HERWIG MITTEREGGER

 

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Interview aus April 2008 zum Album "Insolito"

 

 

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Herwig Mitteregger muss eigentlich niemandem mehr etwas beweisen. Sich selbst zuallerletzt. Den großen Erfolg mit einer Band hatte er gleich zweimal (Nina Hagen Band, Spliff), den großen Solo-Erfolg hatte er danach. Für sein Talent, anspruchsvolle Texte in mitreißender Musik zu verpacken ist er bekannt, seine markante Stimme wird aus Tausenden anderer sofort wiedererkannt. Auch als Produzent wurde er von vielen anderen Künstlern geschätzt und verpflichtet. Eigentlich Gründe genug, sich im sonnigen Spanien auf die faule Haut zu legen und sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen. Doch das tut er nicht! Nach 10 Jahren öffentlicher Enthaltsamkeit kehrt er aus seinem spanischen Exil mit einer im Mai neu erscheinenden CD ins Rampenlicht der Gesellschaft zurück... zur großen Freude seiner Fans.
Genau 25 Jahre ist es jetzt her, als sich der Multiinstrumentalist "selbstständig" gemacht, und seiner Kreativität in einer Solokarriere freien Lauf gelassen hat. "Kein Mut - Kein Mädchen" hieß sein Erstlingswerk als Solokünstler und ließ damals schon einen gewaltigen Ruck durch die deutsche Musiklandschaft gehen. Bei all seinen Alben und der Vielzahl an Songs, die Mitteregger in den Jahren seiner Karriere veröffentlicht hat, fällt eins besonders auf: Sie sind zeitlos, treffen auch heute noch genau auf den Punkt und der Wunsch seiner Fans nach "immer mehr" Musik "made by Mitteregger" ebbt nicht ab.
Aber warum hat uns Herwig nur so lange auf ein neues Lebenszeichen warten lassen? Wie klingt Herwig im neuen Jahrtausen? Wir hatten viele Fragen an ihn, die er uns bereitwillig beantwortet hat...

 


 
Hallo Herwig, ich habe gehört, Du bist von Spanien zurück nach Deutschland gezogen. Stimmt das? Wieso zog es Dich aus dem warmen Spanien zurück ins nasskalte Deutschland?
Ich stand eines Tages auf meinem Mandelfeld, hatte drei Wörterbücher unterm Arm und starrte auf die Kondensstreifen am Himmel. Da wurde mir klar, dass ich wieder etwas in meinem Leben verändern musste. Ich hatte Ruhe gesucht, daraus war jetzt Stillstand geworden.

002 20130304 1507558934Es war lange still um Dich. Um genau zu sein, fast 11 Jahre… Was hast Du in dieser Zeit gemacht?
Naja, ich habe mich ums Wesentliche gekümmert: Haus gebaut, Kind gezeugt, Baum gepflanzt. Oder um es mit einem Zitat aus einem meiner Lieblingsfilme zu sagen: Ich bin früh schlafen gegangen.

Wie Du mir erzählt hast, bastelst Du gerade an einem neuen Album. Es soll "Insolito" heißen. Kannst Du uns dazu schon etwas erzählen? Wie weit sind die Arbeiten, und wie wird Herwig Mitteregger im neuen Jahrtausend klingen?
Die Scheibe ist schon seit einiger Zeit fertig. Ich habe ein Label gegründet, die richtigen Promotions-Leute kontaktiert und einen Vertrieb gesucht. Das hat bis jetzt gedauert. Aber nun ist alles unter Dach und Fach, und Ende Mai wird die erste CD endlich veröffentlicht. Sie heißt "INSOLITO" was im spanischen soviel heißt wie "fremd, ausländisch, außer-gewöhnlich".
Das entspricht meinem Grundgefühl. Egal wo ich bin: ich fühle mich meist wie auf einer Party, bei der ich keinen kenne. Wie es klingt? Nach Mitteregger natürlich! Obwohl der Titel spanisch ist - meine Texte sind nach wie vor deutsch.

Wann wird es erscheinen, und bei welchem Label bist Du jetzt unter Vertrag?
Die CD erscheint am 23.5., mein Label heißt "Manoscrito Music".

003 20130304 1475138305Viele Deiner Alben hast Du komplett allein gemacht: Texte, Kompositionen und am Ende das Einspielen im Studio. Machst Du das dieses Mal wieder so oder hast Du andere Musiker dabei?
Die Songs sind ausnahmslos von mir. Den größten Teil habe ich auch selbst eingespielt, was ich eigentlich gar nicht vor hatte.
Aber nachdem die ersten Pilot-Spuren drauf waren, wollte ich es unbedingt besser machen. Als ich zufrieden mit dem Ergebnis war, hatte ich plötzlich wieder dieses Orchester mit mir selber auf Band, das auf eine bestimme Art mit sich groovt. Trotzdem gibt es aber noch Gast-Auftritte von Jörg Dudys, den ich als Gitarristen sehr schätze und dem kubanischen Saxophonisten Felix Betancourt. Den traf ich per Zufall in Spanien, und wir hatten eine kurze, aber sehr interessante Zeit miteinander im Studio.

Wieviele Instrumente spielst Du eigentlich?
Es sind gar nicht so viele. Schlagzeug, bisschen Gitarre und Klavier ...und natürlich: Triangel!!!

Wird es zum neuen Album auch das "Live-Comeback" geben? Ist eine Tour geplant oder womöglich schon in Vorbereitung?
Ich würde lieber heute als morgen auf Tour gehen. Würde dann aber gerne mit dem "großen Besteck" kommen: 2 Drum-Sets, 2 Gitarren, 2 Keyboards, Bass, Saxophon. Und das wird teuer. Da muss erstmal die Lage gecheckt werden...

004 20130304 1877320713Die Frage haben sich sicher viele Deiner Fans gestellt: Warum hast Du Dir für etwas Neues so lange Zeit genommen?
Ich hab mir die Zeit nicht bewusst genommen. Die Zeit hat mich weggetragen. Es gab soviel am Tag zu tun, und dann kam der nächste Tag und wieder war es Abend, bevor ich überhaupt nur in der Nähe von einem Musik-Instrument war. Ich glaube ich bin eigentlich ein Landei. Ich kriege gute Laune, wenn ich bei Wind und Wetter draußen herumschaffen kann. Alles nur eine Frage der Arbeitsgeräte. Je mehr man davon hat, umso mehr fällt einem ein.
Mir ist immer auf die Nerven gegangen, dass ich handwerklich so wenig drauf hatte. Ich habe ja nichts anderes gelernt als auf Sachen herum zu klopfen und Tasten zu bewegen... Aber jetzt kann ich Mauern, Klempnern und Stromverlegen, das spart nicht nur 'ne Menge Kohle, das macht auch 'ne Menge Eindruck bei der Frau.

Gehen wir mal zurück zu den Anfängen: Du bist gebürtiger Österreicher, stammst aus der Steiermark. Wann und wie kam es dazu, dass Du nach Deutschland gezogen bist?
Na, das ging wie das ganz normale Gastarbeiter-Programm. Keine Arbeit da, also ab nach Norden, dahin wo Milch und Honig fließen. Ich war sechs als sie mich nach Deutschland verschleppten. Es floss aber erstmal überhaupt nichts, außer eiskaltes Wasser im Waschbecken auf der Halbetage.

Wie bist Du zur Musik gekommen, und wann war das?
Irgendwann zwischen 13 und 15 muss es gewesen sein. Die Abiturienten durften in der Turnhalle ihre Band zur Feier spielen lassen, und ich hockte in der vordersten Reihe auf dem Boden. Es erklang "A Whiter Shade Of Pale" von Procol Harum. Der Schlagzeuger sang und spielte gleichzeitig. Ich war schwer beeindruckt. Als dann "In-A-Gada-da-Vida" von Iron Butterfly raus kam, mit diesem Riesen Drum-Solo, war mir klar, dass ich so etwas auch machen wollte.
Ich wollte die Schule los werden und die Schule wollte mich loswerden, also gab's einen Deal (Fachoberschulreife) und ruckzuck war ich auf dem Weg zu einem Musikstudium.

005 20130304 1532699119Lok Kreuzberg ist in verschiedenen Quellen als Deine erste Band angegeben. Du hast doch sicher schon davor in anderen Kapellen gespielt, oder?
Klar. Aber das waren Amateurbands. Es gab eine Schülerband, und später eine Band in der wir frei loslegten, und es Free-Jazz nannten. Die erste Band hieß "Blues Odyssee", und, nomen est omen, wir spielten querbeet alles was wir gut fanden und entfernt mit Blues zu tun hatte... übrigens: in der gleichen Instrumenten-Besetzung (git, kb, b, dr), wie später auch bei LOK und SPLIFF. Wir probten "Crosstown Traffic" von Hendrix, "Badge" von Cream, die "Sonate Pathétique" von Ludwig van Beethoven, und dergleichen. Wir hatten sogar einen öffentlichen Auftritt in einer Düsseldorfer Disco. Das war Anfang der 70er.
Mit dem Musikstudium kamen immer mehr Theater- und Tanzmusik-Jobs dazu. Ich bekam nur ein Mini-Stipendium von Folkwang, und musste sehen wie ich zu Geld kam. Für eine Band ohne Namen blieb da nicht viel Zeit.

Die Band "Lok Kreuzberg" gab es seit 1972, Du bist 1976 dazu gestoßen. Wie kam es dazu?
Ich studierte mittlerweile in Hamburg an der Hochschule für Musik, und weil ich eigentlich schon reif war, mich für eine Stelle im Orchester zu bewerben, dazu aber nicht für sechs Pfennig Lust hatte, saß ich in der Mensa, als mir jemand empfahl mal einen Blick aufs Schwarze Brett zu werfen. Da hing die Anzeige der Lok Kreuzberg "Schlagzeuger mit Schauspiel-Ambitionen gesucht" oder so ähnlich. Es war eine der so genannten Polit-Rock-Bands. Da gab es noch Floh de Cologne, Ton-Steine-Scherben und Ihre Kinder. Die Lok aber stand im Ruf, musikalisch am ambitioniertesten zu sein. Ich war in heller Aufregung. Mit Schauspielerei war es bei mir zwar nicht weit her, aber ich hatte damals ein Techtelmechtel mit eine Schauspiel-Kommilitonin und fand, dass ich mir genug Schauspielerei bei ihr abgeschaut hatte, um mich zu bewerben.

006 20130304 1339662443Bei Lok hast Du dann auch Bernhard Potschka und Manfred Praeker kennengelernt, mit denen Du später in der Nina Hagen Band und bei Spliff zusammen gespielt hast. Wie war der erste Kontakt mit Ihnen? Erinnerst Du Dich daran noch?
Natürlich. Ich fuhr mit der Bahn von Hamburg nach Berlin, und traf die gesamte Mannschaft der Lok in einem Kreuzberger Hinterhof, wo sie im 5ten Stock einen formidablen Proberaum eingerichtet hatten. An die 100 qm groß, mit Teppichboden ausgelegt, den sie bei der Philharmonie-Renovierung abgegriffen hatten, die berühmten Eierkartons an den Wänden. Es gab eine Managerin mit eigenem Büro, einen Techniker als festes Mitglied der Gruppe, und einen eigenen Tourbus. Ein großer Ford Transit mit zwei Sitzreihen. Das alles wirkte auf mich, als wäre ich im R+R-Himmel angekommen. Erst langsam konnte ich die einzelnen Herrschaften auseinander definieren. Da war Kalle Scherfling, der Texter und Schaupieler, Andy Brauer, Keyboarder und musikalisches Gehirn der Band, Uwe Holtz, der ehem. Trommler und nun Darsteller, Manne, der Bassist, und Potsch, der Gitarrist.

Bei der Lok hast Du aber nur zwei Jahre gespielt, denn dann sind Du und Deine Kollegen mit der Nina Hagen Band durchgestartet. Warum hat sich Lok Kreuzberg aufgelöst?
Ich hätte es schon noch eine Zeit ausgehalten. Ich war ja kaum angekommen, da löste sich der Laden schon wieder auf. Aber nach mir, Manne oder Potsch ging es nicht. Es waren die Gründer der Lok, die nicht mehr weitermachen wollten. Die LOK hatte sich komplett vom Geldsegen der IG Metal abhängig gemacht, indem wir ein Rock-Musical produzierten, dass exklusiv beim "Jugendmonat", einer Veranstaltungs-Serie im Monat Oktober, gezeigt werden sollte. Als Geldgeber wollten die Funktionäre dann fleißig bei den Inhalten mitmischen, was verheerend war. Ich erinnere mich, dass sie unter anderem ein Happy End à la Hollywood wollten. Und das brachte uns, vor allem Kalle als Schreiber, verständlicherweise auf die Palme, weil es im Kontext zum Stück absurd und platt gewirkt hätte. Es gab endlose Diskussionen, immer im Kreis herum, bis jedem klar war, dass wir in der Falle steckten: Da wir im Radio nicht stattfanden, waren wir auf solche Vertragsarbeiten wie mit der IGM angewiesen. Sich auf die Dauer von irgendwelchen Institutionen gängeln zu lassen hatte aber keinen Sinn. Also gab es das Ende mit Schrecken. Jedenfalls verdanke ich Kalle und Andy den Start in eine Musikerkarriere, die mich verwöhnt hat. Von beiden habe ich gelernt, wie man als Musiker professionell arbeitet, auch wenn es "nur" um U-Musik geht. Kalle habe ich 1988 in Köln wieder getroffen. Ich bat ihn Texte für mich zu schreiben, was eigentlich als Drehbuch-Schreiber nicht mehr sein Metier war. Auf der Mitteregger-CD von 1990 sind sie zu hören. "Autoland" und "Weg ins Glück" gehören heute noch zu meinen Favoriten.

hagen 20130304 1903900800Wie habt Ihr Nina kennen gelernt und wie ist die Nina Hagen Band entstanden?
Potsch hat sie auf einer Party bei Renft kennen gelernt. Sie kam gerade aus London, wo Punk angesagt war. Sie kam in den Proberaum stolziert, und hatte diese Bananenschale auf dem Kopf. Das, fand ich, traf den Punkt. Im gesamten Osten gab es die Frucht so gut wie gar nicht, im Westen schmissen sie damit nur so um sich. Und hier die sexy Lady, die sich die Wegwerf-Ware als Kopfschmuck-Trophäe an den Hut steckte. Kolossal genial.
Dann hatte sie noch diesen 4-Oktaven-Stimmumfang mit dem sie so ziemlich alles machen konnte, was sie wollte. Ihre Vielseitigkeit hat mich von Anfang an fasziniert. Sie wollte eigentlich eine Punkband haben, und bekam statt dessen einen Haufen hungriger Musiker, die besser spielten als sie aussahen. Nachdem wir uns aber Lidstriche zogen und die Augen schwarz bemalten, holten wir auch in diesem Punkt gewaltig auf. Dann kam irgendwann Biermann auf den Gig und meinte: "Viele Gipfel ebnen sich ein". Superschlauer Spruch für einen Einzel-Darsteller mit Klampfe. Ich habe mich tierisch darüber geärgert, obwohl ich ihn bewunderte. Aber was soll's! Wir waren damals schon am Anfang vom Ende. Insofern hatte der Spruch bloß beschleunigende Wirkung.

Schon nach dem ersten Album gab es bandintern Probleme mit Nina. Wie war aus Deiner Sicht die Situation damals und wie kam es zum endgültigen Bruch?
Wir hatten von Anfang an Probleme. Eine stressfreie Zeit gab es mit Frau Hagen nie. Herrlich war, als mitten bei einem der häufigen Krisentreffen, ihr Hund plötzlich auf den Teppich kotzte. Sie hielt gerade eine ihrer Tiraden auf uns Langweiler ab, gab dem Affen ordentlich Zucker, und plötzlich fing der Köter an zu kotzen. Wenn das mal nicht Karma war. Es war ein 1. Mai (1979), an dem definitv klar wurde, dass es mit der guten Frau und uns vorbei war. Wir kamen uns irgendwie gefeuert vor. Ich legte mich für den Rest des Tages ins Bett, obwohl ich besser auf eine der Kundgebungen gepasst hätte.

spliff 20130304 1225894732Manne, Bernhard, Reinhold und Du haben sich danach entschlossen, auf jeden Fall weiter zusammen Musik zu machen. Wie kam die Idee zu Spliff und welche Idee steckte hinter der Bandgründung?
Naja, weitermachen wollten wir irgendwie schon, aber noch dachte keiner daran selber zu singen, oder gar vorne zu stehen.
Wir waren zu sehr auf eine Front-Figur fixiert. Aber so jemanden wie Nina gibt es nur einmal, und wir hatten unsere Mühe und Not das Schiff klar zu kriegen. Am Ende brauchte es jemanden der alle fünf Sinne zusammen hatte, 1 und 1 zusammenzählen konnte, und der Band klarmachte, dass sie sich darauf besinnen sollte, was sie konnte. Wir waren ja allesamt ganz passable Instrumentalisten geworden, und wussten aus Lok-Zeiten wie man Musik in Verbindung mit Theater bringt. Es brauchte jemanden der unsere allgemeine Totengräber-Stimmung, die uns lähmte, kanalisierte, und sie gleichzeitig auf eine andere Ebene trug. Dieser Jemand war Jim Rakete. Er kam eines Tages mit der Grundidee der Spliff Radio Show: Rock+Roll ist tot. Das sass! Wir ahnten wer die Schweinerei auf dem Gewissen hatte. Unsere Lähmung verschwand, grimmiger Vorfreude machte sich breit.

Spliff hatte zwischen 1979/80 und 1985 insgesamt fünf sehr erfolgreiche Jahre, mit vier LPs und diversen Singles. Titel wie "Das Blech", "Carbonara" und "Deja Vu" sind inzwischen Klassiker der deutschen Musikgeschichte. Rückblickend auf diese fünf Jahre: Was sind für Dich persönlich die schönsten Momente mit Spliff gewesen, und was die weniger schönen?
Diese Zeit ist vorbeigerauscht wie eine Braut mit Verspätung auf dem Weg in die Kirche. Für mich war die beste Zeit eine sehr kurze, nämlich die, als wir vier Spliffer endlich alleine auf Tour gehen konnten. Wir hatten es endlich geschafft. Das Konzept von vier Instrumentalisten, die alle sangen und gelegentlich auch mal eine Showeinlage brachten, war aufgegangen. Hätten wir nie verändern dürfen!

007 20130304 1801130474Stimmt es, dass für 1986 ein weiteres Spliff-Album geplant war? Gab es dafür schon Titel und warum ist es letztlich nicht erschienen?
Nicht dass ich wüsste! Es war uns klar, dass die deutsche Phase für Spliff vorbei war. Keiner brachte mehr brauchbare Texte in deutsch. Also fing ich an, in England herum zu telefonieren um schließlich Lyndon Connah zu finden, von dem wir viel Gutes gehört hatten. Spliff wollte damals den internationalen Erfolg. Aber leider haben wir übersehen, dass wir musikalisch überhaupt nicht mehr beieinander waren. Shit Happens!

Gibt es noch Kontakte zu den anderen "Spliffern"?
Natürlich. Wir haben ja immer noch eine gemeinsame Geschäftsgrundlage.

Schon während der Spliff-Zeit hast Du Deine Solokarriere gestartet. Was war der Auslöser dafür und wie ist Dein erstes Album "Kein Mut, kein Mädchen" entstanden?
Auslöser war eine Baby-Pause, die zwei von uns einlegten. Mir war langweilig, also ging ich ins Studio und nahm auf. Ich ließ mir von Reinhold, dem Tonmeister, das Mischpult erklären und legte los. Die Klima-Anlage war defekt, und da der Sommer heiß war, waren es an die 40 Grad im Studio. In der Tat eine der heißesten Produktionen, wenn nicht die heißeste überhaupt, an der ich je beteiligt war.

Auf der LP befindet sich auch der Titel "Rudi". Es gibt verschiedene Meinungen zu dem Song, u.a. auch die, dass Du selbst "Rudi" bist. Kannst Du uns dazu etwas erzählen?
Mein 2ter Vorname ist Rudolf. Rudi ist das zweite Ich, an das sich der Song wendet, ausgehend davon, dass es immer wieder Leute gab, die einen davon abhalten wollen, das zu tun, was man sich in den Kopf gesetzt hat. Als ich z.B. Jim erzählte, dass ich vorhätte selber Gitarre auf der Scheibe zu spielen, meinte der als Gitarrenfetischist natürlich sofort: "lass es sein, hol Dir lieber einen der es kann". Aber manchmal kommt es eben nicht darauf an, ob man etwas wirklich kann, sondern ob man es können will.

band 20130304 1487728275Du bist zwar ab 1983 als Solokünstler aufgetreten, hattest aber eine feste Band dabei. U.a. spielte der Bruder von Uwe Fahrenkrog-Petersen (Nena) bei Dir mit. Wie ist Deine "Begleitband" entstanden?
Bis jetzt gab es vier Formationen mit unterschiedlichen Besetzungen. Das Wort Begleitband trifft die Sache tatsächlich nicht richtig. Wir versuchen in wechselnden Besetzungen eigentlich immer die spezielle Spielstärke des Musiker herauszustellen, und die Songs dementsprechend zu präsentieren. Die Musiker habe ich immer nach ihren Fähigkeiten und ihren Terminplänen ausgesucht. Daher wechselten sie häufig.

Auf dem zweiten Album befindet sich die Single "Immer mehr", die damals ein großer Hit wurde und noch heute oft zu hören ist. Hast Du mit einem derart großen Erfolg dieses Songs gerechnet?
Planen lässt sich so was nicht. Aber ich bin dem Erfolg entgegengegangen. Die Melodie, das brachiale Schlagzeug und die 2te Stimme waren schon aus dem Bereich gängiges Material. Plötzlich spielten es ein paar Radiostationen wie blöde. Was kann man da noch falsch machen?

Wie entstehen Deine Songtexte? Woher nimmst Du die Ideen für die Songinhalte?
Man muss schon seine Antennen ausfahren, sonst passiert da garnix. Obwohl sie überall sind, sind die Song-Ideen schwer zu fassen. Man läuft durch sie durch ohne es zu merken. Ideen sind hartnäckig, und äußerst widerspenstig. Man muss auf jeden Fall mit ihnen herumspielen, sie weglegen, wiederholen, herum schieben, boxen und treten, zart mit ihnen sein und sie herumtragen, wieder nach Hause kommen und fluchen, sie am nächsten Morgen völlig neu sehen, - oder, letzter Ausweg: sie einfach vergessen.
Hat man eine Idee erstmal soweit, dass sie ein eigenes Leben entwickelt, wird möglicherweise ein Plot daraus. Die Handlung, die Figuren usw. müssen greifbar werden. Nicht alles was im Plot entwickelt wird, muss tatsächlich auch im Text vorkommen. Ich entwickle viel Hintergrund, um die Logik eines Textes in den Griff zu kriegen. Oft genug vergaloppiere ich mich dabei und muss von vorne anfangen. Was sich letzten Endes als Text vor diesem Hintergrund abspielt wird natürlich auf der klanglichen Ebene entschieden. Viel Arbeit für etwas das sich anhören soll wie grad erfunden.
Manchmal geht das Ganze wie's Brezelbacken, manchmal geht gar nichts. Dann kommt der Blues, und es ist das Beste ihn dann auch zu spielen.

008 20130304 1569222771Kannst Du Dich noch an Deine erste Solo-Tour erinnern? Welche Unterschiede zu den Tourneen mit Spliff hat es gegeben?
Das war die Tour zwischen den Jahren. Heiligabend bis Silvester ging das Ganze. Von München bis Hamburg. Der Baum brannte!
Mitteregger-Solo ist eine Club-Erscheinung mit Festival-Ambitionen. Spliff habe ich in kleinen bis großen Hallen in Erinnerung. Grosse Gesten, große Bewegungen. Meine Club-Gigs leben dagegen vom direkten Kontakt zum Publikum. Ich mag beides.

Insgesamt sechs Studioalben hast Du bisher gemacht. "Aus der Stille" war das letzte Album bisher. Wenn man so was überhaupt fragen kann: Welches davon gefällt Dir heute noch genauso wie zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung, und bei welchem würdest Du vielleicht was anders machen?
Schwer zu sagen. Hängt ab von der Tagesform. An manchen Tagen könnte ich alles in die Tonne treten, dann wieder sind mir die Stereo-Boxen zu leise. Auf keinen Fall würde ich irgendeinen Song noch mal neu aufnehmen. Sie gehören zur Geräuschkulisse einer bestimmten Zeit, und ich würde einen Teil meiner eigenen Vergangenheit verlieren, wenn ich sie neu aufnehmen würde. Manche Songs sind mit heißer Feder geschrieben, manche haben Reife. Beides gehört für mich zusammen. Eine Ansicht, die übrigens völlig aus der Mode zu geraten scheint. Es gibt immer mehr Dummköpfe, die ständig den gleichen Hit im Radio hören, und enttäuscht sind, wenn sie sich dann das Album des Künstlers gekauft haben, weil dort die anderen Songs anders klingen und keine Hits sind. Das sind keine Musik-Fans, sie tun nur so. In Wahrheit sind es Schnäppchenjäger.
Auf der Bühne schrecke ich aber nicht davor zurück, selbst die bekannteren Songs von mir immer wieder in neuen Versionen zu präsentieren. Besonders gerne denke ich da an die Slide-Gitarren-Version von "Immer Mehr" mit Leatherman-Tool.

Ich nenne Dir jetzt ein paar Stichworte. Bitte antworte darauf spontan und in einem Satz:

Berlin: 1997. Ich steige am Ku-Damm in den Bus und will mit einem Pfund (20,- DM) bezahlen. Der Busfahrer starrt mich an und sagt: Bin ick ne Bank?

Spanien: no es mi tierra, pero me siento como en casa. (ist nicht meine Heimat, aber ich fühle mich wie zu Hause)

Casting-Shows: Mischung aus Gaffer-TV und Karaoke-Party. Ich hasse beides.

Musik aus Deutschland: wird chronisch zuwenig im Radio gespielt.

002 20130413 1119928420Klimawandel: bestärkt die Vermutung, dass der Mensch weit vor dem eigentlichen Weltuntergangstermin mit der Erde fertig sein wird.

Weltfrieden: Ohne Abschaffung von Armut und Ungerechtigkeit nicht zu machen.

Hast Du in den 70ern und 80ern die Musikszene in der DDR wahrgenommen, oder hat es gar Berührungspunkte - außer mit Nina Hagen - gegeben?
Ich fand eine zeitlang Puhdys, Karat, City und Lakomy zum Teil um Längen besser als ALLES bei uns. Manche Ost-Texte hatten erstaunlich gutes Niveau, zumindest Mitte der 70er. Ich habe mich dann aber mehr der amerikanischen Musik zugewandt und fast nur noch AFN gehört.

Herwig privat: Was hörst Du gerne, und was war die letzte CD, die Du Dir gekauft hast?
Ich höre querbeet. Ministry, Madeleine Peyroux, Jarrett, Jeff Beck, Tom Waits, Wiener Tschutschenkapelle, Ravel, Bach, Mozart, Boris Blacher. Tocotronic, Good Carlotte., Manu Chao.... Die letzte gekaufte CD müsste Corinne Bailey Rae gewesen sein, oder war es EST Live in Hamburg?

Herwig, ich danke Dir für die Gelegenheit, dieses Interview mit Dir machen zu können, und die Zeit, die Du Dir dafür genommen hast. Ich wünsche Dir alles Gute für Dich und Dein neues Album. Hoffentlich bleibst Du uns jetzt wieder für länger erhalten und bist wieder regelmäßig "da". Möchtest Du unseren Lesern abschließend noch ein paar Worte sagen?
Vielen Dank für die guten Wünsche! Nicht den Kopf verlieren. Ruhig durchatmen. Die eigene Mitte suchen! Die Dalai-Lama-Milleniums-Botschaft lesen! Viele Grüsse

 

Interview: Christian Reder
Fotos: Archiv Herwig Mitteregger, Jim Rakete und Christian Reder

 


   
   
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