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Der interessierte Leser mag sicher denken, dass einen nichts mehr überraschen kann, wenn man schon so viele Interviews gemacht hat. Vielleicht auch, dass der Ablauf eines Interviews immer irgendwie gleich ist, und das Gegenüber immer sehr professionell Antworten gibt. Kurz: Dass den Interview-führenden Kollegen nicht mehr viel Neues begegnen kann. Nach dem Gespräch mit Gisbert "Pitti" Piatkowski hatte der Autor sein bisher längstes Interview hinter sich, das so entspannt, so spannend und so locker über die Bühne ging, dass es ihm richtig Leid tat, nicht noch weitere 20 Fragen vorbereitet zu haben. Hier war nichts wie immer... alles anders und auch vieles überraschend. Ich traf an einem Sonntag, dem einzigen freien Tag für "Pitti", auf einen offenen, freundlichen, entspannten und höchst interessanten Musiker, der mir in einer erfreulichen Aufgeschlossenheit zu wirklich JEDER Frage eine umfangreiche Antwort gab, die keine weiteren Rückfragen mehr erforderlich machten.
Gisbert "Pitti" Piatkowski begleitet viele unserer Leser seit nunmehr 34 Jahren. Seine Anfänge hatte er musikalisch (als professioneller Musiker) bei der Gruppe Klosterbrüder, die später in die "Gruppe Magdeburg" überging. Nach 6 Jahren Klosterbrüder/Magdeburg zog es den jungen Klampfer von Magdeburg in die Hauptstadt zur Gruppe CITY. Ein Album, zwei Singles und ein Jahr später war bei dieser Station schon wieder Schluss, und er gründete zusammen mit seinem Kollegen von CITY, Georgi "Joro" Gogow, die Gruppe NO55, bei der bis zur Wende gespielt hat, und die zwischenzeitlich auch mal "Enno" hieß. Zwischendurch war er Teil der "All-Star-Band" GITARREROS, bei der Musiker aus verschiedenen Bands Klassiker des DDRock spielten. Nach der Wende folgte sein Mitwirken bei der Modern Soul Band, Revival-Konzerte mit Klosterbrüder/Magdeburg, Tätigkeiten als Studiomusiker und Musiklehrer. Seit knapp 1 1/2 Jahren spielt er jetzt die Gitarre in der Kultband RENFT. Eine kunterbunte Karriere hat der begnadete Saitenzupfer schon hinter sich und sicher noch viele ebenso bunte Jahre vor sich. Für uns und unsere Leser stellten sich viele Fragen an "Pitti", die ich ihm in einem Gespräch Mitte Januar gestellt habe, und auf die ich sehr offene Antworten bekommen habe...

 

Hallo Gisbert! Schön, dass Du unsere Einladung angenommen hast. Kennst Du unsere Seite und weißt, was jetzt auf Dich zukommt?
Ja, ich kenne Eure Seite. Allerdings nicht alles und ich weiß auch nicht, was jetzt so richtig auf mich zukommt. Ich denke ein Interview, oder?
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Genau! Etwas umfangreich wird es werden. Wir fangen ganz vorne an und hören hinten auf...
Ja, dann mal los, würde ich sagen!

Derzeit spielst Du in verschiedenen Bands, u.a. bei Modern Soul, Engerling und bei RENFT. Bei Renft bist Du im letzten Jahr eingestiegen. Wie kam es dazu?
Also ich bin bei Renft seit 2007 dabei. (Ja, stimmt! Man hat sich an das neue Jahr noch gar nicht richtig gewöhnt, Anm. d. Verf.). Heinz Prüfer hatte den tödlichen Unfall im März 2007. Delle, der Drummer von Renft, fragte mich im Mai oder Juni 2007, ob ich nicht bei Renft spielen könnte. Delle und ich waren hier in Berlin-Mitte an der Yamaha-Musikschule, er unterrichtete dort Schlagzeug und ich Gitarre. Wir sahen uns auch jeden Tag und irgendwann kam er dann auf mich zu und sagte: "Mensch, Pitti… wollen wir nicht mal zusammen proben?". Ich sagte: "Ja, ok! Können wir machen." Wir haben uns dann mal getroffen, eine kleine Probe gemacht, und in Baabe auf Rügen hatte ich dann im August meinen ersten Auftritt mit Renft. Ursprünglich sollte dort der Rest von Renft eine Art "Teil-Mitwirkung" bei Cäsar haben. Das ist dann aber ins Wasser gefallen, weil es bei Cäsar damals schon mit der Krankheit losging. Dann kam irgendwann ganz panikmäßig ein Anruf mit dem Inhalt, dass die Veranstaltung durchgeführt werden muss, es hieß: "Wir müssen da spielen, und Du musst Dir ganz schnell das Programm draufdrücken." So kam das… Ich hab mir dann ganz schnell die Renft-Sachen skizziert und wir haben das Konzert in Baabe gespielt. Seitdem bin ich fest dabei.

Wo wir beim Thema sind: Da gab es kurz vor Silvester ja einen unschönen Zwischenfall beim "Subversiven Gipfeltreffen". Was war denn da los?
Das war - ich sage mal - vom Programmablauf her unglücklich zusammengestellt und organisiert. Auch vom Zeitplan her. Am dem Tag waren ja sehr viele Künstler dort, die auf der Bühne aktiv waren, z.B. die Band RED MARUT, eine Band von so einem "Tatort"-Schauspieler… ich kannte die gar nicht. Dann war Bernward Büker dabei, das ist auch ein Berliner Urgestein. Das zog sich alles ziemlich lange hin. Danach kamen Ton, Steine, Scherben, die ein ziemlich langes und komplettes Konzert gespielt haben. Wir fingen dadurch ziemlich spät an. Nach dem dritten oder vierten Titel kam über die Anlage die Durchsage: "Das Konzert sofort abbrechen, die Polizei steht vor der Tür und macht Trouble." Danach haben wir noch einen gemeinsamen Titel mit den Scherben gespielt, nämlich "Heroes", diese David Bowie-Nummer, und danach haben wir das Konzert beenden müssen. Die Leute waren natürlich stinksauer, die waren teilweise von sehr weit her angereist und haben für die Karten viel Geld bezahlt. Das waren überwiegend Renft-Fans, die natürlich auch Renft hören wollten. Und die sind dann enttäuscht nach Hause gefahren.

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Und woran lag es jetzt letztendlich?
Naja... die Polizei hat es dann erstmal abgebrochen. Aber wer war Schuld? Es war vom zeitlichen Ablauf und vom Programminhalt einfach zuviel, so dass sich das nach hinten raus gezogen hat. Als wir aufgetreten sind, war es schon Mitternacht. Da kamen wohl bestimmt ein paar Anrufe von irgendwelchen Anwohnern, dann kam die Polizei und es musste abgebrochen werden. Die Leute waren natürlich auch zurecht etwas aufgebracht. Monster hat dann noch eine Schimpf-Kanonade von der Bühne aus losgelassen, hat auf den Staat und die Polizei geschimpft. Sowas kommt ja auch immer gut an… Die Presse hat das dann aufgeschnappt, und so ging das über DPA und es wurde in 50 Zeitungen darüber berichtet. Ich habe gehört, dass das sogar über das Fernsehen und Radio ging...

Das ist ja auch eine Art von Presse...
Nun, für die Band war das eine gute Werbung. Erstmal denkt man: "Was soll den der Scheiss hier!?" und man ist ein bisschen sauer, dass man sein Konzert nicht normal zu Ende spielen kann. Doch unter'm Strich war's eine gute Werbung für Renft. Aber es war sehr schade für die Fans. Da waren Leute, die sind 400 Kilometer angereist, nur um uns dort live sehen zu können. Für die war das natürlich bitter.

Mit Engerling begleitet Ihr Mitch Ryder live und habt mit ihm auch die aktuelle CD "You deserve my art" eingespielt. Bist Du festes Mitglied bei Engerling oder, wie an manchen Stellen zu lesen, nur "Gastmusiker"?
Nein, ich bin kein festes Mitglied bei Engerling. Ich bin eigentlich Gastmusiker von Mitch Ryder. Ich habe Mitch durch die Studioarbeit bei einer CD-Produktion kennen gelernt. Das muss so 2004 gewesen sein. Manne Prokrandt von Engerling hat ein Studio und produziert Mitch auch. Und im Herbst 2004 habe ich das erste Mal für Mitch an einer CD gearbeitet. Danach kam die Frage: "Kannst Du nicht mal ein paar Konzerte mitspielen?" Vorher hatte er immer von sich zuhause ein paar amerikanische Gitarristen mitgebracht, und das war ihm dann wahrscheinlich auch irgendwann zu stressig. Wahrscheinlich fand er das auch ganz nett, was ich ihm da eingespielt habe. Dann habe ich mir für diese Tour die Zeit frei genommen. Ich unterrichte sehr viel, und die erste Tour von ihm konnte ich deshalb erstmal gar nicht wahrnehmen. Das ging über zwei Monate nach Spanien und Frankreich. Das ging nicht, denn ich habe ja über 60 Gitarrenschüler. Im Jahr 2004 habe ich dann eine kurze Herbst-Tour mitgemacht. Dort haben wir uns erst richtig kennen gelernt, und es kam die Frage: "Kannst Du auch die Winter-Tour mitspielen?" Die ging über den kompletten Februar. Und so bin ich eben dazu gekommen. Das hat auch Laune gemacht, und das Ganze ist von Gert Leiser, dem Manager von Engerling, immer sehr gut durch organisiert. Diese Winter-Tour mit Mitch ist für mich so eine feste Größe geworden. Also Mitglied bei Engerling bin ich nicht. Ich bin Gastmusiker.

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Dann - ebenfalls schon erwähnt - bist Du auch bei Modern Soul tätig...
Ja, bei Modern Soul bin ich seit 1990. Da wird ja sehr spartanisch gemuggt. Der Chef der Band, Hugo Laartz, lebt in Spanien. Da gibt es dann nur einige wenige Veranstaltungen über's Jahr verteilt. Und als Delle mich wegen Renft ansprach, sagte ich: "Das bekommen wir schon irgendwie zeitlich hin." Das mit Modern Soul ist ja nicht so regelmäßig, bei Mitch Ryder bin ich auch nur Gastmusiker. Dieses Jahr ist die Winter-Tour mit Mitch von Mitte Februar bis Mitte März. Das ist immer so ein bisschen die "Saure Gurken-Zeit", in der die einheimischen Bands keine richtigen Muggen reinkriegen. Mit Mitch spielt man dann auch europaweit. Schwerpunktmäßig findet die Tour auf - ich sag jetzt mal - ehemaligem BRD-Gebiet statt. Dazu ein paar Ost-Läden in den großen Städten wie Halle und Dresden. Dann ist auch Schweiz, Spanien und Holland dabei. Mitch ist ein internationaler Star, und zieht auch in der Größenordnung zwischen 250 und 300 Leute in die Clubs. Solche Läden werden da immer bespielt.

Hier Gastmusiker, da Lehrer und an der nächsten Stelle festes Mitglied in einer Band… Wie schaffst Du es, das alles unter einen Hut zu bekommen? Hat man da überhaupt noch Freizeit?
Ne, eigentlich überhaupt nicht mehr. Das frage ich mich ja auch, wie das alles geht. Ich bin zur Zeit derartig dicht mit Arbeit. Das hat sich alles so ergeben. Die Aufgabe mit Modern Soul ist unproblematisch. Ich habe da ein paar alte Freunde… der ehemalige Gitarrist von Modern Soul, Wolfgang Nicklisch, kann dann auch schon mal bei Modern Soul einspringen, wenn ich nicht kann. Schwerpunktmäßig bin ich aber mit Renft jetzt unterwegs. Wir haben uns da ganz gut zusammengerauft, und die Konzerte die wir spielen kommen in der Regel auch immer ganz gut an. Sie sind stets gut besucht und Renft macht unheimlich Laune und geht cool ab. Vorgestern haben wir z.B. in Rostock gespielt, das war auch sehr gut besucht und die Leute waren begeistert. Das macht Spaß. Renft ist ja ziemlich rockig und räudig. Die alten Lieder sind ein besonderer Schatz. Dazu die ganzen lieben Fans, die der Band die Treue halten, die machen die Sache richtig cool.

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Doch reisen wir mal ein bisschen in der Zeit zurück. Wann hattest Du Deine ersten Berührungen mit Musik, und was war Dein erstes Instrument?
Meine erste Berührung mit Musik hatte ich in frühester Kindheit. Bei uns gab es viel Hausmusik, mein Vater spielte steirische Harmonika, und ich habe mit vier Jahren dann auch auf der Steirischen so kleine Kinderlieder gespielt. Außerdem hatte mein Vater rudimentäre Schlagzeugteile, da habe ich mich auch dran versucht. Ich war eigentlich ständig von Musik umgeben und wurde dann als kleiner Junge mit 8 oder 9 Jahren von meiner lieben Mutter zum Akkordeon-Unterricht geschickt. Sie mochte dieses Instrument sehr. Ich habe später auch bis zu meinem 14. Lebensjahr in einem Akkordeon-Orchester gespielt. Dann kamen die 60er Jahre und die Beatles, und das fand ich natürlich unheimlich cool. Ich kam zu der Zeit in ein Internat, das war eine erweiterte Oberschule, und das war zwischen der 9. und 12. Klasse. Da probte eine internatseigene Band in einen großen Saal, und wir haben denen immer zugeguckt. Von einer Bekannten bekam ich zu dieser Zeit eine Wanderklampfe geschenkt. Ein Zimmerkamerad konnte ein paar Griffe von Rolling Stones-Songs, "Jumping Jack Flash" und diese Nummern, die er mir zeigte. Und so bin ich zur Gitarre gekommen und wurde davon infiziert. Nachdem wir drei Griffe konnten, haben wir erstmal eine Band gegründet und haben auf Schülerfeten gespielt (lacht). Meine erste Amateurband, mit der wir schon so richtig über die Dörfer gezogen sind, hatte ich in der Magdeburger Gegend im Jahre 1971. Und so wurde ich danach immer sprunghaft in die nächstbessere Band engagiert. Aber meine erste Band waren die "Matadors". Wir wollten uns damals ursprünglich "Telstars" nennen, das durften wir aber nicht, weil ein amerikanischer Nachrichten-Satellit so hieß. Also haben wir uns notgedrungen dann "Matadors" genannt. Wir fanden den Namen damals auch total cool (lacht). Und so ging das dann immer weiter. Irgendwann haben mich dann magdeburger Musiker von der Gruppe "Live" in ihre Band geholt. "Live" war auch so eine Cover-Band. Das war '72 oder '73… das ging alles ziemlich schnell. Danach kam die Band "Quintessenz", eine semi-professionelle Band, u.a. mit Ritchie Barton, der heute bei SILLY spielt, und den anderen Leuten, mit denen ich später bei Magdeburg gespielt habe. Die spätere Gruppe Magdeburg war praktisch die komplette Band Quintessenz. Mit der Band haben wir schon richtig gute Gigs gespielt und sind viel über das Land gezogen, bis nach Plauen runter. Mein Einstieg bei Quintessenz war gleichzeitig mein erster großer Gig und fand 1974 in Plauen statt. Dort haben wir zusammen mit CITY gespielt, bei denen damals noch Emil Bogdanov dabei war. Der hat an dem Tag rebellische Worte von sich gegeben, hat sich damals mit der Kripo und Stasi angelegt. Die wollten ihm noch vor Ort die Spielerlaubnis wegnehmen, weil er sich angeblich staatsfeindlich geäußert hatte. Das war also mein erster großer Einstieg, mein erster großer Ausflug in die große weite Welt, und da war dann gleich richtig was los (lacht). Quintessenz war eine richtig gute Band. Kurz nach der Jahrtausendwende waren wir in Magdeburg alle wieder zusammen. Dort gibt es immer eine "Rock-Gala", und da haben wir mit Quintessenz nochmals so eine Art Revival-Mugge gespielt, und haben alle gestaunt, wie gut das nach all den Jahren noch geklappt hat, und dass das alles noch so gut funktionierte. Als ob man sich gerade gestern erst das letzte Mal getroffen hätte. Rein in den Übungsraum, und ab ging's.

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Und ab wann war für Dich klar, dass Du Berufsmusiker werden willst?
Das war 1975. Ich war damals mitten in einem technischen Studium, einem Maschinenbau-Studium in Magdeburg an der TH Otto von Guericke, als ich das Angebot von den Klosterbrüdern bekam. Da war ich gerade im 2. Studienjahr. Ich habe mich entschieden, bei den Klosterbrüdern einzusteigen und hatte dann für das Studium keine Zeit mehr. Daraufhin habe ich mich da einfach ausgetragen. Da gab es zuerst ein bisschen Trouble, aber ich hab das trotzdem ganz gut hinbekommen.

Trouble mit den Eltern?
Ja, das auch. Ebenso mit dem Sektionsdirektor. Mit dem hatte ich darüber gesprochen, denn das Maschinenbau-Studium hat mir auch überhaupt keinen Spaß gemacht. Das war für mich eine mentale Entscheidung aus dem Innersten. Der Sektionsdirektor meinte: "Mensch, Piatkowski! Machen Sie doch erstmal Ihr Studium zu Ende, dann haben Sie wenigstens den Abschluss in der Schublade!"… Aber das ging nicht. Wir haben mit den Klosterbrüdern damals sehr viel gespielt. Ich war nur noch unterwegs. Jedenfalls habe ich das Studium sein lassen, mich an der TH ausgetragen und bin seit 1975 Berufsmusiker.

Wie kam es zu dem Angebot der Klosterbrüder an Dich? Haben die Dich vorher irgendwo spielen hören und gesagt: "Den brauchen wir"?
Die haben mich bei Quintessenz spielen hören. Die Klosterbürder kamen auch aus Magdeburg, und in der Magdeburger Szene sprach sich so was schnell rum. Man kannte sich auch untereinander. Die Klosterbrüder hatten damals gerade ihren Split nach der legendären Fusions-Tour, die sie mit der Stern-Combo Meißen hatten. Der Gitarrist, "Matze" (Jörg Blankenburg), und der Keyboarder, Lothar Kramer, der heute beim MDR oder RBB Tonmeister ist, stiegen damals aus. "Matze" hat daraufhin die Gruppe "Reform" gegründet, und Lothar blieb bei Stern Meißen...

Also die '75er Tour mit Klosterbrüder und Stern-Combo Meißen hast Du gar nicht mitgemacht?
Nein, die habe ich nicht mitgemacht. Als die Tour zu Ende war, war die Band im Prinzip kaputt, was dann auch der Grund war, warum ich zu den Klosterbrüdern gekommen bin. Nach dem Ausstieg der beiden vorhin genannten Musiker kamen der Sänger, Hans-Joachim Kneis, und Dietrich Kessler auf mich zu und haben mich gefragt, ob ich nicht bei den Klosterbrüdern mitspielen würde. Das war natürlich cool, denn Musik wollte ich schon immer machen. Ab diesem Zeitpunkt haben wir bei den Klosterbrüdern dann in der Besetzung mit Hans-Peter Dohanetz, der von Electra kam, und der Keyboard spielte, den alten und verbliebenen Klosterbrüdern und mit mir. Dohanetz und ich waren sozusagen ab 1975 die beiden Neuen. "HP" (Dohanetz, Anm. d. Red.), der inzwischen ja auch schon gestorben ist, war ziemlich exzentrisch und auch unberechenbar. Dadurch war innerhalb der Band ein ganz schlechtes Klima, und wir haben uns dann entschieden, dass man sich von Hans-Peter trennt. Daraufhin hat sich der Bassist, Klaus Weigert, der später im Rock'n Roll Orchester spielte, mit HP solidarisch erklärt und ist mit ausgestiegen. Und das war dann der Zeitpunkt, an dem wir die restlichen Quintessenz-Leute, Ritchie Barton, Andreas Kuhnt und Bernd Schilanski, zu den Klosterbrüdern geholt haben. Alle sehr gute Musiker. Und dann ging's richtig ab. Wir hießen zu dem Zeitpunkt schon "Gruppe Magdeburg", denn wir mussten uns ja umbenennen. Das war noch in der Phase, als Hans-Peter Dohanetz und Klaus Weigert dabei waren, als die Auflage kam, dass wir uns entweder umbenennen oder mit einem Spielverbot belegt werden würden. Diese beiden Möglichkeiten hatten wir damals. Wir wurden zur Generaldirektion für Unterhaltungskunst nach Berlin eingeladen, und da hat man uns dann gesagt: "Entweder… oder!". Also haben wir uns für einen Namenswechsel entschieden, damit wir weiter arbeiten konnten.

neubreit2 20130305 1648535328

Ich habe darüber gelesen. Ihr seid wohl auch wegen des kirchennahen Bandnamens und Eurer Bühnenshow ins Visier der DDR-Behörden geraten, oder?
Ja, das war die Summe aller Dinge, die da so stattgefunden haben, also die Bühnenshow, der Habitus und wir hatten einen sehr großen Anhang von Fans, die ja alle - ich sage mal - nicht besonders staatskonform waren, weder von der Gesinnung, noch vom Aussehen. Die hatten zerrissene Levi's Klamotten und Jesus-Latschen an, sind herumgetrampt und der Band hinterher gereist, und es gab auch immer irgendwelche "Vorfälle". Da gab es eigentlich immer Trouble. Und wer war Schuld? Die Band! Knackpunkt war aber ein Auftritt in Plessa, wo wir ein relativ großes Konzert gegeben haben. Da waren ganz viele Leute, die nicht rein konnten, und die haben dann kurzerhand das Kulturhaus gestürmt, dort die Türen aufgebrochen… Und wer war Schuld? Die Band! Somit war auch das Maß für den Staat voll, und deshalb mussten wir uns umbenennen.

Zu einer LP-Produktion kam es zu DDR-Zeiten nicht. Was glaubst Du, woran das gelegen hat? Hattet Ihr nicht genug Material?
Doch, Material war schon genug da. Das kam dann später unter dem Namen Magdeburg auf LP raus. Das ließ sich in der damaligen Zeit so ziemlich zähflüssig an. Man musste zusehen, vernünftige Lyrics zu bekommen, die man auch durch das Lektorat bekam. Das war schwer. Du konntest ja nicht so frei nach Schnauze, wie die Kollegen im Westen das getan haben, das Zeug was dir so einfiel produzieren. Das ging nicht. Die Lyrics waren immer das schwierigste, da musste man immer Texter bemühen, renommierte Texter wie z.B. Burkhard Lasch, die irgendwas zusammengeschrieben haben, was dann vom Lektorat auch akzeptiert wurde, was der Staat also letztendlich genehmigt hat. Sämtliche Texte in der DDR waren ja zensiert, davon kann jeder Ostmugger ein Lied singen. Aufgrund dessen, dass da Fachleute am Werk waren, wie z.B. Pannach oder Demmler, sind auch ganz tolle Texte entstanden, nicht so ein amateurhaftes und belangloses Bla Bla. So entstanden manchmal auch richtige Kunstwerke.

Aus den Klosterbrüdern wurde dann Magdeburg. Welche Erinnerungen hast Du an die Zeit mit der Band?
Ach, das war eine sehr schöne Zeit. Wir waren sehr gute Freunde, die durch das Land gezogen sind und gerockt haben. Wir haben ehrlichen Rock gespielt, der sehr gut bei den Leuten angekommen ist. "Magdeburg" hatte immer einen guten Ruf und genießt den auch heute noch. Das hat uns allen sehr großen Spaß gemacht. Wir haben im Prinzip für die Musik gelebt.

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Mit der gleichnamigen LP gab es von der Formation auch nur eine einzige Langrille zu DDR-Zeiten. Kannst Du uns bitte etwas darüber erzählen, wie die Produktion der Platte abgelaufen ist?
Man muss das so sehen: Das waren vorwiegend Rundfunk-Produktionen, die dort für eine Langspielplatte gesammelt wurden. Meine erste Studio-Produktion, die ich gemacht habe, war auch im Jahre 1975, der Song "Kalt und heiß". Das war eine Rundfunk-Produktion in der Nalepastraße in Berlin. Das war schon sehr erlebnisreich: "Kalt und heiß" lief dann in den Rundfunk-Hitparaden, "Beatkiste" und wie das nicht alles hieß… Es wurden immer in unregelmäßigen Abständen in Berlin zwei bis drei Rundfunk-Titel aufgenommen, und als dann ausreichend Material da war, wurde das von Amiga übernommen und auf LP gepresst. Das waren keine zusammenhängenden Amiga-Produktionen, sondern - ich sage mal - "Rundfunk-Stückwerk". Aber es war ja ok, die Leute haben gut gearbeitet und es hat auch großen Spaß gemacht.

Magdeburg hast Du dann im Jahre 1980 verlassen. Einer unserer Leser hat uns dazu folgende Frage zugeschickt: "Nach Deinem Ausstieg damals antwortete die Band mit dem Song 'Untreue Freunde', mit dem Du und Ritchie gemeint waren. Wie hast Du das damals empfunden, was ging in Dir vor, als Du dieses Lied hörtest? Und wie stehst Du heute dazu?"
Also ich hab die Jungs damals verstanden! Ritchie und ich haben der Band durch unseren Ausstieg einen ziemlich harten Schlag versetzt. Es hat uns auch sehr viel Überwindung gekostet, das "Ding" erstmal auszupacken. Das hat uns sehr weh getan, weil man ziemlich eng befreundet war. Wir bekamen das Angebot von City. Das war konkret so, dass Joro Gogow zu mir nach Magdeburg kam und mich für City engagieren wollte. Die hatten damals die Produktion für das Album "Dreamer", eine LP komplett auf Englisch, produziert von dem amerikanischen Produzenten Jack Riley. Sie hatten da im Studio Probleme mit Fritze, oder er hatte Probleme... Irgendwas lief da. Wolfgang Martin vom Rundfunk sagte daraufhin zu Joro: "Der Piatkowski von der Gruppe Magdeburg, der würde gut zu Euch passen." Daraufhin kam Joro zu mir und machte mir das Angebot. City war damals auf dem Sprung nach Amerika, der amerikanische Produzent Riley hatte da mit Warner eine LP-Produktion mit einer Amerika-Tour gekoppelt. Das war damals alles im Gespräch, und das hörte sich für mich sehr gut an. Weil ich mit Ritchie sehr gut befreundet war, sagte ich zu Joro: "Mensch, meinen Kumpel Ritchie kann ich jetzt nicht einfach so alleine lassen. Wenn die Möglichkeit besteht, dass Ihr ihn auch mit engagiert, dann ließe sich darüber reden." Meinem Wunsch wurde letztlich zugestimmt. Ich bin dann zu Ritchie hin und meinte: "Hör mal, was hältst Du davon, wenn wir mal in Amerika `ne Mugge machen?" Ritchie war ganz aus dem Häuschen (lacht)... für einen Ostmusiker war diese Möglichkeit natürlich sensationell, ein Traum! Das war der Ausgangspunkt. Das haben wir dann unseren Freuden von Magdeburg erzählt... ich weiß noch ganz genau... das war bei einem Auftritt in Ferch bei Michendorf, und da haben wir dann ausgepackt. Au, da waren unsere Kumpels tief bestürzt. Wir haben das durchgezogen, und Ritchie und ich sind nach Berlin zu CITY gegangen. Bei CITY gab's unheimlichen Trouble, die wollten Fritze Puppel rausschmeißen und Toni Krahl, der mit Fritze befreundet war, sagte: "Wenn Ihr Fritze rausschmeißt, dann geh' ich auch." Und so gab es dann die Kompromiss-Lösung, dass Fritze drin bleibt und wir in einer Sechser-Besetzung spielten. Die Fans fanden das aber großartig, was durch diese Besetzung dann von der Bühne kam. Von den Live-Konzerten waren die Leute richtig begeistert. Aber so richtig gesund war das ganze Ding nicht, denn die Sache mit Fritze hat ihn auch tief gekränkt und dann diese Cliquen-Bildung innerhalb der Band. Deshalb ging das Ganze dann auch glücklicherweise sehr schnell in die Brüche. Die Amerika-Tour ist am Ende auch geplatzt, weil Ritchie und ich keine Pässe bekommen haben. Auch deshalb nicht, weil von der Gruppe Magdeburg diese Verleumdung kam: "Die Typen hauen sofort ab, wenn die mal drüben sind." Das saß natürlich dann fest in den Köpfen der Oberen drin. City waren sauer, es ging hin und her, es wurde überlegt, ob man Ritchie und mich nicht wieder rausschmeißen sollte, und Joro Gogow war derjenige, der gesagt hat: "Die beiden bleiben, oder ich gehe gleich mit." Das rechne ich ihm heute noch sehr hoch an. Er hat zu uns gehalten, denn wenn Du im Osten als Musiker der - ich sage mal - Oberliga nicht zum Reisekader gehört hast, wie es früher geheißen hat, dann warst Du im Prinzip wertlos.

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Du hast es gerade angesprochen. Die LP "Dreamer" entstand in dieser Zeit. Bist Du aktiv an der Produktion beteiligt gewesen?
Ja, da habe ich mitgespielt. Das war im Prinzip mein Einstieg bei CITY. Im Amiga Studio wurde das Ding aufgenommen, und Riley hatte bei den Aufnahmen dazu Probleme. Deswegen wurde ich angesprochen.
Aber Du hattest in Deiner Frage nach dem Lied "Untreue Freunde" gefragt...

Ja, genau...
Ich hab das verstanden und hatte damit auch kein Problem. Es war ja klar, dass die enttäuscht waren. Wir haben irgendwann Anfang 2000 bei Magdeburg eine Revival-Mugge gespielt, da haben Ritchie und ich das Lied, das gegen uns gerichtet war, selbst gespielt (lacht). Damit hab ich kein Problem. Ich sehe das ziemlich nüchtern. Man muss ja auch die Leute verstehen, mit denen man zusammen gespielt hat...

Obwohl das mit der Verleumdung, Ihr würdet gleich in den Westen abhauen, schon harter Stoff ist...
Ja... das war dann richtig fest drin. Erst ein Jahr später haben wir Pässe bekommen, als sich unsere damalige Managerin, die Traudl, unheimlich für uns stark gemacht hat. Dadurch konnten wir mit CITY in Griechenland spielen. CITY hatte in Griechenland eine Goldene Schallplatte bekommen, und wir hatten dort eine kleine Tour mit vier Gigs, und dafür haben wir dann auch Pässe bekommen. Das war eine klasse Tour, das hat auch Spaß gemacht. Kurz danach hat Ritchie dann Tamara Danz kennengelernt und ist zu SILLY gegangen. Und Joro und seine Frau Traudl waren mit dem Rest von CITY auch schon über längere Zeit irgendwie verkracht. Es herrschte dadurch ein sehr schlechtes Klima. Er fragte mich dann irgendwann: "Wollen wir nicht eine eigene Band gründen?", und so ist NO 55 entstanden. Mir war das nur Recht, denn das Klima in der Band mit der Sechser-Besetzung war nicht optimal.

Es gibt da jetzt unterschiedliche Aussagen: Einmal ist zu hören/lesen, Du hättest bei CITY nichts "zählbares" hinterlassen, in anderen Quellen ist zu lesen, dass Du sogar einen Song geschrieben hast, der auch veröffentlicht wurde...
Ich habe mit Joro zusammen den Titel "Efkaristo" gemacht, der auf Single erschienen ist. Fritze und Toni sind diese Spuren aus der Vergangenheit sicher auch ein bisschen unangenehm, und darüber reden sie sicher auch nicht gerne. Jeder stellt das auf seine eigene Art dar, und beschönt das manchmal auch. Aber so nüchtern, wie ich Dir das jetzt alles erzählt habe, so war's eigentlich auch. Ich habe in der Zeit bei CITY sehr viel mit Joro zusammen gemacht. Aber es war kein entspanntes Arbeiten.

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Das hat ja auch nicht wirklich lange gedauert... wenn's hoch kommt, ein Jahr, oder?
Ja, ja... genau! Es waren zwei Jahre von 1980 bis Ende 1981. Und mir war das damals auch ganz recht als Joro dann endlich auch die Nase voll hatte, und sagte: "Das mit CITY hat keinen Zweck mehr." Ritchie ist eh zu SILLY gewechselt. Er hat sich bei CITY nicht sehr wohl gefühlt. Als wir von Magdeburg kamen, hatten wir ein sehr hohes spielerisches Level. Wir waren musikalisch gesehen richtige Pedanten. Wir haben das sehr ernst genommen, und wollten auch gut und perfekt spielen. Aber das war bei CITY nicht ganz so easy, und wir waren auch etwas unglücklich darüber. Da kam Ritchie das Angebot von Tamara gerade recht.

Über die Idee zu NO55 hast Du schon kurz etwas gesagt... Wie kam es letztlich zur Gründung der Band?
Naja, Joro Gogow und ich haben uns sehr gut verstanden, und er fragte mich damals, ob wir nicht eine eigene Band gründen wollen. Er hatte zu dem Zeitpunkt auch keine Lust mehr, mit CITY weiter zu arbeiten, denn von Freundschaft war da nicht die Spur… oder sagen wir mal von Akzeptanz, denn es muss ja nicht unbedingt eine Freundschaft sein. Das war schon richtig krass, die konnten sich irgendwie überhaupt nicht ab. Da haben wir mit Wolfgang Martin, der mich damals für CITY und das Amerika-Projekt empfohlen hatte, - übrigens ein sehr netter Typ - gequatscht, und der meinte: "Mensch, macht doch eine eigene Band." Auch der Bandname, die alte Postleitzahl "NO55", war von ihm. Ich sagte dann: "Ich kenne da einen coolen Sänger von einer Blues-Band." Das war Frank Gahler, mit dem wir mal mit der Gruppe Magdeburg in Cottbus bei der "Musik-Auktion" zusammen gespielt hatten, der Frechdachs mit der Mundharmonika. Er hatte `ne große Klappe und hat gut gesungen. Daraufhin haben wir Gahler angequatscht, der wollte natürlich auch so ein bisschen nach vorn kommen, hat seine Monokel-Band verlassen und ist zu uns gekommen. Er wurde deswegen in der DDR-Blues-Szene als "Verräter" abgestempelt. Und als Trommler kam Peter Krause zu uns, der vorher bei Hansi Biebl gespielt hatte. Das war auch ein sehr guter Trommler, ein aggressiver Mann. Der ging so richtig nach vorne. Er hatte so ein bisschen was von Stewart Copeland von THE POLICE, das war auch sein Vorbild, und in der Richtung hat er auch losgezimmert. Wir hatten unseren ersten Auftritt mit NO55 im Palast der Republik bei "Rock für den Frieden". Das war sensationell. Wir haben da völlig losgebrettert, wie die wilden Tiere haben wir da losgeheizt, nach dem Motto "Alles oder Nichts" (lacht). Das war der Einstieg von NO55. Das war im Januar 1982...

In acht Jahren Band-Existenz erschienen zwei LPs, zu denen Du auch einige Songs beigesteuert hast. Wie kann man sich die Arbeit bei NO55 vorstellen? Wer hatte "den Hut auf", wer gehörte zur Kreativ-Abteilung...?
Joro und seine Frau hatten den Hut auf, die beiden übernahmen auch das Management. Joro war auch der, der die Band mit meiner Unterstützung ins Leben gerufen hat. Er ist ein sehr guter und kreativer Musiker, mit dem es Spaß gemacht hat, zusammen zu arbeiten. Joro kommt ja von der Violine, er hat in Bulgarien dieses Instrument studiert. Von ihm habe ich sehr viel mitgenommen. Wir haben uns sehr gut verstanden und zusammen gesessen, zusammen gespielt und komponiert. Das war wirklich keine schlechte Zeit. Wir haben mit NO55 wunderbare Konzerte gespielt, und kommerziell lief das sehr gut, wir haben sehr viel im Ausland gespielt. Sozialistisches und auch westliches, kapitalistisches Ausland war dabei. In Dänemark haben wir tolle Konzerte gemacht. Wir waren bei den Fans im Osten sehr beliebt und hatten auch eine gute Resonanz. Die Songs komponiert haben Joro, Gahler und ich.

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Bei der Vorbereitung auf dieses Interview mit Dir fiel mir auf, dass es bei uns eine ganze Menge Leute gibt, die Dich als Gitarristen unheimlich Klasse finden. Einige von diesen Fans können aber mit NO55 offensichtlich nichts anfangen. Ein Forenmitglied nannte sie sogar "die schlimme Zeit". Empfindest Du es auch als schlimme Zeit, oder hast Du angenehme Erinnerungen an NO55?
Ich sag's mal so: Ich würde das eher gemischt betrachten. Rein menschlich, mit den Kapellen-Mitgliedern bin ich sehr gut klar gekommen. Wir hatten großen Spaß, gemeinsam Musik zu machen. Joro, Gahler, Peter und ich hatten einen ziemlich guten Draht, und waren sehr kreativ. Was mir nicht so gut gefallen hat war, dass das Management etwas zu FDJ-freundlich war, diese politische Kiste hat genervt. Aber letztendlich konnte sich keine Band dem Zugriff der FDJ entziehen, denn sie hatte bei fast allen Veranstaltungen die Finger drin, und jede Ostband hatte mit denen direkt oder indirekt zu tun. Es war immer ein Balanceakt zwischen Geschäft und Glaubwürdigkeit. Ich glaube, dass davon jede Ostband ein Lied singen konnte. Was mich ein bisschen schockiert hat war, dass nach der Wende so viele Kollegen bei der Stasi waren.

Naja, einige der Musiker waren auch nur des lieben Friedens wegen dabei, haben keine Berichte geschrieben und wollten nur in Ruhe arbeiten können, oder?
...ja, oder aus Angst. Bei Cäsar z.B. war das jugendliche Naivität wie auch bei "Gundi" und anderen. Mir liegt es auch fern, die Leute abzuurteilen. Ich hatte immer viele Freunde und bin mit den Menschen gut klar gekommen. Ich war da nie negativ, und ich habe immer versucht, für mich mit der Musik eine gewisse Harmonie herzustellen, und mit den Bands meinen Spaß zu haben. Meine persönliche große Überschrift ist: "Mit Menschen gut auskommen und das tun zu dürfen, was ich liebe". Das war immer meine Maxime, und so habe ich auch immer gelebt. Du lebst in irgendeinem System und guckst: "Was kann ich hier machen?" Und ich habe eigentlich immer nur Freunde gesucht, mit denen ich im Übungsraum verschwinden, und Krach machen konnte. Man hat sich im Prinzip auch so seine eigene Welt gebaut, und das ist überall auf der Welt so. Wenn Du ein paar Kumpels hast, mit denen Du in einer Band spielst, ist das ein eigener kleiner Kosmos.

Gibt es heute noch Kontakt zu den ehemaligen Kollegen, z.B. zu Gogow und Gahler?
Ja! Gahler hat mich vor kurzem angerufen, weil er alte Bilder sucht. Der schreibt wohl gerade an seinen Memoiren, wo er das Ganze jetzt mal aus seiner Sicht darstellt. Jeder sieht doch die Welt und die Dinge, die ihn umgeben, auf eine völlig individuelle Weise.
Joro habe ich vor Kurzem auch mal wieder getroffen. Er hatte mit Manfred Krug einen Auftritt u.a. in Dresden, und hatte sich dafür von mir eine Gitarre geborgt.

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Könntest Du Dir ein Comeback der Kapelle vorstellen, und sei es auch nur für ein paar wenige, ausgesuchte Live-Auftritte?
Nö (ohne lange nachdenken zu müssen, Anm. d. Verf.)! Keinen Bock, nein! Ach Du, ich hab soviel um die Ohren, ich bin froh, wenn mal nicht so viele Muggen sind, und ich mal durchatmen kann. So wie heute, wo ich mal einen Tag frei habe.

Mit NO55 war 1989 Schluss, dann kam die Wende. Wie und wo hast Du diese Tage im Herbst 1989 erlebt?
Den Mauerfall hab ich bei der Geburtstagsfeier von Bernd Römer erlebt. Bernd habe ich durch die Gitarreros kennen gelernt. Wir sind gerade auf dem Weg zu Römer gewesen, da gingen Silvester-Raketen hoch. Ich wusste da gar nicht weshalb. Ich habe bei einer Bekannten angehalten, und die fragte dann auch gleich: "Mensch, habt Ihr gehört? Die Mauer ist gefallen!" Ich sagte dann: "Mensch, das ist ja klasse." Wir sind dann zu Römer gefahren und haben dort gefeiert, da riefen dann ständig Kollegen und Musiker an, die da schon in West-Berlin waren und meinten: "Ey Mensch, hier ist was los." Nach der Feier bin ich abends mit meiner Frau dann selbst rüber gefahren. Zur Heinrich-Heine-Straße, das war damals die toteste Ecke von West-Berlin… "Guck mal, das sieht hier genauso aus wie in Ost-Berlin" (lacht). Berlin war in Aufruhr an diesem Tag. Ich erinnere mich noch, wie die Ostdeutschen im Gänsemarsch über die Brücke zurückkamen, alle die gleiche Plastiktüte in der Hand mit irgendeinem Geschenk drin. Das war schon was (lacht).

Im Jahre 1990 bist Du dann bei Modern Soul eingestiegen, ich erwähnte es eingangs schon. Wie kam es dazu?
Das kam auch wieder durch eine Studio-Produktion zustande, wie bei Mitch Ryder. Hugo Laartz fragte mich, ob ich für ihn für ein paar Studio-Aufnahmen tätig sein könnte. Wir waren damals im Audio-Studio in West-Berlin. Hugo hatte einen Sponsoren aus West-Deutschland aufgerissen, irgendeinen Industriellen, der die Produktion spendiert hat. Wir haben da "Child Of Bitterfeld" von dieser "Moods"-Scheibe aufgenommen, das ist ein sehr schönes Lied, das finde ich heute noch toll.

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...und Du bist jetzt fast 19 Jahre durchweg bei Modern Soul?
Ja, na klar! Und der Hugo ist ein so sympathischer Typ, den mag ich auch sehr. Das ist sozusagen "Meine Liebe zu Hugo" (lacht).

Einige Musiker der Klosterbrüder haben sich 1992 zusammengefunden und die Band wieder belebt. Gehörtest Du auch dazu?
Nein, nicht zu der `92er Besetzung. Die haben in der ursprünglichen Besetzung eine Mugge gemacht. Ich habe dann erst später ein paar Gigs mitgespielt. Das ist ja auch immer sehr sporadisch, weißt Du? Ich hätte zu der Zeit gar keine freie Zeit übrig gehabt, um so was überhaupt zu machen. Wir haben dann später so eine Art "Magdeburg-Revival", auch mit Jörg Blankenburg von Klosterbrüder, gemacht. Das ist ja diese alte Clique, weißt Du? Wer hat Zeit und kommt mal vorbei um ein Revival zu spielen. Die Fans fragen mich immer, wenn ich mit Renft unterwegs bin, wann es mal wieder was mit den Klosterbrüdern gibt und wann singst Du denn mal einen Song von den Klosterbrüdern? Es gibt da auch viele Fans, die NO55 sehr gut fanden, und wollen, dass ich bei Renft NO-Lieder spiele, und ich muss dann immer sagen: "Mensch, das passt doch gar nicht" (lacht).

Gibt's diese Auftritte mit den Klosterbrüdern oder Magdeburg auch heute noch, oder ist das schon wieder vorbei?
Nein, die gibt's nicht mehr. Detlef Seidel hatte mich im letzten Jahr mal drauf angesprochen, er wollte da mal wieder was auf die Beine stellen, so zwei oder drei Gigs, aber ich weiß gar nicht, ob das überhaupt funktionieren würde. Die Leute sind alle weit verstreut, einer wohnt in Köln, ein anderer an der Ostsee, das macht die Sache ein bisschen schwierig. Das macht obendrein auch Arbeit, Du musst Dich treffen, Du musst proben, Du willst dann ja auch was Vernünftiges auf die Beine kriegen. Und letzten Endes ist es aus finanzieller Sicht die Mühe gar nicht wert.

In den 90ern - so war zu lesen - bist Du auch vermehrt als Studiomusiker für andere Künstler tätig gewesen. Für wen hast Du denn im Studio gearbeitet?
Ja, als Studio-Musiker machst Du ja alles was anfällt, von "Popstars" über "DSDS", z.B. Tobias Regener, von Jingles bis sonst wo hin.

Du hast aber nicht nur Musik gemacht, sondern arbeitest auch an Musikschulen, richtig?
Ich unterrichte an einer Yamaha-Musikschule in Berlin-Mitte. Die gehört zu "Just Music", ehemals "Sound & Drumland". Das ist eine konstante Einnahmequelle für mich, und ich mache diesen Job auch sehr gerne. Ich habe sehr viele Schüler und schätze diese Arbeit sehr. Dort ist ein super Klima, ich kann machen was ich liebe und das auch an andere vermitteln. Ich gehe gerne in diese Schule, obwohl mich manche Leute fragen: "Wie hältst Du das da nur aus?" Aber ich habe dort ein super positives Klima, habe mit Musik zu tun. Das ist wie eine Art Selbsttherapie für mich.

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Womit wir auch wieder im Heute angekommen sind. Zuletzt haben wir einige Konzertberichte von RENFT veröffentlicht. Die Band ist nach wie vor bei den Leuten gefragt. Wird es eine vielleicht bald eine CD mit neuen Songs geben?
Also das würde ich sehr gut finden, wenn wir das auf die Reihe kriegen würden. Wir haben aber erschwerte Arbeitsbedingungen: Monster wohnt in Zeulenroda, Delle in Weimar, ich in Berlin und so… aber zuletzt in Rostock kam ein netter Mensch zu uns, der legte uns etwas Geld auf den Tisch und meinte "Ich finanziere Euch damit ein Probelager, damit Ihr mal irgendwo eine Woche irgendwohin fahren, und kreativ sein könnt." Einfach, damit wir mal den Kopf frei haben. Wir wollen das auch sehr gerne machen.

Hast Du denn vielleicht bereits selbst einige Titel fertig in der Schublade für ein evtl. neues Renft-Album?
Ja, ja… ich hab' allerhand in der Schublade! Ich schaue auch schon, was passen könnte. Das schwierigste sind für mich immer die Lyrics. Es fehlen halt gute Lyrics, wo man was sagen kann, was der heutigen Zeit entspricht, und was nicht kitschig oder blöde ist. Renft sind alles alte Männer, was sagt man da den Leuten? Monster muss den Leuten ja auch was sagen, was glaubwürdig ist und auch eine Bedeutung hat. Renft lebt im Moment von dem Material aus den 70er Jahren. Die Fans kennen daraus jedes Wort, die kennen die Texte teilweise besser als ich. Selbst wenn das Texte sind, die man aus der heutigen Sicht gar nicht mehr so machen würde. Aber das sitzt tief bei den Leuten drin. Das ist wie ein Kulturgut. Aber zurück zur Frage: Ich habe da in meinem Archiv so ein paar Sachen, die man machen könnte. Wir sind da gerade auch am Durchforsten. Aus meiner Sicht ist gute Texte zu finden das Schwierigste. Songs habe ich ohne Ende.

Ein anderer Leser hat gefragt, ob man die Renft-Klassiker von früher nicht mit der aktuellen Besetzung neu einspielen könnte. Was hältst Du von der Idee?
Das ist eigentlich eine sehr gute Idee! Man müsste sich dann halt vorher über die Rechte informieren. Wenn wir so eine Platte machen, wollen wir damit natürlich auch etwas verdienen, und nicht nur die alten Komponisten. Ich weiß aber im Moment nicht, wie man das mit den Lizenzen regeln könnte. Doch das würde auf alle Fälle sehr interessant sein, und würde für viel Gesprächsstoff sorgen!

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Ich nenne Dir jetzt ein paar Stichworte, auf die Du bitte spontan und in einem Satz antwortest:

Ostrock: Sehr spezifische Sache, ist entstanden in einem abgeschlossenen Biotop und hat viele interessante und schöne Sachen hervorgebracht. Viele gute Freunde!

Gitarreros: Ausbruch aus dem Ostrocker-Alltagstrott... sehr erfrischend und viele neue Freunde.

Mama-Blues-Projekt: Auch eine schöne Sache! Große Überschrift: "Gleichgesinnte machen das, was sie lieben".

Lieblingslied: "Heaven Takes You Back"

Spitzname "Pitti": ...habe ich meiner Schwester zu verdanken. Das muss aber von meinem Nachnamen her kommen, denn als der Name "Pitti" für mich ausgewählt wurde, gab es den gleichnamigen Kobold noch nicht.

Vorbilder: Jimmy Hendrix und Jeff Beck

Greifen wir noch mal das Thema "Lieblingslied" auf... Was hörst Du privat für Musik? Hast Du Lieblingsmusiker, wenn ja, welche?
Ja, habe ich! Jimmy Hendrix, Jeff Beck und Robin Trower nicht zu vergessen. Der war früher mal bei Procol Harum und hat danach unter seinem Namen eine dreiköpfige Band gegründet. Außerdem wäre da noch der junge amerikanische Gitarrist Joe Bonamassa, dessen Musik mir in der letzten Zeit sehr viel Freude bereitet hat.

Was liegt als nächstes bei Dir an? Gibt es schon konkrete Pläne für dieses Jahr?
Nein, eigentlich nicht so. Einfach alles auf sich zukommen lassen, dann handeln, reagieren. Nicht zu weit in die Zukunft voraus denken. Ich kann nur auf das reagieren, was auf mich einstürmt. Das nächste was ansteht, ist die Frühjahrs-Tour mit Mitch Ryder. Studiojobs stehen an, und mit Renft gibt es auch viel zu tun.

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Eine Frage hätte ich persönlich noch an Dich… Du hast beide Seiten als professioneller Musiker erlebt. Was sind für Dich die größten Unterschiede beim Arbeiten zwischen der Zeit vor und nach der Wende?
Vor der Wende war das eigentlich sehr anstrengend. Man hatte immer den Staat und das Lektorat im Nacken, man konnte nicht frei denken und man wurde automatisch auch dazu angehalten, die eigene Kreativität selbst zu zensieren. Also jetzt nicht die Klänge bzw. die Töne betreffend, sondern eher die Handicaps die Lyrics betreffend. Man konnte sich nicht so frei entfalten, wie man es tief im Inneren gefühlt hat. Man hatte immer die Zensur im Nacken, und das hat einfach genervt. Es war ein leichtes Arbeiten, ein Nationalpark für Musiker. Der Staat hat die Musiker gebraucht, um die Jugend zu bedienen… die FDJ hat immer versucht, die renommierten Bands vor den Karren zu spannen, was sie ja auch letztlich geschafft hat… für die Musiker war es ein sehr leichtes Arbeiten, es gab Festeinstufungen: Egal ob Leute kamen oder nicht, die Gage stand.
Jetzt im vereinten Deutschland hast Du den Kopf frei und kannst machen, was Du willst. Der Informationsfluss und die Möglichkeiten sind 1000 mal größer, aber als Musiker zu bestehen ist 1000 mal schwerer. Es sind ja auch sehr viele schon auf der Strecke geblieben und haben hinterher Versicherungen verkauft, weil mit Musik kein Geld mehr zu verdienen war. Nur die ganz hartnäckigen sind am Ball geblieben, also die Unverbesserlichen, die es nicht sein lassen können (lacht).
Ich finde es jetzt in der westlichen Gesellschaft mit der ganzen Offenheit viel interessanter, auch wenn es viel schwerer ist. Ich habe nach der Wende, durch diese ganzen Zwänge als Musiker und Lehrer überleben zu müssen, viel dazu gelernt, was mir im Osten in dem Maße niemals passiert wäre. Auch die Möglichkeit, die Welt bereisen zu können, die Freiheit, ist das Ding überhaupt. Scheissegal, ob man vorher sicherer gelebt hat. Dann lieber etwas unsicherer leben und frei sein, als im goldenen Käfig vor sich hindümpeln. Das ist meine Maxime!

Ich danke Dir für das Gespräch und die vielen offenen Antworten. Möchtest Du abschließend noch ein paar Worte an unsere Leser richten?
Kommt zu Renft-Konzerten, und lasst Euch sehen! Wir treffen uns auf der Straße. Wir brauchen die Unterstützung der Fans, dass wir unseren Beruf, den wir lieben, weiter ausüben können. Es ist ein Geben und Nehmen, das merke ich bei Konzerten immer wieder. Für die Leute hat das, was wir bei Renft machen, eine große Bedeutung. Und "Monster", das rockende Urgestein, der wird jetzt 64, was der da noch von sich gibt, das ist grandios. Ja… lasst Euch sehen (lacht)

 

Interview: Christian Reder
Bearbeitung: kf, cr
Fotos: Dietmar Meixner, www.ostbeat.de, Pitti

 


 

Pitti ist u.a. zu hören auf:

 

NO55 - Kopf oder Zahl (1984)
lp1 20130305 1111047115

Tracklist:
1. Kopf oder Zahl
2. Goodbye, alte Zeit
3. Auf den Straßen
4. Flaschengeist
5. Geburt
6. Vorüber
7. Das war's
8. Welt in Visionen
9. In derletzten Stunde*

*nur auf der 2007er Wiederver-
öffentlichung der Amiga

NO55 - Träume von gestern (1987)
lp2 20130305 1236130638

Tracklist:
1. Träume von gestern
2. Schnittpunkt
3. Kurzschluß
4. Stein im Flug
5. Der alte Dorn
6. Schlüsselkind
7. Wenn du nicht da bist
8. Lass sie warten
9. Vom Regen naß
10. Weil es ans Leben geht*
11. Karawane*

* nur auf der 2007er Wiederver-
öffentlichung der Amiga

Mama Blues Project -
Stormy Spring (1989)
lp3 20130305 1996887276

Tracklist:
1. I Got The Blues
2. Gelbes Segel
3. Stormy Spring
4. Schatten
5. Mama Blues
6. Don't Leave Me
7. Keith R. (Doktor)
8. Mrs. Kramer
9. 1970
10. Schiffe versenken

Mitch Ryder feat. Engerling -
You Deserve My Art (2008)
lp4 20130305 1716283750


Tracklist:
1. Rocket
2. The 21st Century
3. All The Fools It Sees
4. The Naked Truth
5. Heaven Takes You Back
6. Under That Big 'Ole Texas Sky
7. In My Garden
8. Moondog House
9. The Night The Devil Died
10. Strollin' With My Mouse


   
   
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