wir haben uns einfach gesagt: "Wir müssen ehrlich sein in den Texten, wir müssen geradeaus sein, wir dürfen keine Angst haben." Vor allem hatten wir diesmal auch so viele musikalische Ideen, dass wir uns jeden Tag für eine andere Melodie oder einen anderen Songansatz entscheiden konnten, zu dem uns gerade ein Text einfiel. Wir haben uns überhaupt nicht unter Druck gesetzt und gesagt, wir müssen jetzt drei Tage lang am selben Song arbeiten, sondern haben uns Tag für Tag das Lied genommen, das uns gerade eine Geschichte erzählt hat. Dann haben wir uns hingesetzt und einfach drauf los geschrieben. Und selbst wenn wir den Text fertig hatten, wurde dieser nochmals auf den Prüfstand gestellt, weil wir uns gesagt haben, wir wollen uns mit dem Song und dem Text selber überraschen, wir wollen, dass der Song uns emotional berührt. Und vor allem wollten wir in den drei Minuten und 20 Sekunden, die ein Song im Schnitt dauert, auf den Punkt kommen und alles gesagt haben. Die Themen für die Lieder sind einfach so entstanden. Wir sind ja mittlerweile auch alle schon zwischen 28 und 30, da beschäftigt man sich doch schon mit anderen Sachen. Deshalb glaube ich auch, dass es vor drei, vier Jahren, als die letzte Platte herauskam, einige Songs des aktuellen Albums auf dem letzten Album noch nicht gegeben hätte. Es gibt einfach Themen, dazu muss man sich selber erst eine Meinung bilden, die müssen in einem selbst erst reifen, ehe man sie aufschreiben kann. Deshalb ist diese neue Platte in textlicher Hinsicht auch eine der vielseitigsten geworden.

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Das klingt ja so, als hättet Ihr diesmal einen Songüberschuss gehabt.
Stefanie: Ganz genau. Bevor wir ins Studio gingen, hatten wir insgesamt 24 oder 25 Songs komplett fertig geschrieben und getextet, von denen es dann 14 auf das Album geschafft haben. Das war für uns auch eine völlig neue Situation. Aber dadurch, dass wir diesmal so frei und locker an die Songs herangegangen sind, hat diese ganze Songwritingphase und Texterei richtig Spaß gemacht. Du kannst jeden deutschsprachigen Künstler fragen, egal ob es ein Campino, ein Grönemeyer oder sonst wer ist. Jeder wird dir sagen: "Wenn nur diese blöden Texte nicht wären!" Also blöd im Sinne von "Es ist furchtbar schwer, einen qualitativ hochwertigen deutschen Text zu schreiben." Daran hat jeder zu knabbern, für jeden ist es eine Herausforderung. Aber wir haben uns diesmal einfach gesagt: "Lasst uns ganz viele Songs schreiben und wir nehmen davon einfach die vierzehn Besten." Genau so ist es am Ende dann auch gekommen. Und möglicherweise kommen zwei oder drei von den nicht verwendeten Titeln sogar noch für die nächste Platte in Frage.

Die jüngere Generation gilt ja so ein bisschen als oberflächlich. Das mag zwar auf einige zutreffen, aber sicher nicht auf alle. Trotzdem steht die Behauptung im Raum, dass das Partymachen im Vordergrund steht und dass man sich auch über verschiedene Dinge wenige bis gar keine Gedanken macht, bevor man handelt. Ist Silbermond auf dem Weg, da ein bisschen gegenzulenken und zumindest ihren Fans zu zeigen, "Hey, schaut mal etwas genauer hin"?
Andreas: Um Gottes Willen, wir sind alles andere als irgendwelche Moralapostel oder eine Zeigefingerband! Wir wollen auch niemandem sagen, wo es lang geht oder was richtig ist. Wir sind eher ganz viel mit uns selbst beschäftigt, mit uns als Individuen und als Band. Auf keinen Fall wollen wir irgendwelche Gräben ziehen. Wir machen unsere Musik in unserem Kosmos, wir denken über gewisse Dinge nach, aber mehr auch nicht. Was andere dann aus diesen Gedanken machen, ist ihnen selbst überlassen. Was wir jedoch immer wieder feststellen, ist die Tatsache, dass die Jugend immer als oberflächlich hingestellt und kritisiert wird. Wir erleben das sehr oft anders. Beispielsweise haben wir eine Initiative namens "Fans helfen", wo wir merken, dass ganz viele junge Leute diese Aktion unterstützen und ihre Freizeit dafür in Anspruch nehmen. Das finden wir natürlich sehr schön. Von daher sage ich, dass keinesfalls die komplette junge Generation als oberflächlich zu bezeichnen ist.

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Das Stück "Unter der Oberfläche" lädt ein, einen tieferen Blick zu werfen und den Menschen genauer und besser kennen zu lernen. Ist das ein generelles Problem unserer heutigen Zeit, dass weniger hinter die Fassaden geschaut wird?
Stefanie: Also ich finde es überhaupt nicht gut, bei allen Themen und Dingen, die nicht so gut laufen, gleich pauschal zu generalisieren. Ich glaube, man kann niemanden generell in eine Schublade stecken, genauso wenig kann man es mit einem bestimmten Thema machen. "Unter der Oberfläche" ist zum einen der erste Song auf der Platte, weil er die Leute dazu einladen soll, auf dem Album ein Stück tiefer zu schauen und sich auf die Songs einzulassen und weil es aufgrund der Texte und der vielseitigen Themen ein Album ist, auf das man gerade Lust haben muss. Dieser Song will sagen: "Hey, komm mit unter die Oberfläche von Silbermond, komm mit zum Kern und hör Dir an, was in unserem Innern los ist, worüber wir uns Gedanken machen." Zum anderen ist jeder einzelne Song als ganz kleine Geschichte von jedem von uns Vieren zu sehen. In "Unter der Oberfläche" gehen wir auch durchaus kritisch mit uns selbst um, denn jeder von uns erwischt sich auch schon mal dabei, dass er eben keine Zeit oder keine Lust hat, nicht richtig zuhört, oder sich nur oberflächlich Zeit für den anderen nimmt. Aber ich denke, das ist kein generelles Problem, sondern das sind einfach Situationen, in denen jeder von uns hin und wieder steckt. Und da wir uns selber in solchen Situationen wiedererkennen, haben wir diesen Song geschrieben. Ja, manchmal denkt man sich, hätte ich mir doch nur fünf Minuten mehr Zeit genommen, hätte ich vielleicht ein ganz anderes Bild von meinem Gegenüber bekommen. Aber das finde ich andererseits auch gar nicht schlimm. Es ist eben manchmal so, dass man nicht immer eine ganze Stunde Zeit hat, sich mit jemandem zu unterhalten. Deshalb ist der Song auch nicht als Anklage zu verstehen , sondern eher als kleine Beschreibung von Momenten, die jeder von uns kennt.

In wie weit hat da das Fernsehen mit seinen Casting-Shows und dem vermittelten Bild vom perfekten Menschen Schuld daran?
Andreas: Das ist ganz schwer in einer Minute oder einem kurzen Gedanken zu beurteilen. Was jedoch schade ist, dass in diesen Casting-Shows das Bild vermittelt wird, Musik sei ganz schnell und einfach zu machen, die Musik entstehe quasi am Fließband. Der Sieger der Show ist schnell ermittelt, dann ist auch gleich danach das passende Album fertig und so entsteht der Eindruck, Musik könne am Reißbrett gemacht werden, was aber nicht ganz richtig ist. Wenn man in einer Band spielt, weiß man halt, dass man ein halbes, oder auch ein ganzes Jahr an einem Stück schreiben kann. Man ist lange im Studio und macht sich eine Menge Gedanken über die Musik. Deshalb ist es eben schade, dass ein solches Bild vermittelt wird. Aber das ist halt Fernsehen, das ist Unterhaltung.

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Dann findet sich aber auch eine Eurer Stärken auf der neuen Platte wieder, nämlich die, erstklassige Liebeslieder und Balladen zu machen. Das Stück "Ja" ist so ein tolles Lied. Wie bitte kommt man auf so einen Text, der vor Bildern und Schönheit nur so strotzt?
Stefanie: Ooooh, da haben wir wohl einen neuen Fan mit der Platte gewonnen (lacht dabei)?! Also wir mögen "Ja" auch sehr. Es ist ein ganz besonderer Song auf der Platte. Er ist reduziert auf das Wesentliche, nämlich auf seine Aussage und doch wird er am Ende mit seinem bombastischen Outro zu einem ganz großen Lied. Die kleinen Emotionen sind also am Ende noch mal ganz, ganz groß. Ich weiß nicht genau, wie man auf so etwas kommt. Das Gefühl spielt auf jeden Fall eine große Rolle. Für mich geht es in "Ja" darum, dass jeder im Leben seinen Platz sucht und jeder von uns findet wohl die Vorstellung gut, irgendwann an einen Ort zu kommen, von dem man sich vorstellen kann, dort auch zu bleiben. In dieser Welt ist es ja oft so, dass alles um einen herum unglaublich schnell passiert. Man lässt sich leiten, man schaut mal links, man schaut mal nach rechts, man ist so rastlos. Und dann ist es, so glaube ich, das größte Gut irgendwann sagen zu können: "Hey, hier fühle ich mich nicht mehr getrieben, sondern hier ist der Platz, an dem ich gerne bleiben möchte." Ich finde diese Vorstellung einfach schön und glaube, dass wir diesbezüglich auch etwas romantisch angehaucht sind. Genau deshalb ist "Ja" so geworden, wie es ist.

Ein weiteres, sehr beeindruckendes Stück ist "Weiße Fahnen". Das Lied beschreibt auf der einen Seite ganz einfühlsam die Träume eines Kindersoldaten, auf der anderen Seite rüttelt es einen auf und schreit einen an, dass man dieses Elend und diese Tragödien, die ja heute noch immer tagtäglich auf der Welt stattfinden, nicht aus den Augen verlieren soll. Was war für Euch der Anlass, ein Stück über so ein Thema zu schreiben und es in dieser Form zu tun?
Stefanie: Auch hier muss ganz klar gesagt werden, hinter diesem Song soll nicht stehen: "Hey passt auf, guckt und hört genau hin, ich erzähl' jetzt mal eine krasse Geschichte", sondern es ist einfach nur eine Momentaufnahme. Es ist die Geschichte von einem kleinen Jungen, der natürlich Krasses erlebt hat. Es gibt auch einen Grund, warum dieses Lied entstanden ist. Wir haben im Rahmen unserer Aktion "Fans helfen", in der wir uns um verschiedene Benefiz-Projekte kümmern, zusammen mit unseren Fans vor vier Jahren eine Frauenschule in Kamerun aufgebaut. Als diese Schule eröffnet wurde, sind unser Gitarrist Thomas und ich dahin gefahren. Wir wurden von einem Fotografen begleitet, der schon sehr viel Kriegsfotografie gemacht hatte. Abends saßen wir oft mit ihm zusammen, weil uns sehr interessierte, was er in so einem Job alles schon erlebte. Unter anderem hat er uns erzählt, wie man sich fühlt, wenn einem ein zehnjähriger Junge eine Waffe ins Gesicht hält. Da wird dir als Zuhörer erst mal ein bisschen anders. Du sitzt dann da und denkst dir, das ist alles nicht real, das ist doch eigentlich alles ganz weit weg. So geht es einem aber oft mit solchen Sachen. Ich denke auch nicht jeden Tag über den Krieg nach, aber ich merke an mir selbst, dass sich jetzt mit 28, 29 Jahren manches in mir stark verändert hat. Ich möchte einige Dinge einfach wissen, ich möchte Zusammenhänge verstehen. Ich sehe auch nicht nur mein eigenes Leben, so nach dem Motto: "Ich bin am wichtigsten, die Welt dreht sich nur um mich", sondern ich sehe mich, Stefanie, viel mehr als Teil dieser Welt. Ich will einfach wissen, was passiert um mich herum, ich will hinschauen. Und dann kommen solche Momente, dass man sich über so ein Thema wie in "Weiße Waffen" ein paar Gedanken macht. Auch hier sage ich wieder, ein solches Lied hätte es auf der letzten Platte noch nicht gegeben, weil ein Thema wie dieses erst mal in dir selber reifen muss. Und es muss der passende Moment gefunden werden, es aufzuschreiben. Auch muss man die Fähigkeit haben, so eine Geschichte in Worte zu fassen. Thomas hat dazu wieder ein so tolle Akustikgitarrenmelodie, dass diese Melodie eigentlich alles schon von ganz alleine erzählt. Ich mag dieses Lied sehr, finde es unglaublich emotional. Es berührt mich immer noch, obwohl ich bzw. wir diesen Song wirklich schon in- und auswendig kennen. Das halte ich auf jeden Fall für ein gutes Zeichen.

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Hat dieses Lied kein Happy End vertragen? Immerhin scheint der Soldat im Lied am Ende ja seinen Frieden gefunden zu haben, ohne wirklich Frieden gefunden zu haben...
Stefanie: Das liegt natürlich immer im Auge des Betrachters. Ich finde schon, dass es ein Happy End gibt. Ich will die Geschichte eigentlich auch gar nicht auflösen, jeder kann und soll sich da seine eigenen Gedanken machen. Vielleicht besteht das Happy End ja auch darin, dass am Ende des Liedes der Krieg vorbei ist und dieses Kind nicht mehr jeden Morgen die Bomben hören muss, nicht mehr jede Nacht mit den Lichtern der Bombeneinschläge einschlafen muss. Aber wie gesagt, da soll sich jeder seine eigenen Bilder schaffen.

Ein weiteres Stück, über das wir noch sprechen sollten, ist "Waffen". Die Eltern haben einem als Kind früher immer gesagt, "Man zeigt nicht mit nackten Fingern auf angezogene Leute". Ihr habt daraus gemacht "Man zeigt nicht mit Waffen auf andere Leute". Ist es in der Erziehung aller Menschen Deiner Meinung nach zu kurz gekommen, dass ausreichend Frieden gelehrt wurde? Dass man schon von Kindertagen an beigebracht bekommt, dass man keinen Krieg führen sollte?
Andreas: Natürlich ist Frieden eines der wichtigsten und relevantesten Güter, die man haben kann. Wir wissen aber auch alle, dass es eben nicht überall so ist. In vielen Ländern herrschen Ausnahmezustände. Dieses Lied "Waffen" beschreibt meiner Meinung nach ganz gut, was wir eigentlich sagen wollen. Es ist, mal ganz salopp gesagt, ein Antikriegslied. Jeder weiß, dass Gewalt ganz einfach der falsche Weg ist. Aber leider gibt es Gewalt auch in unserem Alltag. Es müssen nicht immer nur hochmoderne Waffen sein, Gewalt kann auch in den Fäusten stecken. Aber wie man es dreht, es ist einfach keine Lösung. Dieser Song soll eine Art Mahnung daran sein, dass man Probleme nicht mit Waffen lösen kann, weder im Kleinen noch auf Länderebene.

Dabei habt Ihr gerade in Berlin ja Eure Kriege fast jeden Tag vor der eigenen Haustür, wenn sich Jugendliche halb totschlagen oder mit Waffen umbringen. Muss man da nicht erst im "Kleinen", sprich vor der eigenen Tür anfangen, die Leute wachzurütteln oder lässt sich dieses Stück auch auf diese Kriegsschauplätze im eigenen Land übertragen?
Stefanie: Auch das ist wieder eine Interpretationsfrage. Ich persönlich finde ja, vieles fängt im Kleinen an. Vor allem fängt vieles bei sich selbst an. Das geht schon damit los, wie man auf seine Umwelt schaut. Man kann pausenlos auf Amerika schimpfen, weil die ihre Atomkraftwerke nicht abschalten, aber eigentlich solltest du bei dir selber anfangen und dich fragen, wie gehst du denn mit deiner Umwelt um? Sparst du Wasser? Machst du Fahrgemeinschaften? Das ist halt ein Thema, wo man immer wieder feststellt, ehe man aufs Große schaut, muss man mit dem Kleinen anfangen. Wir merken dies auch immer wieder bei unserer Aktion "Fans helfen". Viele Leute glauben, man kann nur helfen, wenn man ganz, ganz viel Geld hat. Aber letztendlich tun es doch auch ein oder zwei Euro von tausenden Leuten. Und genau so muss man es meiner Meinung nach auch in " Waffen" sehen. Diesen kleinen Spruch, den alle Eltern irgendwann mal zu ihren Kindern sagen: "Hey, man zeigt nicht mit dem nackten Finger auf angezogene Menschen" zu übertragen oder umzuwandeln in "Hey, man zeigt nicht mit Waffen auf andere Leute, man tut es einfach nicht!" zeigt die Problematik, die dahinter steckt, doch ganz klar. Diesen Song muss man auch gar nicht großartig erklären. Man kann es assoziieren auf das ganz kleine, man kann es assoziieren auf Deutschland, man kann es assoziieren auf Europa oder auch auf die ganze Welt - eben überall hin, wo Konflikte in solch krassem Rahmen stattfinden.

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Nachdem wir jetzt so lange über den Inhalt gesprochen haben, lasst uns mal über die Entstehung der Scheibe reden. Ihr habt nach dem Abschluss Eurer letzten Tour im Jahre 2010 eine Pause angekündigt und offensichtlich auch eingelegt. Wann habt Ihr angefangen, an "Himmel auf" zu arbeiten und wann habt Ihr mit den ersten Songideen begonnen?
Andreas: Das ist eine gute Frage. Thomas, unser musikalischer Häuptling, unser Schamane, hat schon 2009 wieder damit begonnen, Ideen einzusammeln. Insgesamt haben wir eineinhalb Jahre mit dem Schreiben der Lieder und Texte zugebracht, gerechnet vom Einfangen der ersten Melodien bis zur endgültigen Fertigstellung der CD.

Wie sind die Lieder entstanden? Hat sich in Eurer Arbeitsweise im Vergleich zu den Vorgänger-Alben etwas verändert?
Stefanie: Bei uns ist es so, dass Thomas unser musikalischer Kopf ist und die meisten Songideen hat. So war es auch diesmal wieder. Thomas hatte ungefähr sechzig Ideen, Fragmente und Ansätze für neue Songs. Daraus sind dann die eigentlichen Songs entstanden. Diesmal war Thomas allerdings ein bisschen genervt. Normalerweise setzt er sich hin, nimmt sich die Akustikgitarre und schreibt die Basisversionen der Songs. Jedenfalls ist es meistens so. Bei diesem Album hat er aber gemerkt, er greift immer dieselben Akkorde, kommt irgendwie immer auf dieselben Melodien und davon wollte er weg. Schließlich will er neue Songs schreiben und nicht noch einmal das dritte Album aufnehmen. Also hat er seine Arbeitsweise etwas verändert. Er setzte sich auch mal ans Klavier, komponierte den einen oder anderen Groove und versuchte dann, darauf eine Melodie zu schreiben. Das hat ihn, so glaube ich, sehr inspiriert für andere Arten von Songs, andere Melodieschleifen usw. Es hat einfach auch Riesenspaß gemacht, uns selber zu überraschen. Wie gesagt, das Schlimmste für eine Band wäre, das dritte Album noch mal zu schreiben oder immer wieder das Gleiche zu machen. Man muss sich schon den Spaß bewahren und wir hatten den Spaß, in dem wir rumexperimentierten. Wir hatten es nicht gemacht, weil wir dachten, Synthies sind im Moment total in, sondern wir hatten einfach absoluten Bock darauf. Wenn ich die Jungs manchmal gesehen habe, wie sie drei Stunden lang die Soundlibraries durchgangen sind und dabei wirklich totalen Spaß hatten, dachte ich mir: "Jaaa, genau so muss es sein, genau das ist Musik!!!" Spaß haben, experimentieren, rumprobieren, auch wenn es am Ende nichts bringt, auch wenn sie letztendlich keinen einzigen Soundschnipsel davon genommen haben - sie hatten aber Spaß und genau darauf kommt es an bei Musik. Man darf niemals vergessen, dass es darum geht, mit Leidenschaft an eine solche Sache zu gehen. Solange die noch da ist, ist es toll und wir haben sie diesmal eben auf diese Art und Weise für uns entdeckt.

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Stefanie, Du sagtest, das Schlimmste für eine Band wäre, das dritte Album noch mal zu schreiben. Mal unter uns gesagt: Die Rolling Stones oder meinetwegen auch AC/DC machen seit Jahrzehnten immer wieder das gleiche Album...
Stefanie: (lacht) Ja genau. Weißt Du, der Frontmann von Scooter, H. P. Baxxter, sagte mal: "Wir machen immer das gleiche, weil mir merken, das funktioniert halt, das ist gut, das ist cool." Das ist meiner Meinung auch völlig legitim. Selbst Iron Maiden, die ja 2009 mit "Flight 666" noch mal eine tolle, sehr empfehlenswerte Film-DVD rausgebracht haben, sagen klipp und klar, sie machen immer wieder die gleiche Musik. Auf ihrer letzten Tour haben sie viele alte Songs gespielt, aber sie stehen dazu und sagen: "Das sind eben wir." Und genauso meine ich, dass unsere aktuelle Silbermond-Platte nach wie vor Silbermond ist. Nur eben mit den neuen Ideen und dem Spaß, den wir dabei gerade empfunden haben.

Wie war die Arbeit im Studio? Das Album klingt - trotz aller Tiefgänge und teils schwer verdaulichen Themen - recht locker und leicht, als sei Euch das recht leicht gefallen. Täuscht mich mein Eindruck, oder habt Ihr tatsächlich eine Albumproduktion wie aus einem Guss hinbekommen?
Andreas: Das ist schwierig zu sagen. Lustigerweise habe ich erst gestern mit einem Freund geredet, der zu einer kleinen Firma gehört, mit der wir uns das Studio teilen. Ihm gefällt das Album auch hervorragend, vor allem diese Leichtigkeit, die aus den Titeln klingt. Er meinte, man merke überhaupt nicht, dass es eigentlich alles relativ schwierig war. Das nur nebenbei, weil es gerade zu Deiner Frage passte. Ja, wir haben uns schon oftmals die Zähne an bestimmten Dingen ausgebissen. Es ist nicht so, dass uns die Dinge einfach so von der Hand gehen und wir die Songs schnell mal am Reißbrett entstehen lassen können. Wir sind eine Band, die viel hinterfragt, manchmal sogar zu viel. Das kann natürlich auch mal bremsen. Aber wir haben mehr denn je unsere Songs aufgenommen und dann nach einer Woche gesagt: "Hey, das war es immer noch nicht." Also haben wir eben oftmals den gleichen Part noch einmal aufgenommen. Wir wollten es halt immer sehr, sehr gut machen und den letzten Tropfen aus der Zitrone quetschen. Das ist unser Anspruch, auch wenn es nicht immer leicht umzusetzen ist. Natürlich sind wir froh, wenn jemand sagt, es klingt alles völlig unverkrampft und wie aus einem Guss. Das haben wir in letzter Zeit sehr oft gehört. Wir meinen auch selbst, dass die Platte mehr denn je einen geschlossenen Sound hat, ein Gewand hat, ein Kleid trägt, welches auch wirklich kleidet. Deshalb sind wir als Band auch sehr stolz auf diese Scheibe.

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Nun hat man als Musiker sicher seinen Lieblingssong dabei. Welches Stück - oder vielleicht auch mehrere - liegt Dir besonders am Herzen, oder gibt's da keinen Favoriten?
Stefanie: Es ist immer schwierig, eine solche Frage einer Band zu stellen, die gerade erst ein neues Album rausgebracht hat, weil man da wirklich noch alle Songs gut findet. Oft war es ja so, dass man den einen oder anderen Songs nur mit auf die Platte genommen hat, damit z. B. die Dynamik stimmt oder aus irgendeinem anderen Grund. Jedenfalls hat immer einer gesagt, auf diesen Titel könnte ich eigentlich verzichten. Diesmal war es ungelogen so, dass jeder von uns bei jedem einzelnen Song gesagt hat: "Der muss definitiv mit auf die Platte." Deshalb fällt es uns momentan sehr schwer, da irgendwelche Lieblingssongs zu benennen. Ein Song wie "Unter der Oberfläche" ist halt toll, weil er das Album gut eröffnet, weil er ein schönes Thema bespricht. "Ja" ist eine unglaublich emotionale Nummer, ebenso "Weiße Fahnen". Aber auch ein Song wie "Du fehlst mir", wo es um Freundschaft geht oder "Das Gute gewinnt", in dem es um die große Frage geht, muss man etwas dafür tun, dass das Gute gewinnt, oder kommt es von ganz alleine… Ich finde, die Platte ist mit allen vierzehn Nummern thematisch ganz toll und vielfältig geworden und ist für uns ein großes Gesamtwerk.

Ihr habt auch bei diesem Album wieder mit dem Produzententeam von Valicon zusammen gearbeitet. Wie wichtig ist dieses Team für die Musik von SILBERMOND oder anders gefragt: Wie würde SILBERMOND klingen, würde ein anderer Produzent an den Reglern sitzen?
Andreas: Das ist jetzt eine Frage, die man nicht beantworten kann, weil wir es nicht wissen. Aber wir wissen auf jeden Fall die Zusammenarbeit mit Valicon sehr zu schätzen. Wir sind eine Band, die ihren eigenen Kopf hat. Thomas produziert z. B. schon eine Menge vor, hat seine eigenen Vorstellungen und auch wir als Band haben schon viele grobe, manchmal aber auch sehr klare, Ideen für Lieder. Ingo (Politz) und Bernd (Wendlandt) von Valicon setzen das dann immer sehr gut um, sind aber trotzdem immer noch sehr objektive Betrachter unserer Musik. Sie sagen uns klipp und klar, was ihnen an den Songs nicht gefällt. Es ist immer schlecht, wenn man als Band zu sehr in seinem eigenen Saft schwimmt, das wird schnell mal gefährlich. Genau deshalb arbeiten wir mit Ingo und Bernd zusammen. Wir teilen auch den gleichen Humor, dadurch ist die Studiozeit bei allem Stress auch immer sehr lustig. Wenn man dann kreativ mal nicht vorankommt, hören wir uns schon mal Mundstuhl oder Badesalz an. Es ist eben sehr wichtig, dass man auf so engem Raum untereinander den gleichen Zeitgeist und das gleiche kulturelle Engagement pflegt.

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Kommen wir nun mal zur Bandgeschichte von SILBERMOND. Es ist an mehreren Stellen zu lesen, dass Ihr im Jahre 1998 als Sextett angefangen habt. Was ist eigentlich aus Juliane Katzer und Maximilian Maneck geworden, die bis 2000 zusammen mit Euch gespielt haben?
Stefanie: Ich glaube, Max Maneck studiert derzeit Schlagzeug in Hamburg, er ist der Musik also treu geblieben. Und Jule ist im Moment in Berlin, sie hat ihr Studium fertig gemacht in - oh Gott, da fragst Du mich ja was - ich glaube, irgendwas in Richtung Spanische Geschichte. Sie ist sehr sprachbegabt und möchte auf jeden Fall ins Ausland gehen und dort Übersetzerin oder Lehrerin werden. Wir haben zu Jule noch Kontakt, zu Max im Moment eher nicht. Er hat aber in Hamburg mal ein Konzert von uns besucht. Die beiden verfolgen nach wie vor das, was wir so machen.

Seid Ihr Autodidakten oder haben die Jungs und Mädels von SILBERMOND ihren Job richtig gelernt, sprich Unterricht gehabt?
Stefanie: Beides. Thomas und Johannes sind - das meine ich jetzt ist total putzig - die Streber, die das eigentlich auch richtig gelernt haben. Die beiden sind ja Brüder und dadurch, dass die Familie schon sehr musikalisch war, haben Thomas und Johannes ihrem Vater schon mit fünf Jahren erklärt, sie wollen auch Gitarre spielen. Der Vater sagte dann: "Okay, wenn ihr das wirklich lernen wollt, dann geht aber zu einem ordentlichen Lehrer." Und so sind die beiden schon ganz zeitig zur musikalischen Früherziehung und dann zur Musikschule gegangen und haben jahrelang das komplette Programm von Musiktheorie und klassischer Gitarre gelernt. Und wie das so ist, kommt dann irgendwann die Pubertät und so sind die beiden mit elf oder zwölf Jahren umgestiegen auf E-Gitarre und E-Bass. Soviel ich weiß, hatten sie damals auch einen Gitarrenlehrer, aber natürlich haben sie sich dann auch schon viel selber beigebracht. Man muss ohnehin sagen, dass Thomas schon im Alter von 14 Jahren, als wir uns auch kennenlernten, ein sehr begabter Gitarrist war. Er war unglaublich aufnahmefähig. Während andere in dem Alter, wenn sie einen Song in einer anderen Tonart spielen sollten, eine Stunde lang daran rumprobieren mussten, war er im Kopf ziemlich schnell. Das konnten nicht so viele Jungs in diesem Alter. Andreas, erzähl mal selber, wie das bei dir war… Andreas: Bei mir war das zu 99 Prozent autodidaktisch. Ich war etwa ein halbes Jahr an einer Musikschule, aber die war halt sehr konservativ und hat mich nicht vorangebracht. Das Beste, was man machen konnte, war Kopfhörer aufsetzen und zu seinen Lieblingsliedern Schlagzeug spielen. Das ist die größte und beste Schule, die man haben kann. Aber jeder hat da einen anderen Weg, das ist total spannend. Manche kaufen sich unzählige DVDs von ihren Heroes und lernen die Spieltechnik auswendig, manche setzen sich in den Proberaum und spielen drauf los, andere kaufen sich Bücher und lernen jede Note auswendig. Da gibt es ganz viele verschiedene Geschichten, aber genau das macht Musik so spannend.

Ihr kommt ja aus einer Gegend, in der in den 70ern und 80ern große Bands aktiv waren. Studierte Musiker, die die Kunst mehr als exzellent beherrschten, Botschaften in ihren Texten lyrisch und/oder poetisch zum Publikum zu transportieren. Kennt Ihr Euch in der Musikgeschichte aus? Habt Ihr Bezug zum sogenannten Ostrock?
Stefanie: Das ist witzig, denn wir sind ja hier gerade in unserer kleinen Silbermond-Zentrale. Nebenan ist das Studio von Ingo und Bernd, die gerade wieder Songs für die neue Silly-Platte aufnehmen. Dadurch kennen wir Silly auch recht gut und hören ihre Musik wirklich gerne. Ingo und Bernd waren ja früher auch in Ostbands. Ingo Politz hat bei KEKS und Neumis Rock Circus gespielt und auch Bernd hatte einige Bands im Osten. Dadurch haben wir schon sehr oft mit Ingo und Bernd über diese Zeit geredet. Das war natürlich nicht unsere Zeit. Ich wurde 1984 geboren, da kriegt man von der Ostmusik nicht mehr ganz so viel mit. Interessant in diesem Zusammenhang ist aber, dass wir schon im Musikunterricht in der Schule Songs von den Puhdys gesungen haben. Es gab Liederhefte, in denen die unterschiedlichsten Lieder drin waren, z. B. von den Scorpions und allen möglichen anderen Bands, so auch von den Puhdys. Es war also eine ganz normale Berührung mit der damaligen Musik. Tatsächlich eingetaucht in die sogenannte Ostmusik mit all den ganzen Hintergründen und Geschichten sind wir allerdings erst durch die Bekanntschaft mit Ingo und Bernd und jetzt auch mit Silly. Wir haben oft zusammengesessen und intensiv darüber geredet, wie es früher so war. Auch Udo Lindenberg, mit dem wir in den letzten Jahren viel Kontakt hatten, hat uns viel darüber erzählt, wie es denn für ihn war, als er zum ersten Mal im Osten spielen durfte. Udo hat ja auch eine nicht ganz unwichtige Rolle gespielt beim musikalischen Zusammenwachsen von Ost und West. Von daher kennen wir uns inzwischen schon ein bisschen besser aus in Sachen Ostmusik. Wenn man allerdings detailliertere Hintergrundinformationen haben möchte, wie es den Bands im Osten damals tatsächlich erging, muss man sich beispielsweise mal mit den Jungs von Silly zusammensetzen. Die können definitiv einige krasse Geschichten aus der damaligen Zeit erzählen.

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Ihr habt anfangs noch englisch gesungen, zuerst gecovert und dann auch eigene Lieder auf Englisch gemacht. Was waren die Gründe dafür, dass Ihr irgendwann gesagt habt, "Ab sofort machen wir deutsche Texte"? War das Eure Entscheidung oder hat Euch jemand geraten, die Richtung zu ändern?
Andreas: Wir haben seinerzeit tatsächlich englische Texte gehabt, nur leider war mein Englisch sehr schlecht. Deshalb habe ich damals im Matheunterricht einen deutschen Text zu einer Melodie geschrieben, die wir gerade in Bearbeitung hatten. Das nahm ich dann mit in unseren Proberaum und wir versuchten, es einfach mal zu spielen. Und wir merkten plötzlich, da ist ja direkt was dran, das hat was. An diesen Moment erinnern wir uns heute immer noch sehr gerne. Auch musikalisch wirkten die Titel jetzt ganz anders. Wir spielten dann eine Zeit lang so einen Mischmasch aus englischen und deutschen Liedern, aber irgendwann haben wir uns dann entschieden, bei der deutschsprachigen Schiene zu bleiben. Das ist auch schon die ganze Geschichte.

Die Fans der Deutschrockband PUHDYS erzählen immer wieder gerne, dass die Gruppe SILBERMOND ihren ersten großen Auftritt im Vorprogramm ihrer Band hatte. Das war in Kamenz, wo die Herren Birr, Meyer & Co jedes Jahr auf dem Hutberg spielen. Stimmt das so, wie es erzählt wird? Wie war das damals?
Stefanie: Ja, das stimmt genau, es war wirklich unser erster großer Auftritt. Aber der Weg dahin war echt kurios und witzig. Wir waren seinerzeit noch eine kleine Band, die ab und zu mal in Bautzen spielte. Und damals gab es noch so ein richtiges Gästebuch. Es war eben noch nicht so multimedial, wie heute. In diesem Gästebuch stand eines Tages ein Kommentar von "Maschine" (Dieter Birr): "Hallo, ich bin's, Maschine, wir spielen ja bald in Kamenz auf der Hutbergbühne. Wir brauchen noch eine Vorband, habt Ihr Lust?" Wir vier haben uns angeguckt und uns gegenseitig gesagt: "Guckt mal, was der hier geschrieben hat, das ist doch reine Verarsche!" Naiv, wie wir damals noch waren, glaubten wir zwar nach wie vor, dass uns da jemand veralbern wollte. Aber wir wussten auch, dass die Puhdys tatsächlich in diesen Tagen auf dem Hutberg spielen sollten und so dachten wir uns, rufen wir einfach mal den Veranstalter an und fragen nach, ob die wirklich noch eine Vorband suchen. Dann haben wir also da angerufen und erzählten dem Veranstalter die Geschichte. Der druckste ein bisschen rum und meinte, dass Dieter Birr den Eintrag im Gästebuch nicht selbst geschrieben hat. Aber das mit der Vorband an sich stimmt und er würde uns den Puhdys mal vorschlagen. Und die haben dann gesagt, wir können spielen. So sind wir also kurioserweise durch einen blöden Scherz, den sich irgendwer gemacht hat, zu diesem Auftritt gekommen. Bis heute haben wir keine Ahnung, wer das war. Wir wussten, wir dürfen ungefähr 25 Minuten auf der Bühne stehen und so haben wir ungelogen einen Monat lang die sechs Songs, die wir an diesem Abend spielen wollten, hoch und runter geprobt. Immer wieder nur diese sechs Songs und wir probten ungefähr zwei bis dreimal die Woche. Wir waren natürlich ultranervös, als der Tag kam und wir dahin gefahren sind, nur 20 Kilometer von unserer Heimatstadt Bautzen entfernt. Es war unglaublich, unser erster großer Auftritt und dann auch noch vor so vielen Menschen! Wir können uns noch sehr gut daran erinnern, es war ein ganz tolles Konzert, die Leute waren alle superlieb zu uns. Es war eine großartige Erfahrung für uns, die uns als Band wirklich weiter gebracht hat. Witzigerweise haben wir dann zwei Jahre später genau dort unser erstes eigenes Silbermond-Konzert mit unseren eigenen Fans und unserer ersten eigenen Platte gespielt. Es war uns sehr wichtig, wieder an diesen Ort zurück zu kommen. Die Hutberg-Bühne in Kamenz ist eine tolle Location, praktisch wie die Kindl-Bühne in der Berliner Wuhlheide, nur im Kleinformat. Dort herrscht immer eine ganz wunderbare Atmosphäre und wir waren richtig stolz, dass wir zwei Jahre später dort erstmals ganz alleine auftreten konnten.

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Da habt Ihr aber noch nicht SILBERMOND geheißen, richtig?
Stefanie: Richtig. Damals hießen wir noch JAST, was für unsere Anfangsbuchstaben steht, also Johannes, Andreas, Stefanie, Thomas. Das fanden wir damals unglaublich einfallsreich.

Wie seid Ihr dann überhaupt auf den Bandnamen SILBERMOND gekommen? Welche Idee steckt dahinter?
Andreas: Das ist eine ganz unspektakuläre Geschichte. Wir sind vier Individuen, jeder hatte seine eigenen Vorstellungen. Wir warfen also verschiedene Namen in einen Topf, aber lange Zeit war kein Name dabei, von dem wir alle total überzeugt waren und gesagt hätten: Ja, der ist es! Manchmal war es immerhin so, dass zwei von uns meinten, der Name wäre gut, aber die anderen beiden tendierten eher zum Gegenteil. Beim Namen Silbermond war es dann das erste Mal, dass wir alle sagten, das klingt gut, das finden wir alle gut. Warum also nicht Silbermond? Nach so einer langen Suche freute man sich dann wirklich, dass alle damit einverstanden waren. Thomas hatte zum Glück diesen Vorschlag und seitdem heißen wir so. Aber es war in der Tat sehr, sehr schwer. Ich weiß noch, wie wir auf dem Rathausplatz gesessen und hin und her überlegt haben, denn wir hatten ganz viele Vorschläge. Aber jetzt sind wir froh, dass es dieser Name geworden ist. Das Schwierige daran ist eben, dass so ein Bandname natürlich nicht albern klingen darf. Er soll zeitlos sein, auch mehrere Jahre halten, Wiedererkennungswert haben und nicht einfach nur einen pubertären Gedanken widerspiegeln.

Und dann kam der berühmte Umzug einer Band von Bautzen nach Berlin, medial begleitet von SAT 1 und festgehalten in einer Dokumentation, die im TV ausgestrahlt wurde. Wie hat sich das ergeben und was hat diese Aktion der Band gebracht?
Stefanie: Wir hatten einen kleinen Nissan Micra, Baujahr 1991, den hatte ich von meinen Großeltern bekommen. Wir waren darüber total happy, denn wir waren jung und hatten nichts weiter, als eine Bandkasse. Da flossen immer die paar Euro rein, die wir hier und mal für Auftritte auf kleinen Dorffesten bekamen und das war dann unser Spritgeld. In diesem kleinen Nissan Micra saßen wir vier plus die Gitarren plus unsere Koffer und so sind wir dann lange Zeit die 250 Kilometer zwischen Bautzen und Berlin und wieder zurück gefahren. In Berlin haben wir meistens in Pensionen oder Youth Hostels übernachtet, wo in einem Zimmer vier Doppelstockbetten standen, das Bad war auf dem Gang. Das machten wir etwa ein dreiviertel Jahr so, bis wir dann merkten, dieses Hin- und Herfahren ist nicht wirklich effektiv. Das stresste uns unglaublich und raubte uns enorm viel Energie. Berlin ist nun mal ein wenig zentraler gelegen, als Bautzen, zumal wir hier ja auch unseren Proberaum und unsere Produzenten hatten. Da war es also einfach nur die logische Konsequenz, sich hier eine eigene kleine Wohnung zu suchen. Bei mir war das auch weniger das Problem. Ich brauchte nur die Bürgschaft meiner Mutter, damit ich überhaupt eine Wohnung bekomme, denn wir hatten uns damals ja gerade erst selbstständig gemacht. Für die Jungs gestaltete sich das alles schon deutlich schwieriger, denn sie wollten zu dritt eine Wohnung beziehen. Die Vermieter waren natürlich sehr skeptisch, weil sie dachten, das sind Musiker, die proben ja bestimmt auch in der Wohnung und machen Krach. Am Tag des Umzugs hatten sie aber tatsächlich von einem Vermieter die vage Zusage für eine Wohnung. Also haben wir an diesem Tag in Bautzen alle unsere Sachen in einen Sprinter gepackt und als wir damit in Berlin ankamen, wurde die Zusage für die Wohnung rückgängig gemacht. Nun standen wir also da und wussten nicht so richtig, was wir nun machen sollten. Für mich war klar, dass ich die Jungs nicht auf der Straße stehen lassen würde. Also schaffte ich meine Sachen erst mal in meinen kleinen Keller und in meine Einraumwohnung legten wir Matratzen auf den Boden, auf denen Johannes, Thomas und ich dann schliefen. In der Küche bauten wir noch ein Klappbett auf. Auf diese Weise haben wir das gesamte Jahr 2005 verbracht, waren aber in dieser Zeit auch ganz viel unterwegs. Wir versuchten immer, so spät wie möglich zu kommen und so früh wie möglich wieder zu fahren. Dass SAT 1 noch mit ins Spiel kam, war eigentlich ein purer Zufall. Wir hatten damals einen Freund, der bei SAT 1 arbeitete. Der meinte, er hätte die Möglichkeit, uns bei SAT 1 schon mal medial ins Gespräch zu bringen, um den Leuten vor den Fernsehern zu zeigen, wer Silbermond ist. Er würde uns begleiten, eine Dokumentation über uns machen, allerdings müssten es wirklich reale Situationen sein, die da gezeigt werden. Natürlich konnten wir als junge Band dazu nicht nein sagen. Es lief dann alles wirklich so ab, wie es da gezeigt wurde. Und noch heute treffe ich Leute, die sagen: "Hey, ich habe euch damals bei SAT 1 gesehen!"

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Wie ging's dann für die Band weiter? Wie entstanden die ersten Songs, wann seid Ihr ins Studio gegangen und wie seid Ihr an Euren Plattenvertrag gekommen?
Andreas: Das ist eine längere Geschichte. Wir hatten vor der Fernseh-Doku damals schon unsere ganzen Lieder, die auf dem ersten Album drauf sind. Unser Ziel war damals eben wirklich, ernsthaft Musik zu machen. Durch Ingo und Bernd hatten wir dann auch erste Kontakte zu Plattenfirmen. Wir machten ein paar Demos, organisierten dann ein Showcase in Berlin, zu dem auch ein paar Interessenten kamen. Es folgten einige Gespräche mit Plattenfirmen, die aber eher durchwachsen verliefen. Man meinte, es wäre zwar ganz gut gewesen, aber man könnte sich hier und da schon noch ein paar Gedanken über Verbesserungen machen. Wir wollten aber nichts Halbgares machen und haben es deshalb erst mal sein gelassen. Natürlich waren wir sehr enttäuscht, denn wir dachten, mit einer Plattenfirma im Rücken hätten wir schon den nächsten Schritt gehen können. Zu der Zeit sollte es halt nicht sein. So haben wir eben weiter live gespielt und durchgehalten, bis eines Tages nach einem Konzert in Bautzen jemand hinter die Bühne kam und meinte, er fand das gut, was wir machen und er hätte gerne mal ein Demo von uns. Lustigerweise war das jemand aus meiner ehemaligen Schule, der für die BMG München arbeitete. 14 Tage, nachdem wir das Demo weitergereicht hatten, kam ein Anruf von der BMG München. Man fand unser Demo gut und würde uns gerne mal live sehen. Das war übrigens Joachim Braun, der daraufhin nach Bautzen kam und uns auf kleineren, aber auch großen Konzerten spielen sah und genau beobachtete. Nach einer gewissen Zeit kam er auf uns zu und sagte, dass er uns und unsere Musik mag und uns gerne unter Vertrag nehmen würde. Wir haben uns beratschlagt, den Vertrag genau geprüft und dann unterschrieben wir. Das klingt jetzt alles so einfach. Aber wir waren wirklich ziemlich nervös. Wir wussten immer nur, heute ist wieder der von der Plattenfirma da und beobachtet uns. Wenn wir heute also schlecht drauf sind und uns laufend verspielen, war es das mit der Karriere. So etwas glaubt man in diesen Momenten wirklich und man lässt eine Unmenge Nerven und Schweiß. Es war sehr viel Anspannung für uns, aber um so schöner war es, dass diese Konzerte damals wirklich gut waren.

Die Single "Mach's Dir selbst" wurde ein kleiner Achtungserfolg, aber schon Euer Debüt-Album "Verschwende Deine Zeit" wurde sofort ein Hit. Platz 2 der Album Charts. Wie überraschend kam der Erfolg für Euch und wie habt Ihr den damals wahrgenommen?
Stefanie: Für uns war es natürlich eine ganz tolle Sache. Nachdem wir den Plattenvertrag unterschrieben hatten, stürzten wir uns sofort in die Arbeit. Nach außen wird immer suggeriert, wenn du erst mal einen Plattenvertrag hast, ist alles geritzt. Aber in Wirklichkeit war es so, dass damit die Arbeit für uns erst richtig anfing. Wir haben es als Herausforderung gesehen und uns gesagt: "Hey, wir haben die Möglichkeit, eine Platte zu machen, wie krass ist das denn!" Damals war Thomas Stein noch Chef dieser Plattenfirma und mitten in der Produktion des Albums war Thomas Stein plötzlich nicht mehr da. Das war schon mal eine große Hürde für uns. Kurz darauf sagte dann die Plattenfirma auch noch zu uns: "Mit der Single ‚Machs dir selbst' habt Ihr zwar einen Achtungserfolg gelandet, aber mit dem Album… hmmm… vielleicht bringen wir das gar nicht raus." Da hat dann Ulf, unser Manager, einen cleveren Schachzug gemacht. Er bot der Plattenfirma an, uns noch eine zweite und letzte Chance zu geben. Wir bringen "Durch die Nacht" als nächste Single auf den Markt und wenn das scheitert, dann kann die Plattenfirma immer noch auf die Veröffentlichung des Albums verzichten. Dann haben wir also "Durch die Nacht" raus gebracht, ein tolles Video dazu gemacht, wie ich finde und plötzlich merkte man, die Leute reagieren auf die Musik und vor allem auf das Video. Mit diesem Video hatten wir scheinbar alles richtig gemacht und die Leute mochten den Song. Das merkten wir vor allem daran, dass "Durch die Nacht" auf unseren Konzerten mitgesungen wurde. Okay, in Sachsen kannte man uns und unsere Musik schon länger, weil wir dort schon ewig spielten, aber dass man unsere Lieder z. B. jetzt auch in Hamburg mitsang, war eine tolle Erfahrung. So kam das alles Schritt für Schritt, aber es war nie so, dass wir dachten, wir kommen mit diesen ganzen neuen Eindrücken nicht mehr klar. Wenn wir heute auf diese Zeit zurückblicken, dann war das für uns ein ganz normaler Weg für eine Band. Natürlich hatten wir auch eine Menge Glück, waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Aber wir waren eben auch sehr fleißig. Wir haben mit der ersten Platte im ersten Jahr 240 Gigs gespielt. Wir waren teilweise auf drei Konzerten an einem Tag. Wir wollten einfach raus, wollten spielen und auf jeder Bühne in Deutschland stehen und sagen: "Wir sind Silbermond aus Bautzen, das ist eine kleine Stadt in Sachsen, wir machen die und die Musik, hört uns doch mal zu." Da haben wir also eine echte Ochsentour hinter uns gebracht, waren ganz viel live unterwegs und haben uns den Arsch abgespielt, weil wir wollten, dass die Leute wissen, wer wir sind.

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Weißt Du noch, wo und wann Du von dem 2. Platz für Euer Album erfahren hast?
Stefanie: Das Album kam raus und wir saßen gerade bei einer Autogrammstunde in einem CD-Geschäft in Köln. Plötzlich kam Ulf, unser Manager, und meinte zu uns: "Erster Trend für das Album: Platz 3." Wir sahen uns an und meinten nur: "Was? Platz 3? Was ist denn jetzt los? Das gibt es doch gar nicht!" Wir hatten damals viel Stress und eigentlich überhaupt keine Zeit, darüber nachzudenken. Dann kam die Single "Symphonie" und gleich danach ging die erste Tour los und die Clubs waren ausverkauft! Das waren Clubs mit 300 bis 400 Plätzen, die waren wirklich ausverkauft. Die Leute haben "Symphonie" und "Durch die Nacht" von der ersten bis zur letzten Zeile mitgesungen, das war für uns ein unglaubliches und unvergessliches Erlebnis. In der Folgezeit ist es dann alles Stück für Stück gewachsen. Aber so gewachsen, dass wir uns dabei wohl gefühlt haben. Wir hatten immer ein Team um uns herum, das dafür sorgte, dass es uns gut ging, das uns zur Seite stand und uns gut beriet. Wir waren so voller Energie, wir waren nicht tot zu kriegen, wir haben gespielt ohne Ende und es war alles genau richtig, wie wir es gemacht hatten.

Die Scheibe wurde nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland wahrgenommen und konnte dort Erfolge feiern. Verliert man da nicht - zumindest kurzzeitig - die Bodenhaftung, wenn man so von 0 auf 100 durchstartet?
Andreas: Wir hatten das Glück, dass wir uns schon lange vorher kannten, bevor wir das erste Album machten. Wir hatten also auch schon Phasen miteinander durch, wo es nicht so gut lief und man manche Dinge hinterfragt hatte. Das erdet einen natürlich und macht einem gewisse Dinge bewusst. Dazu kam, dass wir durch den Erfolg des Albums ganz viel unterwegs waren und gar nicht die Zeit hatten, darüber nachzudenken, was hier eigentlich gerade passiert. Wir konzentrierten uns halt auf die Liveshows und wollten immer das Beste daraus machen, gut spielen und immer präsent sein. Wir haben es auch wirklich genossen, so viel live zu spielen. Wir haben auf so vielen Dorffesten, in Kneipen, bei Stadtfesten, Verkehrsfesten und all so was gespielt, da freut man sich einfach, wenn man plötzlich irgendwo an der Ostsee am Strand spielen darf, es kommen ein paar Leute und singen deine Lieder mit. Man freut sich aufrichtig darüber und weiß es echt zu schätzen, weil es eben ein paar Monate vorher noch ganz anders aussah. Wir haben uns immer bewusst gemacht, dass dieser Erfolg nicht selbstverständlich ist und auch nicht selbstverständlich bleibt, sondern dass einfach immer ein Stück Arbeit ist. Natürlich gehört auch eine Menge Glück dazu, aber wir haben uns gesagt, wir müssen immer gut spielen, müssen immer dran bleiben und dürfen uns nicht in irgendwelche Gefälligkeiten verlieren, nur weil jemand sagt, ihr seid toll. Wir haben uns immer gegenseitig geerdet und sind auch eine sehr selbstkritische Band.

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Ihr seid dann auf Eure erste große Tournee gegangen. An was erinnerst Du Dich da noch besonders gut? Was hat Dich beeindruckt und gab es auch etwas, das Dich vielleicht sogar erschreckt hat?
Stefanie: Wenn jetzt unser Gitarrist Thomas hier wäre, der könnte Dir jetzt noch ganz genau Tag, Stunde und Sekunde der ersten Tour nennen. Warte... 15. September 2004, Eröffnung unserer ersten Tour, der "Verschwende deine Zeit"- Tour und zwar war das in Zittau. Das ist eine Stadt, die etwa 30 Kilometer östlich von Bautzen liegt. Das war das allererste Mal, als wir nach dem Konzert in einen Tourbus gestiegen sind und über Nacht in die nächste Stadt gefahren sind. Du kannst es Dir vielleicht vorstellen: Eine kleine Band aus Bautzen steht nach dem Konzert vor ihrer ersten Fahrt mit dem Tourbus. Man musste einen Code eingeben, damit die Tür aufgeht. Dann wurden wir eingewiesen, jeder bekam eine kleine Koje zum schlafen zugeteilt. Aber natürlich konnten wir gar nicht schlafen, weil wir so aufgeregt waren. Das war wie Klassenfahrt, aber ohne Aufpasser. Es war auf jeden Fall ein Tag, den werden wir niemals vergessen. Wir sind eingestiegen, irgendwann eingeschlafen und wieder aufgewacht vor dem "LOGO" in Hamburg. Da war ich ungelogen zum ersten Mal in Hamburg. Da stolpern wir also morgens aus dem Tourbus und stehen vor dem geilsten Club Hamburgs - das werden wir nie vergessen. Diese ganze erste Tour war unglaublich prägend für uns. Ich glaube, wir hatten gar keine Vorstellungen, wie das so ist, deshalb können wir auch nicht sagen, ob es sich erfüllt hat, oder nicht. Auf jeden Fall sind wir heute noch die totale Tourbus-Band. Wir lieben es, im Tourbus zu fahren, wir schlafen alle sehr gut in diesen kleinen Kojen, während andere von unserer Crew sagen, je älter wir werden, desto schlechter schlafen wir da. Wir finden es aber super und zu uns gehört der Tourbus einfach dazu. Wenn du vorher immer nur in so einem kleinen, engen Sprinter gefahren bist, genießt du das richtig. Wir sind ja früher immer noch die ganzen Kilometer selber gefahren, waren regelrecht zusammengepfercht, und als wir dann erstmals in diesem Tourbus gesessen haben, das war eine Erfahrung, die uns geprägt hat. Ich habe auch gerade ein Lächeln auf dem Gesicht, wenn ich daran zurückdenke. Natürlich passieren live auch mal ein paar Pannen, das gehört eben auch dazu und ist nicht weiter schlimm. Auf jeden Fall merkst du sehr schnell, dass du auf einer solchen Tour diszipliniert sein musst. Ich hätte auch nie gedacht, dass eine Tournee auch wirklich Sport ist. Wir sind jeden Abend total durchgeschwitzt von der Bühne gekommen, haben immer mindestens 90 Minuten gespielt. Da muss die Stimme fit sein, da muss beim Schlagzeuger der ganze Körper fit sein, der Gitarrist muss aufpassen, dass er keine Sehnenscheidenentzündung bekommt. Für mich als Sängerin war es jedenfalls eine Nummer, bei der ich gemerkt habe, du musst fit sein, du musst trainiert sein und musst gesundheitlich echt auf dich aufpassen, damit du das alles durchstehst. Viele denken ja, was soll's, so eine Tour ist nichts weiter, da stehen die Musiker abends zwei Stunden auf der Bühne und machen sonst nichts. Aber man hat ja nachmittags den Soundcheck, man hat Presseleute da, denen du Interviews gibst. Wir haben halt schnell gemerkt, einfach nur auf die Bühne gehen und singen, das ist es dann doch nicht. Aber diese Erfahrungen haben uns sehr geholfen, weil wir heute dadurch viel besser mit diesen Situationen umgehen können.

Die Lawine war ab diesem Zeitpunkt nicht mehr aufzuhalten. Ihr seid von einem Erfolg zum nächsten gestürmt. Hat man bei all dem Stress, all den Terminen und vor allem all der Arbeit überhaupt einen Moment, um inne zu halten und diese Momente zu genießen?
Andreas: Es ist ganz komisch, wenn man Weihnachten zu Hause sitzt, Lebkuchen isst, die Oma ist da und man unterhält sich ein bisschen. Man erzählt dann, wir waren jetzt auf Tour, waren dort und dort, da waren so und so viele Leute da und in diesen Momenten realisiert man erst, wie krass das ist. Man hat in Städten gespielt, wo man persönlich eigentlich noch gar nicht war. In dieser besinnlichen Stimmung merkt man erst, wie verrückt das alles eigentlich ist. Manchmal denken wir daran zurück, wie das alles anfing, dass wir Dienstags und Freitags Probe hatten, oder wie wir uns freuten, in einer Kneipe in Görlitz zu spielen, wo wir mit unserem vom Theater angemieteten Transporter eine dreiviertel Stunde hinfahren mussten. Das waren damals halt Höhepunkte für uns. Dann wurde es immer mehr, aber wir sehen das nicht als selbstverständlich an. Wir hätten auch nie gedacht, dass es mal soweit kommt, dass man so viel unterwegs ist und dass man auch gehört wird, dass einem die Leute schreiben, wir mögen eure Musik. Natürlich steckt auch ganz viel Arbeit dahinter. Doch es ist nicht immer nur alles Friede, Freude, Eierkuchen, man ist nicht immer nur happy und feiert sich, sondern es gibt auch mal schwierige Zeiten. Aber wir sind froh, eine Band zu sein, sind auch froh, dass wir uns immer noch verstehen. So etwas merkt man an Tagen wie Weihnachten, wo man sich sogar noch an Heiligabend trifft, um mit einem Glas Wein oder Bier auf das Jahr anzustoßen. Das sind Momente, die man auch später als betagter Mensch noch in Erinnerung behält.

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Ihr habt immer ein Album gemacht, seid dann damit auf Tour gegangen und anschließend ging es wieder von vorne los. Wo und in welchen Momenten blieb da die Zeit, weiterhin so großartige Songs, wie z. B. "Das Beste" oder "Krieger des Lichts" und so erstklassige Alben zu schreiben. Sowas macht man ja nicht mal eben zwischen Tür und Angel...
Stefanie: Kreativ ist man in den unterschiedlichsten Situationen. Das ist wahrscheinlich die Antwort, die Dir jede Band auf diese Frage gibt. Ab und zu kommt mal eine Idee unter der Dusche, aber eigentlich sind wir nicht so die Typen, die schreiben können, wenn sie unterwegs sind, das haben wir in den letzten Jahren festgestellt. Das ist nicht so unsere Art. Wir schreiben eher nach einem Zyklus, also beispielsweise, wenn wir sagen, das Album ist jetzt vorbei, es wird Zeit für Neues. Jeder sammelt für sich selber Ideen und irgendwann setzen wir uns dann zusammen. Aber dafür brauchen wir Ruhe und die können wir uns zum Glück auch nehmen. Bei uns kommen die Ideen also wirklich in Ruhephasen, wenn man Zeit hat, den Kopf frei hat. Aber in diesen Zeiten ist es für uns auch ganz wichtig, normal zu leben. Wenn du auf Tour bist, hast du ja eher nicht das normale Leben. Du hast keine Einblicke, was da draußen eigentlich passiert, sondern du bist jeden Tag in einer anderen Stadt, liest zwar die Tageszeitung, aber kriegst ansonsten nicht viel mit. Deswegen finde ich es viel gesünder, erst dann wieder kreativ zu sein, wenn du zu Hause wieder den Müll runter schaffst, dir selber Essen kochst, wieder Zeit mit deinen Freunden verbringst und hörst, was sie für Probleme haben. Deshalb hat es uns immer gut getan, erst dann was zu machen, wenn man wieder selber im Leben steht. Aber die Garantie ist nie da, dass es funktioniert. Es werden sicher auch Phasen kommen, wo das nicht mehr so ist. Ich kann Andreas da wirklich nur zustimmen, das Wichtigste für einen Musiker ist, kreativ zu sein. Wir haben es beim dritten Album gemerkt, wie schlimm es sich anfühlt, wenn man es in drei, vier Monaten nicht schafft, einen Song fertig zu schreiben. Das deprimiert dich regelrecht. Solange wir also noch diesen Antrieb haben, morgens aufzustehen und zu sagen: "Wir haben Lust auf das, was wir machen." und nicht: "Wir müssen das jetzt machen.", wissen wir das total zu schätzen und werden weiter versuchen, tolle Songs zu schreiben, die uns selbst berühren. Nur dann bist du nämlich fähig, den Leuten deine Songs und deine Emotionen zu vermitteln. Wir werden sehen, wie das ausgeht. Sicher kann man nicht immer so tolle Lieder schreiben, aber man kann es zumindest versuchen.

Neben all den Chart-Erfolgen hat es bis heute auch schon reichlich Preise gegeben. Von den Goldenen Schallplatten und Platinauszeichnungen mal abgesehen, gab's auch schon mehrfach den Echo und andere heißbegehrte Preise. Wenn man schon so viel erreicht hat: Welche Ziele gibt's jetzt noch, die man erreichen möchte?
Andreas: Der größte Preis, den man als Musiker einsammeln kann, ist Kreativität. Das ist das Wichtigste, was man als Künstler haben kann. Es gibt nichts Schöneres, als zu sagen: "Das ist wirklich ein schönes Lied." Es ist eben ein schönes Gefühl, wenn man ein Konzert spielt und die Leute applaudieren dir und man hat zusammen einen tollen Abend. Es ist natürlich auch schön, einen ECHO zu bekommen. Aber die Grundlage für alles sind immer deine Lieder. Das soll möglichst lange so bleiben. Wir haben uns jetzt als Band gesagt, wenn wir irgendwann mal Kinder haben und die Kinder sagen eines Tages zu dir: "Hey Papa, das ist aber komisch, was du da machst", dann sollte man aufhören.

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Ich kenne Leute, die auf SILBERMOND angesprochen, schon mal den Kommentar ablassen: "Silbermond, Juli, Jennifer Rostock, Luxuslärm, Christina Stürmer... das klingt für mich alles gleich". Wie würdest Du so einen Zeitgenossen von SILBERMOND überzeugen und ihm zeigen, dass Ihr anders seid und anders klingt, ohne ihm einfach nur eine CD von Euch in die Hand zu drücken?
Stefanie: Ich habe in den letzten Jahren ganz verstärkt gelernt, dass das, was wir machen, unsere Existenz, unser Baby, unser Leben ist. Darum dreht sich unsere Welt, das ist unser Mittelpunkt. Nun darf man nicht vergessen, dass es für alle anderen Leute einfach nur Musik ist. Das merke ich im Gespräch mit Freunden, mit Familie. Es ist für sie etwas, was sie durch den Alltag begleitet, was sie traurig oder freudig stimmen kann. Musik ist heute quasi eine Art Luxusgut. Man kauft sich eine CD und gibt dafür Geld aus, oder eben nicht. Man kauft sich einen Fernseher, oder eben nicht. So muss man das auch mal sehen. Es ist für uns absolut wichtig, aber für andere Leute eben nicht. Und ich kann durchaus verstehen, dass, wenn man sich nicht so mit Musik beschäftigt, dann eine Christina Stürmer mit mir verglichen wird, oder das irgendwie alles gleich ist und klingt und es den Leuten schwer fällt, das alles auseinanderzuhalten. Das kann man niemandem vorwerfen. Ich habe auch aufgehört, mich darüber zu ärgern, weil ich dazu übergegangen bin, zu verstehen, warum das so ist. Ich sehe das ja an mir selber. Ich kaufe mir sehr viele deutschsprachige Alben, weil ich deutsche Musik mag. Und da bin ich halt auch so: Ich höre es mir an und entweder es gefällt mir, oder es gefällt mir nicht. Nach einer Stunde bilde ich mir dann eine Meinung über etwas, wofür eine Band eineinhalb Jahre gebraucht hat. Wenn ich mir nun vorstelle, dass jemand unsere Platte hört und dann nach einer Stunde sagt: "Das ist ja Scheiße…" und die Scheibe weiter verschenkt, dann tut mir das natürlich irgendwo weh, aber auf der anderen Seite mache ich es ja auch nicht anders. Deshalb muss man das auch immer etwas relativieren. Iron Maiden haben das mal auf den Punkt gebracht, indem sie gesagt haben: "Wenn man uns mag, finden wir das völlig in Ordnung. Und wenn man uns nicht mag, ist das auch in Ordnung." Und genau so ist es mit der Silbermond-Musik.

Trotz all dem Stress und der vielen Termine findet Ihr immer noch Zeit, Euch auch für andere Dinge zu engagieren. Ihr fördert den Nachwuchs und setzt Euch gegen Rechtsextremismus ein. Bleiben wir mal kurz bei der Nachwuchsförderung. Seid Ihr damals zufriedenstellend gefördert worden, oder wollt Ihr es mit Eurem Engagement einfach besser machen und anderen das bieten, was Euch früher gefehlt hat?
Andreas: Wir haben damals, als wir noch unbekannt und als Coverband unterwegs waren, gemerkt, dass es sehr schwer war, an Auftritte ranzukommen, weil es einfach in unserer Region nicht genügend Plattformen dafür gab. Hast du aber ein gutes Konzert gegeben, kam sehr oft hinterher jemand und bot uns an, in seiner Kneipe oder auf dem nächsten Dorffest zu spielen. Die Leute haben also sehr wohl darauf reagiert, dass man eine gute Leistung angeboten hatte. Daraus haben wir gelernt, dass man in jedem Konzert das Beste geben musste, selbst wenn man am Ende draufzahlt. Wir haben wirklich viele Konzerte gespielt, bei denen wir am Ende die Miete für den Transporter und das Spritgeld zahlen mussten, ansonsten aber nichts bekamen, außer vielleicht einem Kasten Bier. Das war aber egal, weil wir wussten, dass sich daraus möglicherweise ein richtig guter Gig ergibt, bei dem wir dann auch das Spritgeld bezahlt bekommen. Seit wir nun mit eigener Bühne und Anlage unterwegs sind, haben wir uns gefragt, wie kann man jetzt junge Bands unterstützen. So kamen wir auf die Idee, regionalen Bands bei unseren Konzerten anzubieten, als Vorband aufzutreten. Dazu ließen wir uns Demos schicken und suchten uns die nach unserer Meinung beste Band raus, die wir zu uns einluden und die sich dann präsentieren durfte. Ich glaube, vielen ist gar nicht bewusst, dass in ihrer Stadt ganz viel Kreativität vorhanden ist. Deshalb wollen wir unseren Beitrag dazu leisten, dass regionale Bands ihre Chance bekommen.

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Wie gesagt, Ihr engagiert Euch auch schon seit eh und je gegen Rechtsextremismus. Es fehlt bei allem Kampf gegen rechtes Gedankengut doch auch ein bisschen der Dialog, wie ich finde. Es werden Konzerte gegeben und gespielt "gegen rechts". Es werden Friedensmärsche auf die Beine gestellt und "marschiert gegen rechts". Warum glaubt Ihr, setzt sich keiner mit den Rechten an einen Tisch und versucht durch Dialoge Lösungen zu finden und ein Umdenken zu bewirken?
Stefanie: Es gibt ja durchaus Talkrunden, wo auch immer wieder mal NPD-Politiker eingeladen werden. Ich weiß nicht, ob Du schon mal solche Runden gesehen hast. Ich sitze bei diesen Gelegenheiten jedenfalls vor dem Fernseher und denke mir, die verstehen absolut nichts. Aber ich gebe Dir definitiv Recht, der Dialog muss natürlich stattfinden. Nur muss man sich dann auch die Argumente der Rechten anhören. Allerdings hat jede Gesprächsrunde, die ich bisher gesehen habe, und bei der neben demokratischen Parteien auch die NPD mit am Tisch saß, zu nichts geführt. Egal wie logisch man argumentierte, die NPD argumentierte total unlogisch zurück. Du kannst ihnen zwar sagen: "Pass auf, du kannst doch den Holocaust nicht leugnen. Da sind unglaublich viele Menschen umgekommen. Die wurden einfach so umgebracht, weil sie eine andere Hautfarbe hatten, schwul waren oder einen anderen Glauben hatten. Du kannst doch nicht sagen, dass das gut war. Du kannst dir doch nicht einen Film über ein KZ anschauen und dann hinterher sagen: Das ist geil." Trotzdem gibt es immer noch welche, die meinen, dass manche Menschen mehr oder weniger wert sind, als andere. Und das geht gar nicht. Die Einstellung dieser Leute ist manchmal so was von unlogisch. Übrigens fällt mir bei der Gelegenheit ein, dass die NPD am 1. Mai in unserer Heimatstadt Bautzen durch die Stadt marschieren will. Ganz Bautzen hat daraufhin eine Gegendemonstration auf die Beine gestellt. Außerdem wird es ganz viele Bühnen geben, wo jede Menge Konzerte stattfinden. Wir werden natürlich auch dort spielen. Und wenn man schon im Dialog nicht weiterkommt, ist das doch auf jeden Fall ein Zeichen dafür, dass man auch auf diese Weise zeigen kann: "Hey, uns passt Eure Ideologie nicht!" Auch bei uns im Forum findet Dialog statt, wenn beispielsweise Leute etwas schreiben, was eher kritisch ist. Wir löschen nichts, sondern wir antworten auf jede Äußerung, wir treten also in den Dialog miteinander. Trotzdem schadet es nicht im Geringsten, wenn sich viele Leute zusammen tun und am 1. Mai auch ohne jede Form von Dialog klipp und klar sagen: "Nazis laufen nicht durch unsere Stadt!"

Glaubst Du, dass dieses Problem irgendwann mal komplett gelöst werden kann? Was kann uns allen die Kraft und Hoffnung geben, dass Rechtsextremismus wirklich komplett ausgelöscht werden kann?
Stefanie: Ich denke, eine Demokratie und ein Land wie Deutschland muss verschiedene Meinungen aushalten können, muss auch eine Partei, wie die NPD aushalten und überstehen können. Aber es wird immer so sein, dass Leute, wenn es ihnen schlecht geht, nach einem Strohhalm greifen. Da wählt man dann eben schon mal eine Piratenpartei, weil man denkt, das ist jetzt die Lösung für alle Probleme, oder so was, wie die NPD, die Versprechungen machen, die sie nicht halten können. So etwas kann man auf Dauer aber nur umgehen oder verhindern, wenn es allen Menschen so gut wie möglich geht, denn dann halten sie sich auch nicht fest an solch trügerischen Gemeinschaften. Damit meine ich natürlich ganz extrem und in erster Linie die NPD, die mit viel Populismus versucht, die Leute auf ihre Seite zu ziehen. Die versuchen mit Kinderspielplätzen oder Kindercamps die Familien einzulullen, wollen ihnen damit suggerieren, in der Gemeinschaft sind wir stark und all solche Sachen. Da muss man eben sehen, dass die demokratischen Parteien das genau so schaffen und den Menschen das Gefühl geben, eine Stütze für sie zu sein. Das wäre für mich ein Ansatz, um dem Rechtsextremismus entgegenzuwirken.

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Ist es für einen Künstler, der erfolgreich ist und in der Öffentlichkeit steht, wichtig, sich auch politisch zu engagieren und den eigenen Fans vielleicht auch dadurch einen Schubs zu geben, selbst ein Auge auf die Politik zu werfen und sich zu beteiligen?
Andreas: Das muss jeder Künstler für sich selbst entscheiden. Am Ende ist man eben in erster Linie Musiker und Autor und kein Politiker. Aber natürlich kann man dadurch, dass man auf der Bühne steht, auf gewisse Dinge aufmerksam machen. Denn wenn man vor tausenden Leuten spielt, wird man zwangsweise auch gehört. Aber es sollte für einen Künstler kein Muss sein, sich politisch zu äußern. Bei uns war es so, dass wir uns schon immer, also bereits vor unserem beginnenden Erfolg, sozial und gegen rechts engagiert hatten. Das war uns eben schon immer wichtig, es war kein Zwang dahinter. Bei manch anderem erwacht das soziale Engagement erst, wenn sie bekannt geworden sind, wir dagegen waren da auch vorher schon aktiv. Wir organisierten z. B. viele Benefizkonzerte, deren Einnahmen wir spendeten. Am Ende kann man den Künstler aber auch einfach den Künstler bleiben lassen, der seine Musik macht. Wenn man jedoch einen politischen oder gesellschaftskritischen Song schreibt, sollte man sich auch seine eigenen Gedanken dazu machen. Einfach nur Meinungen kopieren oder übernehmen ist nämlich nicht der richtige Weg.

Wie steht man als Künstler zu der Piraten-Partei, die derzeit nicht nur einen Höhenflug in Sachen Wählergunst erfährt, sondern die ganz nebenbei auch das Urheberrecht nicht nur aufweichen, sondern offenbar abschaffen will?
Stefanie: Über diese Thematik habe ich in den letzten Tagen mit vielen Leuten geredet. Man hat ja feststellen können, dass viele Leute, die aus den verschiedensten Gründen nicht mehr zur Wahl gingen, in der Piratenpartei eine Motivation gesehen haben, doch wieder wählen zu gehen. Eigentlich müsste man dafür dankbar sein, denn jede Stimme, die nicht abgegeben wird, geht meiner Meinung nach an eine extremistische Partei bzw. nichtdemokratische Partei. Deswegen kann man es einerseits als positiv ansehen, dass eine solche Partei, wie die Piraten, die einen etwas anderen Weg geht, für manche Leute eine Option darstellt. Für uns als Band ist es jedoch ein No-Go, wenn eine Partei populistisch arbeitet und Sachen verspricht, die definitiv nicht umzusetzen sind. Man kann nicht rausgehen und überall verbreiten: "Jetzt kannst du umsonst Bus fahren, alle kriegen umsonst einen Laptop und Musik gibt es auch noch kostenlos!", ohne den Leuten gleichzeitig klar zu machen, dass dies alles nur dann umsonst sein kann, wenn dafür das Geld an einer anderen Ecke abgezogen wird. Das ist so ein Ding, welches für mich nicht funktionieren kann. Ich komme eher mit einem Politiker klar, der mir ehrlich erklärt, wenn wir hier die Steuern senken, müssen wir aber an dieser und jener Ecke wiederum mehr bezahlen. Also klare Fakten schaffen. Ich mag es im echten Leben, wenn Leute ehrlich und direkt zu mir sind und genauso mag ich es in der Politik. Ich will nicht, dass Politiker mir einen vom Pferd erzählen, sondern ich will Fakten, die ich einordnen und mit denen ich umgehen kann. Aber zurück zum Thema: Wir alle möchten doch gerne ein gutes Buch lesen, damit wir mal vom Alltag abschalten können. Wir möchten guten, sauber recherchierten Journalismus erfahren. Wir wollen auch alle Musik haben und hören. Jeder von uns hat doch irgendeinen Song, der ihn an seine erste Liebe erinnert oder ihn sein ganzes Leben lang begleitet hat und uns glücklich oder auch traurig stimmt. Das alles ist etwas Wertvolles, quasi ein Luxusgut. Vielleicht ist es auch nur etwas, das nebenbei passiert. Aber ein Musiker, ein Autor oder ein Maler machen doch auch keinen anderen Job, als ein Bäcker. Sie schaffen etwas für andere Menschen, haben damit einen gewissen Aufwand und dieser Aufwand muss halt von den Leuten, die das haben möchten, bezahlt werden. So einfach ist das. Im übrigen sollte sich die Piratenpartei mal Gedanken darüber machen, ob das Urheberrecht das schlimmste und wichtigste Problem ist, was wir in Deutschland haben.

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Was liegt als nächstes bei Euch an? Ich habe gelesen, dass Ihr jetzt im Mai in London und Paris spielen werdet. Sind das schon die ersten Schritte in Richtung internationale Karriere? Wie kam es zu diesen Terminen im Ausland?
Stefanie: Ehrlich gesagt, beziehen sich diese Auftritte nur auf ein paar ganz spezielle Punkte. Uns haben immer wieder Fans geschrieben, die gerade ein Auslandsjahr in London, Paris oder sonst wo gemacht haben und die meinten, in diesen Ländern gibt es auch ein paar Leute, die gerne deutsche Musik hören. Das ging über ein paar Jahre so und jetzt haben wir uns gesagt, warum sollten wir das nicht einfach mal machen. Das Album ist fertig und bevor die großen Hallen im Dezember auf uns warten, könnten wir doch noch mal in ein paar kleinen Clubs spielen und nach der langen Zeit im Studio mal wieder raus kommen und ein bisschen unterwegs sein. Das Ganze ist eine reine Spaßsache. Wir spielen in London, Amsterdam, Brüssel und Paris und haben schon von ein paar Leuten gehört, dass sie kommen werden. Wir werden also nicht ganz alleine da stehen. Es sind Clubs für 300 bis 400 Personen und wahrscheinlich kennt uns dort keine Sau. Vielleicht kommen auch nur deutsche Fans, die sich extra den weiten Weg machen. Auf jeden Fall fahren wir ganz relaxt dorthin, haben keine internationalen Ambitionen, sondern wollen einfach mal gucken, Spaß haben und sehen das eher als ein Abenteuer. So wie Klassenfahrt ins Ausland und wieder zurück. Aber vielleicht finden wir ja dort wirklich ein paar echte Engländer und Franzosen, die in unsere Konzerte kommen und vorher fragen: "Who the fuck is Silbermond?" und dann hinterher sagen: "Oh, that's Silbermond! It's okay!" Das kann durchaus passieren, aber es ist nicht unser vorrangiges Ziel, nach diesen paar Auftritten international erfolgreich zu sein. Wir wollen einfach mal raus und diese Erfahrungen mitnehmen.

Das provoziert ja förmlich die Frage, ob Ihr denn zumindest in London den einen oder anderen Titel auf Englisch singt?
Stefanie: Nein, wir fahren so dahin, wie man uns kennt, also mit unseren deutschen Texten. Ich werde natürlich versuchen, ein paar Ansagen in der jeweiligen Landessprache zu machen. Es ist für mich eine Sache der Höflichkeit, in einem anderen Land zumindest ansatzweise ein paar Sätze in der Sprache zu sprechen. Ansonsten spielen wir ganz normal unsere Songs und machen auf der Bühne nichts anderes, als sonst auch.

Ab Juni spielt Ihr Euer neues Programm Open Air und ab Herbst (November) geht Ihr auf Hallentour. Was habt Ihr für Eure Tournee vorbereitet, auf was können sich die Konzertbesucher freuen?
Andreas: Wir bringen natürlich unsere bekannten Hits aus den letzten Jahren mit, spielen aber selbstverständlich auch Songs vom neuen Album. Unser großes Ziel ist jedoch, dass wir eine größere Location vom Gefühl her in einen kleinen Club verwandeln wollen. Auch eine große Halle kann sehr intim und persönlich sein, darauf liegt unser Hauptaugenmerk. Wir machen uns gerade ganz viele Gedanken, wie wir das Publikum mit auf die Bühne holen können und uns im Gegenzug ins Publikum begeben können. Das wird eine spannende Sache und daran arbeiten wir im Moment, damit letztendlich diese Konzerte zu sehr persönlichen Konzerten werden. Natürlich sind kleine Hallen einzigartig. Wenn man den Schweiß der einzelnen Musiker sehen kann, die Energie, die von der Bühne kommt, förmlich spüren kann, dann hat das schon was. Aber auch größere Hallen können intime Momente bereithalten. Wenn hunderte Fans ein Lied, einen Refrain mitsingen, kann das unwahrscheinlich viel Gänsehaut hervorrufen, das kann total magisch und wunderschön sein.

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Abschließend noch eine Frage: Viele Bands zerbrechen oft am Erfolg. Irgendwann fängt einer an, sich selbst verwirklichen zu wollen, macht 'ne eigene Platte und steigt dann möglicherweise komplett aus. Bei anderen Bands zieht irgendwann Routine ein und Lustlosigkeit macht sich breit. Was lässt Euch hoffen, dass das bei SILBERMOND nicht der Fall sein wird?
Stefanie: Bei uns wäre wahrscheinlich keiner in der Lage, alleine eine Platte zu machen, deshalb brauchen wir uns darüber wohl im Moment keine Sorgen machen. Jeder von uns kann das, was er kann, sehr gut, aber wir sind nur deshalb Silbermond, weil wir zusammen funktionieren, einer für den anderen da ist und jeder seinen Part voll und ganz ausfüllt. Wenn einer fehlen würde, dann würde das Ganze komplett auseinanderbrechen. Aber selbst wenn mal jemand ein Soloprojekt machen möchte, na warum denn nicht? Manchmal kann so etwas auch ganz erfrischend wirken. Die Mando Diao-Brüder machen derzeit auch etwas ganz anderes, funkigeres mit ihrem neuen Projekt. Warum denn auch nicht? Das kann ja durchaus inspirieren. Bei uns wird eines Tages auch mal Familiengründung auf dem Plan stehen, so dass der eine oder andere dann seine eigenen Wege gehen und etwas anderes ausprobieren möchte. Aber an diesem Punkt sind wir noch nicht angekommen und denken derzeit auch nicht darüber nach, brauchen auch noch keine Pause voneinander. Wir haben uns geschworen, so lange Musik zu machen, wie es uns Spaß macht und für uns nicht zum Job wird. Das bedeutet, wir stehen morgens auf und MÖCHTEN es machen, sehen kein MUSS dahinter. Solange das noch so ist, ist alles gut. Weil wir uns schon so lange kennen, passen wir auch sehr gut auf uns auf. Außerdem würden wir genau merken, wenn wir uns nicht mehr gut tun.

Wir wünschen Euch viel Erfolg für die neue Platte und die Tour. Damit sind wir am Ende unseres Interviews. Gibt's noch etwas, das Ihr unseren Lesern mit auf den Weg geben möchtet, was Ihr ihnen abschließend noch sagen möchtet?
Stefanie: Wir freuen uns total auf die neue Tour und die Präsentation der neuen Platte. Und wir können jedem nur sagen, der noch überlegt und sich vielleicht fragt, wer ist Silbermond und was machen die eigentlich, kommt einfach mal auf ein Konzert vorbei. Wenn Ihr dann immer noch sagt, das ist aber komische Musik, dann ist das völlig okay. Aber versucht es wenigstens mal, lasst Euch darauf ein, wir würden uns sehr darüber freuen.

 

Interview: Torsten Meyer & Christian Reder (Juni 2012)
Ausarbeitung: cr, tomey
Bearbeitung: mb, cr
Fotos: Pressematerial (Silbermond), André Serfas
 
  

   
   
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