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Ein Konzertbericht mit Fotos von Christian Reder

 

c 20161008 1235106969Ein Veranstalter aus Rheine, tief im Westen und ziemlich nah an der Niederländischen Grenze, hat sich für seine Veranstaltung überlegt, einen wohlklingenden Namen aus der Bundeshauptstadt zu buchen: KARAT. Deutschrockklassiker wie „Jede Stunde“, „Der blaue Planet“, „Über sieben Brücken“ oder „Albatros“ sind inzwischen Evergreens und diese sollten am Freitag, den 7. Oktober 2016, auf der Bühne des „Mühlenhofs" live und in Farbe von der Original-Band aufgeführt werden. Als ich von dem Konzert hörte war sofort klar, dass ich die 120 Kilometer Richtung Norden antreten würde. Völlig egal war es mir, dass es sich dabei um einen Freitag (dem Feiertag aller schlechten Autofahrer) handelte, der gleichzeitig auch Beginn der Herbstferien war. Da muss man schon tief in sich ruhen, wenn man dieses Abenteuer auf sich nimmt, an so einem Tag mit Berufs- und Ferienreiseverkehr ins Auto zu steigen. Aber hey … man ist ja nur einmal jung!

Die Ziele waren also Rheine und die Gruppe KARAT. Die Stadt Rheine ist etwa genauso groß wie meine Heimatstadt Castrop-Rauxel, nur wesentlich ländlicher gelegen. Immerhin ist die Gegend dort schon das Münsterland. Der "Mühlenhof" liegt an der Surenburgstraße gegenüber eines Kinos und neben der Hemelter Mühle. Das war leicht zu finden – im Gegensatz zu einem guten Parkplatz. KARAT hatte zwischen 2004 und 2008 ein paar turbulente Zeiten. Nachdem ihr Gesicht und ihre Stimme, Herbert Dreilich, gestorben war, durfte sich das Unternehmen eine Zeit lang nicht mehr KARAT nennen und musste mit dem ungeschickt gewählten „K….!“ als Ersatznamen über die Lande tingeln. Dazu kam, dass mit ihrem Sänger auch die Kreativität verloren ging. Das aktuelle Ensemble mit Herberts Sohn Claudius als neuem Sänger tut sich seitdem schwer, gutes neues Songmaterial und dementsprechend ein gutes Album abzuliefern. Alles Faktoren, die den Reiz einer solchen Band etwas abschwächen. Aber hier in Rheine hat man von all dem sicher nicht allzu viel mitbekommen und erinnert sich wohl an die glanzvollen Zeiten in den 80ern und 90ern. Den „Mühlenhof“ betreten, begrüßte ich zuerst Teile der gleich aufspielenden Kapelle und erfuhr dabei, dass der Vorverkauf für diesen Abend nicht so prickelnd gelaufen sei. Etwa die Hälfte der Karten seien bis dahin nur abgesetzt worden und es sei noch viel Platz nach oben. Dies sollte sich aber bis zum Konzertbeginn um 20:00 Uhr noch ändern.

Um 20:00 Uhr war der Saal wirklich gut gefüllt. Leute im Alter zwischen geschätzten 17 und 77 warteten auf den Startschuss, und dieser ließ nicht lange auf sich warten. KARAT waren pünktlich und die Musiker standen dann auch fast genau auf die Minute an ihrem Arbeitsplatz. Die Bühne war in rotes Licht getaucht, als Micha am Schlagzeug Platz nahm, und Christian, Bernd und Martin zu ihren Plätzen gingen. Der erste Applaus aus dem Publikumsraum war deutlich vernehmbar. Dieser wurde auch nicht weniger, als Claudius als letzter nach vorne kam und ans Mikro trat. Dass man hier in Rheine ein Rockkonzert abliefern wollte, machten die fünf Herren gleich mit der ersten Nummer deutlich. Nach anfänglich leisen Tönen im Song "Steh wieder auf" brach nur wenige Sekunden später das Rockgewitter los. Man begann das Konzert also mit einem neueren Titel, der von allen nach 2005 produzierten Stücken aber auch der für meinen Geschmack einzig „Vorzeigbare“ ist. Der Sound im Saal war klasse, die Instrumente gut abgemischt und der Gesang ebenfalls gut zu hören. Erste Pluspunkte. Dem 2010 produzierten Lied ließen die Herren mit "Marionetten" eines aus dem Jahre 1982 folgen, einer Zeit als KARAT in einem damals noch zweigeteilten Deutschland auch in diesen Breitengraden die Hitparaden eroberte. Claudius sang an diesem Abend nun erstmals ein Stück, das eigentlich mal für seinen Vater Herbert geschrieben wurde. In die Rolle als Frontmann dieser Band hat er sich nun in knapp 10 Jahren ganz gut hinein gearbeitet. Er ergriff nach dem zweiten Song dann auch das Wort und begrüßte "Rheine". Als kulturell engagierte Reisegruppe sind KARAT ja reichlich unterwegs und kennen die Autobahnen des Landes inzwischen sicher schon aus dem Effeff. Darum war es für Claudius wohl auch etwas Besonderes, auf dem Weg in die Tiefen des westlichen Nordrhein-Westfalens ohne Stau auf der A2 ausgekommen zu sein. Dies ist - wie schon erwähnt - für einen Freitag wirklich ein Wunder! Claudius Worten folgte ein Lichtwechsel ins Blaue und auf der Setlist bereits ein Titel, den man eher nach weiter hinten verortet hätte: "Jede Stunde". Wer schon mal ein KARAT-Konzert besucht hat weiß, dass bei der Nummer auf der Bühne immer die Post abgeht.d 20161008 1067594995 Da ist Bewegung im Spiel, da wechseln die Positionen (Martin kommt mit der Mundi an den Bühnenrand und Claudius übernimmt die Tasten) und da reißt einen die stampfende Lokomotive KARAT immer mit - ob man will oder nicht! So natürlich auch in Rheine, wo das Publikum dann auch seine Textsicherheit und Lust auf Bewegung deutlich zum Ausdruck brachte. Das ist Rock'n Roll, das ist Lebensfreude. Schon jetzt war der Saal weit über Betriebstemperatur. Und so ging es dann auch weiter.

Eins meiner Favoriten befand sich auch im Programm: "Tanz mit der Sphinx" vom 1980er Album "Schwanenkönig". Die Herren Dreilich, Römer, Schwandt, Liebig und Becker verstanden es sehr gut, dieser 36-jährigen eine unüberhörbare Jugendlichkeit zu verleihen. Schon die ersten Töne verrieten mir, was kommen wird. Bernd beginnt sein Gitarrenspiel und Christian brummt den ersten tiefen Ton in den Saal. Ehe man sich versieht, ist man mitten drin in dieser wunderbaren Rocknummer, die irgendwie nicht kaputt zu gehen scheint. Sie macht auch nach dem x-ten Mal Hören immer noch Spaß. Und live sogar doppelt. Das Ganze wird sogar noch durch die geschickt ausgearbeitete Lichtshow unterstützt, denn die Sphinx strahlte einmal blau und einmal grün. Ein herrlicher Moment, den man gerne länger festhalten wollte. Dem "Gewitterregen" in einer von den klimatischen Verhältnissen inzwischen karibisch anmutenden Konzerthalle folgte einer der Songs, auf den die vielen Leute wohl nur gewartet zu haben schienen: der "Albatros". Was Claudius etwas später dazu noch anmerkte, erlebte Rheine live und in Farbe: Hier wurde nix gekürzt und der Vogel der Freiheit konnte über die volle Distanz seine Flügel ausbreiten. Das ist auch gut so, denn der "Albatros braucht seine 8:00 Minuten um zu landen". In diesen knapp acht Minuten ist Zeit um kleine Duftmarken zu setzen, so durften sowohl Bernd an der Gitarre, als auch Christian am Bass je ein kleines Solo spielen. Etwas, das mir besonders bei Christians Auftreten immer wieder fehlt ist, dass er mal Solo-Ausflüge wie sein Vorgänger Henning Protzmann unternimmt. Damit geizt er nämlich schon seit Jahren. In diesem Moment beim „Albatros“ standen sie gefühlt allein auf der Bühne und wurden entsprechend mit Spots angeleuchtet. Hier ist nix zu viel und auch nix zu wenig. Seine Länge hat die Nummer völlig zurecht. Keiner weiß, wer sich die 3:22-Minuten-Maßgabe im Radio ausgedacht und sie installiert hat, aber im Vergleich zu den künstlich gekürzten und einheitlich gestylten Pop-Nümmerchen im Tagesprogramm eigentlich aller Sender wirkt der KARAT-Klassiker (und viele andere Songs in Überlänge auch) wie ein Urlaub für die Seele. Egal wo - ob im Radio oder live auf einer Bühne.

Mit "Seelenschiffe" befand sich ein weiterer Titel aus der jüngeren Vergangenheit in der Setlist und fügte sich nahtlos in die "Best-Of-Präsentation" von KARAT ein. Was bei der Studioaufnahme nicht so richtig rüberkommen will, geht live dagegen sehr gut ins Ohr. Hier auf der Bühne legt man scheinbar nicht so viel Wert darauf, ob das Arrangement schön glatt poliert und radiotauglich klingt. Überrascht ist man dann auch über die Textsicherheit des Westpublikums, das - wie sich nach einer Rückfrage von Claudius herausstellt - gut durchsetzt mit Menschen, die ihre Wurzeln im Osten haben, ist. Das erklärt aber noch lange nicht, wieso so viele Leute im Saal gerade bei diesem neuen Song mitsingen konnten.

Der akustischen Fassung von "Blumen aus Eis" folgte eine Ankündigung von Claudius der erzählte, dass man in 41 Jahren Bandgeschichte viele schöne, aber auch weniger schöne Momente erlebt habe. Er selbst sei ja erst "kurz" dabei, obwohl er eigentlich schon aus Deutschland weg war. Er arbeitete im Ausland, als ihn der Ruf seiner Kollegen ereilte, den frei gewordenen Posten als Sänger von KARAT zu übernehmen. Dies sei übrigens auch einer der unschönen Momente gewesen, als KARAT den Sänger, seinen Vater Herbert, verlor. Und sein Vater, so betonte Claudius mit einem Gruß nach oben, sei auch bei diesem Konzert dabei. Die Band ließ an dieser Stelle Herberts Hymne folgen: "Mich zwingt keiner auf die Knie". Auch dieses Stück spielte die Band in einer akustischen Fassung, zu der Bernd zur doppel-halsigen Gitarre griff, Micha hinter seinem Schlagzeug hervor kam und vorn Tamburin spielte, und Christian seinen Bass gegen zwei Rasseln austauschte. Das Publikum machte während der Nummer zudem deutlich, dass sie die Freunde sind, nach denen im Song gefragt wird. Rockig und "unter Strom" ging es dann mit dem "Narrenschiff" weiter. Das Auditorium nahm die Rückkehr zum „eingestöpselten“ Sound dankend an und quittierte dies mit guter Stimmung, vielen Händen in der Luft und reichlich Applaus.

Als Claudius den letzten Titel des regulären Sets mit verstellter und Maffay-ähnlicher Stimme als "Das Original ist von uns" ankündigte und die ersten Töne erklangen, sang ausschließlich das Publikum. Ein langes Probieren und Dirigieren war gar nicht nötig und selbst Claudius war überrascht, was in Rheine los war. "Über sieben Brücken" ist längst ein Volkslied geworden, das viele Menschen kennen und auch mitsingen können. Im "Mühlenhof" war scheinbar niemand vor Ort, der das nicht konnte. Das Lied ist immer noch in der Lage, eine unbeschreibliche Stimmung auszulösen, so auch hier in diesem total überhitzten und gefühlsschwangeren Konzertsaal nahe der holländischen Grenze. Feuerzeuge wurden hochgehalten,e 20161008 2022111021 und die Nichtraucher nahmen alternativ ihre Smartphones und ließen die Displays leuchten. Wer nicht mitten in dieser Menge gestanden hat, kann dieses Gefühl sicher nur schwer nachvollziehen. Irgendwann löste Claudius das Publikum als Sänger ab, und die Band trug ihren Klassiker auch instrumental vor. Wie oft der Refrain am Ende nochmal im Wechsel Claudius/Publikum gesungen wurde, hab ich nicht mitgezählt. Aus der eigentlich recht kurzen Nummer wurde in Rheine jedenfalls eine Extended Version! Am Ende wollte keiner wirklich gehen. Die Konzertbesucher nicht, die mit tosendem Beifall und lauten Zugabe-Rufen unmissverständlich klar machten, dass sie noch Bock hatten, und auch die Band nicht, die sich nicht lange um einen "Nachtisch" bitten ließ.

Gleich drei Songs legte KARAT in den Zugaben nach und hatte mit dem "König der Welt" und dem "Magischen Licht" noch zwei echte Klassiker parat. Dies sorgte sicher mit dafür, dass bei den Leuten am Ende der Zugaben immer noch kein Sättigungsgefühl spürbar war. Wieder wurde laut und mit Nachdruck nach mehr verlangt. "Noch ein kleines?", deutete Claudius per Handzeichen an und der Saal jubelte ihm zu. Was für eine Frage ... Aber sicher wollte man noch "ein kleines" haben. Den endgültig letzten Ton vernahmen die Leute dann vom Song "Sieben Leben", den Claudius, nur von Martin an den Tasteninstrumenten begleitet, zum Vortrag brachte. Die Textzeile "Ich komm wieder ... ganz bestimmt" nahm das Auditorium als Versprechen wahr, dass dies nicht die letzte Mugge der Berliner im Münsterland gewesen ist. Ein Wiederkommen ist also absolut erwünscht.

Ich habe mich vor einiger Zeit ein Stück weit von KARAT entfernt. Mir gefiel der Output nicht mehr, den das Quintett auf den seit 2005 veröffentlichten CDs verewigt hatte. Daran hat sich auch jetzt nichts geändert. Außerdem fehlt mir Herbert als Sänger. Zu glauben (oder besser zu akzeptieren), dass er nicht mehr da ist, fällt mir immer noch schwer. Nichts desto trotz bildet das verbliebene Kollegium zusammen mit dem Sohn Herberts eine gute Live-Band, die den Leuten die Hits von einst liefern kann. Und dass sie Stimmung erzeugen können, wurde in Rheine mehr als deutlich. Die neuen Nummern fallen extrem gegen die Klassiker ab, auch das ist deutlich wahrnehmbar, aber was auf CD klinisch und - ja manchmal sogar - einfallslos klingt, bekommt im Live-Programm eine andere Farbe verpasst. Das habe ich beim Jubiläumskonzert in Berlin 2015 so wahrgenommen und auch hier in Rheine erneut. Wenn man sich von dem Gedanken verabschieden kann, dass diese Gruppe nochmals einen Knaller wie „Jede Stunde“ oder die „Brücken‘ abliefern wird, kann man auch seinen Frieden machen. KARAT spielte in Rheine übrigens für einen Eintrittspreis von fanfreundlichen 32,00 EUR. Der Konzertbesucher bekam dafür 110 Minuten Programm in toller Soundqualität und mit hervorragenden und die Stimmung unterstützenden Licht-Choreographien geboten.


Setlist:
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Bitte beachtet auch:
• Off. Homepage von KARAT: www.karat-band.com
• Homepage des Veranstalters Korte Events: www.korte-events.de
• Portrait über KARAT auf Deutsche Mugge: HIER




 
 
 



   
   
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