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Ein Bericht mit Fotos von Thorsten Murr

Dass ich am Himmelfahrtstag tatsächlich einen Livegig erleben würde, war eine echte Überraschung. Genauer gesagt war es ein Livestreaming, zu dem ich vor Ort weilte. Wenn es auch kein Konzert in dem Verständnis war, wie wir es aus den Zeiten vor der Pandemie kennen, war es doch ein erhebendes Gefühl, den Veranstaltungssaal zu betreten, vor einer ausgeleuchteten Bühne mit Mikrofon, Verstärker und weiterem Equipment zu stehen und diese typische knisternde Atmosphäre vor Beginn eines Auftrittes zu spüren. Insofern erlangte der Name der Location, "Haus der Sinne", in Berlin Prenzlauer Berg noch eine ganz besondere Bedeutung für mich.

Beim Livestream live dabei
Insgesamt sind acht Personen im Raum, inklusive Künstlerin und Technikteam für Sound und Videoübertragung. Der Stream beginnt einige Minuten vor dem eigentlichen Konzert, sodass sich auch das Publikum an seinen Bildschirmen ein wenig einstimmen kann. 20 Uhr geht es dann richtig los. Paula Linke begrüßt die Leute in nah und fern und beginnt, sich selbst auf der Gitarre begleitend, ihren Vortrag - ganz so, als wäre der Saal voller Leute. Vorgestellt werden ausschließlich Stücke, die auf ihrem künftigen, bereits dritten Album erscheinen sollen, das den Titel "Ich will noch runder werden" tragen wird.

Paula Linke - aus der Theater- in die Liedermacherszene
Paula Linke wuchs in einer künstlerischen und vielseitig musikalischen Familie auf, schrieb mit 13 bereits ihre ersten Lieder, war von Sängerinnen in Musicals fasziniert, studierte in Erlangen und Nürnberg Theater- und Medienwissenschaften und Soziologie sowie in einem Masterstudiengang Theaterpädagogik.a 20210530 1399456826 Nach dem Studium arbeitete sie drei Jahre lang als Regie- und Dramaturgieassistentin am Stadttheater Ansbach und danach ein Jahr lang am Stadttheater in Münster als Theaterpädagogin und Dramaturgin. In dieser Kombination verantwortete sie "nebenbei" auch die Vermarktung der theaterpädagogischen Angebote des Hauses für Schulen. Das alles war auf die Dauer zu ermüdend, vor allem störte sie der Umstand, zwar für andere kreative Konzepte und Rahmenbedingungen zu entwickeln, am Ende aber selbst nicht auf der Bühne zu agieren. Kreativ in eigener Sache wurde sie zuhause, mit ihrer Gitarre und beim Schreiben von Liedern. Zuvor hatte sie schon einige Male als musikalischer Act bei Poetry-Slam-Veranstaltungen ihre Lieder vorgetragen und kannte das berauschende Gefühl, dem Publikum die eigene Kunst nahezubringen.

Das große Vergnügen, das sie bei der Moderation eines Podiumsgesprächs am Theater empfand, war dann schließlich die Initialzündung dafür, aus dem Backstageschatten nun tatsächlich selbst wieder ins Rampenlicht zu treten. Sie kündigte dem Theater, ging zurück in ihre Heimatstadt Leipzig und begann dort ein Studium der Sonderpädagogik, neben dem sie sich ihrem neuen Selbstverständnis als Liedermacherin widmen wollte. Nach dem ersten Semester beantragte sie ein Urlaubssemester und jobbte in der Gastronomie, eine ganz neue Erfahrung, bis die aufkommende Pandemie dem Ganzen ein Ende setzte. "Zurückblickend war es für mich ein Glücksfall", sagt Paula heute. "Ich hatte nichts Verpflichtendes zu tun und konnte mich ganz meinen Liedern und meinem neuen Dasein als Liedermacherin widmen."

Das dritte Album ist in Arbeit
Schon 2018 hatte sie unter dem Titel "Den Tod in Weisheit und ein verrücktes Leben", eine Sammlung von frühen Stücken auf Bandcamp veröffentlicht, die mit minimalem Technikeinsatz auf CD gebracht und unter ihren früheren Kommilitonen zur Erinnerung verschenkt wurden. Im Frühjahr 2020, nach Beginn des ersten Lockdowns, ging sie in ein professionelles Tonstudio und nahm ihr zweites Album, "Das war das", auf. Seitdem tauchte sie, so gut es die Beschränkungen der Pandemie zuließen, in die Liedermacherszene ein, besuchte Liedermachertreffen, kleine Freiluftfestivals und Workshops, lernte Veranstalter, Locations und viele inspirierende Kolleginnen und Kollegen kennen. Beim Online-Liederfestival HOYSCHRECKE im Herbst 2020 gewann sie schließlich den Publikumspreis und belegte in der Jurywertung den zweiten Platz.

Mit wachem Blick
Adäquat zu ihrer bereits vielschichtigen Vita wirkt Paula Linke bei ihrem heutigen Auftritt im Haus der Sinne gleichermaßen professionell wie auch sehr persönlich. Mit klarer Stimme singt sie von den verschiedensten Alltagsbeobachtungen und zufälligen Begegnungen, die sich über die innere Auseinandersetzung mit dem Erlebten zu Geschichten und schließlich zu Liedern entwickeln, manchmal versetzt mit autobiografischen Zügen. In "Geputzte Flügel" etwa, einem Stück, mit dem sie Ende des letzten Jahres den ersten Platz in der Liedermacher*innen-Liga gewann, geht es um Entscheidungen, sein Leben zu ändern, Altes zu verlassen, Neues zu versuchen und dabei immer neugierig zu bleiben. Wagnisse einzugehen in einer Welt voller Unwägbarkeiten.

Neben den sehr persönlichen Themen bezieht sie auch zu brennenden politischen und gesellschaftlichen Fragen Stellung. "Der Krake", das Stück, für das sie den Publikumspreis bei der HOYSCHRECKE bekam, widmet sich den verzweifelten Bootsflüchtlingen, von denen viele das rettende Ufer nicht erreichen. "Es zieht eine Narbe seit Jahren sich hässlich und krustend dahin u?ber's feine Gesicht Europas", beginnt das Stück "Krokodilstränen",b 20210530 1969764969 in dem die Verlogenheit und das Versagen der Europäischen Gemeinschaft in der Flüchtlingskrise zur Sprache gebracht werden. In einem Lied hinterfragt sie das Bild der Frau in einer von Männern dominierten Welt, wie sie auch an anderer Stelle den Wahrheitsgehalt verschiedener Perspektiven auf Macht- und Ohnmachtsstrukturen der Gesellschaft anzweifelt.

Paula Linke ist in ihrem Vortrag nicht zornig, nicht laut. Große Gesten finden nicht statt. Wohl aber merkt man ihr das Vergnügen an, das ihr der Auftritt bereitet. Das wirkt sehr menschlich, ist sehr sympathisch und macht Freude beim Zuhören. Allein ihre Mimik betont gelegentlich die eine oder andere Textpassage oder eine Pointe. Mit offenem Gesicht und wachem Blick in das anwesende - und in diesem Falle nicht physisch anwesende - Publikum singt sie ihre Geschichten, die meist erst am Ende ihre Haltung zum Erzählten verbindlich formulieren. Und so kommen auch die ernsthaftesten Themen angenehm unprätentiös daher, als Angebot, sich ihren Gedankengängen anzuschließen.

In einem ihrer Lieder heißt es: "Und bin ich auch noch so klein, ich möcht' einmal, ja, einmal, auch einmal ein Turm in der Brandung sein." Ich denke, wenn sie ihren Weg weiterhin so konsequent verfolgt, sollte ihr das schon bald gelingen.

Das neue Album
"Ich will noch runder werden" soll als Doppelalbum erscheinen. Teil 1 wird die zwölf, professionell und radiotauglich im Studio produzierten, Songs enthalten, die sie heute Abend vorgestellt hat und die lange Zeit Gültigkeit haben sollen. Teil 2 werden zwölf weitere Stücke sein, die eher den Charakter von Momentaufnahmen haben und deshalb ohne aufwendige technische Bearbeitung veröffentlicht werden sollen.

Finanzierung per Vorbestellung
Zur Finanzierung des Albums kann man es bereits vorbestellen. Auch kann man Paula Linke über die Sponsoring-Plattform Patreon unterstützen. Alle Infos dazu finden sich auf ihrer Website www.paula-linke.de

Auch einen Tipp wert: www.hausdersinne-berlin.de



Termine:
• 19.06.2021 - Hoyerswerda - Kulturfabrik
• 26.06.2021 - Merseburg - Eventbar M1
• 22.07.2021 - Templin - Liederfestival Thomsdorf

Alle Angaben ohne Gewähr!






Fotostrecke:

 




   
   
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