Barbara
 
       Thalheim
 
Bochum
 
Kulturrat
 
31.03.2017

Ein Konzertbericht mit Fotostrecke von Elmar Rahn



Des einen Pech ist des anderen Glück. Am letzten Tag des Monats März hatte mein Freund Christian Pech. Er hatte schon vor längerer Zeit zugesagt, an diesem Tag an einer Benefiz-Veranstaltung in Dortmund teilzunehmen. Erst als er die Zusage gegeben hatte, bekam er Wind von einer anderen Veranstaltung, die er sich nie hätte entgehen lassen, hätte er vorher davon gewusst. Barbara Thalheim sollte keine 10 Minuten von seiner Wohnung entfernt ein Konzert im Bochumer Kulturrat geben. Tja ... wäre da nicht diese Sache in Dortmund gewesen. Pech für ihn, Glück für mich. Vor ein paar Tagen fragte Christian mich, ob ich Lust und Zeit hätte, dieses Konzert zu besuchen und etwas darüber zu schreiben. Ein weiteres Mal hatte ich Glück, denn endlich hatte ich mal Zeit und mein Terminplan machte mir keinen Strich durch die Rechnung. Ich sagte zu!

b 20170407 1971438202Zuerst machte ich mich über das Internet schlau, um wen es sich bei Barbara Thalheim handelt. Zwar hatte mir Christian die Künstlerin am Telefon schon schmackhaft gemacht, aber gehört hatte ich bis dahin nicht viel. Bei meinen Recherchen wurde schnell klar, dass es sich um anspruchsvolle Lieder und Texte mit vielen Wortspielen und Metaphern handelt, was am Freitag in Bochum zu erleben sein würde. Barbara Thalheim ist eine Stimme aus dem Ostteil Deutschlands, die uns viel zu sagen hat - auch zwischen ihren Liedern.

Der Veranstaltungsort ist nicht weit entfernt und gut zu erreichen. Einen Parkplatz zu finden war auch kein Problem, so dass ich pünktlich die Räumlichkeiten des Bochumer Kulturrats betreten konnte. Der Eingangsbereich war hell und freundlich und anders als vielerorts üblich, traf ich auf gut vorbereitete Leute. Der Bochumer Kulturrat e. V. ist ein soziokulturelles Zentrum im Bochumer Norden. Untergebracht ist er seit 1988 im ehemaligen Magazingebäude der Zeche Lothringen in Bochum-Gerthe. Wo vor Jahren noch die Kumpel malocht haben, organisiert der Verein in deren ehemaligen Räumen nun zahlreiche Veranstaltungen und präsentiert dort ein breites Spektrum aus Literatur, Musik, Kunst, Theater und Film. In Sachen "Musik" ist die Berliner Künstlerin unterwegs und machte ein weiteres Mal hier Station. Vor einigen Jahren war sie bereits mit ihrem inzwischen leider schon verstorbenen Bühnenpartner Jean Pacalet (+ 2011) an gleicher Stelle und gab ein Konzert. Bevor der Auftritt am vergangenen Freitag aber losgehen sollte, war noch reichlich Zeit. Und so schlug Barbara vor, das eigentlich für nach dem Konzert geplante Gespräch vorzuziehen.

Gute Idee, dachte ich, und so setzten wir uns dafür an einen Tisch im Vorraum, wo wir uns trotz der anderen anwesenden Personen in Ruhe unterhalten konnten. Barbara erzählte mir von dem für diesen Abend vorbereiteten Programm, das nicht - wie angekündigt - neu, sondern ein Zusammenschnitt aus älteren und neueren Liedern war. Trotzdem bekämen auch ihre älteren Songs durch immer wieder andere Formen der Ansagen neue Wertigkeit und teilweise auch Aussagen. Sie verwies zudem auf ihre Herkunft, so dass etwa 90% der vorbereiteten Lieder für das Publikum in Bochum neu sein würden. Weiter fügte die Künstlerin hinzu, dass sie sich in ihren Liedern zuerst selbst die Welt erklären möchte, und erst danach möglichst auch ihrem Publikum. Dabei bringe sie den Leuten eben ihre ureigene uneingeschränkte Sicht näher. Bei der Frage, wie lange es dauert, ein Bühnenprogramm auszuarbeiten, verglich sie es mit dem Schreiben eines Songs. Manchmal benötige man dafür nur Tage, manchmal aber auch Monate oder gar ein Dreivierteljahr.d 20170407 1647338008 Mal gehe es schnell, dann könne es auch wieder dauern, denn sowas sei schwer vorauszuplanen. Wie sie sich selbst und ihre Musik beschreiben würde, fragte ich sie. Dies überlasse sie lieber anderen. Sie selbst sieht sich musikalisch jedoch als Liedermacherin, die keine Spaßmusik zum Mitklatschen macht. Nicht weil sie es nicht will, sondern weil sie es nicht kann. Live ist Barbara Thalheim - anders als am Freitag in Bochum - mit einer Band unterwegs. Die Musiker dieser Band sind alle in einem Alter, dass sie ihre Söhne sein könnten, was sie als äußerst inspirierend empfindet. Manchmal, so sagte sie, sei sie auch zu zweit unterwegs, so wie zwei Tage zuvor in Berlin. Bei diesen Konzerten zu 2't tritt sie gemeinsam mit Christian Haase auf. Die beiden stecken außerdem gerade in den Proben für ein großes Event in Wittenberg am 21. April. Anlässlich des Lutherjahres hätten sie und Haase Lutherlieder aktualisiert und gegen den Strich gebürstet. Inhaltlich wird u.a. Bezug zu Banken und anderen aktuellen und gesellschaftlichen Themen genommen. Am Freitag trat sie in Bochum jedenfalls allein auf, und begleitete sich selbst auf der Gitarre. Barbara und ich plauderten noch über dies und das, u.a. auch über die bevorstehenden Wahlen und dass sie für keinen der zur Wahl stehenden Politiker irgendwelche Sympathien hege. Sahra Wagenknecht halte sie allerdings für die Gebildetste, und dass Angela Merkel im Großen und Ganzen unaufgeregt einen guten Job mache. Nun waren es noch wenige Minuten bis zum Konzertbeginn und wir beendeten unsere kleine Plauderrunde.

Pünktlich um 20:00 Uhr begann Barbara Thalheim ihr Live-Programm. Trotz des schönen Biergarten-Wetters und noch immer sehr angenehmen Außentemperaturen fanden doch einige aufgeschlossene und interessierte Leute hierher, um Barbara entweder neu für sich zu entdecken, oder sie mal wieder live zu erleben.c 20170407 1711658084 In diesem Hause wirken Musikveranstaltungen eher wie Wohnzimmerkonzerte. Man hat - egal von welchem Platz aus - eine gute Sicht auf die Bühne, das Licht und der Ton sind perfekt eingestellt und man fühlt sich rundum wohl. Dies tat offensichtlich auch die Künstlerin. Der Einstieg in den Abend verlief launig mit einer Geschichte von Zweien aus einer Klasse, die sich nach Jahren wiedertreffen und er sie dann ziemlich uncharmant fragt, was sie denn damals unterrichtet hätte. Auf der Reise in die Welt der Lieder von Barbara Thalheim gibt es auch immer wieder Geschichten zu hören. Mal haben sie autobiographischen, mal politischen Inhalt. So geht es z.B. in "Katharina" um eine Schulfreundin, die es nach Sibirien verschlug, und in "Des Kaisers neue Kleider" bekommt Donald Trump sein Fett weg. Barbara spricht auch über ihre eigene Vergangenheit, Dinge des Lebens und wie sie sie sieht, und sogar das Sexuelle wird thematisiert. Dass Barbara Thalheim noch voll auf der Höhe der Zeit ist und nach wie vor im heute lebt, beweist sie u.a. mit dem neuen Titel "Klick Klack", den sie in Bochum ebenfalls präsentierte. Darin heißt es u.a.

"Ich klicke, damit die Wale nicht mehr in unsrer Schminke landen
Ich klicke, genug Plastikmüll in Tierbäuchen und Ozeanen
Ich klicke, damit in hundert Jahren noch irgendwo der Eisbär friert
Ich klicke, damit in Pakistan kein Mädchen mehr durch Säure
sein Gesicht verliert."


Ein Lied darüber, dass man vom heimischen Rechner aus alles hautnah miterleben kann, und dass der Protest gegen Dinge, die nicht stimmen, nur noch digital und mit Mausklicks stattfindet. Treffender kann man die "bunte Welt: sensationell" nicht einfangen. Manch ein Song und manch eine Geschichte handeln außerdem von ihrem Vater, zu dem sie ein sehr gespanntes Verhältnis hatte. Seine Stärken und Schwächen, sowie sein bewegtes Leben, wurden Teil ihres Live-Programms. Dabei nahm sie kein Blatt vor den Mund. Und dann war da noch die Geschichte über das Mädel mit den verschiedenfarbigen Augen, das allen den Kopf verdrehte.

Nach knapp zwei Stunden beendete Barbara Thalheim mit noch einer Zugabe den Abend. Wie Joan Baez spielte die Thalheim nur auf der Gitarre und sang dazu. Mehr brauchte es auch nicht, denn die volle Aufmerksamkeit lag auf den Texten ihrer Lied- und Wortbeiträge. Wer musikalischen Schnickschnack mit allerlei ausgefeilten Arrangements und ablenkender Bühnendekoration sucht, ist hier komplett falsch. Das Wort steht im Vordergrund, das musikalische kommt erst danach. Wenn man sich darauf einlässt, zuhört und mitdenkt, nimmt man ganz viel mit, das einen nachdenklich macht und zur Selbstreflektion anregt. Das Bochumer Publikum war jedenfalls begeistert und ich ebenso. Wer weiß, ob ich ohne Christians Anfrage überhaupt auf Barbara Thalheim aufmerksam geworden wäre. In den Medien bekommt man so viel Anspruch und Inhalt ja leider nicht mehr geboten. Manchmal muss man eben auch etwas Glück haben.



Termine:
• 10.04.2017 - Berlin - Wühlmäuse (mit Band)
• 29.04.2017 - Biesenthal - Kulturbahnhof (Soloprogramm)
• 13.05.2017 - Diensdorf-Radlow - Alte Schulscheune (Soloprogramm)
• 20.05.2017 - Ückermünde - KULTurSPEICHER (Soloprogramm)
• 27.05.2017 - Bad Sülze - Salzmuseum (Soloprogramm)
• 31.05.2017 - Berlin - tba (mit Band)
• 03.06.2017 - Waldeck - Uhler Burg/Festival (mit Band)
• 16.06.2017 - Rostock - Klostergarten/Open Air (mit Band)

Alle Termine ohne Gewähr. Weitere Termine und Infos auf Barbaras Homepage


Bitte beachtet auch:
• Off. Homepage von Barbara Thalheim: www.barbara-thalheim.de
• Homepage des Bochumer Kulturrat e.V.: www.kulturrat-bochum.de




 
 
 
 
 
 
 




   
   
© Deutsche Mugge (2007 - 2022)

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.