Reinhard Mey: "Nach Haus" (Album)

mey24 20240514 1097209850VÖ: 03.05.2024; Label: Odeon/Universal; Katalognummer: 11703812 (CD) 11703830 (CD im Fotobuch) 11703833 (Doppel-LP); Musiker: Reinhard Mey (Gesang); Manfred Leuchter (Produktion, Gitarre, E-Piano, Akkordeon, Keyboards); Jens Kommnick (Gitarre); Ian Melrose (Gitarre); Lothar Galle-M. (Bass); Hannes Wader (Gesang); Matthew Pearn (Gesang); Bemerkung: Dieses Album ist als Standard-CD, als CD im Fotobuch und in limitierte Auflage als Vinyl in einer 180 Gramm-Pressung erschienen;

Titel:
"Das Raunen in den Bäumen"; "Beef und Lobster"; "Zwischen Kontrollpunkt Drewitz und der Brücke von Dreilinden"; "Verschollen"; "Questo tavolo non si vende"; "Nichts ist für immer"; "Zwei Musketiere"; "Die Legende von den Liebenden"; "Du hast mich getragen"; "Miserere mei"; "Du kannst fliegen"; "Lagebericht"; "Black and White 1945"; "Schlendern"; "Nota bene"


Rezension:


Wie bei vielen anderen älter gewordenen Künstlern sind auch bei Reinhard Mey die Zyklen zwischen zwei Alben länger geworden. Allerdings verkürzen sich die inzwischen vier Jahre Wartezeit durch ausgedehnte Tourneen verbunden mit der Publikation von Live-Alben. In den Konzerten sind nur Mey und seine Gitarre zu hören. Hier trägt er jeweils einen Großteil der Lieder des jeweils aktuellen Studioalbums vor, während die Hälfte des Programms aus "Klassikern" bestehen. Eine Routine, bei der angesichts einer breiten Auswahl beliebter Mey-Songs auch bei langjährigen Fans keine Langeweile aufzukommen scheint.

Jetzt, da die absoluten Verkaufszahlen für Tonträger nachlassen, aber die Mey-Gemeinde schon Monate vorher auf den Veröffentlichungstermin eines neuen Albums eingeschworen wird und vorbestellen kann, schafft der 81-jährige sogar den Charteinstieg auf Rang 1. Dabei schrieb die "WAZ" diesmal despektierlich, Mey säge mit der neuen Song-Kollektion an seinem eigenen Denkmal. Stimmt das? Der "Deutsche-Mugge"-Rezensent findet: "Nein!" Zwar machen sich gewisse Alterserscheinungen bemerkbar. Die Stimme klingt fragiler als früher, manche Texte sind sentimentaler und es wird viel Rückblick gehalten. Beim abschließenden "Nota bene", einem Sprechstück über dem "Largo" von Händel, fragt man sich vielleicht, ob man sich das wiederholt anhören kann, so bewegend die Worte auch sind, die eine Art Vermächtnis an die Hinterbliebenen darstellen, wenn sie nach dem Ableben des Dichters einmal dessen Schreibtisch öffnen und Textfragmente unveröffentlichter Lieder finden werden. Ja, dieses Stück wäre sicher geeignet, um damit das Lebenswerk von Reinhard Mey ausklingen zu lassen. Auch das Duett mit Hannes Wader ("Zwei Musketiere") würde als Ode auf eine lange Künstlerfreundschaft auf ein "letztes Album" passen. Zudem singt Mey mit "Schlendern" noch ein Lied des Weggefährten Konstantin Wecker. Auch nicht typisch für ein gewöhnliches Mey-Album.

Trotzdem fällt das 2024er Album "Nach Haus" weder qualitativ noch in seiner thematischen Mischung aus der Rolle. Quantitativ reizt Mey mit über 79 Minuten die Spielzeit einer Einzel-CD komplett aus. Für "Beef und Lobster" (die Geschichte eines alternden Kellners) und den Wiedervereinigungs-Rückblick "Zwischen Kontrollpunkt Drewitz und der Brücke von Dreilinden" nimmt sich Mey viel Zeit, aber epische Songs finden sich immer wieder auf seinen Alben. Bei "Miserere mei" kommt der Tierfreund zu Wort. Meys politische Seite ist durch die satirische Dystopie "Lagebericht" vertreten, die einen Blick ins Jahr 2042 wirft, nicht zufällig das Jahr, in dem Mey seinen 100. Geburtstag feiern würde. Den Refrain von "Du kannst fliegen" borgt sich Mey bei seinem eigenen Lied "Lilienthals Traum" von 1996, und natürlich kommen einem auch einige andere Tonfolgen auf dem neuen Album bekannt vor. Das ist allerdings kein Grund, kompositorische Schwäche zu attestieren. Dass in Meys Alter der Blick öfters in die Vergangenheit geht, ist nachvollziehbar, und letztlich ist es auch nicht verkehrt, wenn man im Alter mit Dankbarkeit auf Erlebtes schaut oder die langjährige Lebensgefährtin mit wertschätzenden Versen bedenkt ("Du hast mich getragen"). Familiengeschichte wird aber auch im Lied "Verschollen" erzählt, das Mey seinem im Krieg vermissten Onkel widmet.

Es sind keine "Füller" auf dem Album, auch wenn sich manche Lieder vielleicht erst beim zweiten oder dritten Hören so richtig einprägen. Wie bei fast allen Mey-Alben stellt sich die Frage der Durchhörbarkeit, weil Stimmungen und Erzählformen wechseln. Die Platte ist einem Fotoalbum verschiedener Eindrücke und Erinnerungen vergleichbar, die alle den Siegel des Persönlichen tragen, ohne dass ein zwingender Zusammenhang erkennbar ist. Passend dazu kommt die "Limited Edition" auch als über 100-seitiges Fotobuch mit 300 Bildern aus dem Privatarchiv.
(Rainer Buck)





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