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Ein Beitrag von Patrick Baumbach



001 20231130 1084185316Ziemlich genau 50 Jahre ist es nun her, dass unter der Amiga-Katalognummer 8 55 318 ein wegweisendes Album erschien, das auch heute noch absoluten Kultstatus genießt. Es handelt sich um "Panta Rhei", das Porträt-Album jener Supergroup, die sich damals mit ihrer ambitionierten, experimentellen, vom Progressive-Jazz geprägten Musik von vielen anderen Beat-Gruppen der DDR abhob.

Ein halbes Jahrhundert ist eine ziemlich lange Zeit; ich selbst entdeckte das Album erst Anfang der 2000er Jahre (ich war etwa 13 oder 14 Jahre alt). Sowohl die Musik, als auch das nach dem Zeitgeist der 70er Jahre gestaltete Artwork ließen mich aber nie wieder los! Das Cover der Platte zeigt die gesamte Band (Stand 1973, also noch mit dem kompletten Bläsersatz) an einem Baum mit langer, knorriger Wurzel gelehnt; der Boden ist sandig, wie der Strand der Ostsee. Vor wenigen Wochen erst begab ich mich auf die Suche nach dem Originalschauplatz des Cover-Shootings dieser legendären Platte und fand ihn in den Püttbergen in Berlin-Rahnsdorf (Köpenick). Die bizarre Landschaft des Covers ist das, was der Geologe als typisch "glazial" bezeichnen würde: also die Folge einer Eiszeit. Am Rand der von Norden her hervorrückenden Vergletscherung entstand hier vor Jahrtausenden eine Sanddünenlandschaft, die nur besonders widerstandsfähige und an karge Böden gewöhnte Pflanzen zulässt. Diese Tatsache und die relativ exponierte Lage im sonst flachen Umland erklären wohl auch die eigentümliche Vegetation, wie wir sie auf dem Cover der "Panta Rhei"-LP vorfinden. Den exakten Standort konnte ich trotz relativ langem Herumrutschens durch die Sanddünen aber nicht mehr ausfindig machen. Die Natur verändert sich natürlich und der Baum, der 1973 für das Foto herhalten durfte, existiert höchstwahrscheinlich nicht mehr. Der "Vibe" des Fotos ist aber noch absolut wahrnehmbar!


Foto-Safari in den Püttbergen (Berlin-Rahnsdorf)

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Nun, nach einem halben Jahrhundert, erscheint also eine erweiterte Neuauflage des Albums. Die Aufmachung ist äußerst gelungen. Das Cover ziert - wie beim Original - das eben beschriebene Bandfoto, gerahmt in einer Gitarrenform und umgeben von dem ikonischen 70er-Style-Bandschriftzug. Im Inneren des Klappcovers finden wir nicht nur den Original-Begleittext von Jens Gerlach,003 20231130 1638692501 sondern auch ein weiteres Bandfoto, das einst übrigens auch Verwendung als kleines Poster in einem der "Hallo"-Sampler von Amiga fand. Auch die Rückseite entspricht, abgesehen von der erweiterten Titelliste, jener der Originalplatte. Die Druckqualität ist übrigens vorzüglich und tatsächlich schärfer, als das i.d.R. bei den alten Original-Amiga-LPs üblich war!

Schallplatte Nr. 1 enthält das Album aus dem Jahr 1973. Auf der zweiten Scheibe finden wir einige gesammelte Aufnahmen aus den Jahren von 1971 bis 1974. Fast alle davon waren auch auf dem 1981er Sampler "Die frühen Jahre" erschienen. Der Titel "Nacht und Tag" wurde 1974 zusammen mit "Stunden" auf einer Single veröffentlicht. Zum musikalischen Inhalt muss man eigentlich nur wenig schreiben, da er dem geneigten Hörer und potentiellen Käufer dieser Vinyl-Ausgabe bekannt sein dürfte. Nach wie vor gibt es kaum einen groovigeren Opener als "Alles fließt". Kultstatus genießt gewiss auch der "Blues", bei dem sich Veronika Fischers Stimme so grandios ‚überschlägt' und der schon vielfach gecovert wurde (sehr gut z.B. von der "East Blues Experience"). Wenn ich den Bass richtig aufdrehe, fliegt mir bei "Zwischen gestern und morgen" immer wieder das Toupet vom Helm. Auch das experimentelle wie philosophische "Kinder dieser Welt" überzeugt mich noch immer vollends. Richtig die Post ab geht dann am Ende mit "Finis" - ein tolles Piano von Ed übrigens! Auch die von mir nichtgenannten Titel glänzen: ich fand dieses Album schon immer von der ersten bis zur letzten Minute rundum gelungen (auch wenn bei "Über mich" tatsächlich nicht Ed das Cello streicht).

Die zweite Scheibe steht der ersten freilich in nichts nach. Mit "Nachts" befindet sich hier sicherlich einer der bekanntesten Hits der Band wieder. Der traumhafte Gesang von Veronika Fischer über den sanften Gitarrentönen Herbert Dreilichs und dem fein fließenden, kaskandenhaften Klavier Ed Swillms' jagen mir auch nach dem tausendsten Hören noch immer einen wohligen Schauer über den Rücken. Mit "Hier wie nebenan" und "Tuyet" befinden sich zwei politische Titel auf der Compiliation, die gleichermaßen den Zeitgeist der Entstehungszeit (Vietnam!), als auch zeitlose pazifistische Werte vertreten und die ferner musikalisch absolut überzeugen. Das sanfte "Aus und vorbei" fließt träumerisch dahin, wird aber im Mittelteil von den harschen Gitarren Herbert Dreilichs auf den Boden der Tatsachen, die unseren Alltag nur oft genug ausmachen, zurückgeholt. Die beiden Titel "Stunden" und "Nacht und Tag" wurden dann schon 1974 produziert, in einer Zeit, als sich die Musiker von Panta Rhei neu orientierten und der Bläsersatz der Band radikal reduziert wurde. "Nacht und Tag" klingt meiner Meinung nach dann auch schon ein ganz klein wenig nach "Karat".

002 20231130 1647319404Zum Abschluss noch ein wenig zur Aufmachung: Die beiden Platten kommen in den Farben Orange (LP 1) und Lila (LP 2) daher und entsprechen damit dem Farbton des alten "Panta Rhei"-Schriftzugs. Auch wenn insbesondere Vinyl-Fetischisten manchmal vom sakrosankten Ton klassisch schwarzer Vinylausgaben schwärmen, muss ich sagen, dass diese neuen farbigen Scheiben absolut klasse klingen - auch unter dem Kopfhörer! Selbst ohne Plattenwaschmaschine klang alles auf Anhieb sauber, transparent und klar. Auch in den inneren Grooves gab es kaum Verzerrungen. Pressrückstände konnte ich keine ausmachen - eine durch und durch vorbildliche Vinylveröffentlichung. Gleichermaßen Lob geht an das Mastering, das sich nicht einfach an der vor wenigen Jahren erschienenen Anthologie bediente, sondern die ursprünglichen Quellen hier neu bearbeitete und einen wunderbar transparenten Klang - so wie bei der Originalausgabe - ermöglichte.

Insgesamt haben wir hier eine wirklich erfreuliche Neuausgabe vorliegen. Diese schmucke Vinylausgabe dürfe auch alten Panta-Rhei-Fans ein Lächeln auf die Lippen zaubern. Und zur Not hat man nun auch eine gut klingende Vinylversion zur Hand, die wiederum das Abspielen der alten - mittlerweile sehr wertvoll gewordenen Original-LP - überflüssig macht und diese schont. Allen alten und neuen Fans der Band sei die Jubiläumsausgabe daher nachdrücklich ans Herz gelegt. Von der Panta Rhei LP sind bisher auf Vinyl erschienen:

• 1973/74: Amiga 8 55 318
   (White Label, Test-/Promopressung)
• 1973: Amiga 8 55 318
   (Original-Pressung mit der Drucksachen-Nummer 511/01/73)
• 1974: Amiga 8 55 318
   (auch Original-Pressung, allerdings mit der Drucksachen-Nummer 511/01/74)
• 2012: ACME ADLP 1084
   (halboffizielle Pressung vom halboffiziellem "Acme"-Label
    aus Großbritannien; eher mäßige Klangqualität)
• 2012: ACME
   (White Label Testpressung)
• 2023: Sony/Amiga 19658852961
   (die hier beschriebene Neupressung mit Bonus-LP)




   
   
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