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Ein Konzertbericht von Dajana Prosser-Gehn mit Fotos von
Dajana Prosser-Gehn (Text) und Thorsten Murr (Fotostrecke)



Die Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg ist ein geschichtsträchtiger Ort. Alles begann damit, dass ein Apotheker im Jahre 1842 einen kleinen Bierausschank betrieb. Über die Jahre wechselten die Eigentümer, und durch viele Modernisierungen wuchs der einstige Ausschank zu einer großen Brauerei heran. Die Brauerei schloss bereits 1967 ihre Tore und das Gebäude selbst wurde 1974 unter Denkmalschutz gestellt. Nach der Wende im Jahre 1990 wurde alles grundlegend saniert, um die historischen Gebäude vor dem Verfall zu retten. Seit 2002 ist die Consens GmbH Eigentümer des Kessel- und Maschinenhauses und gibt dort der Kunst- und Kulturszene ein Zuhause. Kein Geringerer als Sören Birke ist Geschäftsführer. Sören Birke ist seit 1982 selbst ein vielbeschäftigter Musiker, der u.a. mit Dirk Michaelis und den 17 Hippies tourt, und Mitglied der Buschfunk Blues Band ist. Er beweist ein sehr gutes Händchen bei der Wahl der hier aufzutretenden Künstler.


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Für den 19. November 2023 lud er die Gruppe PANKOW ins Kesselhaus ein. Die Leute ließen sich nach der Ankündigung auch gar nicht lange bitten, und der Laden war ruck zuck ausverkauft. Irgendwie fühlte sich das noch "untertrieben" an, denn es war wirklich rappelvoll! Ich fragte mich, wo die ganzen Menschen, die immer weiter in das Kesselhaus strömten, Platz finden sollten. Aber wie heißt es so schön: Platz ist in der kleinsten Hütte. Ich stand oben auf der Empore und hatte einen guten Blick auf all die Fans und Sympathisanten im Saal. Bei Konzerten wie dem hier finde ich es immer sehr berührend, wenn andere Freunde aus der Kunst- und Kulturszene die Veranstaltungen ihrer Kollegen besuchen. Heute waren sehr viele davon am Ort des Geschehens, u.a. Jörg Stempel, Axel Prahl, Jäcki Reznicek (selbst lange Jahre der Tieftöner von PANKOW) oder Mathias Fuhrmann. Überall sprachen die Menschen miteinander und erzählten davon, wo sie das erste Mal PANKOW erlebten oder was sie mit der Band in den vergangenen 40 Jahren schon alles erlebt haben. Diese Stimmung und die Vorfreude auf den Abend ließ schon weit vor dem Konzert sehr viel positive Energie durch das Kesselhaus schweben. Alle kamen und wollten gemeinsam mit ihrer Lieblings-Band abrocken.

PANKOW - eine Rockgruppe, die es schon seit 42 Jahren gibt. Eigentlich schon viel länger, denn vier Gründungsmitglieder spielten bereits bei 4PS und der Veronika Fischer Band zusammen, suchten nach dem Weggang von Vroni in den Westen aber einen neuen Sänger. Da kam ihnen André Herzberg von der Gaukler Rock Band gerade recht. Er wurde vom Fleck weg verpflichtet und mit ihm als Frontmann gaben sie sich einen neuen Namen. So wurde 1981 die Gruppe PANKOW gegründet. Ich möchte hier gar nicht so viel über die Geschichte von PANKOW schreiben, denn die kann man auf diesen Seiten hier ganz wunderbar nachlesen. Außerdem hat André Herzberg das ganz kurzweilig und spannend in seinem Buch "Keine Stars - Mein Leben mit Pankow" getan. Eine unbedingte Leseempfehlung.

An einem Sonntag im grauen November, wo manch einer seinen Abend entspannt daheim auf der Couch vor dem Fernseher mit dem "Tatort" verbringt, weil man am nächsten Tag in die neue Arbeitswoche starten muss, wagte PANKOW, seine Fans ins Kesselhaus zu locken, um mit ihnen gemeinsam einen musikalischen Abend zu verbringen - quer durch 40 Jahre Bandgeschichte. Und vielen … ja sehr vielen war der "Tatort" plötzlich nicht mehr so wichtig. Ich kann mich nur noch einmal wiederholen: AUSVERKAUFT bis auf den letzten Platz! Die einzigartige Stimmung unter den Konzertbesuchern ließ uns alle euphorisch werden. Nach einem akademischen Viertel kamen PANKOW endlich auf die Bühne. Das Publikum war aber schon vor dem ersten Ton völlig außer Rand und Band. Die Musiker wurden sehnsüchtig erwartet und ihr Kommen direkt gefeiert. Schon nach den ersten Tönen klatschten, tanzten und sangen alle in der Kulturbrauerei anwesenden Konzertgäste mit. Das habe ich bei einer Mugge noch nie erlebt, dass eine Band in der Kürze der Zeit sein Publikum so abgeholt hat. Ein wahrer Glücksrausch, der uns alle befiel und der uns in den nächsten zwei Stunden auch nicht mehr loslassen wollte.


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Ich kann gut verstehen, wenn manch einer den Sound von PANKOW mit dem der Rolling Stones vergleicht und direkte Parallelen zieht. Eine unüberhörbare Verwandtschaft ist eindeutig da. Wir bekamen am Sonntag zwei Stunden mit anspruchsvollen Arrangements, einem hohen musikalischen Niveau und einem weit gefächerten Repertoire geboten. Gitarrist Jürgen Ehle mit seinem ganz eigenen Stil war ein herausstechender Akteur auf der Bühne. Er versetzte uns immer wieder ins Staunen, was er aus seiner Gitarre alles herauszuholen vermag. Und bei ihm sieht alles so leicht und locker aus. Der Verdacht liegt nahe, dass Keith Richards sich bei ihm so einiges abgeschaut hat. ;-) Auf der anderen Seite der Bühne stand André Drechsler am Bass. Seinen Posten haben bei PANKOW schon ein paar Kollegen bekleidet. Der eben schon erwähnte Jäcki Reznicek machte in den 80ern den Anfang. Ingo York (vormals Rockhaus) und Axel Schäfer (Bobo in White Wooden Houses, Stern Meißen) folgten ihm, und nun steht André seit 2016 bei PANKOW auf der Bühne. Er zeichnet sich durch ein enormes handwerkliches Geschick und ein tolles Rhythmusgefühl aus. Der Musiker hatte genauso wie wir das ganze Konzert über ein Lächeln im Gesicht. Stefan Dohanetz sitzt seit 1985 am Schlagzeug, löste damals Frank Hille ab, und gibt seitdem den Takt an. Er spielt mal laut, mal gefühlvoll. Er hat ein unglaubliches Gespür dafür, welche Dynamik zum Sound welches Songs am besten passt, und wann er lenkend eingreifen muss, damit das Gesamtgefüge funktioniert. Dies war auch am Sonntag wieder an vielen Stellen des Konzerts zu spüren.

Ein weiterer Instrumentalist, der seit 1996 bei PANKOW in die Tasten haut, ist Kulle Dziuk an den Keyboards. Und wie er das macht … was für ein Spielgefühl. Er sorgt jedenfalls für die wunderbaren Harmonien im Programm. Tja, und dann ist da noch der Mann am Mikrofon, und was soll man noch zu André Herzberg sagen, was nicht schon längst gesagt ist? Er ist ein großartiger Sänger und ein ebenso großartiger Entertainer, der eine ganz besondere Art hat mit dem Publikum zu interagieren. Und das Publikum liebt ihn dafür. Er ist nicht nur die Stimme, sondern auch derjenige, der den Songs ihre Seele gibt. Herzberg scheint stimmlich nicht zu altern und seine Bühnenpräsenz war auch am Sonntag in Berlin wieder unbeschreiblich gut. Er braucht keine Fisimatenten oder viel Firlefanz um Stimmung zu erzeugen und die Leute zu triggern. Manchmal reicht eine Handbewegung, und der Saal tanzt nach seiner Pfeife. Bei "Komm, Karlineken, Komm" bedurfte es nur einer kleinen Aufforderung mit der Hand, und die Leute übernahmen sofort seinen Part, während er gemütlich tänzelnd ein paar Schritte zurück trat. Für solche Momente liebt und schätzt man ihn, und überhaupt hört man ihm gerne zu und lacht mit ihm zusammen. Wie sonst ist der ungebrochen große Zuspruch sonst zu erklären? Ich sag nur … AUSVERKAUFT!


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Eine Auflistung aller gespielten Songs an dieser Stelle wäre langweilig. Natürlich fehlten die Klassiker nicht, so gab es ein Wiedersehen mit "Inge Pawelczik" und "Gabi" - logisch! Aber auch über einen "Neuen Tag" in dem Stadtteil Berlins, nach dem sie sich benannt haben, bekamen wir etwas zu hören, und die Aufforderung "ein Zeichen zu geben" wurde hinterlegt. Einen Höhepunkt, den uns die Band nicht vorenthalten wollte, war ihre Synchron-Tanzeinlage beim Stück "Ich bin ich", die es ebenso zu erleben gab wie den Solo-Austritt von Jürgen Ehle mit dem Song "Harte Zeiten", der tatsächlich aus solchen stammt, nämlich aus der, als André Herzberg kurzzeitig nicht zur Band gehört und man sich gesangstechnisch anders orientieren musste. Lange Rede - gar kein Sinn: Nach über zwei Stunden und vielen Zugaben war dieser Abend leider viel schneller zu Ende als man wollte. Wenn man mich und die anderen im Publikum gefragt hätte, wären wir noch für weitere zwei Stunden bereit gewesen. Stimme zum Mitsingen und Kraft zum Zappeln war noch vorhanden. Nachdem uns die Band so in Flammen gesetzt und mit hochkarätigen Zugaben noch Brandbeschleuniger hinterher gegossen hatte, wollte irgendwie keiner schon gehen.

Diese Band ist einfach großartig und wenn man den Aussagen von Leuten Glauben schenken darf, die regelmäßig bei PANKOW vor der Bühne stehen, war das Konzert am Sonntag eins der besten, das die Formation in den vergangenen Jahren gegeben hat. Am Sonntag stimmte einfach alles … Der Tag, das Publikum, die Songs, die Spielfreude der Musiker und die Stimmung im Saal. Ich wünsche den beiden Andrés, Jürgen, Kulle und Stefan noch ganz viele solcher Abende und möglichst noch viele Jahre auf den Bühnen. So wie bei den Stones, womit wir wieder beim Thema wären …











   
   
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