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"Die Toten Hosen finde ich immer noch gut - und Rammstein gefällt mir!"
Die Band LILLI BERLIN brachte von 1981 bis 1983 drei LPs sowie mehrere Singles heraus. Der wohl größte Hit war "Ostberlin, Wahnsinn" vom zweiten Album. 1985 trennten sich die Wege von Manfred Opitz, Harald Grosskopf und Sängerin Lilli Berlin. Mit von der Partie war auch Texter Jürgen Barz, mit dem Lilli seit Mitte der Achtziger verheiratet ist. An einem sonnigen Nachmittag trafen wir Lilli Berlin zum Interview, in einem Café, unweit Ihres Zuhauses in Berlin-Charlottenburg ...

 

Euer großer Hit "Ostberlin, Wahnsinn" dürfte in den Ohren vieler Musikfreunde auch heute noch sehr vertraut klingen. Ihr habt damals über einen Teil der Stadt gesungen, den Du eigentlich gar nicht kanntest, oder?
Einige Zeit vor dem Erscheinen der Platte ,Ostberlin, Wahnsinn', haben wir eine Reise in den Ostteil der Stadt unternommen, um uns das alles anzuschauen und zu wissen, worum es geht. Das war damals das erste und bis nach den Mauerfall das letzte Mal für mich. Ich muss sagen, es war eine sonderbare Erfahrung. Schon allein, wie ich von den Leuten angesehen wurde. In Westberlin war damals alles schrill und bunt. Ich hatte blonde Rastazöpfe und war ganz in Pink gekleidet.
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Der Song scheint aus heutiger Sicht bissig, aber nicht boshaft. Wie waren Deine persönlichen Eindrücke vom damaligen Ostberlin?
Ich fand alles ziemlich grau, traurig und deprimierend. Ja, es hat mich deprimiert. Einige Zeit später fand auf der Waldbühne die Berliner Rocknacht statt, die bundesweit im Fernsehen übertragen wurde und wo so ziemlich alles auftrat oder vor Ort war, was in der Westberliner Szene Rang und Namen hatte. Wir waren auch da, sind aber nicht live aufgetreten. Unsere Videos wurden auf der Leinwand gezeigt und im TV übertragen, und ich wurde vor versammeltem Publikum vom SFB interviewt. Sie fragten mich auch, welche Eindrücke ich von Ostberlin hätte. Da konnte ich nur sagen: ,Wahnsinn!' Mehr ging nicht. Ich meine, die Leute im Osten konnten das ja auch im Fernsehen sehen, und ich wollte niemanden noch mehr deprimieren.

Damals war Neue Deutsche Welle - wer war Lilli Berlin?
Unsere erste LP war englischsprachig und kam mitten in der Blütezeit der Neuen Deutschen Welle heraus. Das passte also gar nicht, aber an dieser ersten Platte hängt bis heute mein Herzblut. Dann nahm uns Hansa unter Vertrag, und sie wollten etwas Deutsches. Gut, wir haben uns darauf eingelassen. Bei mir hat es gedauert, weil ich mir nicht sagen lassen wollte, was und wie ich zu singen habe, um den Leuten zu gefallen. Zur dritten Platte wurde es im Studio dann ganz schwierig. Sie hätten es am liebsten gehabt, dass ich wie Nena klinge. Nena war gerade ganz oben. Das war aber nicht mein Ding.

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Es war die letzte LP von Lilli Berlin.
Zwei Wochen bevor die Platte veröffentlicht wurde, meinten meine Kollegen, jetzt richtig kommerziell erfolgreich werden zu können, als Solokünstler.

Gibt es eine Episode aus der Lilli-Berlin-Zeit, an die Du Dich besonders gern erinnerst?
Nach der Produktion unserer ersten Platte waren wir alle im Urlaub auf Ibiza. Damals gab es noch keine Handys oder gar das Internet. Wir waren also nicht erreichbar. Als wir zurückkamen, sagten uns die Leute von Fran Records in Hamburg, mit denen wir die erste LP produziert hatten, dass wir die Chance auf eine USA-Tournee hätten. Der Sekretär von Sophia Loren hätte unsere Musik gehört, gut gefunden und uns angeboten, eine Tournee durch Amerika zu organisieren. Da man uns aber nicht erreichen und deshalb auch nicht fragen konnte, und sich auch niemand um eine Greencard für uns bemüht hatte, mussten wir das platzen lassen. Außerdem waren wir inzwischen bei Hansa unter Vertrag. Das hätte also nicht funktioniert.

Hast Du heute noch Kontakt zu den damaligen Mitgliedern von Lilli Berlin?
Mit Jürgen Barz bin ich bekanntermaßen verheiratet. Er arbeitet nach wie vor als Texter und Fernsehautor. Manfred Opitz und Harald Grosskopf sehen wir gelegentlich, aber nicht regelmäßig. Wir haben uns auch schon öfter Konzerte von Manfred Opitz mit Ulli Zelle und der Band ,Ulli und die grauen Zellen' angesehen. Das macht viel Spaß.

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Welche Musik hörst Du heute?
Ich gehe gern mal in die Oper, schaue mir mit Vorliebe Ballett an und höre auch zu Hause viel Klassik, lasse aber ansonsten auch das Radio spielen. Es gibt Musik, die mir gefällt und es gibt Musik, die mir egal ist. Ich kann mich da schwer festlegen.

Was hältst Du von der jetzigen deutschen Popmusik, gibt es da etwas, was Dir besonders gut gefällt?
Von den heutigen deutschen Bands finde ich Die Toten Hosen immer noch gut und zum Beispiel Rammstein. Das höre ich mir gern an, aber zu einem Konzert von Rammstein war ich noch nicht. Das hat sich noch nicht ergeben.

Welche Konzerte besuchst Du außerdem, wer sind Deine Favoriten?
Vor zehn Jahren war ich in der Max-Schmeling-Halle zu einem Konzert von Bryan Ferry und Roxy Music. Das hat mir zum Beispiel auch außerordentlich gut gefallen. Es war ein Best-Of-Konzert, all die schönen Songs haben sie genau so gespielt, wie man sie von der Platte kannte. Auch Prince finde ich live klasse, Leonard Cohen hat mir sehr gefallen und das Musical ,We will rock you'. Von Queen war ich schon immer ein Fan und habe sie früher oft im Konzert gesehen. Anfang des Jahres waren wir bei der Premiere von Udo Lindenbergs Musical ,Hinterm Horizont'. Das war auch toll.

Wirst Du noch oft wegen Deiner musikalischen Vergangenheit angesprochen?
Ja, sehr oft sogar, auch auf der Straße. Ich bekomme auch bis heute Fanpost. Vor einem Jahr schrieb mir jemand, der damals um die achtzehn war, in Thüringen lebte und ,Ostberlin, Wahnsinn' mit seinen Freunden immer im RIAS gehört habe. Der Song war ja acht Wochen lang in der Hitparade bei Lord Knud. Er schrieb, dass der Text damals all das gesagt hat, was die Jugendlichen im Osten zwar gedacht haben, aber nicht sagen durften. Zu seinem vierzigsten Geburtstag hatte er eine LP von Lilli Berlin geschenkt bekommen, und inzwischen hätte auch seine Tochter schon ein paar Lieblingssongs von Lilli Berlin.

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Aber auch die Medien erinnern gern an damals ...
Ich werde auch zu Fernsehsendungen eingeladen. Zum Beispiel vom rbb, als sie eine Sendung über die Berliner Waldbühne gemacht haben. Und zu der Sendung ,Berliner Lieder', wo es um Musikstücke ging, die die Stadt Berlin zum Thema haben. Aber auch darüber hinaus gibt es immer wieder An- und Nachfragen. Vor etwa anderthalb Jahren hatte ich einen Anruf von einer polnischen Filmproduzentin. Sie machte einen Film über die Hasen ("Mauerhase"/"Królik po berlinsku", Dokumentarfilm, Polen/Deutschland, 2010, Anm. d. Verf.), die, als die Mauer noch stand, auf dem Grenzstreifen zwischen der inneren und äußeren Mauer lebten und sich dort ganz wohl fühlten. Sie hatte das Video von ,Ostberlin, Wahnsinn' gesehen und dass ich darin, als wir über die Mauer schauen, ein Kuscheltier-Häschen als Handtasche trage. Das fand sie interessant und fragte, ob ich das wegen der Kaninchen oder Hasen auf dem Grenzstreifen getan hätte - vielleicht, um die Tiere etwas zu unterhalten. Wir hatten viel Spaß bei dem Gespräch. Übrigens hatten mich vor kurzem Bekannte von uns darauf aufmerksam gemacht, dass im Madame Tussauds, Unter den Linden, an einer Nachbildung der Berliner Mauer der Schriftzug unseres Bandnamens ,Lilli Berlin' zu sehen ist, so wie in dem Video. Das wusste ich gar nicht. Offenbar ist das Stück Pappmauer nach einem Foto oder nach unserem Videoclip aufgebaut worden.

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Du entwirfst exklusive Mode, die bei wenigen Händlern in Berlin, Aachen und Göttingen angeboten wird. Wie kam es zum Wechsel von der Musik zur Mode?
Von Mode war ich schon immer begeistert. Ich hatte immer meine eigenen Outfits. In meinem Herzen war und bin ich bis heute ein ,kleiner Rebell, und habe das seit jeher nach außen gezeigt. Ich erinnere mich an ein Foto von meiner Konfirmation, das war damals ein Schlüsselerlebnis und gab mir einen wichtigen Impuls, einmal nicht so auszusehen, wie meine Mutter oder meine Tanten. Nach einem Autounfall 1985 sollte ich einige Zeit zu Hause bleiben und mir Ruhe gönnen. Ich habe begonnen zu stricken. Meine Stücke wurden kurz darauf in einer Schau auf der Modemesse Off-Line gezeigt und hatten Erfolg. Da hatte sich etwas ergeben, das mir Spaß machte, wo ich kreativ und produktiv sein konnte und was ich weitermachen wollte.

Als Modedesignerin machst Du das, was Dir gefällt?
Ich entwerfe alles selbst, mache den Zuschnitt und gebe es dann zur Schneiderin. Von mir gibt es ausschließlich Einzelteile, auch keine Kleinstserien. Ich entwerfe zwei Kollektionen im Jahr, jedes Teil ist ein Unikat. Ich arbeite nicht für einen Massenmarkt und stehe nicht unter Produktions- oder Verkaufsdruck. Gerade deshalb funktioniert es vielleicht.

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Wie darf man sich Deinen Arbeitstag vorstellen?
Das ist sehr unterschiedlich. Ich kann mir ja meine Zeit frei einteilen und immer dann arbeiten, wenn ich wirklich Lust darauf habe und Freude dabei empfinde. Dann sitze ich manchmal zwei oder drei Tage von früh bis spät an den Entwürfen oder am Zuschnitt. Danach folgen meist ein paar arbeitsfreie Tage. Ich treibe Sport, Laufen und Fitness, und mache all die anderen Dinge, die nichts mit der Arbeit zu tun haben.

Deine Kleider sind sehr individuell, extravagant und wirken auf viele Menschen märchenhaft. Wer trägt die von Dir entworfenen Kleider?
Meine Kreationen sind für Frauen, die etwas Besonderes möchten, das sie so ziemlich in jeder erdenklichen Situation tragen können. In den von mir entworfenen Kleidern kann man morgens Brötchen holen und abends in die Oper gehen - und alle Stücke sind fahrradtauglich. Darauf lege ich Wert, denn ich bin selbst eine überzeugte Radfahrerin. Den Stil würde ich als zeitlos bezeichnen. Nicht etwa zeitlos, weil klassisch, sondern zeitlos, weil individuell und besonders.

Du hast sicher auch viele Prominente unter Deinen Kundinnen?
Ach, das spielt für mich keine große Rolle, ob jemand Promi ist. Aber wenn Du es wissen möchtest, zum Beispiel ist das aktuelle Styling von Gitte Haenning von mir. Sie hat im vergangenen Herbst eine neue CD mit ihren großen Hits und vier neuen Songs herausgebracht und war in verschiedenen Fernsehsehshows zu Gast und hat sich dafür in meine Kleider gehüllt. Auch das Outfit auf dem Albumcover ist von mir.

 

Interview: Thorsten Murr
Bearbeitung: cr
Fotos: Archiv Lilli Berlin, Deutsche Mugge
 

   
   
© Deutsche Mugge (2007 - 2020)

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