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Ein Konzertbericht von Torsten Meyer mit Fotos von Sandy Reichel + Videoclip am Ende der Seite





Wohl jeder kennt diese Tage, an denen man total platt von der Arbeit kommt und zu Hause eigentlich nur noch die Beine hochlegen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen möchte. Genauso einen Tag erwischte ich am Donnerstag. Aber leider war nix mit ausruhen und faulenzen, denn mein Kalender erinnerte mich penetrant und gnadenlos an meine seit langem geplante kulturelle Abendgestaltung für diesen 29. Oktober.a 20151101 1830733410 JOACHIM WITT stand dort in fetten Lettern, was bedeutete, dass es nicht mehr viel Überredungskunst brauchte, um mich aus meiner Lethargie zu holen. Jener JOACHIM WITT, dessen einstigen Überhit "Der goldene Reiter" selbst die heutigen Schulkinder kennen dürften. Jener JOACHIM WITT, der immer noch saustarke Songs schreibt, die aber - und das spricht für diese Songs - nur noch in seltenen Fällen im Dudel-Radio zu hören sind. Und auch jener JOACHIM WITT, der ungeheuer polarisiert, weil er ein provokanter und kantiger Zeitgenosse ist, der seinen Kopf nicht nur zum Haare schneiden hat und der auch über 30 Jahre nach seinem Durchbruch eine Art Monopol auf einzigartigen, intelligenten Deutschpoprock besitzt.

Alte Location, neuer Name
Sandy und ich machten uns beizeiten nach Neukölln auf, da für vierrädrige Transportmittel in der Nähe der Location natürlich mal wieder nur begrenzte Parkmöglichkeiten vorhanden waren. Großstadt eben. Noch vor einigen Wochen hätte ich an dieser Stelle geschrieben, ich fahre in den C-Club zum Konzert. Aber die Welt dreht sich bekanntlich unaufhörlich weiter, Dinge verändern sich. Und so trägt der bisherige C-Club seit dem 9. Oktober 2015 wieder den Namen Columbia Theater, unter dem das Gebäude 1951 von der US Air Force für ihre auf dem Flughafen Tempelhof stationierten Soldaten gebaut und als Kino genutzt wurde. Mit der Rückkehr zum alten Namen verbunden war lobenswerterweise auch eine Komplettsanierung der Inneneinrichtung, denn das Gemäuer war sichtbar in die Jahre gekommen, was den Sanitäranlagen, der Garderobe (die eigentlich nur ein Loch in der Wand war) und dem Saal einen doch ziemlich ranzigen Charme verlieh. Als ich nun erstmals das neu gestaltete Columbia Theater betrat, hellte sich meine Miene automatisch auf, denn alles machte einen frischen, modernen Eindruck, man fühlte sich als Besucher automatisch wohl. Den einstigen, winzig kleinen Crystal-Club gliederte man gleich mit ins bauliche Ensemble ein und hat somit nun auch eine Art Foyer und Lounge mit Bar und Sitzecken für die Besucher geschaffen.

INTRASONIC
Da denkt man, wenn der Beginn auf 19:30 Uhr angesetzt wird, kommt man wenigstens nicht ganz so spät ins Bett, was ja für einen Donnerstag nicht die schlechteste Option ist, wenn man am nächsten Morgen wieder mit dem ersten Hahnenschrei aufstehen muss. Allerdings blieb dieser Wunsch ein solcher, denn diesmal standen gleich zwei Vorbands auf dem Programm.b 20151101 1761880044 Los ging es (immerhin ganz pünktlich) mit kraftvollen Gitarrenklängen einer Band, die mittlerweile zwar ihren schaffensmäßigen Mittelpunkt nach Berlin verlegt hat, aber eigentlich australische Gründungswurzeln hat: INTRASONIC. Es gibt sie bereits seit 2003, zwei Alben und eine Live-DVD stehen zu Buche, aber der große Durchbruch scheint INTRASONIC noch nicht gelungen zu sein. Das mögen manche anders sehen, doch mich konnte der in die Industrial-Ecke einzuordnende Sound auch nicht wirklich anzünden. In Erinnerung blieb mir lediglich "Burning bridges", der Rest perlte ohne jeden Widerstand an mir ab und ist bereits wieder vergessen. Tut mir leid, die Fans der Band mögen es mir verzeihen, aber warum soll ich heucheln?

LEICHTMATROSE
Etwas anders sah es schon mit der zweiten Anheizer-Band des Abends aus. LEICHTMATROSE ist sicher ein ungewöhnlicher Name, hinter dem man zunächst vielleicht eher eine bärtige, von Schifferklavieren begleitete Shantie-Truppe vermuten würde. Doch weit gefehlt. Dahinter steckt als geistiger und singender Kopf ein gewisser Andreas Stitz, der nicht ganz zufällig im Vorprogramm von JOACHIM WITT zu finden ist, denn jener hat den Münsteraner Songschreiber einst entdeckt. Hört man sich das LEICHTMATROSE-Debütalbum ("Gestrandet", 2009) an, versteht man, warum ein so gestandener Musiker wie WITT derartig viel Sympathie für diesen Andreas Stitz empfindet, denn in gewisser Weise schippern sie in ähnlichen Fahrwassern, was ihre Ansprüche an gutgemachte Musik betrifft. An diesem Abend in Berlin stellte LEICHTMATROSE Songs seines im August erschienenen zweiten Albums "Du ich und die Anderen" vor. Stitz selbst bezeichnet die Musik seines Projektes als Elektro-Chanson, denn schließlich braucht in Deutschland alles seine Schublade. Eine seltsame Bezeichnung, die aber durchaus ihre Berechtigung hat, da der musikalische Rahmen der Musik doch sehr breit aufgezogen wird und fernab jenes 08/15-Pop-Geschrammels anzusiedeln ist, mit dem uns die marktbeherrschende Musikindustrie tagein, tagaus zudröhnt. Allerdings muss man sich auch auf diese teils schrägen und total anders klingenden Lieder einlassen, was mir an diesem Abend nicht immer gelingen wollte. Zweifellos überzeugen die intelligenten und hintergründigen Texte, die es in der deutschen Popszene in dieser Form und Qualität nicht so oft gibt. Auch Andreas Stitz' Stimme besitzt ein ungewöhnliches Timbre und lässt sich unschwer wiedererkennen. Stark und sofort zu meinem Favoriten gekürt: "Johnny fand bei den Sternen sein Glück" - ein flotter Popsong mit tragischem Text zum Thema Drogenkonsum. Auch "Dalai Lama" stach heraus, der Rest wurde von meinem Stift auf dem Papier eher unter "Na ja, geht so" abgehakt, was aber eher an der Livepräsentation lag, denn auf CD hört es sich alles einen Ticken besser an.c 20151101 1203141340 Großartig und wirklich berührend dann noch einmal der Abschlußsong "Hier drüben im Garten", bei dem auf dem Album Entdecker JOACHIM WITT als Duettpartner fungiert - hier auf der Bühne aber leider nicht. Alles in allem präsentierte sich mit LEICHTMATROSE eine sehr interessante und Hoffnung verbreitende Band, die eine wunderbar neue Klangfarbe in das immer gleich klingende Pop-Einerlei der BOURANIs, TAWILs und CONNORs bringt.

JOACHIM WITT
Und schon war es 21:15 Uhr. Endlich wurde es dunkel, die einsetzende leichte Unruhe des Publikums wegen des sich hinziehenden Beginns verwandelte sich in lauten Jubel, die Bühne wurde in dunkelblaue Lichtschwaden getaucht. Das Intro täuschte uns ein rauschendes Meer und Möwengeschrei vor und ging passenderweise über in "Über das Meer", den großartigen Opener des aktuellen WITT-Albums "Ich". Mir klappte schon nach den ersten Takten die Kinnlade runter, aber nicht vor Schreck, sondern vor lauter Genuss. Kinder, was für ein Sound!!! Glasklar, jede Nuance deutlich vernehmbar, und dann setzte diese unter die Haut gehende tiefe Stimme von WITT ein: "Über den Geist führt mich der Weg / Ich räume auf, wenn's nicht mehr geht / Suche mein Glück dann in mir selbst / Konzentration auf meine Welt". Dazu erzeugte die Bassdrum einen Druck, der meine Eingeweide tanzen ließ - selten war ich gleich zu Beginn eines Konzertes dermaßen gefangen!

Wenn ein JOACHIM WITT etwas macht, dann macht er es mit allen Konsequenzen und absolut kompromisslos. Genauso klingt auch sein neues Album "Ich". Ohne irgendwelches Schielen auf den musikalischen Zeitgeist hat er ein Werk geschaffen, dass mal wieder gänzlich anders ist als alle seine Vorgänger. Relativ düster in der Grundstimmung, im Vergleich zu seinen (mit Ausnahme von "Dom") von Synthiepop,d 20151101 1531968071 NDH-Fragmenten und bombastischen Melodien durchsetzten letzten Alben fast schon minimalistisch instrumentiert, aber irgendwie total geerdet klingend und wieder mehr auf Gitarren setzend, und zwar vorwiegend auf Akustikgitarren. "Ich" ist derzeit meine meistgehörte CD und schuld daran, dass ich mich riesig auf dieses Konzert freute.

Es wäre das Normalste auf der Welt, würde von der Bühne nun erst einmal eine halbe Stunde lang ausschließlich das neue Songmaterial auf das Volk niederprasseln, denn schließlich soll sich das aktuelle Werk ja ordentlich verkaufen. Doch wieder einmal wird deutlich, ein JOACHIM WITT schwimmt gerne gegen den Strom und pfeift auf das, was man von ihm erwartet. Stattdessen erklärt er uns, heute Abend quer Beet durch alle Alben vor allem solche Nummern spielen zu wollen, die noch nie oder lange nicht live zu hören waren. Bestes Beispiel gleich die nächsten Kracher namens "Hundert Leiber" und das vertonte Nietzsche-Epos "Jetzt und ehedem", beide auf der "Bayreuth"-Trilogie zu finden. Letzteres rockte und groovte ungemein und war in Verbindung mit WITTs an leichten Wahnsinn erinnernde Interpretation auf jeden Fall ein echtes Highlight des Abends.

Schon an dieser Stelle verdienen die exzellenten Begleitmusiker eine unbedingte Erwähnung:

Harry Gutowski (ac-git, bg)
Ruben Rhoe (git)
Lennart Götzen (keyb)
Sebastian Rupio (dr)

Überraschend sicher das Mitwirken von Harry Gutowski, der nicht nur ein guter Freund des WITTschen Hauses ist, sondern ganz nebenbei auch noch ein wichtiger Komponist und Produzent der NDW-Zeit war. Ständig am Bühnenrand tänzelnd, veredelte für mich vor allem sein dynamisches Akustikgitarren-Spiel den Sound ungemein.e 20151101 1585910269 Aber auch Ruben Rhoe hatte einen hervorragenden Tag erwischt und hämmerte uns immer wieder knallharte Riffs um die Ohren. Chancen dazu hatte er zahlreiche, wie ein Blick auf die Setliste verrät, denn die rockige Komponente hatte hier und heute deutlichen Vorrang gegenüber den getrageneren, ruhigeren Nummern, von denen das Portfolio des JOACHIM WITT ja auch einige hergibt. Dazu platzierte Ruben diverse Soli an Stellen, wo man sie nicht unbedingt erwartet hätte, was für mich immer wieder ein Genuss ist, denn es gibt nichts Langweiligeres als die Livesongs 1:1 an die CD-Ausgabe anzupassen.

Es fällt schwer, einzelne Titel herauszuheben. Klasse war insgesamt die Vielfalt, die alle Facetten des Schaffens von WITT beleuchtete. Daraus eine Auswahl für die Setliste zu treffen, war sicherlich nicht einfach, denn in der Karriere des JOACHIM WITT gab es nun wahrlich einige radikale Stilwechsel zu verzeichnen. Natürlich lag das Hauptaugenmerk auf den Neuzeit-Alben von "Bayreuth I" (1998) bis "Ich" (2015). Dennoch ging mir das Herz vor allem bei einer der ältesten Nummern des Abends auf: "Strenges Mädchen". Erschienen 1982 auf dem "Edelweiss"-Album, zeigt das die Anfänge des Meisters und eine gänzlich andere Orientierung. Die jüngeren Leute im Publikum sahen sich bestimmt ungläubig an, weil das hier nun überhaupt nichts mit Songs wie "Eisenherz" & Co. zu tun hatte. Das Original wurde seinerzeit dominiert durch das treibende, staubtrockene Schlagzeugspiel von Jaki Liebezeit, was auf der Bühne des Columbia Theaters von Sebastian Rupio absolut überzeugend und ebenbürtig dargeboten wurde. Dieses geniale, weniger an NDW als vielmehr an Punk oder extremen New Wave erinnernde Stück Musik lebt von seiner ungezügelten Energie, seiner Düsterheit, seiner auf Monotonie und Gleichtönigkeit beruhenden Linie und von der visuellen Umsetzung. Für manche Feingeister im Publikum mag "Strenges Mädchen" an die Grenze des Erträglichen gegangen sein, ich hingegen erlebte Hochgefühle und sage auch heute noch: WOW!!! WITT machte schon damals mit Songs wie diesem der Welt klar, dass "normal sein" nicht unbedingt seins ist. Dazu passte natürlich auch "Supergestört und superversaut", was richtig unter die Schädeldecke ging und WITTs Haltung zu bestimmten Schichten unserer Gesellschaft deutlich macht. "Gloria", dieses an die Nieren gehende Epos vom "Dom"-Album, gehörte natürlich zum Programm und begeisterte mich ebenso wie z.B. "Mut eines Kriegers", was man auch nicht alle Tage hört.

Ein WITT-Konzert lebt nicht nur von den kompositorisch wie textlich absolut hochwertigen Songs, sondern auch von der Inszenierung zwischen den Titeln, die JOACHIM WITT perfekt beherrscht. Immer wieder glänzt er mit seinem Sarkasmus, seinem hintergründigem und intelligenten Humor und der Fähigkeit, sich selber nicht zu ernst zu nehmen. Die fortwährenden Anspielungen auf sein Alter nerven zwar irgendwann, aber ansonsten hat dieser Mann noch eine ganze Menge zu sagen. Das Publikum ist dabei für ihn nicht nur zahlendes Beiwerk, sondern wird mit einbezogen in seine Gedankenspiele, das gefiel mir. Stark auch vor "Mut eines Kriegers" sein klares, laustarkes, wütendes Statement zur Flüchtlingsproblematik: "Nicht die Flüchtlinge stören mich, sondern die Politiker, die diesen ganzen Scheiß ausgelöst und zu verantworten haben! Ich könnte kotzen!!!" Ebenso bemerkenswert empfand ich WITTs Hang zum Perfektionismus, der durchkam,f 20151101 1415172296 als er nach ein paar gespielten Takten den Song "Olé" (Bonustrack auf "Ich") abbrach, weil ihm der Sound von Lennart Götzens Keyboard nicht gefiel. Der arme Lennart musste dann minutenlang mit Hilfe eines Technikers an seinem Instrument rumdoktern, bis dem Chef der Sound endlich zusagte und die Nummer gespielt werden konnte.

Bemängelte ich vor ein paar Tagen in meinem Bericht zum THOMAS GODOJ-Konzert, dass dieser schon nach schlappen 80 Minuten den offiziellen Teil des Konzertes für beendet erklärte, so dauerte es hier volle 110 Minuten, bis JOACHIM WITT und seine BLACK BEATLES, wie er seine Band schmunzelnd bezeichnete, das erste Mal von der Bühne gingen. Im Zugabenteil wurde dann natürlich der guten alten Zeit der 80er Jahre gehuldigt und DIE beiden Lieder dargeboten, die JOACHIM WITT seinerzeit auf den Thron hoben und die auch heute noch völlig zurecht Bestandteil eines jeden Konzertes sind: "Der goldene Reiter" und das irre "Tri Tra Trullala". Letzteres wurde bis zur Ekstase gespielt und ausgelebt und bildete den würdigen Abschluss dieses großartigen Abends.

Fazit
Man muss ja die Musik nicht unbedingt mögen, denn zugegebenermaßen und glücklicherweise bedient Herr WITT nicht wirklich den Durchschnittshörer der Radiostationen. Auf keinen Fall aber sollte man den Fehler machen und JOACHIM WITT als alternden Pop-Veteran bezeichnen. Das würde von totaler Unkenntnis zeugen, denn nach wie vor sprudeln aus der Feder und dem Hirn des Hamburger Musikers Songs, die Ihresgleichen suchen und die alles andere als Massenware sind.g 20151101 1963255311 Das jüngste Werk namens "Ich" ist dafür das beste Beispiel. Auf der Bühne zeigt WITT seine unverbrauchte Leidenschaft, lässt seine unvergleichliche Stimme röhren, neigt hin und wieder zu etwas übertriebener Theatralik, aber das gehört eben zu ihm. Mir bleibt abschließend nur eins zu sagen: Das Konzert war geil!


Setlist:
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Videoclip:

"Strenges Mädchen" (Live in Frankfurt/M.)
 
 
 

   
   
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