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Ein Bericht mit Fotos von Dajana Prosser-Gehn




a 20210531 1769625049Am 10. September 2020 fand im Kesselhaus in der Kulturbrauerei die Premieren-Lesung mit Wolfgang Martin in musikalischer Begleitung von Manuel Schmid statt. Schon damals hing ich an den Lippen des Autors und war fasziniert von all den kleinen Geschichten und Anekdoten, über die er berichten konnte. Am vergangenen Freitag gab es im Theater von Berlin-Adlershof ein Wiedersehen mit dem Autor und dem Musiker.

Wolfgang Martin wusste bereits in jungen Jahren wohin ihn sein beruflicher Weg führen sollte. Wahrscheinlich kann man eher von einer Berufung sprechen. Er schrieb mit Anfang 20 Musikkolumnen im Magazin "neues leben" und führte Interviews mit internationalen Künstlern. Ab Mitte der 70er Jahre ging es Richtung Radio. Zunächst als Redakteur und Moderator in der Jugendmusik-Redaktion (Stimme der DDR). Nur ein Jahrzehnt später war er Leiter in der Musikredaktion von DT64 (DeutschlandTreffen 1964). DT64 war DAS Jugendprogramm der DDR. Gegründet 1964, aber erst ab 1986 ein eigenständiger Sender. Nach dem Mauerfall und vielem Hin und Her war ab Mai 1993 Schluss mit DT64. Bis heute bleiben uns u.a. die Programme "Morgenrock" oder "Hit-Globus" im Gedächtnis. Niemand konnte sich vorstellen, dass es eines Tages DT64 nicht mehr geben könnte, hat er doch den Musikgeschmack mehrerer Generationen geprägt.

Wolfgang Martin ging zum Ostdeutschen Rundfunk und war von Mai 2003 bis zu seinem letzten Arbeitstag Musikchef bei Antenne Brandenburg. Natürlich hätte er jetzt seinen wohlverdienten Ruhestand genießen können. Aber Wolfgang Martin entschied sich für einen anderen Weg. Er setzte sich hin und schrieb über seine Begegnungen, Erfahrungen und Eindrücke aus einer sehr aufregenden Zeit. 2019 erschien "Sagte mal ein Dichter. Holger Biege. Die Biografie.". Nur ein Jahr später veröffentlichte er das nächste Buch "Wie die Westmusik ins Ostradio kam. Radiogeschichten von DT64 bis Beatkiste". Eigentlich hätte er sich nun ausruhen können. Aber nein, er nutzte die Pandemie und verfasste unter dem Titel "Paradiesvögel fängt man nicht ein" eine Hommage an Tamara Danz. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass das keinesfalls das letzte Buch von ihm war.

Bei seinen Lesungen wird Wolfgang Martin von Manuel Schmid begleitet. Er ist seit nun mehr neun Jahren Sänger der bekannten DDR-Band STERN MEISSEN. Ihr letztes Album mit dem Titel "Freiheit ist", ein Meisterstück der deutschen Musik, erschien letztes Jahr. Der Musiker ist ein wahres Multitalent - Gesang, Klavier, Schlagzeug, Produzent, Texter sowie Tontechniker. Wahrscheinlich habe ich bei meiner Aufzählung noch was vergessen. Live erlebt man Manuel sehr oft mit seinem ebenfalls begnadeten Musikerkollegen Marek Arnold.

b 20210531 1936956155Was erwartet den Zuschauer für ein Abend, wenn ein Musikredakteur sowie Geschichtenerzähler wie Wolfgang Martin und ein so hoch begabter und talentierter Künstler wie Manuel Schmid aufeinander treffen? Richtig, ein phänomenaler Abend mit viel guter Laune, richtig guter Musik, sowie spannenden und interessanten Geschichten. Eine Zeitreise von den Anfängen von DT64 über die vielen Begegnungen mit internationalen Künstlern, aber auch die manchmal anderen Wege, die man gehen musste, um dem Radiozuhörer das zu geben, wonach er sich so sehr sehnte. Wolfgang Martin hat natürlich viel gesehen und erlebt. Trotzdem erzählt er nie mit erhobenem Zeigefinger oder gibt einem das Gefühl, alles besser zu wissen. Die Zeit war so wie sie war, er hatte Spaß und fand darin seine Erfüllung.

Am Freitag, den 28. Mai, startete das Theater Ost in seine Open-Air-Saison 2021. Erst vor kurzem fand eine Namensänderung statt von dem berühmten "Theater Adlershof" zu "Theater Ost". Kathrin Schülein hauchte diesem "fernsehgeschichtlichen" Ort im wahrsten Sinne des Wortes neues Leben ein. 37 Jahre lang wurde hier die "Aktuelle Kamera" ausgestrahlt. Das "Theater Ost" ist immer eine Reise wert und hat viel zu erzählen. Seit letztem Jahr gibt es eine "neue/temporäre" Bühne auf dem Außengelände. Sicherlich ist das immer ein kleines "Risiko", weil alles sehr wetterabhängig ist. Am Freitag hatten wir auf jeden Fall riesiges Glück. Kaum betraten Wolfgang Martin und Manuel Schmid die Bühne, verschwanden auch die Regenwolken und manches Mal versuchte die Sonne hinter den Wolken herauszuschauen.

Die Bühne ist erhöht und dadurch kann man von jedem Platz sehr gut sehen. Die Mitarbeiter vom "Theater Ost" sind immer sehr freundlich und zuvorkommend. Selbst Decken stellten sie zur Verfügung, als es am Abend doch etwas kühl wurde.

c 20210531 1271418333Um 20:00 Uhr Uhr betrat Kathrin Schülein die Bühne und begrüßte uns mit einem sehr freudigen Gesicht. Endlich kann wieder live gespielt und aufgeführt werden. Wir alle fühlten mit ihr. Nicht nur den Künstlern sowie Veranstaltungsorten etc. fehlten die Auftritte - nein, auch uns als Publikum. Wir sehnten uns so sehr nach Kunst und Kultur und freuten uns sehr, dass uns das "Theater Ost" diese Möglichkeit bot. Kaum kam Wolfgang Martin auf die Bühne, erzählte er gleich los. Man hatte das Gefühl, als hätte es diese langen kunst- und kulturfreien Monate nicht gegeben. Er sprach von seiner Zeit im Grundwehrdienst und dass dort schon sein zukünftiger beruflicher Werdegang abzusehen war. Wenn er in seiner freien Zeit nicht las, hörte er Radio und wusste: "Das möchte ich auch machen."

Manuel Schmid begleitete manch erzählte Geschichte leise mit den jeweiligen Songs - so zum Beispiel als Wolfgang Martin über OMEGA sprach, spielte Manuel im Hintergrund eins ihrer bekanntesten Lieder: "Gyöngyhajú Ianý". Später in der deutschen Version von Frank Schöbel unter dem Titel "Schreib es mir in den Sand" in der DDR sehr bekannt geworden. Manuel Schmid spielte und sang an diesem Abend unter anderem noch Songs von Bob Dylan, The Beatles, Renft, Lift sowie David Bowie und Silly. Es ist immer wieder erstaunlich, mit wieviel Können und Gefühl dieser Mann sein Publikum mit diesem von ihm gespielten, sehr breiten Repertoire überzeugen und begeistern kann. Und wüsste man es nicht besser, beschleicht einen immer wieder das Gefühl, dass er dieses oder jenes Stück in Wirklichkeit doch selbst im Original gesungen hat. Das kann natürlich nicht sein, aber er macht sich die Songs so zu eigen - er lebt sie - und singt sie mit so viel Leidenschaft, dass dieser Eindruck wie von selbst aufkommt. Wie schon oft erwähnt: ein begnadeter Sänger und dabei so bescheiden und bodenständig.

d 20210531 1159673658Wolfgang Martin sprach respektvoll über alle Begegnungen, die er in seiner langen Laufbahn erlebte. Wir erfuhren viel über seine Zeit als rasender Reporter in der Musikszene Sachsens, über das Berufsverbot von Renft und über das Ende von DT64 und wie viele Künstler sich für den Erhalt des Senders einsetzten. Wir als Publikum bemerkten durch diese spannenden und interessanten Geschichten die einsetzende abendliche Kühle nicht. Wir hätten Wolfgang Martin und Manuel Schmid, der diese Lesung phantastisch musikalisch untermalte, noch Stunden weiter zu hören können. Wer das Buch, oder besser gesagt die Bücher, von Wolfgang Martin noch nicht hat, sollte diese Lücke schnellstens schließen.

Zum Abschluss teilte uns Wolfgang Martin mit, dass es nur eine einzige Lesung von "Paradiesvögel fängt man nicht ein" in Berlin Ende Juli geben wird. Dabei wird er musikalisch von SILLY begleitet. Und schaut euch bitte auch immer mal das Programm vom "Theater Ost" an. Es gibt Eigenproduktionen, aber auch viele andere tolle Veranstaltungen. Und wenn wir ganz viel Glück haben, werden Wolfgang Martin und Manuel Schmid noch einmal ihre Holger Biege-Lesung wiederholen. Die war am 4. Juli 2020 so wunderbar, dass sich alle eine Wiederholung wünschen.



Termine:

Buchlesung „Holger Biege – Sagte mal ein Dichter“
• 19.06.2021 - Gera - Stadtbibliothek
• 14.08.2021 - Dresden - Boulevardtheater
• 25.09.2021 - Diensdorf-Radlow - Alte Schulscheune

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