Lothar Jahn: "Dreams Of 75" (Doppel-Album)

jahn2022 20220624 1001201027VÖ: 24.06.2022; Label: Lion (USA); Vertrieb: Hufnagel (D); Katalognummer: 4170000012719; Musiker: Lothar Jahn (alle Instrumente, Gesang); Bemerkung: Doppel-CD im aufklappbaren Digipak inkl. Booklet mit infos zum Album und zum Künstler. Das Album gibt es außer auf CD auch als Doppel-Vinyl, und ist u.a. auch über die Homepage des Künstlers zu beziehen;

Titel:
CD 1: "Dreams Of 75" (Extended Version)
CD 2: "February 1975" (Remastered Version)


Rezension:
Stell Dir vor, Du bist Musiker und hast vor 45 Jahren eine EP veröffentlicht, deren Existenz im Laufe der Jahre schlicht und ergreifend vergessen wurde. Du warst längst mit anderen Dingen beschäftigt, denn nach dieser einen 7" EP kam keine weitere Platte mehr von Dir raus, und dann spricht Dich nach all der Zeit ein Plattensammler an. Dieser kommt aus einem fernen Land und hat Deine Single/EP auf einem Trödelmarkt in seiner Heimat gefunden. Der Sammler findet das, was er darauf hört, so gut, dass er den Kontakt zu Dir sucht. Er macht Dich ausfindig und überredet Dich, wieder Musik zu machen und die Idee von einst nochmal aufleben zu lassen. Eine Plattenfirma, die ein evtl. entstehendes Album auf den Markt bringen würde, bringt er Dir sogar gleich mit. Klingt weit hergeholt und wie der fiktive Stoff aus einem Kurzfilm der RTL II-Serie "X-Factor: Das Unfassbare"? Aber das ist genauso passiert und Jonathan Frakes würde sagen, "Die Geschichte ist wahr!"

Der Musiker, von dem hier die Rede ist, heißt Lothar Jahn, ist Baujahr 1957 und wohnhaft in Hofgeismar im nordhessischen Landkreis Kassel. Obwohl er Träger des Carl-Maria-von-Weber-Preises der Stadt Dresden (1988) ist, werden ihn und seine 1977 beim kleinen Label Sound Record, einem Unter-Label der Plattenfirma Radar Music, erschienene EP "February 1975" wohl nur die Wenigsten unserer Leser kennen. Die Single/EP schien aus kommerzieller Sicht damals wohl kein großer Erfolg gewesen zu sein, denn ihr folgte keine weitere Scheibe mehr. Irgendwann in den Jahren danach - schon im neuen Jahrtausend - hatte Jahn Verbindungen zur Hamburger Folk-Rockband Ougenweide, für deren CD-Booklets er Liner-Notes schrieb und dessen Jubiläumskonzert er vor ein paar Jahren organisierte, aber ansonsten trat er überregional als Musiker nicht mehr groß in Erscheinung. Ein Liederbuch, das im Eigenvertrieb erschien, und Konzerte auf regionaler Ebene hat es noch gegeben, aber eben nichts, womit er bundesweit auf sich aufmerksam machte. Im Jahre 2019 kam es dann zu einem Kontakt zwischen ihm und dem Plattensammler Ramon Piserra aus Barcelona, der die Single von Lothar auf einem Flohmarkt in Spanien entdeckt hatte. Wie es dann weiterging, ist hier bereits in der Einleitung beschrieben worden. Piserra überredete den deutschen Musiker, aus den vielen Ideen, die in der 10-minütigen Single steckten, ein Album zu machen. Dazu ließ er seine Kontakte zu einem US-Amerikanischen Plattenlabel in Illinois spielen, brachte beide zusammen und schon ging's los mit dem Comeback nach 45 Jahren. Das nun hier vorliegende Doppel-Album ist das Ergebnis dieses modernen Musikmärchens, an dem wir unsere Leser mit einer absoluten Empfehlung zum Kauf dieses Doppel-Albums mit dem Titel "Dreams Of ´75" teilhaben lassen.

Ich möchte mit der Vorstellung des Albums zuerst bei der zweiten CD anfangen, auf der sich die Wiederauflage der hier schon mehrfach erwähnten EP/7inch "February 1975" in remasterter Form befindet. Inhaltlich verarbeitet Lothar Jahn mit dem ersten Stück auf der Platte, "Vernal Start", eine unglückliche Liebe. Gerade 17-jährig hatte er eine Freundin, die nur mittwochs für ihn Zeit hatte. An den anderen Tagen konnte sie ihn nicht gebrauchen, wollte ihn nicht treffen und der Verdacht lag nahe, dass diese Dame an den restlichen Wochentagen noch weitere Herren glücklich machte. Irgendwann zerschellte diese Liebe an den vielen, einen Tiefgang der Beziehung verhindernden Klippen. Nach längerer Trauerphase trat der Künstler an einem Februar im Jahre 1975 vor die Tür, erhaschte einen Hauch von Frühling und ließ davon seine Lebensgeister wieder wecken. Für diesen Lebensabschnitt steht das Lied "Vernal Start", das auf der Single die A-Seite belegt. Der zweite Song in voller Länge heißt "Come On And Hold Me", und in ihm wird die Bekanntschaft zu einer anderen Frau verarbeitet, die nicht zur nächsten Liebe wurde, aber zu einem offenen Ohr und einem Menschen, der eben da war, als er gebraucht wurde. Ein guter Kumpel eben. Zu diesen beiden Nummern gesellen sich noch die Instrumentals "Late Last Night" und "Tongues & Eyes", und eingerahmt wird alles mit einem Glockenspiel-Intro und einem von einer Flöte dominierten "Outro". In feinstem Krautrock-Englisch trägt Lothar Jahn im ersten Lied seine Geschichte vor, zu der eine wirklich ansprechende Mischung aus Rock, Folk und Weltmusik ausgewählt wurde, die einen deutlichen britischen Einschlag hat. Das Lied "Come On And Hold Me" auf der Single-B-Seite gleitet musikalisch im Vergleich zum mehr im Rock beheimateten "Vernal Start" auf einer breiten Popmusik-Straße entlang und klingt wie ein Musikstück aus den späten 60ern. Die ebenfalls von Weltmusik-Zutaten gewürzten Instrumentals runden das Gesamtbild der Platte ab und liefern der Single eine zusätzliche Breite im Klang-Bild. Alles sehr ansprechend umgesetzt, und dabei sind alle Instrumente von Lothar Jahn selbst eingespielt. Neben ihm sind nur die eigene Schwester mit einem kurzen Gesangspart und eine Flötistin zu hören, weil sich Jahn selbst nicht an dieses Instrument heran traute.

Das Programm auf der ersten CD - ebenfalls komplett von Jahn allein eingespielt - baut auf dem Inhalt der eben beschriebenen zweiten Disc und gleichzeitig der 7inch/EP aus dem Jahre 1977 auf. Wieder leitet uns ein Klang aus kleinen Glocken in das Werk hinein, bevor eine Akustikgitarre den Faden aufnimmt. Hier ist ein einziger Titel zu hören, der in mehrere Kapitel unterteilt ist, die letztlich auch über den CD-Player einzeln ansteuerbar sind. Aber wer will das bei einem Song mit eigener Dramaturgie schon tun? Vorbilder wie Mike Oldfield und Pink Floyd lassen schön grüßen, denn die instrumentalen Ausflüge Lothar Jahns lassen diese Liebe zu den britischen Kollegen nicht nur erahnen, sondern auch fühlen. Es gibt ein Wiedersehen bzw. Wiederhören mit den Liedern "Vernal Start" und "Come On And Hold Me", die zusammen mit den Instrumentalstücken der Single und neuen Erweiterungen der Jahn'schen Ideen jetzt eine Einheit bilden. Auch hier ist das Vorbild Mike Oldfield offenbar Ideengeber, denn in Liedern wie "Crises" oder "Taurus II" ließ der britische Multiinstrumentalist Lieder über eine komplette LP-Seite erklingen und baute darin verschiedene Spielarten und Elemente ein. Dies macht auch Lothar Jahn, tut es seinem Kollegen Oldfield gleich und holt damit seine Hörer vom ersten Glockenläuten an in sein Reich aus Tönen und Melodien ab. Ein wunderbares Werk.

"Dreams Of 75" ist ein wirklich gelungenes Album, das Historisches mit aus der (Corona-)Not heraus geborenen und von einem Spanier namens Ramon Piserra "verursachten" frischen Klängen vereint. Es ist abwechslungsreich und man kann sich darauf verlassen, hier echte Instrumente und einen Musiker aus Fleisch und Blut bei seiner Berufung zu hören. Keine Konservenkost aus den Fabriken der Musikindustrie, sondern warme und ehrliche Musik mit Tiefe und Seele. Apropos "warm" … Wer das Werk gern mit dem warmen und knisternden Klang einer Schallplatte genießen möchte, kann dies zeitnah tun, denn die Jungs aus Illinois/USA lassen dem Silberling noch ein Doppel-Album aus Vinyl folgen, das dieser Tage aus dem Presswerk kommen soll. Wo, wenn nicht hier, passt das wie die vielzitierte Faust aufs Auge? Und welcher Musikant unter unseren Lesern wünscht sich jetzt nicht auch einen Ramon Piserra?
(Christian Reder)
 





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