FRIES: "Das Leben nach dem Happy End" (Album)

fries2023 20231115 1095666880VÖ: 17.11.2023; Label: Eigenvertrieb/Ohne Label; Katalognummer: ohne; Musiker: Frieder Sigloch (Gesang, Gitarren-, Bass- und Schlagzeugprogrammierung, Keyboard), Udo Rinklin (Gesang, Gitarren-, Bass- und Schlagzeugprogrammierung), Jay Stapley (E-Gitarre), Dave Mette (Schlagzeug); Musik/Texte: Frieder Sigloch, teilweise mit Unterstützung von Udo Rinklin; Beschreibung: Ausschließlich auf CD erschienen. CD im aufklappbaren Pappcover mit Booklet, inkl. Abdruck aller Songtexte. Ergänzend zum Album gibt es auch ein kleines Buch mit Gedanken zu jedem einzelnen Songtext. Das Album und das eben erwähnte Büchlein sind über den Shop Künstlers bzw. seiner Band auf www.fries-musik.de erhältlich;

Titel:
"Intro", "Wir tun so, als wär nichts", "Mein Ding", "Leben nach dem Happy End", "Die Zeit wartet nicht", "Lass es gut sein", "Sommermelancholie", "Wenn nicht wir, wer dann", "Neuland", "Immer eins mehr", "Stille Zeit", "Kind des Himmels", "Weitergehen"


Rezension:



Musikfreunde, die in den 90ern ihr feines Ohr in den Bereich Deutschrock gehalten und nicht nur die großen Namen auf dem Radar hatten, sind ganz sicher auch der Gruppe SCHULZE auf irgendeine Art und Weise über den Weg gelaufen. Ihre Musik war klasse, die Texte von besonderer Qualität und ihr Frontmann hatte eine gute Wiedererkennbarkeit in der Stimme. Frieder Sigloch heißt der Mann, der Songs wie "Ich häng an Dir" oder "Morgen" sang, und der der Band mit seinem "Instrument" ein unverkennbares Markenzeichen verpasste. Die Band gibt es seit 20 Jahren nicht mehr. Die Musikanten sind inzwischen in alle Himmelsrichtungen verteilt. Frieder Sigloch selbst ist heute als Lehrer tätig, hat vor einiger Zeit aber ein neues Projekt ins Leben gerufen und kehrt somit zurück auf die Bühne. Einfach so, weil er Bock drauf hatte. FRIES heißt die Band, die er aus lauter Freude an der Musik gegründet hat, und mit der er nun sein erstes Album "Das Leben nach dem Happy End" an den Start gebracht hat. Wie viel von SCHULZE ist noch übrig, und was hat der Mann aus Süddeutschland da jetzt mit seinen Mitstreitern im Studio produziert?

Der Satz mit dem "Just for fun" ist tatsächlich so gemeint. Das Album erscheint nicht bei einem Major Label, sondern im Eigenvertrieb und komplett in Eigenregie. Keiner, der ihm da rein gelabert und niemand, der ihn terminlich unter Druck gesetzt hat. So, als sei er nochmal ein Teenager, der frei von allen Vorgaben genau das machen kann von dem er glaubt, dass es richtig ist. Und natürlich wird sich auch nicht nach dem Zeitgeist gerichtet. Mit dabei, als die Lieder im Studio produziert wurden, waren auch alte Weggefährten aus SCHULZE-Zeiten, nämlich Udo Rinklin, der die Klänge verschiedener Instrumente beigesteuert hat, und Jay Stapley an der E-Gitarre. Das sind alles gute Voraussetzungen für eine vergnügliche Stunde mit neu zu entdeckender Musik …

Ein Intro mit einer von Klavier und Cello gespielten Melodie ist direkt nach dem Drücken der Play-Taste zu hören, und schon ist man mitten drin im "Leben nach dem Happy End" …
"Wir tun so, als wär nichts" ist das erste Lied auf dem neuen FRIES-Album, und darin geht es ums Verdrängen von Tatsachen. Eigentlich ist in der Beziehung der Fisch längst gegessen. Die Magie zwischen ihm und ihr ist weg, es ist nur noch Routine da, aber man gesteht sich diese Entwicklung am Ende doch nicht ein. Man hat es sich in der Duo-Besetzung so schön bequem gemacht. Stattdessen "belügt man die Liebe" (und "redet ihr ein, dass sie gern bei uns bliebe"). Großartige Wortfindungen zu einer alles andere als großartigen Situation im Leben eines Paares. Der Moment zwischen "alles im Lot" und dem großen Inferno wird in 3:42 Minuten beschrieben und ist in einer von E- und Akustikgitarren sowie präzisen Schlagzeug-Beats getragenen Ballade verpackt. Was für eine große Nummer gleich zu Beginn.
An der Geschwindigkeitsstellschraube wird dann beim nächsten Stück, "Mein Ding", gedreht und dazu mal flott das Banjo ausgepackt. Dieser folkig angehauchte Popsong hat Ohrwurm-Charakter und könnte ein Anwärter auf den Hit des Sommer sein, würden wir jetzt gerade nicht direkt auf Weihnachten zusteuern. Aber warum keine Happy Vibes in der dunklen Jahreszeit verbreiten? Es geht um wiederentdeckte Freude am Leben und allem Drumherum. Um gute Laune, die nicht nur temporär, sondern ganz offenbar von Dauer zu sein scheint. Völlig egal, wo dieses Gefühl her kommt, man muss es genießen. Das Thema wird ja gern mal ausgepackt, wenn man für sein neues Album einen "Steh wieder auf und lauf"-Song braucht. Bei FRIES wirkt er aber alles andere als krampfhaft oder gestellt, sondern kommt echt und aus dem Herzen stammend rüber. Die Nummer besticht wieder durch die geschickt gewählten Worte zum Beschreiben des Innenlebens. Das holt einen echt ab und es lässt das Gefühl in einem schnell verschwinden, man habe in Sachen deutscher Textdichtkunst doch schon alles gehört. Das hat man ganz offensichtlich nämlich doch nicht. Lediglich die Keyboard-Töne im Arrangement hätten nicht sein müssen. Da wäre ein natürlicher Bläsersatz sicher geiler gekommen, aber die waren vielleicht gerade nicht greifbar?!
Das finden der passenden Worte und das Setzen dieser in eine spannende Abfolge ist die Stärke auf diesem Album, denn auch im Titelsong ist man begeistert von der Kunst, die Situation wie ein Gemälde so dermaßen gut mit Worten malen zu können. Zu wesentlich leiseren, aber auch wesentlich gedrückteren Tönen wird "Das Leben nach dem Happy End", also die Zeit nach dem ersten verliebt sein, beschrieben. Jeder von uns kennt sie, wenn man den "Film" verlassen und wieder (oder überhaupt erstmals) im richtigen Leben angekommen ist. Der Song fängt auch das Gefühl ein, wenn die ersten Stürme überwunden und die ersten tiefen Täler durchschritten sind, und man bekommt beim Lauschen der Nummer - sich selbst darin wiederfindend - evtl. ein thermisches Problem. Ein Liebeslied der anderen Art - der guten Art!
Auf diese abwechslungsreiche Weise geht es auf dem Album auch in den nächsten neun Stücken weiter. Treibendes und Folkiges ("Lass es gut sein", "Wenn nicht wir, wer dann"), teilweise mit Country-Einspritzern, trifft auf balladeskes ("Sommermelancholie") und manchmal auch leise dahin gleitendes ("Neuland") Songmaterial. Mit "Kind des Himmels" bekommt der Hörer sogar einen waschechten Deutschrocker gereicht, bei dem der Lautstärkeregler an der Anlage eine magische Anziehungskraft auf einen ausübt. Ein Song wie "Immer eins mehr" führt Dich musikalisch sogar hinaus in die Weite, wenn Du zuerst von den zerbrechlich wirkenden Klängen einer Akustikgitarre verführt und Deine Sinne kurz darauf durch treibende Schlagzeug-Schläge und einsetzende E-Gitarren geweckt werden. Da wirken 3:45 Minuten oder 4:40 Minuten schnell mal wie ein ganzer Spielfilm. Und das passiert Dir hier immer und immer wieder. Dass hier viele Instrumente "nur" programmiert und gar nicht echt sind, merkt man auf Anhieb gar nicht und muss da schon genauer hinhören (oder ins Booklet schauen). Davon bin ich zwar nicht so der große Freund, aber wenn es gut gemacht ist, dann gibt's da nix zu Meckern. Und doch ist vieles hier auch handgemacht, das sollte man nicht übersehen.

Über allem thront dabei nicht nur die Dicht-Kunst von Frieder Sigloch, sondern auch das Talent, die gefundenen Worte so zum Klingen zu bringen, dass Du ihm gerne zuhörst und gar nicht genug davon kriegen kannst. Er ist ein verdammt guter Sänger, das muss man ihm einfach bescheinigen. Das war er schon vor 30 Jahren, daran hat sich heute auch nicht geändert. Dazu kommt noch die instrumentale Umsetzung, die hier nur so vor Abwechslung strotzt. "Das Leben nach dem Happy End" ist eins der besten Alben, die ich in letzter Zeit gehört habe. Seine Grundehrlichkeit in den Texten, in denen es keine Schönfärberei sondern das echte und wahre Leben in poetischen und höchst spannenden Episoden gibt, hebt das Programm auf dem Silberling auf eine hohe Stufe und deutlich von dem ab, was uns andere Kollegen dieser Zunft so anbieten. Sigloch zeigt mit dem Album sehr deutlich, dass es gern mal wieder etwas mehr sein darf, als nur eine Akustikgitarre, künstliche Betroffenheit und ebenso künstlich erzeugte Lagerfeuerromantik. Es geht eben auch anders. Manches von Hand, manches mit Hilfsmitteln erzeugt und mit genau der richtigen Dosis schmückendem Beiwerk, dass es satt und voll, aber nicht überladen klingt. Auch bekommen wir sehr unterhaltsam gezeigt, dass unbequeme Wahrheiten zum Leben dazu gehören, und dass es auch nach großen und schönen Momenten mal anders weitergehen kann. Ich zitiere da gern den Künstler mit den Worten, "Lass Dich ergreifen, und lass es reifen | und mal nicht kneifen, wenn's weh tut". Dieses Album hier liefert Dir dafür eine Art Betriebsanleitung.

Frieder Sigloch kann nicht leugnen, dass er SCHULZE war und SCHULZE von ihm lebte. Das ist wie bei den PUHDYS, wo auch heute Maschine machen kann was er will, und man bei seinem Output immer wieder an seine alte Band erinnert wird. Aber dennoch ist dem Musiker 20 Jahre nach dem Ende seiner alten Kapelle eine deutlich wahrnehmbare Weiterentwicklung gelungen. Die hier vorliegende CD bringt Rock, Folk und Pop für Erwachsene mit, die jung geblieben sind und immer noch Bock auf neue Einflüsse haben. Ich freue mich definitiv auf mehr und hoffe, der Spaß an der Musik wird beim Künstler und seinen Mitstreitern auch bei einem möglicher Weise größeren Erfolg dieses Werks dem Diktat des Business nicht weichen.
(Christian Reder)








   
   
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