Hit-Giganten aus Abseits geholt

von Dirk Schroeder
(Nordkurier, 09.08.2008)

 


 

Deutschsprachige Rock- und Popmusik findet im Radio nicht in allen Formen statt. Im Internet gibt es jetzt eine Plattform, die Infos darüber bietet.
Der Mann könnte sofort Widerspruch ernten. "Hit-Giganten? In der DDR gab's ja keine". Provokant fällt dieser Nebensatz im Gespräch mit Christian Reder. "Das habe ja erst angefangen mit den Herzbuben, und dann den Prinzen", meint er. Letzlich ist mit dieser provokanten These also eher fehlender Kommerz in der Rock- und Popmusikszene der DDR gemeint. Insofern sieht Christian Reder durchaus Vorteile darin, es in diesem abgesschlossenen Teil der deutschen Rockmusik-Geschichte nicht mit Hit-Giganten zu tun zu haben, bei denen Charterfolge oftmals vor Qualität stehen. Hits gab es im Osten dennoch, und zwar jede Menge. Wenn auch in einer eigenen Welt ohne den Druck des Verkaufenmüssens.
Christian Reder betreibt das Online-Musikmagazin www.deutsche-mugge.de. Im März 2007 ging es an den Start und legt seinen Themenschwerpunkt auf Ostrock und Popmusik aus der DDR. "Es ist aber nicht so, dass darin nicht auch Musik von Bands aus dem Westen zu finden ist", erklärt er. Man ist durchaus offen. Zudem machten die Betreiber des Portals nicht halt mit dem Ende des Kapitels DDR. "Wir bieten auch Musikern aus dem Osten, die derzeit aktiv sind, eine Plattform", sagt Christian Reder, der das Internet-Magazin von Castrop-Rauxel in NRW aus betreibt.
Es mag verwundern, dass jemand, der im westlichen Tei der Republik beheimatet ist, sich für die Musik des Ostens interessiert und sogar begeistert. Christian Reder ist mitnichten ein "Ausgewanderter". "Ich habe Verwandtschaft in Anklam", sagt er. "Dort war ich im Sommer immer für zwei, drei Wochen zu Besuch", erklärt er, dass er dabei den Kontakt zur Rockmusik der DDR bekommen hat. Das hatte Folgen. "Seit 1982 bin ich Fan der Gruppe KARAT", bekennt er. Und der 36-jährige ist nicht dabei stehen geblieben, Material zur Band und deren Musik zu sammeln. Er betreut redaktionell die offizielle Internetseite der Ost-Kultband. Indes ist das Internet-Portal Deutsche-Mugge kein Alleingang des Christian Reder. Es sind etwa zehn Kollegen, die das Webmagazin betreiben - nebenberuflich. Das liegt auch in der Geschichte begründet, denn www.deutsche-mugge.de ist entstanden aus dem Zusammenschluss der Internetseiten ostrockforum.de und ostmugge.de. Wie überhaupt Vernetzung eine Grundlage ist für die Verbreitung der Seite. "Wir haben eine Verbindung zum Rockradio", erklärt Christian Reder. Dadurch sei es möglich, auch eine eigene Radiosendung zum Themenschwerpunkt auf die Beine zu stellen. Rockradio ist ein Internetradio, das von Berlin aus betrieben wird (Der Nordkurier berichtete) und sich Musikern widmet, die nicht ins Formatradio privater und öffentlich-rechtlicher Rundfunksender passen. Einmal im Monat wird ein Thema aufgegriffen, um das es sich in der Sendung dreht. Jeden vierten Dienstag im Monat ab 20 Uhr ist die jeweils aktuelle Sendung zu hören. Die Widerholungen sind jeden ersten Mittwoch von 8 bis 10 Uhr und jeden zweiten Sonntag von 18 bis 20 Uhr zu hören (www.rockradio.de) oder direkt über die Seite von Deutsche-Mugge.de. In diesem Monat heißt es "Neue Deutsche Welle - Was gab's in der DDR und was im Westen?". Der September bringt ein Spezial von "Ostrock in Klassik". Im Oktober werden Leser-Charts präsentiert. Auch mit der Zeitschrift "Melodie & Rhythmus", die im Mai 2003 wieder belebt wurde (Der Nordkurier berichtete) gibt es Kontakte. Man tut alles, um ein breites Forum für die deutschen Musiker zu schaffen, ohne sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen.
Interaktivität hat Priorität und ist handhabbar bei dem Portal. So kann sich der User, also der Nutzer, am Computer durch verschiedene Rubriken durcharbeiten. Es gibt dort jede Menge Informationen zur deutschen Musikszene und vor allem viele Berichte von Konzerten. Es liest sich wie ein Lexikon der deutschsprachigen Musik: Dirk Zöllner, Thomas Natschinski, Karussell, die Puhdys, aber auch Vertreter aus West wie Stoppok, BAP und Scorpions oder Süd (Erste Allgemeine Verunsicherung, Hubert von Goisern) sind gegenwärtig. Und es wird Wissenswertes unters Volk gebracht, das lange als verschollen galt. Wer weiß zum Beispiel schon, was aus Egon Linde und seiner Gruppe Transit geworden ist? Unter "Rauchzeichen" erfährt man es. Interviews sind nämlich ein weiteres Markenzeichen von Deutsche Mugge. CDs rezensieren die Redakteure im Nebenjob ebenso wie in Erinnerungen zu kramen und Zeitzeugen zu befragen. "Wir wollen aber auch vielen Newcomern eine Plattorm bieten", macht Christian Reder deutlich. Es gebe zu wenig Insider-Tipps, die den Weg ins Formatradio schaffen. Auch hier, so sagt er, beschränke man sich nicht auf Musik aus Deutschlands Osten, sondern schaue zum Beispiel auch nach Österreich.
Und man guckt auch über den Tellerrand hinaus, was die Nachbarn in Polen, Ungarn, der Tschechischen Republik, Russland und anderswo machen, "denn viele Musiker aus diesen Ländern waren und sind hierzulande sehr erfolgreich", heißt es. Vor allem aber basiert www.deutsche-mugge.de auf der Verlinkung. Statt "nackte" Zahlen und Fakten zu veröffentlichen, möchte man lieber auf empfehlenswerte Webseiten aufmerksam machen, deren Betreiber es sich zur Aufgabe gemacht haben, deutsche Musiker und Bands ausführlich vorzustellen, ist die Philosophie.
Dennoch gibt es Lücken, weiß auch Christian Reder. Mit den bisherigen Kollegen bekomme man nicht alle Gegenden Deutschlands bedient. "Uns fehlt jemand aus dem Norden, speziell aus Mecklenburg-Vorpommern, der sich uns anschließen und über die Kulturszene dort berichten kann", erklärt Reder. Jemand, der genauso musikverrückt ist wie man selbst. Musikinteressierte könnten sich an www.deutsche-mugge.de wenden, betont er. Die Basis dabei liegt allerdings nicht im Monetären, sondern in der Begeisterung für die Musik.
 
 

   
   
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